„Wir sind das Volk“ – Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Man solle das undankbare Volk doch auflösen und sich ein anderes wählen. (nach Bert Brecht)

Die Wahlen zum Landtag bei uns in Mecklenburg-Vorpommern und im benachbarten Bundesland Sachsen-Anhalt sind vorüber mit ähnlichem, teils erschreckendem Ausgang. In beiden Ländern siegte eine so genannte „Alternative für Deutschland“. Und das ausgerechnet in zwei Bundesländern, die es vorher, also vor 1989, gar nicht gab, weil die zentralistische Staatsmacht der DDR nur Kreise und Bezirke als eigens geschaffene Verwaltungseinheiten kannte, um den sozialistischen Zentralismus durch- und umzusetzen. Da waren Heimatgefühle, Tradition und Brauchtum nur ‚bürgerlicher Tand‘, der möglichst rasch ersetzt werden sollte durch ein proletarisches Klassenbewusstsein, das die ‚historische Mission der Arbeiterklasse‘ erfüllt. Das Ziel, die entwickelte sozialistische Gesellschaft, sollte möglichst umfassend und tiefgründig durchgesetzt werden. Und zwar um jeden Preis, Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze, Stasiüberwachung in kaum vorstellbarem Ausmaß, politische Indoktrination und Denunziantentum eingeschlossen. Für den ‚Aufbau des Kommunismus‘ wurde keine Mühe gescheut, wahrlich keine! 

Und heute, nach fast 40 Jahren Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet ehemaligen DDR, gibt es tatsächlich nicht wenige, die sich nach ‚guten alten Zeiten‘ zurücksehnen. Die so tun, als ob die „DDR doch so schlimm gar nicht war.“ Die so tun, als sei 1989 nicht das Volk auf die Straße gegangen, sondern nur einige Irregeleitete, die zudem noch von ‚westlicher ‘Seite aus manipuliert wurden. Bert Brecht hat dafür den passenden Ausdruck gefunden, indem er davon sprach: Man solle das undankbare Volk doch auflösen und sich ein anderes wählen. 

Kleingeredet werden darf nicht, dass es für Einzelne Schwierigkeiten gab und gibt, dass es Brüche in der Biografie und das Zerplatzen von Träumen gab und gibt, ja, dass es Ungerechtigkeiten gab und gibt – auch heute noch – beispielsweise beim Vermögensaufbau, beim Erben, bei der Lohnentwicklung, bei Vorstandsposten, in denen der ‚Osten‘ nach wie vor unterrepräsentiert ist. 

All das ist unbestritten, doch darf dies dazu führen, dem Grundgesetz zu widersprechen? Nach ihm ist die Würde des Menschen unantastbar und unteilbar. Darum ist jede Unterscheidung mit dem Ziel der Diskriminierung von In – und Ausländern grundgesetzwidrig! Ebenso die willkürliche Benachteiligung und das gegeneinander ausspielen von Jung und Alt, von Klein und Groß, von Behindert und Nichtbehindert. Die Suche nach Schuldigen nach dem Motto: „Ausländer raus!“ oder „Wir holen uns unser Land zurück“ oder „Die nehmen uns die Arbeit weg“ – sie ist nicht nur kriminell und menschenverachtend! Sie ist zugleich das Ignorieren realer Chancen und verhindert das Eingeständnis, bei Integration in Sprache, Arbeitsmarkt und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vielfach und in großem Maße als Mehrheitsgesellschaft versagt zu haben. Von einer echten und nachhaltigen Willkommenskultur ganz zu schweigen!

Mich überkommt große Traurigkeit, wenn ich daran denke, wie wenig nachgedacht wird heute, wie wenig Dankbarkeit vorhanden ist über das Erreichte und wie erschreckend primitiv und wahrheitswidrig einfachste Instinkte zu Forderungen werden, die mit lautem Getöse geltend gemacht werden:

Billiges russisches Öl und Gas – dann geht es uns allen besser. 

Keine Hilfe für die Ukraine – unsere Steuergelder sollen hier im Land bleiben. (Man tut gerade so, als gäbe es weder die Pflicht zur Hilfeleistung für ein Volk, das angegriffen wird noch die Verpflichtung zur Einhaltung von Verträgen wie dem Budapester Memorandum, das der Ukraine völkerrechtlich Souveränität garantiert als Ausgleich für die Abgabe sämtlicher Atomwaffen an Russland.)  

Dahinter steht oft – uneingestanden und unausgesprochen – die egoistische und egozentrische Haltung: Was kümmert mich das Leid der anderen? Es ist oft mehr als frustrierend, zu erleben, dass ein Großteil der Gesellschaft WEDER HÖREN NOCH VERSTEHEN WILL. 

„Wir erleben im Westen, wie die Anbetung des Konsums den Menschen würdelos macht.“

Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., hat im Jahr 1981 Predigten herausgegeben unter dem Titel: „Christlicher Glaube und Europa“ – (Die Ziffern in Klammern verweisen auf die Seitenzahlen in diesem Buch) Wenn ich mir nur einige Kernsätze aus diesen Predigten heute vergegenwärtige, wird mir der Ausfall christlichen Glaubens als eine wesentliche Ursache der derzeitigen gesellschaftlichen Misere in unserem Land nur allzu deutlich: 

„Die christliche Kultur kann niemals ausschließlich eine Kultur des Habens sein…Sie verachtet das Materielle nicht…Aber das höchste Gut des Menschen ist der materielle Besitz nicht. Wir erleben im Westen, wie die Anbetung des Konsums den Menschen würdelos macht…Für den Bestand einer Kultur ist es grundlegend, dass die Ordnung der Werte in ihr richtig bleibt. …Die Anerkennung der Ehre Gottes, dies ist ein grundlegendes gemeinsames Erbe der europäischen Kultur, um dessen Bewahrung und Vertiefung wir Christen uns heute von neuem mühen müssen.“ (10-13)

Die christliche Kultur ist eine Kultur der Nächstenliebe, eine Kultur der Barmherzigkeit und eben darum eine Kultur der sozialen Gerechtigkeit. Zu ihr gehört von Anfang an besonders die Liebe zu den Schwachen und zu den Kranken, Armen und Alten.“ (15)

„Europa ist immer zugleich national und übernational gewesen…Die Vielgestalt nationaler Kulturen gehört zum Reichtum des Europäischen. Aber in den besten Zeiten Europas gab es keine Abschließung der Nationen voneinander, sondern über die nationalen Grenzen hinaus grundlegende Organismen der Gemeinsamkeit, in denen die Einheit Europas gelebt wurde.“ (16)

Viel Zeit ist ins Land gegangen. Ob jene Sätze, die Joseph Ratzinger-Benedikt XVI vor 45 Jahren dem gläubigen Volk vorlegte, heute (neu) gehört werden? Es wäre sehr zu wünschen. 

Der Traum des Papstes

Zum Tag der Deutschen Einheit fällt mir noch etwas ein, nämlich die Dankesrede von Papst Franziskus zur Verleihung des Aachener Karlspreises 2016. In ihr heißt es zum Schluss:  

Ich träume von einem jungen Europa, das fähig ist, noch Mutter zu sein: eine Mutter, die Leben hat, weil sie das Leben achtet und Hoffnung für das Leben bietet. Ich träume von einem Europa, das sich um das Kind kümmert, das dem Armen brüderlich beisteht und ebenso dem, der Aufnahme suchend kommt, weil er nichts mehr hat und um Hilfe bittet. Ich träume von einem Europa, das die Kranken und die alten Menschen anhört und ihnen Wertschätzung entgegenbringt, auf dass sie nicht zu unproduktiven Abfalls- Gegenständen herabgesetzt werden. Ich träume von einem Europa, in dem das Migrant- sein kein Verbrechen ist, sondern vielmehr eine Einladung zu einem größeren Einsatz mit der Würde der ganzen menschlichen Person. Ich träume von einem Europa, wo die jungen Menschen die reine Luft der Ehrlichkeit atmen, wo sie die Schönheit der Kultur und eines einfachen Lebens lieben, die nicht von den endlosen Bedürfnissen des Konsumismus beschmutzt ist; wo das Heiraten und der Kinderwunsch eine Verantwortung wie eine große Freude sind und kein Problem darstellen, weil es an einer hinreichend stabilen Arbeit fehlt. 

Ich träume von einem Europa der Familien mit einer echt wirksamen Politik, die mehr in die Gesichter als auf die Zahlen blickt und mehr auf die Geburt von Kindern als auf 10 Ansprache an den Europarat…Ich träume von einem Europa, das die Rechte des Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen. Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.“

Vielleicht fehlt unserer Zeit eine Vision, ein Narrativ, dass den Raum des Habens, der Gier und des Neides überwindet. Hier ist sie. Wer hindert uns, daran zu glauben, daran mitzuwirken, dass dieser Traum weiterlebt? 

Foto von Rob Curran auf Unsplash

gerne teilen