„Wochenimpuls 2026-09“
Ich freue mich sehr darüber, mit welchen Gedanken Du Dich weiterhin ‚herumschlägst‘ und dass Dich unser Gespräch, wie Du schreibst, nicht „ermüdet“. Und auch, wenn wir nicht derselben Meinung sind: Das ist schon deshalb kein Drama, weil jeder seinen Lebenssinn finden muss. Die Suche danach ist dabei vielleicht schon das eigentliche an allem. Und vergiss bitte eines nicht bei all Deinen Überlegungen: Deine Gedanken, Deine Sinnsuche, sie bringen Dich in jene große Gemeinschaft hinein, der das Leben mehr ist als Essen und Schlafen. Und glaub‘ mir, Du bist in einer großen Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft von Menschen, denen diese Suche auch nicht einfach ‚in den Schoß fiel‘. Beispielsweise hat Joseph Ratzinger, ein großer Theologe, der auch Papst wurde, Papst Benedikt XVI. – einmal über unsere Zeit gesagt:
„Die Wahrheit als solche, das Absolute, der Bezugspunkt des Denkens überhaupt, ist nicht mehr sichtbar. Darum gibt es – gerade auch geistig betrachtet – kein Oben und Unten mehr. Es gibt keine Richtungen in einer Welt ohne feste Messpunkte. Was wir als Richtung ansehen, beruht nicht auf einem in sich wahren Maßstab, sondern auf unserer Entscheidung, letztlich auf Gesichtspunkten der Nützlichkeit.“ 1
Dass diese, zunächst pessimistisch anmutende Sicht auf viele Prozesse in der Gesellschaft, nicht dabei stehen bleiben muss, darüber im nächsten, im abschließenden Brief mehr.
- Joseph Kardinal Ratzinger „Wahrheit, Werte, Macht – Pluralistische Gesellschaft im Kreuzverhör“, Frankfurt a. Main 1999, S. 46 f ↩︎