Antwort auf den Leserbrief in der SVZ vom 02.05.2026 „Genug vom ewigen Gegeneinander“.
Ich bin der Leserbriefautorin ausdrücklich dankbar für jene Sätze: „Vom Brüllen am Seitenrand wird kein einziges Problem gelöst. Aber vielleicht ist genau das ja der Punkt: Wer nicht regieren will, muss auch keine Lösungen liefern. Ich habe echt keine Lust mehr auf dieses künstliche Gegeneinander.“ Hier könnte mein Leserbrief enden, denn eigentlich ist alles gesagt. Wenn da nicht – immer mächtiger sich aufführend – eine ‚Alternative‘ am Horizont erkennbar wird. Wenn erkennbar wird, dass Schweigen Schuld bedeuten kann, wenn und weil man nicht hinterfragt, was das Kürzel AfD wirklich besagt bzw. bedeutet.
Alternative wozu?
Man ist alles andere als naiv, wenn man diese Frage stellt. Selbstverständlich weiß auch ich, dass die Abkürzung A f D für „Alternative für Deutschland“ steht. Doch diese ‚Alternative‘ sollte man sich genau(er) anschauen, als es gemeinhin geschieht. Denn die Frage steht zuallererst im Raum, wozu diese Gruppierung eine Alternative bildet. Es geht beileibe nicht um endlich zu lösende Fragen wie die von Bürokratieabbau und Umbau von Verwaltungsstrukturen, beispielsweise bei Krankenkassen, oder ob Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der gegenwärtigen Politik fair und ausgleichend berücksichtigt werden oder ob Rentnerinnen und Renter ihre Lebensleistung in Ruhe genießen können oder ob sie ständig mit dem unausgesprochenen Vorwurf des Schmarotzertums konfrontiert werden.
Es geht auch nicht in erster Linie darum, ob so genannte ‚Superreiche‘ sich zumeist wegducken, wenn es um angemessene Solidarität geht oder darum, dass Abgeordnete sehr wohl beispielsweise in das Rentensystem einzuzahlen haben, wiewohl sie – ähnlich sieht es bei den wohldotierten Beamten (man beachte, dass ich hier eine Differenzierung angebracht habe!) – Ansprüche sich ‚erarbeitet‘ haben, die durchaus eine Unwucht aufweisen zum Gehalt des ‚normalen‘ Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin. Es geht auch nicht vorrangig darum, Sozialleistungen und tatsächlich erbrachte, spürbare Gegenleistungen in einen fairen und transparenten Ausgleich zu bringen. Erst recht geht es nicht zuerst darum, das Asylrecht so zu justieren, dass jene, die wirklich Hilfe brauchen, sie auch im erforderlichen Umfang erhalten und dass sich – ähnlich wie bei der Grundsicherung – sich daran alle solidarisch zu beteiligen haben und dass hier vor allem auch europäische Lösungen gefunden werden müssen. Und dass wir darauf nicht warten können bis zum ‚St. Nimmerleinstag‘, sondern dass rasche und spürbare Veränderungen greifen. Erst recht geht es nicht darum, endlich dafür zu sorgen – und zwar im globalen Maßstab – dass Menschen nicht mehr aus der Heimat flüchten müssen, weil der Klimanotstand oder Kriege ihnen die Existenzgrundlage rauben.
Auch die vielgenannten ‚jungen Männer‘ aus Arabien und Nordafrika würden in Wirklichkeit lieber in ihrer angestammten Heimat bleiben, wenn – ja, wenn endlich dort auch Perspektiven für sie geschaffen werden und nicht stattdessen ein (unser) kapitalistisches Wirtschaftssystem ihnen jede Zukunft raubt. Was bleibt ihnen denn dann noch?
Ich möchte alle anstehenden Probleme nicht kleinreden, sondern nur dafür plädieren, dass – endlich – all jene, die auf demokratische Werte sich berufen, das tun, was geboten ist. Mir scheint, dass das längst nicht (mehr) der Fall ist. Und offensichtlich wissen viele (Partei-)Funktionäre kaum noch, wie die reale Situation am Arbeitsplatz, im Hörsaal der Universität, im Büro oder im Supermarkt an der Kasse wirklich aussieht. Hier bedarf es dringend einer raschen, wirksamen Alternative!
Nur Macht
Doch genau darum geht es der „Alternative für Deutschland“ eben nicht. Das Wahlprogramm, wenn auch nur im Entwurf, für die Landtagswahlen in M.-V. und Sachsen-Anhalt, spricht mit unübersehbarer Klarheit und Deutlichkeit aus, worum es dieser Gruppierung wirklich geht. Es geht ihr schlicht und ergreifend um Macht. Um jene Macht, mit der man Menschenwürde und Menschenrechte auf völkischer Grundlage paralysiert. Um jene Macht, die autoritär Teilhabe, Transparenz und fairen Ausgleich gar nicht erst anstrebt, sondern offen zu deren Abschaffung aufruft. Um jene Macht, die „wie der Teufel das Weihwasser“ grundlegende demokratische Aushandlungsprozesse scheut, in denen um gerechte Lösungen gerungen wird. Warum glänzen denn in den Fachausschüssen vielfach deren Mitglieder durch Nichterscheinen, Nichtbeteiligung und Verweigerung?! Von Kompetenz will ich gar nicht erst reden, dazu habe ich in Jugend – und Sozialausschüssen hinreichend erleben müssen, wie geringe Mittel für Prävention sehenden Auges gestrichen wurden und werden. Nur, um im Nachhinein so genannte Pflichtaufgaben in ungleich größerem Ausmaß dann ‚durchzuwinken‘. Das ‚Elend‘ der kommunalen Haushalte ist – nicht nur, aber auch – gerade bei den Sozialausgaben darauf zurückzuführen, dass man nicht bereit ist, notwendige, präventive soziale Hilfen bereitzustellen!
Verhöhnt
Akzeptanz, Toleranz und Kompromiss werden von dieser Gruppierung lächerlich gemacht und verhöhnt. Es geht doch viel einfacher, wenn man geführt wird – wohin, das ist zunächst zweitrangig im Glauben an den ‚starken Mann‘ oder die ‚führende Partei‘! Soziales Engagement aus christlicher Verantwortung heraus, scheint mir deshalb heute dringender denn je geboten zu sein. Die AfD scheint das sehr genau zu wissen. Nicht zufällig stellt sie sich, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, explizit gegen die Kirchen, wofür ihr Kampf gegen Kirchensteuern Symptom und Symbol zugleich ist.
Was kann, was soll man tun? Ich empfehle all jenen, die sich noch nicht festgelegt haben, wie eine ‚alternative Politik‘ (die es geben muss, nur nicht auf völkischer, sondern auf demokratischer Grundlage!) aussehen kann und soll, sich zu engagieren. Auf allen Ebenen, im Freundes– und Bekanntenkreis, in den Kommunen und Ländern, in Kirchen und Gewerkschaften. Denn es ist fatal, wenn insbesondere jüngere Wähler in Gesprächen äußern, dass die Wahl der so genannten etablierten Parteien die Entscheidung darüber bedeutet, dass sich eben nichts verändert. Dann muss man sich von der Couch erheben und sich einmischen – damit sich etwas ändert! Damit der „Verschiebebahnhof“ von ‚denen da oben‘ und ‚denen, da unten‘ endlich aufhört.
Zivilcourage
Wer das Buch „Verschwörungsmythen“ – Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“ von Michael Blume (Schwabenverlag Ostfildern 2020) intensiv studiert, kann rasch erkennen, mit welchem Gebilde er es zu tun hat, das sich lautstark als Alternative für Deutschland aufspielt. Neben Dankbarkeit für all das, was wir in Deutschland haben, erleben und genießen können, neben einer guten Portion Gelassenheit, plädiere ich für Zivilcourage, die sich auch in einer argumentativen Auseinandersetzung mit jener Gruppierung Ausdruck verschafft, die vorgibt, die ‚Rettung der Nation“ zu sein. Wer die Demokratie um dieser genannten Ziele wegen abschaffen möchte, wer auf das Mehrheitsprinzip und den moralischen Kompass der Kirchen verzichtet, bei dem sollte man auf der Hut sein. Oder, wie es im Altertum Ovid einmal treffend formulierte: „Wehret den Anfängen“! Von „Anfang“ kann allerdings längst nicht mehr die Rede sein bei der AfD. Da halte ich es lieber mit dem biblischen Maßstab: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“