Verschwörungsmythen – Wege aus Platons Höhle

Es war ein schönes Wochenende im Mai. Die Sonne schien warm und brachte alles zum Leuchten und Blühen. Es machte großen Spaß, mit Kindern und Enkelkindern draußen, in der Natur zu verweilen, zu spielen und zu tollen. Weil wir so nahe am Wasser wohnen, konnten wir lange und ungestört die vielen Segelboote draußen auf dem See beobachten. Ebenso das Treiben der Möwen, Enten und anderer Sing– und Schwimmvögel in Ufernähe. Es war ein rundum gelungenes Wochenende, wäre da nicht … Aber der Reihe nach. 

Als ich mich am Ende der Wanderung ein wenig ausruhen wollte und mich auf eine Bank setzte, um auf den See zu schauen, kamen zwei Wanderer vorbei. Einer von ihnen fragte mich, ob noch Platz auf der Bank sei. Ich bejahte es und so setzten sie sich beide zu mir, wohl auch um auszuruhen, aber auch um ihr Gespräch fortzusetzen. Einer erzählte mit trauriger Stimme vom Tod eines guten Freundes und dass er auch von jemandem aus seiner Nachbarschaft weiß, der noch gar nicht so sehr alt sei und der an einer schweren Krankheit leidet, die wohl auch in absehbarer Zeit zum Tode führen wird. Sein Gesprächspartner war zunächst ruhig. Dann kam nur noch der Satz: „Ja, das war doch alles absehbar. Das war doch alles genauso geplant gewesen.“ 

Offensichtlich spielte er auf die Corona-Impfung an, doch genau weiß ich es auch nicht. Denn sein Partner kannte wohl dieses Raunen von irgendwelchen „geplanten Geschichten“ zur Genüge. Er ging darum gar nicht weiter darauf ein, meinte nur achselzuckend: „Ja, so ist das Leben.“ Nach einer kurzen Gesprächspause verabschiedeten sich beide freundlich von mir und setzten ihren gemeinsamen Spaziergang fort. 

Ich ging dann auch bald nach Hause, immer noch in Gedanken versunken über das gerade Erlebte. Was ist das? Was spielt sich in einigen Köpfen ab, die Verschwörungsmythen kritiklos nachlaufen? Dazu passt, dass gerade heute Morgen mir wieder ein Video zugespielt wurde, in dem ein älterer Herr vollmundig und irritationsfest die Behauptung aufstellte, dass Lenin – der russisches Revolutionsführer von 1917 – fest in den Händen ‚jüdischer‘ Geldverleiher war und sich die damalige Sowjetunion strikt über Jahrzehnte daranhielt, die Schulden brav zurückzuzahlen. Nur der ‚nette Herr Putin‘ weigert sich – deshalb sei nun Krieg, an dem die ‚westlichen Demokratien‘ durch Raub und Lügen wieder nur verdienen. Und der Sohn vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten Biden hätte seinerzeit – so der Influencer in Propagandamanier – mit dem derzeitigen ukrainischen Präsidenten mit seltenen Erden und anderen Bodenschätzen sehr viel Geld verdient. So käme auch die erste Milliarde von Herrn Selenski zustande. 

Soweit in Kurzform der Inhalt des Propagandavideos. Ab und an schaue ich mir diese Lügen und Mythen an – allein schon deshalb, um zu sehen und zu erkennen, wie ‚interessengeleitet‘ sie sind und wie zielgerichtet sie eingesetzt werden. Und offensichtlich finden sie nach wie vor begeisterte ‚Gläubige‘, die sich nicht einmal die einfache Frage mehr vorlegen (um wenigstens ein wenig Klarheit zu erlangen!), ob solche ‚Superreichen‘- zu denen auch ehemalige ukrainische Boxweltmeister im Schwergewicht gehören – es sich nicht viel leichter machen könnten an Stränden in der Südsee beispielsweise, anstatt als Präsident im Krieg und als Bürgermeister der Hauptstadt eines angegriffenen Landes zu amtieren.   

Wie geht man um mit diesen Mythen? 

Zunächst fällt mir ein Ausspruch des bedeutenden Paläontologen und katholischen Theologen Piere Teilhard de Chardin (1881-1955) ein, der auch öfter auf Kalenderblättern zu finden ist:  

„Der Zweifel ist der Beginn der Wissenschaft. Wer nichts anzweifelt, prüft nichts. Wer nicht prüft, entdeckt nichts. Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt blind.“ (Pierre Teilhard de Chardin)

Offensichtlich ist im Zeitalter von Fake News die Suche nach Sicherheit und Gewissheit schon deshalb sehr groß, weil kein Mensch mehr in der Lage ist, die Fülle der Informationen zu überblicken, geschweige deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. „Was ist Wahrheit“ – die alte Frage, die schon Pilatus Jesus im Verhör gestellt hat, scheint zu uns Menschen unausrottbar zu gehören. Und weil wir Menschen überfordert sind durch die Wirklichkeit, vertrauen wir uns gern jenen Menschen an, die tiefer und weiter blicken. 

Platons Höhle

Fraglich bleibt nur, ob das wirklich so ist. Ob immer jene weiter blicken und tiefer, die das – oft sehr vollmundig – von sich behaupten. Verführerisch – seit der Antike – ist jener Mythos, der wohl auf den antiken Denker Platon (428 – 348 v. Chr.) zurückgeht und der allen Verschwörungsmythen zugrunde liegt: Die Menschen leben in einer Höhle und sehen nur Schatten. Weil sie die Welt draußen nicht kennen, halten sie die Welt der Schatten für die eigentliche Wirklichkeit. Die Schatten werden ihnen von Gauklern mithilfe eines Feuers an die Wände getrickst. Erst wenn ein Mensch befreit wird und die Höhle verlässt, kann er das Licht und die Dinge sehen, wie sie in Wahrheit sind.

 Das hat weitreichende Konsequenzen, denen wir uns stellen müssen: Menschen, die diesem Mythos ‚vertrauen‘, misstrauen in demselben Ausmaß anderen Menschen, die sie als ‚Gaukler‘ und ‚Verführer‘ ebenso verdächtigen wie die Wissenschaften mit ihrem Anspruch auf Objektivität. Was kann dagegen hilfreich sein und Hoffnung vermitteln? Eben, ein ‚erleuchteter Lehrer‘, ein Guru, ein Befreier, der den Menschen verspricht, sie der Täuschung zu entreißen. 

Und so erleben wir es heute allenthalben: Ein amerikanischer Präsident ‚verfügt‘ per Dekret, dass es einen Klimawandel gar nicht gibt. Corona war gar nicht schlimm. Schlimm war die Impfung, mit der die Pharma-Konzerne ‚Gewinne scheffelten‘. Ohnehin ist die Pandemie nur ein Übungsfeld gewesen, wie sich die Massen mit Hilfe moderner Medien heute ‚dressieren‘, domestizieren lassen. Letztlich mit dem Ziel, über sie mit Macht verfügen zu können, sie sich gefügig zu machen. 

Was kann man tun?

Michael Blume (geb. 1976), ein deutscher Religions- und Politikwissenschaftler und seit 2018 Beauftragter der baden- württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, hat sich mit diesen Fragen fundiert und intensiv beschäftigt. Er gibt in seinem Buch „Verschwörungsmythen – Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können“ aus dem Jahr 2020 wichtige Hinweise zu Hintergründen und zum Umgang mit Verschwörungsmythen bzw. Menschen, die ihnen glauben: 

„Ich schlage als Bild eine Erweiterung von Platons Höhlengleichnis vor: Wer einmal damit begonnen hat, die eigene Anhängerschaft hinab in Platons Höhle zu führen (bzw. ihr zu sagen, dass sie sich in dieser Höhle der Täuschung befindet), kann spätestens nach der >>Identifizierung<< des vermeintlich absoluten Feindes kaum mehr ausweichen, umkehren oder auch nur stehenbleiben. Jedes Zögern des Anführers könnte jetzt zu Diskussionen und zur Spaltung unter der Gefolgschaft führen. Nicht alle, aber doch einige Gefolgsleute würden anfangen, darüber zu sprechen, ob dieser Weg hinab, denn nun der richtige wäre. Zweifel würden sich ausbreiten, die >>Leidenschaft<< der >>Bewegung<< würde zerfallen.“ (Michael Blume, Verschwörungsmythen 20220, 103 f)

Mir scheint der Hinweis erheblich zu sein, zu realisieren, dass hinter dem vermeintlichen ‚Wissen‘ Angst steckt. Angst, die „Gefolgschaft“ zu verlieren und damit auch die Macht über diese Menschen. Darum muss jeder Zweifel von vornherein ausgeschaltet werden. So wird auch der unnachgiebige Tonfall jener ‚Propagandisten‘ erklärbar, die vorgeben, dass sie es wissen, dass sie es ‚durchschaut‘ haben, dass sie die ‚Wissenden‘ sind gegenüber der ‚dummen Masse‘, die ja eh‘ nur den ‚Mainstream-Medien‘ hinterherlaufen. 

„Machen Sie sich bewusst, dass es hier kaum um ein rationales, sondern um ein emotionales Thema geht. Diskutieren Sie mit dem Verschwörungsgläubigen daher nicht dessen >>Theorien<<, die eben keine wissenschaftlichen Theorien sind und deshalb problemlos angepasst und erweitert werden. Erfragen Sie vielmehr gezielt die Emotionen und Ängste, die sich hinter der Anfälligkeit für Verschwörungsmythen verbergen…Ich empfehle, dass Sie anbieten, im Fall einer Umkehr gern wieder für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen. Aber bis dahin akzeptieren Sie die Entscheidung des Betreffenden für den Verschwörungsglauben und gehen auf Distanz.“ (Michael Blume, Verschwörungsmythen 20220, 134 ff)

Im Umgang mit solchen Menschen ist eine sachorientierte Diskussion deshalb unmöglich, weil es nicht um Sachverhalte geht. Im Hintergrund steht die Überforderung durch eine Wirklichkeit, die man weder überschauen noch kontrollieren kann, die uns durch ihre Fülle entgleitet. Diese Ängste und andere Emotionen sind real, sie sind da. Sie sind zunächst zu akzeptieren. Hier kann nicht durch eine sachorientierte Diskussion etwas geklärt werden. Mir scheint es hilfreich zu sein, zunächst tatsächlich „die Entscheidung des Betreffenden für den Verschwörungsglauben“ gelten zu lassen, sie zunächst nicht in Frage zu stellen. Ich schreibe bewusst von „zunächst“, weil ich den weiteren Hinweis ebenfalls als zielführend ansehen, „im Fall einer Umkehr gern wieder für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen“. So reißt der Gesprächsfaden nicht ab, die Beziehung wird nicht weiterbelastet und die Chance auf eine Verständigung in der Zukunft wird nicht zerstört, auch wenn in der Gegenwart eine sachliche Aussprache nicht zustande kommt.

Antwort aus dem Glauben

Bei der Suche nach Antworten aus dem Glauben wurde ich bei zwei Theologen fündig, die mich seit vielen Jahren begleiten. Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., setzte sich mit dieser Problematik angesichts der Gottesfrage in seinem Bestseller „Einführung in das Christentum“ aus dem Jahr 1968den er zur Jahrtausendwende – mit einem einleitenden Essay- unverändert neu auflegen ließ, grundlegend auseinander:  

„Warum sollten wir …nicht auch ganz neu verstehen können, dass wir in der Frage nach Gott nicht aristotelisch nach einem letzten Begriff suchen dürfen, der das Ganze um – greift, sondern gefasst sein müssen auf eine Mehrheit von Aspekten, die vom Standort des Beobachters abhängen und die wir letztlich nicht mehr zusammenschauen, sondern nur miteinander hinnehmen können, ohne das Letzte zur Aussage zu bringen.“ (Ratzinger-Benedikt XVI, Einführung in das Christentum, 2000, 162)

„Gefasst sein…auf eine Mehrheit von Aspekten, die vom Standort des Beobachters abhängen.“ Das scheint mir auch in Bezug auf Verschwörungsmythen ein Schlüssel zu sein, um zu verstehen. Zu verstehen, dass man selber immer schon involviert ist, wenn es um die wesentlichen Fragen des Lebens geht, dass man sich nicht einfach heraushalten kann, indem man die Rolle des unbeteiligten Zuschauers spielt. Dass man Ängste und Zweifel, Überforderungen und Nöte nicht verdrängen soll und darf, indem man meint, sich Meinungen anzuschließen, die doch in der Lage sind, „das Letzte zur Aussage zu bringen.“ So wie der Glaube ein Wagnis ist, ist auch das ganze Leben ein Wagnis. Die Frage bleibt: Wem oder was vertraue ich? Oder – personal gewendet – Wem vertraue ich mich an? Hier kommt all das ins Spiel – wenn man hier von ‚Spiel‘ reden möchte – was mit Kirche, mit Glaubensgemeinschaft und Zeugengemeinschaft gemeint ist. Ratzinger deutet es an, wenn er davon spricht, dass unsere Situation nur miteinander hingenommen werden kann. 

Mut zur Tugend

In dem auch von Karl Rahner (1904-1984) herausgegeben Band „Mut zur Tugend“ finden sich jene bedenkenswerten Sätze, die für unseren Zusammenhang von großer Bedeutung sind: 

„Skeptischer Relativismus…und ideologischer Fanatismus… sind die beiden falschen Konsequenzen, die man sehr leicht aus der unaufhebbaren Differenz zwischen der Problematik der Reflexion und der Absolutheit der Entscheidung, zwischen Theorie und Praxis zieht.“ (Mut zur Tugend, herausgegeben von Karl Rahner und Bernhard Welte, 1979, 16)

Es gibt jene „unaufhebbare Differenz zwischen der Problematik der Reflexion und der Absolutheit der Entscheidung zwischen Theorie und Praxis.“ Ihr kann man nicht ausweichen oder sie verdrängen, sie ist da, unausweichlich. Diese Differenz kann man nur annehmen. Weil das Leben sie von uns fordert. Darum ist skeptischer Relativismus – weil er selbst eine Entscheidung ist – so unmöglich wie ideologischer Fanatismus unsinnig ist, weil er die Wirklichkeit vergewaltigen will, indem er sie unter seine Kontrolle zu bringen versucht. Oder, mit den Worten Karl Rahners: 

 „Aus dieser schrecklichen Tendenz, einzelne Wirklichkeiten und Werte absolut zu setzen, zu vergöttlichen, zu vergötzen…erwachsen dann Fanatismus der Weltanschauungen, die entsetzliche Intoleranz der gesellschaftlichen Systeme, die tobende Lautstärke der Propaganda, die arrogante und entsetzlich dumme Schwarz-Weiß-Malerei in der Politik…“ (Karl Rahner „Schriften zur Theologie“1980, 420)

Ist es nicht wie ein Menetekel unserer Zeit, das Karl Rahner eindrucksvoll beschreibt, „die entsetzliche Intoleranz der gesellschaftlichen Systeme, die tobende Lautstärke der Propaganda, die arrogante und entsetzlich dumme Schwarz-Weiß-Malerei in der Politik?“ Was führt aus diesem ‚Tal der Tränen‘ heraus? Vielleicht ist das Wort der früheren israelischen Außenministerin und Ministerpräsidentin Golda Meir (1898- 1978) ein gutes Schlusswort. Weil es hilft, Ängste und Zweifel abzubauen bzw. zu zerstreuen und weil es auf Hoffnung und Zukunft verweist:  

„Ich glaube, für alle Menschen in der Welt ist es das Wichtigste im Leben, den Mut zu großen Träumen aufzubringen.“ (Golda Meir, Kalenderspruch)

Bild von evgenW auf Pixabay

gerne teilen