Gelingt der Turmbau zu Babel doch noch?
Im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und einer fast vollständigen Digitalisierung vieler Lebens- und Arbeitsvollzüge scheint sich die biblische Sehnsucht des Wie Gott-Sein-Wollens neuen Ausdruck verschaffen zu wollen und zu können. Es scheint so, als ob das – abgebrochene und gescheiterte – biblische Experiment des Turmbaus zu Babel doch noch vollendet werden könnte. Man kann alle anthropologischen Wissenschaften durchgehen. Sie alle wollen– zumindest in ihrer Gesamtheit – DEN MENSCHEN SCHLICHTHIN OPTIMIEREN.
Es stimmt, vieles ist zu verändern und zu verbessern. Der christliche Weltauftrag ist eindeutig. Oder, wie es Ralf Miggelbrink einmal in seiner Deutung der Theologie Karl Rahners formelhaft ausdrückte:
„Es ist also absolut im Sinne Rahners gedacht, wenn man die Gotteserkenntnis als von der Praxis des Menschen abhängig sieht, und zwar in dem radikalen Sinn, dass es jenseits der guten Praxis keine wahre Erkenntnis Gottes gibt.“
(Ralf Miggelbrink, „Ekstatische Gottesliebe im tätigen Weltbezug“, 1989,189)
Zweifache Frontstellung
Heute scheint es eine zweifache Frontstellung zu geben. Einerseits gibt es beispielsweise eine grundsätzliche Infragestellung der kirchlichen Praxis, wie sie u.a. Eugen Drewermann vorgetragen hat.
„Die ganze existentielle Aufregung, die sich mit Jesus verbindet, wird durch den Kult eskamotiert, weginterpretiert. Man kehrt wieder zurück zu der alten Selbstberuhigung: Da wir ja erlöst sind, können wir ungetrübt an der alten Moralphilosophie anknüpfen. Die ganzen Brechungen, die Jesus in Kauf genommen hatte mit den Moralisten der Thoraauslegung seiner Zeit, finden wir deshalb wieder im Christentum: Menschen können nicht gut sein, einfach weil sie wollen. Sie müssen mit sich so identisch werden, dass sie einheitlich agieren können. Das ist so viel wie Psychotherapie in Funktion eines tieferen Gottvertrauens, und gerade so entspricht es dem Programm Jesu. Das aber ersparen wir uns vollkommen, indem wir es magisieren, ritualisieren, dogmatisieren und traditionalisieren. Damit waschen wir uns die Hände in Unschuld. Auf diese Art, ein Christ zu werden, kostet niemanden etwas. Es bereichert aber alle, die schon an der Macht sind. Wenn sich das Kirche nennt, ist sie nichts weiter als ein Status der Entfremdung.“
(Eugen Drewermann in Eugen Drewermann-Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“, 2014, 116)
Kirche und kirchliche Vollzüge werden ausschließlich als Entfremdung wahrgenommen bzw. als solche charakterisiert, weil sie offensichtlich den Wert anthropologischer Erkenntnisse – hier exemplarisch die Psychologie – ignorieren.
Es ist derselbe Eugen Drewermann, der zugleich schreiben kann:
„Zugeben muss ich: Wenn es die Kirche nicht gäbe, wüsste ich von Jesus genau gar nichts…Deshalb bin ich der Kirche dankbar, indem ich von ihr allerdings verlange, dass sie sich im Sinne Jesu artikuliert und weitergibt. Das muss sie. Sie hat mir etwas geschenkt, an das sie selber glauben muss.“
(Eugen Drewermann-Michael Albus „Die Stunde des Jeremia“, 2020, 132)
Und noch deutlicher:
„Man möchte den Glauben nicht einfach nur als inneres Bekenntnis bewahren oder als individualisierte Lebensform pflegen. Man braucht Gemeinschaft, man braucht Mitteilung, man braucht Gruppen, man braucht kultische Verrichtungen. Derlei ist absolut legitim und unbedingt notwendig. Glaube muss sich gemeinsam artikulieren in Zeichen, in Riten, in Festtagen, in Kulten… Tatsächlich wäre eine Verbindung von Bewusstsein und Unbewusstem möglich, wenn wir das Christentum betrachten dürfen als eine erlaubte Integrationsleistung zwischen den beiden Bereichen, zwischen dem Personalen und dem Kollektiven, dem Individuellen und dem Unbewussten, das allen Menscheng gehört.“
(Eugen Drewermann-Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“, 2014, 113)
Bei aller Wertschätzung der anthropologischen Erkenntnisse scheint es zugleich so zu sein, dass sie in einem Maße überbewertet werden, dass davor auch gewarnt werden muss. Auch für diese Sicht ist Eugen Drewermann gewissermaßen ein ‚Kronzeuge‘:
„In aller Klarheit: wenn von Gott nicht als einer vom menschlichen Du, vom menschlichen Geist und von der menschlichen Psyche verschiedenen Person die Rede ist, wird man in der Beschreibung der Störquellen und Störmechanismen der zwischenmenschlichen Beziehungen nicht über die Neurosenlehre, die Existentialanalyse oder den dialektischen Materialismus hinauskommen, ja es ist in Anbetracht der Hoffnungslosigkeit, die darin liegt, dass es nichts über den Menschen hinaus gebe, sehr unwahrscheinlich, dass man überhaupt die Radikalität und Totalität einer solchen Ausweglosigkeit akzeptieren wird…Der Weg in die Gnosis, in die Verunendlichung der Psychologie, bzw. in den Pantheismus, in die Verunendlichung der Schöpfung, ist dann nicht mehr aufzuhalten. In der Praxis wird eine solche ‚Theologie‘ darum wie eine Bauanleitung wirken müssen, um den Turm zu Babel vielleicht doch noch zu vollenden.
(Eugen Drewermann „Strukturen des Bösen“ III, München, Paderborn, Wien 1978, 8. Auflage 1996, S. 577; die Ziffern geben die Seitenzahl an.)
(Aus)Wege aus dem Dilemma?
Hier scheint es ein echtes Dilemma zu geben. Zumal die Ambivalenz menschlichen Denkens und Tuns so offensichtlich ist, dass es wenig Sinn hat, sie zu leugnen. Man kann dies gut nachweisen, weil auch Karl Rahner sich ebenfalls schon sehr früh all diesen Fragen gestellt hat und in seiner ‚Diagnose‘ sich kaum von jener unterscheidet, die sich in den „Strukturen des Bösen“ von Eugen Drewermann findet.
„Mitten im Innersten des bindungslos gewordenen, des kirchen – und dogmenfreien Menschen stand unversehens eine Gewalt auf, die den scheinbar ganz frei gewordenen Menschen bedrängte und verknechtete. In dem Maße, als er den äußeren Bindungen einer allgemein verpflichtenden Sitte, verpflichtender Grundsätze des Denkens und Handelns sich entzog, in dem Maße wurde er nicht eigentlich frei, sondern verfiel anderen Herrschaften, die von innen her ihn übermächtig überfielen: den Mächten des Triebes, den Mächten des Geltungsstrebens, des Machthungers, den Mächten der Geschlechtlichkeit und des Genusses und gleichzeitig den Ohnmächten der von innen her den Menschen aushöhlenden Sorge, der Lebensunsicherheit, des Sinnschwundes des Lebens, der Angst und der ausweglosen Enttäuschung…Er wollte ganz sich selbst entdecken und in sich die autonome Person von unantastbarer Würde – und hatte eigentlich nach allerTiefenpsychologie und Psychotherapie und aller Existentialphilosophie und aller Anthropologie, in der sich alle Wissenschaften einfanden, um herauszubringen, was eigentlich der Mensch in seinen tiefsten Gründen und Untergründen sei, nur entdeckt, dass in den tiefsten Tiefen seines eigentlichen Wesens er eigentlich gar nicht – er sei, sondern ein unübersehbares, ungeheuerliches Chaos von allem und jedem, in dem der Mensch eigentlich nur so etwas ist wie ein sehr zufälliger Schnittpunkt dunkler, unpersönlicher Triebe…Weiß der Mensch von heute aus sich wirklich mehr von sich, als dass er eine Frage ist in eine grenzenlose Finsternis hinein, eine Frage, die nur weiß, dass die Last der Fragwürdigkeit bitterer ist, als dass der Mensch sie auf die Dauer erträgt?“
(„Beten mit Karl Rahner“, Freiburg-Basel-Wien 2004, Band 1„Von der Not und dem Segen des Gebetes“ – Mit einer Einführung von Rudolf Hubert und Roman A. Siebenrock, 67 f; die Ziffern geben die Seitenzahl an.)
„Wenn alle Versuche, das einzig Wichtige… aus dem Grund des Herzens auszugraben, gescheitert sind und es immer wieder am Ende sich herausstellt, dass das Gefundene – der Mensch ist, der sich auf die Dauer nicht anbeten kann, weil dieser Gott doch zu armselig ist, dann sagt das Wort Gottes… Zutiefst in den Abgründen des Menschen lebt … Gott… wirklich Er selbst, …jene Unendlichkeit, die uns sowohl befreit von der versklavenden Gewalt der menschlichen Seelenmächte ( die, in sich endlich, uns in ihrer hungernden Unersättlichkeit eine Unendlichkeit nur vorlügen) als auch erhebt über die im letzten doch kümmerlichen Maße eines harmonischen Humanismus, in dem alles so geformt wird, dass es enge wird, erhebt auch über die einzige Unendlichkeit, die ein Mensch mit ein bisschen Schein von Wahrheit für sich in Anspruch nehmen kann: Die Unendlichkeit seiner Ohnmacht und seiner Endlichkeit.“
(71 f)
Karl Rahner – und das ist typisch für ihn – bleibt nicht bei der bloßen Feststellung des Dilemmas stehen. Er ignoriert und verdrängt es nicht, sondern stellt sich dieser Tatsache als solcher. Allerdings – und hier scheint er weiterzugehen als all jene, die achselzuckend das Dilemma feststellen und dann zur Tagesordnung mit dem Kommentar übergehen: „Da ist ja doch nichts zu machen“ – indem er weiter fragt, um den Anknüpfungspunkt für den Glauben freizulegen:
„Man hat auch noch eine seltsamere Art der Maskierung dieser Verzweiflung erfunden: Man sagt, es sei eigentlich die wahre Größe des Menschen, verzweifelt zu sein. Nur ein solcher Verzweifelter, der mit allem fertig geworden und hinter alles gekommen sei und gemerkt habe, dass hinter allem – nichts sei, sei der eigentliche, der wahre Mensch.“
(ebd. 53)
„Es kann sein, dass solche illusionslose Erkenntnis der Anfang des Heiles ist, dass solche Menschen nicht mehr fern vom Reiche Gottes sind. Dann nämlich, wenn sie wirklich so verzweifelt sind, dass sie – nicht ihre Verzweiflung zu ihrem perversen Stolz machen und sich nicht einbilden (mehr ist es dann auch nicht), aus eigener Kraft die verzweifelte Leere zu sein, sondern lieber aus der Gnade eines anderen (des einen anderen) die geschenkte Fülle zu sein bereit sind.“
(ebd. 53)
Damit befindet sich Rahner nahe am biblischen Befund, wie Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. in seiner „Einführung in das Christentum“ feststellt:
„Die Bibel ist, was das menschliche Können angeht, so nüchtern wie Camus (mit seiner Geschichte über Sisyphus), aber sie bleibt nicht bei seiner Skepsis stehen. Für sie wird die Grenze der menschlichen Gerechtigkeit, des menschlichen Vermögens überhaupt, zum Ausdruck für das Verwiesensein des Menschen auf das fraglose Geschenk der Liebe, das unberechnet sich ihm und darin ihn selbst auftut und ohne dass er in all seiner >>Gerechtigkeit<< verschlossen und ungerecht bliebe.“
(Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, 2000, 244)
Die Frage bleibt, warum ist das so? Warum ist die Grenze aller menschlichen Vermögen „Ausdruck für das Verwiesensein des Menschen auf das fraglose Geschenk der Liebe?“ Hier scheint mir eine Betrachtung zum Gewissen gleichermaßen erforderlich wie hilfreich zu sein. Noch einmal Joseph Ratzinger- Benedikt XVI.:
„Die Identifikation des Gewissens mit dem Oberflächenbewusstsein und die Reduktion des Menschen auf seine Subjektivität befreit nicht, sondern versklavt; sie macht uns erst vollends abhängig von den herrschenden Meinungen und erniedrigt das Niveau der herrschenden Meinungen selbst von Tag zu Tag. Wer das Gewissen mit oberflächlicher Überzeugtheit gleichsetzt, identifiziert es mit einer schein – rationalen Sicherheit, die aus Selbstgerechtigkeit, Konformismus und Trägheit gewoben ist. Das Gewissen wird zum Entschuldigungsmechanismus degradiert, während es doch die Transparenz des Subjekts für das Göttliche und so die eigentliche Würde und Größe des Menschen darstellt. Die Reduktion des Gewissens auf subjektive Gewissheit bedeutet zugleich den Entzug der Wahrheit…Gewiss, dem irrenden Gewissen muss man folgen. Aber der Entzug der Wahrheit, der vorausgegangen ist und der sich nun rächt, ist die eigentliche Schuld, die den Menschen in falsche Sicherheit wiegt und ihn am Schluss in der weglosen Wüste allein lässt.“
(Joseph Ratzinger „Wahrheit, Werte, Macht, Frankfurt, 1999, 39)
Durchbruch des Göttlichen
Auffallend ist dieser ‚Durchbruch‘ des Göttlichen im Gewissen, die „Transparenz des Subjekts für das Göttliche“, von der Joseph Ratzinger spricht, mit jenem ‚Erweckungserlebnis‘, von dem auch Hans Küng berichtet:
„Doch plötzlich – mitten in diesem Gespräch – durchzuckt mich eine Erkenntnis…Offensichtlich geht es bei dieser Grundfrage nicht um einen Glauben im traditionell-katholischen Sinn des intellektuellen Annehmens übernatürlicher Glaubenswahrheiten…Allerdings auch nicht um einen Glauben im evangelischen Sinn des rechtfertigenden Annehmens von Gottes Gnade in Christo…Bei der bewussten, vernünftigen Begründung der menschlichen Existenz geht es um die Frage…Wie kann ich einen festen Standpunkt gewinnen? Wie mein eigenes Selbst mit all seinen Schattenseiten annehmen? …Was ging mir da plötzlich auf? Dass mir in dieser Lebensfrage ein elementares Wagnis zugemutet wird, ein Wagnis des Vertrauens! Welche Herausforderung: Wage ein Ja! Statt eines abgründigen Misstrauens im Gewand von Nihilismus oder Zynismus riskiere ein grundlegendes Vertrauen zu diesem Leben, zu dieser Wirklichkeit.“
(Hans Küng „Was ich glaube“, 2010, 30 f; die Ziffern geben die Seitenzahl an.)
Hans Küng setzt sich ‚intellektuell redlich‘ mit kritischen Einwänden diesem ‚Erweckungserlebnis‘ gegenüber auseinander.
„Rationalistische Philosophen mögen ein solches Vertrauen in die Vernunft für irrational halten…Doch machen sie damit die irrationale Basis ihres Rationalismus offenkundig. Ich selber würde dieses Sich-Verlassen, dieses grundlegende Vertrauen auf die Vernunft, keinesfalls als irrational bezeichnen. Denn das Vertrauen in die Vernunft lässt sich zwar nicht von vornherein beweisen, aber sehr wohl im Vollzug erfahren: im Gebrauch der Vernunft, im Sich-Öffnen gegenüber der Wirklichkeit, im Ja-Sagen. Das Grundvertrauen in die Wirklichkeit lässt sich, wie andere Grunderfahrungen etwa der Liebe oder der Hoffnung auch, gerade nicht durch Argumentation vorher beweisen, doch auch nicht erst im Nachhinein…Vielmehr lässt sich dieses Grundvertrauen im Lebensvollzug meiner Entscheidung erfahren, ja im Akt des Vertrauens selbst als durchaus sinnvoll, als vernünftig erfahren.
Ein nihilistisches Nein aber, ein zynisches Urmisstrauen, lässt sich zwar durch keine noch so rationalen Argumente erschüttern. Doch verwickelt es sich in immer größere Widersprüche; Friedrich Nietzsches Werk, Leben und geistiges Erlöschen haben das auf bewegende Weise gezeigt. Ein grundsätzliches Ja dagegen lässt sich in der Praxis des Lebens trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse konsequent durchhalten.“
(34 f)
Mich erinnert diese ‚Glaubensrechenschaft‘ Küngs an Aussagen Karl Rahners:
„Wer vor die Gräber von Auschwitz oder Bangla Desh oder andere Mahnmale der Absurdität des menschlichen Lebens tritt und es fertigbringt, weder davonzulaufen (weil er diese Absurdität nicht aushalten kann) noch zynisch zu verzweifeln, der glaubt, auch wenn sein Verstand stillsteht, an das, was wir Christen das ewige Leben nennen… Man kann radikale Liebe, Treue und Verantwortung, die sich nie ‚rentieren‘, leben und ‚meinen‘, alles menschliche Leben verschwinde im sinnlosen Nichts, aber im Akt solcher Lebenstat selbst ist diese Meinung nicht enthalten, und sie widerspricht dem, was man tut. Solche Grundtaten des Lebens setzen die Hoffnung auf Endgültigkeit… bejahen die erste und letzte Voraussetzung solcher Hoffnung, die wir Gott nennen.“
(Karl Rahner Sämtliche Werke 23, S. 409-415, ursprünglich aus Karl Rahner „Das große Kirchenjahr“ ,271)
Doch kein Dilemma?
Man wird sagen müssen, dass das o. g. Dilemma eigentlich keines ist. Dann nicht, wenn die Grenzen und die Ambivalenz menschlichen Denkens und Tuns angemessen berücksichtigt werden. Dazu noch einmal Eugen Drewermann:
„Es führt wörtlich zu ‚Nichts‘, wenn eine Beruhigung seiner Daseinsangst von anderen Menschen oder von sich selber zu erwarten; und indem in dieser Enttäuschung alle Personen und Dinge zurücktreten, kann sich der Blick unverstellt auf die eine einzige und absolute Person richten, nach welcher der Mensch in aller Angst verlangt und die nicht zu sehen das ganze Ausmaß seiner Angst freisetzt.
Es ist nach J (der Jahwist, RH) die ewige Versuchung, dass, sobald man Gott aus den Augen verloren hat, über kurz oder lang das Gerede vom menschlichen Zusammenhalten und Zusammenstehen beginnt, wie es die Stadt- und Turmbauerzählung berichtet (Gn 11, 1-9). Je weiter das Bewusstsein von Gott dem Einzelnen oder einer ganzen Zeitepoche entschwunden ist, desto stärker wird das Bedürfnis nach menschlichem Zusammenschluss im privaten wie im öffentlichen Bereich.“
(ebd. XLIV)
Zeitkritik
Welche Bedeutung haben diese Überlegungen für unsere Zeit? Wir erleben vielfach abgrundtiefe Ängste und Ohnmachtsgefühle einerseits und Allmachtsphantasien, wie sie jüngst bei kriminellen Machenschaften im Finanzsektor zutage getreten sind oder wie sie tagtäglich mit aller brutalen Härte ausgelebt werden zu Kosten von vielen Unschuldigen, vor allem Frauen, Kindern und älteren Menschen. Wir erleben einen Raubbau an der Umwelt, so, als ob wir noch drei oder fünf weitere Erden zur Verfügung haben. Hinter allem stehen Ideologien, wie sie Hans Urs von Balthasar merksatzfähig beschrieben hat:
„Es findet wie ein Wettlauf statt, wer wirksamer und tiefer diese Freiheit verstehen und durchsetzen kann. Der Atheismus ist ganz mit diesem Thema beschäftigt: Befreiung der Vernunft von den Fesseln des Glaubens (Aufklärung), Befreiung des wirtschaftlich versklavten Menschen zu menschenwürdiger Arbeit (Marx), Befreiung des Individuums von den Ketten seiner unbewältigten Vergangenheit (Freud), Befreiung der gesamten Menschheit vom Alpdruck eines nicht mehr geglaubten, als Leiche in der Weltgeschichte mitgeschleppten Begriffes Gott (Nietzsche)“
(Hans Urs von Balthasar „In Gottes Einsatz leben“, Johannes Verlag Einsiedeln,1971,14; Die Ziffern geben die Seitenzahl an)
Und das Ergebnis dieses „Wettlaufes“? Der Marxismus scheint mit seiner kommunistischen Utopie zu einem großen Teil gescheitert zu sein. Oder doch nicht? In totalitären Regimes scheint man auch heute noch der Meinung zu sein, dass Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Dostojewskis „Großinquisitor“ lässt grüßen! Atheismus scheint abgelöst worden zu sein von einem Agnostizismus der Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit, der Banalität und der Verfallenheit an Konsum und Machtstreben. Zur Herausforderung des Glaubens angesichts dieses Befundes noch einmal dazu Hans Urs von Balthasar:
„Dort erübrigt sich auch die Angst vor der Provokation durch atheistische Freiheitsentwürfe. Denn sie alle stehen schließlich mit den Christen zusammen in der gleichen Provokation durch die Weltwirklichkeit selbst…und können ihr nur mit einer diese Wirklichkeit transzendierenden Utopie begegnen. Nie wird innerweltlich das Herr – Knecht – Verhältnis völlig aufhebbar sein (Marx), nie wird der Mensch seinen Ursprung völlig einholen und verarbeiten (Freud), nie wird er als ‚Übermensch‘ der vollkommen Schenkende, sich niemandem Verdankende sein (Nietzsche). Nie wird in dieser Welt der Mensch den wahrhaft freien ‚homo absconditus‘ (Bloch) aus sich selber heraus zaubern oder eine aggressionslose Natur (Marcuse) konstruieren können. Der christliche Freiheitsentwurf ist doch größer als alle diese Entwürfe, da er die Freiheit zum Tode nicht nur (mit der Stoa und Buddha) einholt, sondern sie überholt im freien Glauben Christi, dass Gott ihn, den ganzen Menschen – mit seinen Brüdern, mit Geschichte und Kosmos – ins Heile heben wird am ‚dritten Tag‘“
(114)
Die Antwort Balthasars ist die eines glaubenden Menschen. Mir scheint, dass er die heutigen autoritären und totalitären Utopien, die sich anschicken, mit Künstlicher Intelligenz, mit gesteuerten und programmierten Plattformen und mit Algorithmen den Menschen ‚von sich selbst zu erlösen‘, unterschätzt, wenn er konstatiert: „Dort erübrigt sich auch die Angst vor der Provokation durch atheistische Freiheitsentwürfe.“ Mir scheint, dass es nach wie vor oder schon wieder Kräfte gibt, die vorhaben, den ‚Turmbau zu Babel‘ doch noch zu vollenden – wenn auch mit totalitären Mitteln.
Balthasar hat dies an anderer Stelle durchaus anders, differenzierter gesehen:
„Marx hat zu philosophieren aufgehört, als er Hegel entsagte; so wird die Sinnfrage im Ganzen nie mehr gestellt. Das Faktum, dass der Mensch i s t, genügt. Dies Faktum selber erhellt kein Licht. So kann den Prozess schließlich nur eine absolute Notwendigkeit führen. Weder Gott noch Mensch, sondern die Logik der Sache, des Kapitals, dirigiert die Geschichte…Die beiden Hauptspieler des Dramas: der Kapitalist und das Proletariat spielen der einzig aktiven Kraft, dem Kapital, gegenüber die durchaus passive Rolle von Getriebenen… “
(Hans Urs von Balthasar „Herrlichkeit“,III,1;927)
Wenn die „Logik der Sache“ vornehmlich die Geschichte „dirigiert“ – und darunter ist eben nicht nur das Kapital, sondern sind auch all jene ‚Mächte‘ zu verstehen, die uns in die „passive Rolle von Getriebenen“ versetzen wie interessengeleitete programmierten Plattformen und Algorithmen, die genau wissen, was der Mensch hören oder lesen will und die darum uns in jede beliebige Echokammer treiben – (weil wir uns treiben lassen, denn niemand zwingt uns, den Ausschalterknopf n i c h t zu bedienen.), dann erübrigt sich die Angst eben nicht vor der Provokation durch die Weltwirklichkeit.
Die Botschaft des Glaubens als ‚Antitoxin‘
Dennoch – oder gerade deswegen- muss heute konstatiert werden: Die Botschaft des Glaubens ist vielleicht die einzige Chance, diese angeblichen Selbstverständlichkeiten nachhaltig zu irritieren, ihre ‚Plausibilität‘ in Frage zu stellen. Der Wert menschlichen Denkens und Tuns ist Mitvollzug dessen, was Gott uns an Möglichkeiten geschenkt und angeboten hat. Es sind geschenkte Möglichkeiten, sie sind uns geliehen. Wir können über sie nicht selbstständig und eigenmächtig verfügen. Mit ihnen sollen wir das Gemeinwohl gestalten. Schwierig wird es erst, wenn diese endlichen Möglichkeiten verabsolutiert werden.
In einem späten Grundlagenwerk äußert sich Drewermann hierzu noch einmal explizit, indem er den ‚Standort‘ der Theologie zu sämtlichen Wissenschaften präzis bestimmt:
„Dass die Theologie ihrerseits den Geltungsbereich der Naturwissenschaften…radikal in Frage stellen müsste…Sie darf gar nicht anders! …alle Naturwissenschaft kann nur die Falle vermessen, in welcher wir stecken, und ihre Geschlossenheit für unentrinnbar erklären. Auf die radikale Infragestellung der menschlichen Existenz durch die natürlichen Daseinsvoraussetzungen vermag keine Naturwissenschaft sinnvoll zu antworten.“
(Eugen Drewermann „Wendepunkte“,120)
Dass die Sinnfrage des Menschen, ebenso wie seine abgrundtiefe Kontingenz, von der die Lebensangst nur ein Symptom ist, von keiner Wissenschaft, von keinem Tun des Menschen, von keiner Ideologie hinreichend beantwortet werden, weil sie es nicht vermögen(!) – das aufzuzeigen ist vornehmste Aufgabe des Glaubens, der sich hierbei auf eine reiche Tradition in all seinen Vollzügen stützen und berufen kann.
Unter Berufung auf den Hl. Ignatius von Loyola und Karl Rahner schreibt Philip Endean SJ hierzu:
„Vielleicht kann man die ignatianische Vorgehensweise hier so ausdeuten: Er beharrt auf den Dogmen der Tradition und fügt ein Prinzip hinzu, wonach alles, was wahr ist, irgendwie ein Echo im menschlichen Bewusstsein finden muss. Ansonsten bleibt alles offen…Wenn die theologische Wahrheit eine Wahrheit der Erfahrung ist, dann ist sie immer unvollendet. Wir haben einen Vorgriff auf sie hin, nie einen Zugriff auf sie. Das Leben ist eine Mystagogie, wenn auch sehr oft unter Schmerzen und in Untergängen, ins Geheimnis des immer größeren Gottes hinein.“
(Philip Endean SJ in „Karl Rahner in der Diskussion“, 2001, 72)
Karl Rahner hat auch hier das letzte Wort, weil es ein Wort des Gebetes ist, das alle unsere Erfahrungen vor GOTT trägt:
Bild von Karen .t auf Pixabay„Wir sind unterwegs, Wanderer zwischen zwei Welten. Weil wir noch auf Erden wandeln, lasst uns bitten um das, was wir auf dieser Erde brauchen. Da wir aber Pilger der Ewigkeit auf dieser Erde sind, lasst uns nicht vergessen, dass wir nicht so erhört werden wollen, als ob wir hier eine bleibende Stätte hätten…“
(ebd. 129)