Rom – eine kleine geistliche Nachbetrachtung

„Pfeiler im Strom“

„Reinhold Schneider hat dieses Buch in seiner letzten Lebenszeit zusammengestellt. Er hatte die Absicht, ihm eine Einleitung voranzusetzen. Aber um sie schreiben zu können, so sagte er, müsse er noch einmal nach Rom gehen, und wenn er nur vierzehn, nur zehn römische Tage haben sollte; anders könne sie nicht zustande kommen. Die Reise war für den April oder Mai dieses Jahres geplant. Aber am Donnerstag der Osterwoche haben wir den Freund zu Grabe geleitet.“ 

Diese Worte stehen am Eingang des Buches „Pfeiler im Strom“, ein Buch, das – wie erwähnt – Reinhold Schneider selbst zusammengestellt hat, dem lediglich eine Einleitung fehlte. Hierfür war unbedingt eine Rom-Reise erforderlich. So zumindest die Aussage von Werner Bergengruen (1892-1964), auf den ich später noch eingehen werde. Reinhold Schneider (1903-1958) starb am 6. April 1958. Das Buch „Pfeiler im Strom“ wurde im selben Jahr veröffentlicht, ebenso wie das letzte Buch Reinhold Schneiders, vielleicht sein bedeutendstes Werk „Winter in Wien“, das gedankenschwere Tagebuchnotizen beinhaltet, die Reinhold Schneider während seines Aufenthaltes in der alten Kaiserstadt Wien vom 5. November 1957 – 6. März 1958 verfasst hat.

Ökumenische Pilgerreise nach Rom

Warum schreibe ich dies nach einer siebentägigen „Ökumenischen Pilgerreise“ der Kirchengemeinde Gadebusch-Roggendorf und der Kath. Pfarrei St. Anna, Schwerin, an der ich als einer von 40 Pilgerinnen und Pilger teilnahm und die tiefgehende Spuren des Staunens und der Dankbarkeit bei mir hinterlassen hat? Die Wallfahrt zu den Sieben-Pilger-Kirchen mit der Kirche „Santa Maria Maggiore oder San Giovanni in Laterano, die Basilika Sankt Peter im Vatikan, der Peters-Dom oder die Galleria Borghese hinterließen ebenso einen nachhaltigen Eindruck bei mir wie die Domitilla -Katakombe, der Orangengarten oder das Kloster San Benedetto in Subiaco. Darum noch einmal die Frage: Warum fiel mir Reinhold Schneider während dieser römischen Pilger – Tour ein? 

Wie geht das – glauben?

Wie geht das – glauben? Was ist das – der Glaube? Reinhold Schneider trieb diese Frage sein Leben lang um. Und in Rom, jener Stadt, in der man buchstäblich auf Schritt und Tritt mit dem Glauben in Berührung kommt, kann man ihr, selbst wenn man es wollte, nicht ausweichen. Schneider war für viele Menschen, bis in die Schützengräben vor Stalingrad im zweiten Weltkrieg, ein Tröster und Mahner. Beides, Mahnung und Trost kamen bei ihm aus einem tiefen, wiedergefundenen Glauben. Schneider konvertierte in die Katholische Kirche, nachdem er über viele Umwege erkannt und buchstäblich erfahren hat, dass nur die Botschaft des Evangeliums von der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen in der Lage ist, Lebensnot und Lebensangst nicht übermächtig werden zu lassen. Doch nach all den Wirren und Absurditäten der Kriege, der Vertreibungen und nicht zuletzt der atomaren (Wieder)Aufrüstung in den 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde ihm sein Glaube dunkel und schwer. „Ich kann nicht mehr Vater sagen“ – so ein Tagebucheintrag aus „Winter in Wien.“ Er erlebte die Wirklichkeit um sich herum und in sich als eine „Explosion“, als eine „zerplatzende Granate“, die das Bild des liebenden Vater-Gottes immer mehr verschwinden ließ. Er selbst sprach vom „Glaubensentzug“ und wir dürfen – gerade heute – Reinhold Schneider sehr dankbar sein für seinen ‚diakonischen‘ Dienst am Glauben: Mit aller Ausdruckskraft, die ihm als großartigem Schriftsteller zur Verfügung stand, beschrieb er Tiefendimensionen der Existenz, denen der Glaube standhalten muss. Schneider konnte seinen „Glaubensentzug“ nicht verschweigen. Indem er davon Zeugnis gab, war er in einer Tiefe menschlicher Existenz solidarisch, die nur wenigen möglich ist, die sich in ähnlichen Situationen befinden. 

„Kundschafter der Existenztiefe“

Was hat das alles mit Rom zu tun? Fast möchte ich sagen: Alles! Denn Reinhold Schneider erfuhr in Wien in einer ungewöhnlichen Tiefe menschliche Fragen, die Zerrissenheit und Absurdität in Gottes Schöpfung, die ihn fast irre werden ließ, wenn er daran dachte, wie all das zusammengehen soll und zusammengehen kann mit der Liebe Gottes. Darum musste er noch einmal – wenigstens für ein paar Tage – nach Rom! 

Karl Pfleger (1883-1975) schrieb einmal ein Buch mit dem ebenso seltsamen wie treffenden Titel „Kundschafter der Existenztiefe“. So ein ‚Kundschafter‘ war Reinhold Schneider. Er legte durch sein Leben, das in „Winter in Wien“kulminierte, Zeugnis davon ab, dass es nicht reicht – weder für den Glauben noch für das Leben – ausschließlich in einer Welt der Disharmonie und Absurdität zu verharren. Der Lebenswille sowie die Glaubenskraft brauchen andere, ergänzende, aufbauende Wirklichkeiten. Darum brauchte es nach „Winter in Wien“ zwingend den Aufenthalt in der EWIGEN STADT! 

Und hier kommt Schneiders Freund Bergengruen noch einmal zu Wort, denn Werner Bergrengruen schrieb nicht nur ein großes Buch über die ewige Stadt Rom. In „Pfeiler im Strom“ ist ein Aufsatz Reinhold Schneiders zu finden, den er seinem Freund Werner Bergengruen gewidmet hat. Darin schreibt Schneider: 

„Rom hat an Bergengruen gearbeitet, wie an allen, die es bewohnt oder nur durchschritten haben: es ist für ihn in einem besonderen Sinne die Stadt der >Brunnen und Gräber<, der Pole der menschlichen Existenz, der Ort auch, wo der Mensch sich als Pilger verstehen lernt. Mit der religiösen Fragestellung, deren tiefster Sinn wohl das Verhältnis zur Geschichte, zu den Grundlagen und Ursprüngen war, verknüpfte sich ein radikal künstlerisches Problem: das der Gemäßheit der Form. Gelingen konnte sie nur im Zusammenklang mit dem inneren Gesetz und aus einer Art Demut des Lernens und Hörens, der Bereitschaft, unverrückbar Gegebenem sich anzuschließen.“ (Pfeiler im Strom, 288)

„Wir sind unterwegs, Wanderer zwischen zwei Welten.“

Ich wüsste nicht, wie man es besser sagen kann, warum „Winter in Wien“ – dieses Zeugnis von der Erfahrung, zu Gott nicht mehr ‚Vater‘ sagen zu können – wie dieses Zeugnis die Erfahrung von Rom nötig hat. Die Erfahrung jener Stadt „einer Art Demut des Lernens und Hörens“. Oder, wie Eugen Drewermann (geb. 1940) in seinem jüngsten Werk „Wovon die Menschen leben“ Paulus es den Galatern sagt:

„Nur im Vertrauen auf ein absolutes Gegenüber, das uns will und meint, gewinnen wir die Eigenständigkeit und Ausgewogenheit, um der Verzweiflungsauskunft einer Welt aus rücksichtsloser Selbstaufblähung und zerstörerischem Selbsthass glaubhaft Widerstand zu leisten.“ („Wovon die Menschen leben“, 318)

Das ist auch die Antwort auf jene Auskunft Schneiders, dass Rom auch jener Ort ist, „wo der Mensch sich als Pilger verstehen lernt.“ Wir waren nicht als Touristen in Rom. Wir sind als Pilger nach Rom gekommen. Ja, man könnte durchaus sagen, „Winter in Wien“ braucht Rom, weil sie eine Stadt der BETER ist. Ein Pilger weiß, dass man niemals ‚über‘ Gott reden kann. Und es wäre um den Menschen als Menschen geschehen, wenn er nicht mehr ‚zu‘ Gott spricht. Man kann über und zu Gott erst dann schweigen, wenn man vorher zu ihm gesprochen hat. Alle Psalmen sind Ausdruck dieser tiefsten menschlichen Existenzerfahrung. Darum sei mit einem Pilgergebet diese kleine geistliche Nachbetrachtung beschlossen: 

„Wir sind unterwegs, Wanderer zwischen zwei Welten. Weil wir noch auf Erden wandeln, lasst uns bitten um das, was wir auf dieser Erde brauchen. Da wir aber Pilger der Ewigkeit auf dieser Erde sind, lasst uns nicht vergessen, dass wir nicht so erhört werden wollen, als ob wir hier eine bleibende Stätte hätten.“ (Karl Rahner „Von der Not und dem Segen des Gebetes“, 2004, 129)

Bild von Martin Hudec auf Pixabay

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