Noch ist die Träne nicht weggewischt von jeglichem Angesicht

Wochenimpuls Advent 2025-1

Es gibt Gräuel, da verschlägt es einem die Sprache, da wird man tatsächlich sprachlos. Jeder von uns hat das sicherlich schon erlebt. Der Massenmord an den Juden im so genannten Dritten Reich gehört für mich dazu. Unfassbar, unerklärlich, unentschuldbar. Fassungslos machen mich darum auch Worte und Gesten, die heute im Umlauf sind und die diese abgrundtiefen Verbrechen verharmlosen. 

Und es gibt Worte, Gesten und Taten des Guten, die machen ebenfalls sprachlos. Am 07.12. 1970, in der polnischen Hauptstadt Warschau, am Mahnmal des jüdischen Gettos, geht – vor aller Weltöffentlichkeit – der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt auf die Knie und bittet um Vergebung. Später wird Brandt sagen, dass er das tun musste, was jeder anständige Mensch tun muss, wenn ihm die Sprache versagt anlässlich der Erinnerung an unbeschreibliches menschliches Leid.

Advent heißt ‚Ankunft‘. Hier kommt für mich etwas an, von dem und auf das hin wir als Menschen alle leben. Nur mühsam können wir es versuchen zu sagen. Christen nennen es Gnade, das jüdische Schalom meint ebenfalls einen allumfassenden Frieden und eine nie versiegende Freude.

Noch ist Advent, der auch die Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn meint. Helfen wir mit, dass mehr Gnade, mehr Schalom in diese Welt kommt. Sie braucht es so sehr, denn „Noch ist die Träne nicht weggewischt von jeglichem Angesicht“ 1


  1. Buchtitel von Bernhard Grümme, Altenberge 1996 ↩︎
Bild von Myriams-Fotos auf Pixabay

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