Niemandsland – Wo unsere Seele ein Zuhause findet

Dieser schöne, sehnsuchtsvolle Ausdruck ist der Untertitel eines Buches, in dem Eugen Drewermann gefragt wird, welche Chancen und Möglichkeiten es gibt, aus den vielen ‚Niemandsländern‘ herauszukommen. (Eugen Drewermann/ Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“, 2014).  Niemandsländer gibt es zuhauf, in der Politik, in der Medienlandschaft, in Beruf und Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis. Und immer wird sie gestellt – oft laut, mitunter leise und verdeckt – die Frage nach dem Ausweg aus den vielfältigen Niemandsländern. Denn diese Frage artikuliert die Sehnsucht unserer Seele, doch endlich einmal daheim anzukommen. Ich finde es immer wieder erstaunlich und bin tiefbeeindruckt, wie es Eugen Drewermann (geb. 1940) gelingt, die ‚Frontlinien‘ so vielfältig aufzuzeigen, sie präzis und umfassend zu charakterisieren und oft genug auch Versuche zu unternehmen, (Aus-) Wege aus dem Niemandsland aufzuzeigen. Das allein ist schon faszinierend. 

Michael Albus (geb. 1942) mit seinen präzisen, mitunter auch hartnäckigen Fragen, hat seinen Anteil daran, dass dieses Werk so hilfreich ist. 

„Jesus: Ein anderer Zugang zur Wirklichkeit“ – der ‚Schlussakkord‘ im Buch gewissermaßen- ist besonders gutgelungen. Die Gegenüberstellung von Formelwissen im Glauben und existentieller Erfahrung und Leben daraus, ganz am Schluss (221 f), deutet an, wo vielleicht eine Antwort zu finden ist auf viele Fragen von heute und morgen, u.a. auch auf die Frage von Albus aus „Die Stunde des Jeremia“:

„Ich bleibe bei meiner Frage. Sie wird hartnäckiger, je älter ich werde und je mehr ich wahrnehme, was in dieser Welt geschieht und was ich auch selber anrichte:  Wieso gibt es eine solch grausame Welt? Und warum soll diese Welt von Gott sein?“ 

(Albus/Drewermann „Die Stunde des Jeremia“, 37)

Karl Rahners Vermächtnis

Mir hilft – wie so oft – beim Dialog über den Glauben Karl Rahner (1904-1984). Der letzte Band seiner „Schriften zur Theologie“, Band 16 – Rahner schrieb das Vorwort im Dezember 1983, Ende März 1984 verstarb Karl Rahner – ist so recht ein Vermächtnis.Gerade fürdie heutige Zeit ist es ‚geistliches Vollkornbrot‘, wenn ich nur an jene tiefen,existentiellen Aussagen in dem Beitrag „christlicher Pessimismus“ in diesem Werk denke, in dem eigentlich all jene Fragen schon vorweggenommen (und tief durchdacht) worden sind, die uns heute so bedrängen. Und Karl Rahner fragt weiter und tiefer als das zumeist heute offensichtlich geschieht. Darum ist es auch so hilfreich, immer noch und immer wieder bei Karl Rahner ‚in die Schule zu gehen‘, denn seine Antworten kommt aus einem tiefen und weiten Glauben und einer umfassenden Hoffnung, die „sich keine Grenze endgültig befehlen lässt.“ 

Rahners Theologie ist echter Trost und begründete Hoffnung ohne jeden ‚Anflug‘ einer billigen Vertröstung! Rahner insistiert immer wieder auf die Unbegreiflichkeit Gottes. Er macht deutlich, dass – bei aller Selbstannahme – dieOffenheit da sein muss, um der inneren Verkrümmung, die mich auf mich selbst zurückbiegt, zu entkommen. 

Offenheit wofür? Offenheit wodurch? Eine Aussage bei Karl Rahner in diesem Aufsatz ist wegweisend, darum halte ich sie nicht nur für sehr hilfreich für heute (und morgen!). Sie ist auch die Einlösung dessen, was häufig und sehr zu Recht oft beklagt wird: Das bloße ‚Formelwissen‘ in ‚Glaubensdingen‘, dass oft mit dem wirklichen Leben herzlich wenig zu tun hat. 

Karl Rahner schreibt: 

„Der Christ lässt sich von Gott selbst durch seine Gnade getrost in den Abgrund der Unbegreiflichkeit Gottes hineinfallen und erfährt, dass diese letzte und bleibende Aporetik der Unbegreiflichkeit Gottes selber seine wahre Vollendung, Freiheit und vergebende Seligkeit ist…und sieht dabei diese Erfahrung bestätigt durch das Schicksal Jesu, und gleichzeitig erfährt er in einer geheimnisvollen Paradoxie, dass eben diese Erfahrung selber, wenn durch Gott selbst zugeschickt, die Erfahrung der Ankunft Gottes selbst bei ihm ist….In der Seligkeit der Annahme des unendlichen Geheimnisses, also der absoluten Aporie, vergehen alle unsere partikulären Aporien, Ausweglosigkeiten und Enttäuschungen, und umgekehrt: Wenn wir dieses Ziel unserer Existenz erwarten und annehmen, sind diese gegenwärtigen Aporien nicht aufgehoben und abgeschafft, aber umfasst, und wir sind befreit, weil sie nicht mehr unsere Herren sind, sondern der Anlass und die Vermittlung zu dieser Annahme des unbegreiflichen Geheimnisses, das uns sich selber gibt und macht, dass wir es liebend annehmen.“ 

(Karl Rahner „Schriften zur Theologie“, Band 16, 213 f) 

Allein der Schluss:

„Wir sind befreit, weil sie nicht mehr unsere Herren sind, sondern der Anlass und die Vermittlung zu dieser Annahme des unbegreiflichen Geheimnisses, das uns sich selber gibt und macht, dass wir es liebend annehmen.“

macht unmissverständlich deutlich: Da ist kein Wort zu viel, jedes steht an seinem, am richtigen Platz. Und eigentlich ist alles Wesentliche des Glaubens darin enthalten, auf dessen Vollzug es letztlich ankommt. Alles, was uns bedrängt, darf (weil es diese Absolutheit nicht hat!) sich nicht als „unsere Herren“ aufspielen und uns dominant beherrschen. Die vielfältigen Aporien können uns bei der „Annahme des unbegreiflichen Geheimnisses“ Vermittlung und Anlass sein. Immer hat das Zuvorkommen der Selbstmitteilung Gottes Priorität. Und unsere Aufgabe ist es, mitzuhelfen, dass diese ‚Entdeckung‘ im Leben gelingt. Da bin ich sehr nahe beim „Schritt des Glaubens“, 

dass ich mich selbst, meine kontingente, nicht-notwendige, überflüssige Existenz als geschaffen, vom Unendlichen her als bejaht, gewollt, berechtigt entdecken kann und dass diese Entdeckung es ermöglicht, mich selbst zu akzeptieren, die verzweifelte Flucht vor mir selbst (oder zu mir hin) aufzugeben und mich selber zu bejahen.“ (Eugen Drewermann „Strukturen des Bösen“ III, 8. Aufl. 1996, 546) 

Im Heute glauben

Man kann und darf sich allerdings nicht die Mühe der „Anstrengung des Begriffs“ ersparen, wenn man „intellektuell redlich“ zu seinem Glauben stehen möchte. Da ist sicherlich noch ein großes Feld vor uns. Mir hilft darum bei all diesen Fragen die tiefe Sonde, die Karl Rahner in dem schmalen Bändchen „Im Heute glauben“ ansetzt. Dort schreibt er 

„Nicht einzelne Glaubenssätze aus und unter einer Menge von anderen Überzeugungen sind heute in Gefahr, sondern der Glaube überhaupt, das Glaubensvermögen selbst, die Fähigkeit, überhaupt eine eindeutige, umfassende fordernde Überzeugung zu realisieren und sie Macht in einem Leben, ja durch ein ganzes Leben hindurch gewinnen zu lassen. Die Leere überhaupt, der tödliche Sinnenschwund, die metaphysische Müdigkeit, der scheinbar unaufhaltsame innere Zerfall, die Ohnmacht des Geistes gegenüber den Mächten des Fleisches, der Gewalt und des Todes, die scheinbar sinnlose Grausamkeit, das dauernde Übermächtigtsein der wehrlosen Wahrheit durch die Brutalität der sogenannten Wirklichkeit, das Aufgesogenwerden durch den Betrieb des Alltags, die unmittelbare Erfahrung eines jeden von dem unüberwindlichen Pluralismus der Weltanschauungen, die heute jedem ganz anders als früher treffende und bedrängende Erfahrung der Spannung zwischen Glaubensformeln und Glaubenswirklichkeit, die Erfahrung des einfach wahren und ehrlich zuzugebenden Herstammens der konkreten Gestalt von Glaubensformeln aus einer Geisteswelt, die nicht mehr unmittelbar unsere ist – solches und ähnliches bedroht den Glauben heute als ganzer einfach und schlechthin“ 

( Karl Rahner, Sämtliche Werke – SW- 14, 13-14). 

Rahner analysiert tief, er hinterfragt auch dort, wo Viele schon aufgehört haben, zu fragen. Nicht allerdings, um sich resigniert vom Glauben abzuwenden, wie es sicherlich auch heute viele tun (ob eingestanden oder uneingestanden), sondern um weiter zu gehen und aufzuzeigen: Glaube ist dort und nur dort wirklich echter Glaube, wo er der „Provokation durch die Weltwirklichkeit“ (Balthasar) standhält:  

„Wenn wir dies aber eingestehen…noch radikaler als der radikalste Skeptiker, desillusionierter als der härteste Positivist, dann gestehen wir uns zwar die Gefährdetheit unseres Glaubens ein, haben aber damit auch (erst!) den Boden gewonnen, auf dem der Glaube in seiner heute einzig wahrhaft möglichen Gestalt stehen kann. Denn er ist heute nur echt, wo angesichts dieser Situation geglaubt wird, und er ist haargenau die absolute Sinnantwort, die als solche nur zur Erscheinung kommt, wo die Sinnfrage absolut gestellt wird…nur angesichts dieser radikalisierten Situation geht dem Menschen ganz und deutlich auf, dass er und die Welt eben nicht Gott ist…Nur so erfährt der Mensch, dass Gott – Gott ist, das unbegreifliche Geheimnis, dem man sich radikal zu ergeben hat. Und da fängt das Christentum erst an und hört es auf, freilich indem gleichzeitig begriffen wird, dass dieses Geheimnis die vergebende, sich selbst mitteilende Nähe Gottes ist. Aber eben dies lässt sich in der Gnade und der Botschaft des Christentums erst erfahren, wenn der bodenlose Abgrund des Daseins nicht künstlich verdeckt wird…, wenn also die Gefahr mutig in ihrer Bodenlosigkeit und Angst bestanden wird, damit in ihr selbst das Rettende, freilich als das durch Gott allein Rettende erscheinen kann.“ 

(SW 14,14)

Bild von Nicky auf Pixabay

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