Mein Leben in und mit der Caritas

Herkunft

Mein Name ist Rudolf Hubert, geb. 1958, ich bin verheiratet, habe 4 Kinder und mittlerweile 6 Enkel. Ich war zunรคchst Fรผrsorger im kirchlichen Dienst, dann viele Jahre Kreisgeschรคftsfรผhrer eines rechtlich unselbstรคndigen Kreisverbandes der Caritas Mecklenburg e. V. und ab 2019 bis zum Jahresende 2024 Referent fรผr Caritaspastoral in der Caritas fรผr das Erzbistum Hamburg. 

Ich stamme aus einer Kleinstadt im Norden

Mein persรถnlicher Werdegang ist recht einfach zu beschreiben. Ich stamme aus einer Kleinstadt im Norden, bin aufgewachsen in der DDR. Meine Eltern hatten 5 Kinder; eine Schwester hat eine geistige Behinderung, so dass ich frรผh lernte, dass das Leben manche zusรคtzlichen Schwierigkeiten bereithรคlt und nicht โ€šalle Blรผtentrรคume reifenโ€˜. Ich bin heute unseren Eltern sehr dankbar fรผr die kirchliche Erziehung in einer atheistischen Um- und Mitwelt. Auch fรผr ihr Beispiel im Umgang mit Menschen mit einer Behinderung. So konnte ich frรผh โ€šCaritas-Luftโ€˜ schnuppern und bin sehr froh darรผber, dass meine Schwester heute in einer Caritas-Einrichtung lebt, die sie als ihr Zuhause bezeichnet und dass meine Frau und ich fรผr sie als rechtliche Betreuer da sein dรผrfen.  

Ursprรผnglich war bei mir nach Abschluss der 10. Klasse in der DDR eine Ausbildung bei der Deutschen Reichsbahn geplant mit Abitur, weil wegen der fehlenden โ€šJugendweiheโ€˜ ich fรผr die Erweiterte Oberschule (EOS), also die Gymnasialstufe, zunรคchst nicht in Frage kam. Weil dies nach Aussagen unseres Staatsbรผrgerkundelehrers aussichtlos war, habe ich hierfรผr auch keinen Antrag gestellt. Als allerdings auf der EOS in Hagenow deutlich wurde, dass einige den Leistungsanforderungen nicht gerecht wurden und die EOS nach Abschluss der 10.Klasse wieder verlassen mussten, suchte man โ€šKandidatenโ€˜ in den Polytechnischen Schulen (POS) des Kreises, die als โ€šNachrรผckerโ€˜ die 11./12. Klasse hin zum Abitur absolvierten. Als man in der โ€žLenin-Oberschuleโ€œ Wittenburg dann auf mich kam, war die erste Aussage des Direktors: โ€žDas geht nicht, Rudolf hat ein falsches Bewusstsein, was ja genรผgend zum Ausdruck kam bei der Nichtteilnahme an der โ€šJugendweiheโ€˜. Mein Klassenlehrer, ein รคuรŸerst sympathischer und empathischer Mensch, der zudem bekennender Christ war, antwortete schlagfertig: โ€žDann muss er doch erst recht dorthin, damit er das โ€šrichtige Bewusstseinโ€˜ erhรคlt.โ€œ Die Antwort des Direktors, die mir mein Klassenlehrer rasch mitteilte, war aufschlussreich, denn er sagte: โ€žGut, dann weiรŸ ich ja, was ich dem Parteisekretรคr zu sagen habe.โ€œย 

Verlierยด deinen Glauben nicht

So kam ich merkwรผrdigerweise ohne Jugendweihe und ohne formellen Antrag zur EOS. Fรผr mich am beeindruckendsten war das Verhalten meines Klassenlehrers bei diesem Vorgang. Bei der รœbergabe der Zeugnisse zum Abschluss der 10.Klasse drรผckte er mir fest die Hand, schaute mir in die Augen und sagte โ€“ nicht etwa Herzlichen Glรผckwunsch โ€“ sondern: โ€žRudolf, verlierโ€˜ deinen Glauben nicht. Und wenn du Fragen hast, dann kommโ€˜ zu mir.โ€œ Noch heute, wenn ich daran denke, bin ich ergriffen von dieser Weichenstellung fรผr mein ganzes  Leben. 

Als ich mein Abitur im Jahr 1977 abschloss, war fรผr mich eigentlich klar: Ich mรถchte bei der Kirche arbeiten. Dafรผr bedurfte es allerdings einer abgeschlossenen Berufsausbildung, denn die Kirche, einschlieรŸlich ihrer Caritas in der DDR, hatte Sorge, dass der Staat die Rechte der kirchlichen Institutionen beschneidet. Darum sollte jeder, der in den kirchlichen Dienst wollte, insoweit abgesichert sein, dass er im Notfall in seinen frรผheren Beruf wechseln konnte. Mit meinem Abitur ging das allerdings nicht, denn die EOS bildete so genannte fachliche und politische Kader aus, d. h. es ging gar nicht an, dass man ein Studium nicht antrat. Als ich meinen Wunsch nach einer Berufsausbildung vortrug, war der Kommentar des Direktors, des Klassenleiters und des Parteisekretรคrs eindeutig: โ€žHerr Hubert, der Staat hat Hoffnungen in sie gesetzt als zukรผnftiger Kader, die Ausbildung hat er vollumfรคnglich finanziert. Jetzt ist es an ihnen, dem Staat etwas zurรผckzugeben!โ€œ Das hat gesessen, wie man so sagt. Und ich konnte ja nicht sagen, dass ich nur deshalb nicht studieren wollte, weil ich meine Lebensaufgabe bei der Kirche sah. Diese wiederum sah einen Berufsabschluss zwingend aus o.g. Grรผnden vor. Mir war allerdings schon zu diesem Zeitpunkt ziemlich klar, dass ich nach 5 Jahren Studium plus einer so genannten โ€šAbsolventenbindungโ€˜ an den โ€šTrรคgerbetriebโ€˜ im Alter von ca. 30 Jahren nicht noch einmal beim sprichwรถrtlichen Punkt 0 anfangen werde mit irgendeiner kirchlichen Ausbildung. 

Fรผrsorger

Meine Situation war also prekรคr und auch mit erheblichen innerfamiliรคren Konflikten verbunden, weil ich entschlossen war, nach dem Pflichtwehrdienst bei der NVA, das zunรคchst angegebene Studium nicht anzutreten und mich auf das Risiko einzulassen, nach einem einjรคhrigen Vorpraktikum in insgesamt acht kirchlichen Diensten und Einrichtungen mich in die kirchlich โ€“ caritative Fรผrsorger – Ausbildung durch die Diรถzese delegieren zu lassen. Froh war ich, dass die Kirche mit ihrer Caritas in Mecklenburg das Risiko mit mir einging. Und so kam es, dass ich in Magdeburg, in der Fรผrsorger-Ausbildung, der einzigen fรผr die gesamte DDR seinerzeit, der einzige in der Ausbildung war ohne beruflichen Abschluss. Hinzu kommt, dass diese Ausbildung dem Grunde nach eine westliche Fachhochschul-Ausbildung war und darum, u.a. wegen der fehlenden Ausbildung in Marxismus โ€“ Leninismus, keine staatliche Anerkennung erhielt. Wenn die DDR der Kirche die Tรคtigkeit im caritativen Bereich untersagt hรคtte, wรคre ich nach Vorpraktikum, Studium und Anerkennungsjahr ohne jeden Abschluss. So hieรŸ denn auch meine erste Berufsbezeichnung โ€žFรผrsorger im kirchlichen Dienst.โ€œ Von daher kann ich heute meinen Vater mit seiner Skepsis absolut verstehen. Dies umso mehr als er mir โ€“ schon zu Beginn des Vorpraktikums โ€“ deutlich sagte, dass er mich versteht und mir vertraut. Fรผr dieses Zu- und Vertrauen werde ich meinen beiden lieben Eltern immer dankbar sein. Und so kam es, dass ich nach dem Anerkennungsjahr zunรคchst bis zur Wende als so genannter Dekanatsfรผrsorger fรผr das ehemalige Dekanat Schwerin in den Gemeinden tรคtig war und mithalf bei Kindertagen, Seniorennachmittagen, in Einzelfรคllen bei Mietfragen, bei politischen รœberlegungen wie der Ausreise in den โ€šWestenโ€˜ oder bei Heimaufnahmen usw. Mein Dienstgeber war die Kirche, der ich auch insofern dankbar bin, dass ich in einer Gemeinde, im Rahmen der kirchlichen Jugendarbeit, meine Frau Maria kennenlernte. 

Die gesellschaftliche Wende 1989/90

Diese Situation รคnderte sich schlagartig durch die gesellschaftliche Wende 1989/90. Nachdem wir Fortbildungen und Prรผfungen in jenen Fรคchern absolvierten, die wir in der DDR nicht kennengelernt hatten, beispielsweise das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das Bundessozialhilfegesetz, das Kinder-Jugendhilfegesetz, Fragen zur Verwaltung usw.  erhielten die Absolventen des Fรผrsorger Seminars Magdeburg โ€“ das nach der Wende aufging in der KFH Berlin โ€“ Karlshorst – auf Antrag auch das Diplom und die staatliche Anerkennung. Darum bin ich tatsรคchlich seit รผber 45 Jahren bei der Caritas beschรคftigt โ€“ und nur bei der Caritas. Aus einsichtigen Grรผnden wurden Vorpraktikum, Studium und Anerkennungsjahr im kirchlichen Dienst als Dienstvertrรคge abgeschlossen. Das war sicherlich in den Anfangsjahren eine finanziell schwierige Situation, die keine โ€šgroรŸen Sprรผngeโ€˜ erlaubte. Von der rechtlichen Absicherung her und auch fรผr die Rente war dieses Verfahren jedoch umsichtig und von einer โ€šstrategischen Verantwortungโ€˜ geprรคgt, fรผr die ich heute noch sehr dankbar bin.  

Mein Beruf und neue Strukturen

Von Beruf bin ich also Diplom โ€“ Sozialarbeiter/Sozialpรคdagoge, zwischenzeitlich habe ich zusรคtzlich eine Qualifikation vor der IHK Schleswig-Holstein zum Betriebswirt erworben und theologisch habe ich ein siebenjรคhriges Fernstudium absolviert mit dem Abschluss der Lehrbefรคhigung fรผr die Erwachsenenbildung (Ordinariat Berlin).

Die Tรคtigkeit als Dekanatsfรผrsorger der Caritas in der DDR verรคnderte sich nach der gesellschaftlichen Wende radikal: Es mussten neue Strukturen in der Wohlfahrtspflege aufgebaut werden, u.a. rechtlich unselbstรคndige Kreisverbรคnde in der Caritas Mecklenburg e. V. Das hatte vorrangig pastorale Grรผnde, um in der ausgeprรคgten Diasporasituation keine Zersplitterung zu zulassen. So wurde ich nach Grรผndung der Caritas Mecklenburg e. V. zunรคchst Kreisgeschรคftsfรผhrer fรผr den Kreisverband Schwerin, der spรคter fusionierte mit dem Kreisverband Sรผdwestmecklenburg zum Kreisverband Westmecklenburg, der die heutigen Landkreise Nordwestmecklenburg, Ludwigslust-Parchim und die Landeshauptstadt Schwerin umfasst mit den Pfarreien, Gemeinden und caritativen Diensten und Einrichtungen. 

Die Fusion der Landes-Caritasverbรคnde von Mecklenburg, Schleswig โ€“ Holstein und Hamburg sowie des Caritasverbandes Lรผbeck e. V. zur Caritas fรผr das Erzbistum Hamburg e. V. erfolgte im Jahr 2018. Die einzige juristische Trรคgerschaft der Caritas รผber drei Bundeslรคnder hinweg hat sowohl strategische als auch pastorale Grรผnde: MaรŸnahmen des Controllings sind so besser zu handhaben und der faire, รผbergreifende Austausch zwischen Geschรคftsbereichen der operativen Ebene mit dem Spitzenverband schafft Synergien in Bereichen wie Fundraising, Projekt- und Konzeptentwicklung und dergleichen mehr. Die Caritaspastoral hat in dieser Struktur begleitende, initiierende und strukturierende Aufgaben, um ein partnerschaftliches Miteinander zwischen verbandlicher und gemeindlicher Caritas zu befรถrdern. Aufgaben im Bereich der ร–kumene und des interreligiรถsen Dialogs nehmen stetig zu. Sie sind ebenfalls nur zu leisten in dem einen Verband, und zwar in enger Abstimmung mit der Prรคvention und den Migrationsdiensten. Hinzu kommt in der Mitarbeitenden-Seelsorge der Umstand, dass zunehmend Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer in der Caritas tรคtig sind, die behutsam mit kirchlichem Denken und kirchlichen Strukturen vertraut gemacht werden.

Karl Rahner

Hier kommt รผbrigens fรผr mich die Theologie Karl Rahners inโ€˜ s Spiel. Dazu vielleicht nur folgende biografische Episode: Seit meiner Jugend hat mich die Theologie Karl Rahners begleitet. Sie hat mir wesentlich geholfen, in einer Gesellschaftsordnung, fรผr die Religion von Staats wegen โ€žOpium des Volkesโ€œ war, einen Glauben โ€žin intellektueller Redlichkeitโ€œ zu leben. 

Was heiรŸt das konkret? Auf der EOS lernte ich die โ€šMateriedefinitionโ€˜ Lenins kennen. Materie, so Lenin, sei die einzige, unabhรคngig vom Bewusstsein existierende Realitรคt. Mit siegessicherem Lรคcheln sagte unser Philosophielehrer seinerzeit, dass der Marxismus โ€“ Leninismus nicht nur Religion als unwissenschaftlich ablehnt. Das ohnehin, doch der dialektische und historische Materialismus sei sogar in der Lage, zu beweisen, dass es Gott gar nicht geben kann. Das traf- und schmerzte. Umso mehr, als meine Eltern zwar sagten, dass das alles โ€šBlรถdsinnโ€˜ sei. Warum das aber so ist, sagten sie nicht. Und mein Heimatpfarrer, dem ich wohl mit meinen Fragen allzu sehr auf die Nerven ging, gab mir ein kleines Bรผchlein, das ich heute noch (mit vielen Anstrichen und Anmerkungen) besitze. Es trรคgt den Titel: โ€žVon der Not und dem Segen des Gebetes.โ€œ Es stammte von einem gewissen Karl Rahner. Unser Heimatpfarrer โ€“ ein wunderbarer Pรคdagoge – sprach zu mir in ernstem Ton: โ€žRudi, lies das. Wenn du es nicht gleich verstehst, lies es noch einmal. Vielleicht musst du sogar ein drittes Mal dich daran versuchen. Erst wenn du gar nichts damit anfangen kannst, aber erst dann, kommst du wieder zu mir. Dann reden wir darรผber. Der Karl Rahner schreibt lange Sรคtze und will sich nach allen Seiten immer absichern.โ€œ

Gottes Geist als Glaubenshilfe

Das hatte meinen jugendlichen Ehrgeiz geweckt. Ich kann hier nicht alle Einzelheiten beschreiben, die mich damals umtrieben, aber im zweiten Kapitel mit dem zunรคchst merkwรผrdig anmutenden Titel (Erst spรคter wurde mir klar, wie unersetzlich, ja konstitutiv Gottes Geist als Glaubenshilfe ist!) โ€žDer Helfer โ€“ Geistโ€œ gab es eine fantastische โ€šZeitdiagnoseโ€˜, die mit dem Fazit endete: โ€žWeiรŸ der Mensch von heute aus sich wirklich mehr von sich, als dass er eine Frage istโ€ฆdie nur weiรŸ, dass die Last der Fragwรผrdigkeit bitterer ist, als dass der Mensch sie auf die Dauer ertrรคgt.โ€œ Schlagartig wurde mir deutlich, dass all das Gerede von der โ€šwissenschaftlichen Weltanschauungโ€˜ hohl und leer ist, nichtssagend. Hier ist jemand, der mich versteht. Viel besser, als ich es mir selbst einzugestehen wagte. Das zog sich durch das gesamte Buch. Und mir ging es genauso, wie es der Psychoanalytiker (!) Albert Gรถrres einmal treffend beschrieb: Weil Rahner so tief verstehen konnte, wurde er, Gรถrres, โ€žrahnersรผchtigโ€œ, wie ein Drogenabhรคngiger von der nรคchsten Spritze. 

In der Einleitung zu Rahners Long- und Bestseller โ€žVon der Not und dem Segen des Gebetesโ€œ im Jahr 2004 konnte ich meine Erfahrungen mit dieser Theologie beschreiben. Vertieft habe ich diese und auch heutige Erfahrungen in Theologie und Kirche in meinem Buch โ€žIm Geheimnis leben โ€“ Zu Leben und Glauben in der Spur Karl Rahners SJ ermutigenโ€œ, das 2013 erschien. 2018 erschien von mir das Buch โ€žWo alle anderen Sterne verlรถschenโ€œ. (Echter-Wรผrzburg)

Von mir sind auรŸerdem Aufsรคtze und kleinere Bรผcher zu theologischen Ansรคtzen und Impulsen von Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Eugen Drewermann und Reinhold Schneider im Laufe der Jahre im Adlerstein โ€“ Verlag erschienen. Dort konnte ich auch im Rahmen des Interreligiรถsen Dialogs Schwerin ein kleines Gebetbรผchlein mit verรถffentlichen:ย โ€žGebete und Meditationen โ€“ Beten in Gemeinschaft anderer Beter.โ€œย Neuerdings sind meine Bรผcher und Impulse auf der eigenen Websiteย www.rudolfhubert.deย ย gut zu finden, ebenso auf der Seiteย Caritaspastoralย derย Caritas fรผr das Erzbistum Hamburg.

Warum Karl Rahner heute und morgen?

Papst Benedikt schrieb als Theologe Joseph Ratzinger einmal in โ€žWendezeit fรผr Europaโ€œ angesichts des Ausfalls des Religiรถsen im politischen Raum:

โ€žDie Erfahrung der Unerlรถstheit, der Entfremdung verstรคrkt sich, und die Erfรผllung, die jenseits nicht sein kann und die von keiner Gnade geschenkt wird, muss nun in dieser Welt durch eigenes Handeln bewerkstelligt werden. Damit wird aber an die Politik eine Erwartung geknรผpft, der sie nicht entsprechen kann. Die zur Politik gewordene Religion รผberfordert die Politik und wird damit zu einer Quelle der Desintegration des Menschen in der Gesellschaft.โ€œ [1]

In diesen Raum hinein sprechen die Impulse Karl Rahners. Ich kann nur auf einige wenige andeutend hinweisen in der Hoffnung, dass dieser Theologe von mรถglichst Vielen als โ€šGlaubenshelferโ€˜ ( Karl Pfleger) entdeckt wird. Dies umso mehr als Karl Rahner nie irgendeine Originalitรคt fรผr sich beanspruchte, sondern immer wieder auf die ganz normale, kirchliche โ€šSchultheologieโ€˜ insistierte 

Verdankte Existenz

Beginnen mรถchte ich mit einem frรผhen Gebetswort Rahners. Es ist so recht ein Gegenstรผck zum neuzeitlich wirkmรคchtigen โ€žIch denke, also bin ichโ€œ und kann etwas vermitteln von dem, was allem Glauben zugrunde liegt: Wir sind vor allem eine verdankte Existenz.  

โ€žWas habe ich also anders dir von dir zu sagen, als dass du der bist, ohne den ich nicht sein kann, als dass du die Unendlichkeit bist, in der allein ich, Mensch der Endlichkeit, zu leben vermag? … ich bin der, der sich nicht selbst gehรถrt, sondern dir. Mehr weiรŸ ich nicht von mir, mehr nicht von dir โ€“ Du -, Gott meines Lebens, Unendlichkeit meiner Endlichkeit.โ€œ[2]

Wie leben wir vertrauensvoll und verantwortlich unseren Glauben inmitten einer Umwelt, die oftmals die Frage nach Gott nicht (mehr) stellt? Dazu die Antwort Karl Rahners:

โ€žRahner ist der Theologe der Universalitรคt der Gnade. Man wird diesen Ehrentitel auch anderen Theologen des 20. Jahrhunderts geben kรถnnenโ€ฆAber der Rahnersche Duktus ist gerade darin ganz spezifisch, dass er sich diesem groรŸen Thema, dem universalen Heilswillen Gottesโ€ฆin der Banalitรคt des Alltags widmet โ€ฆ Dass die Tiefe des Menschlichen und des Christlichen nicht voneinander zu trennen sind, ist fรผr Rahner eine theologische Kernaussage.โ€œ[3]

โ€žDas >unterscheidend Christliche< nach Rahner ist das allen Menschen von Gott angebotene, seine Gnade. Wรคhrend, so kann man sagen, sich andere Identitรคten durch Abgrenzungen bestimmen, ist das Christliche als das Gemeinsame aller Menschen auf Grund ihrer Herkunft und Zukunft in Gott auszulegen.โ€œ [4]

Rahner und die Caritas

Und welche Bedeutung hat Karl Rahner konkret fรผr die Caritas? Er hat sich nicht nur vielfach zu Themen wie der Gefรคngnisseelsorge, der Bahnhofsmission, zur Theologie des Buches und des Kindes geรคuรŸert. Er hat Grundlegendes gesagt zur Kirche als โ€ždienende Gemeinschaftโ€œ (so Erzbischof Stefan im Hirtenwort 2022, anlรคsslich des Ansgar-Festes): 

โ€žDas letzte Wort der Theologie an den Menschen ist nicht die theoretische Spekulation รผber das MaรŸ an Freiheit und Verantwortlichkeit in Einzelfรคllen, sondern die Zusage, dass sich Gott in seiner Gnade dem Menschen zu liebender Nรคhe anbietet und auch die akthafte Annahme seiner Selbstmitteilung in der personalen Liebesekstase noch von Gott ermรถglichend getragen ist.โ€œ[5]

โ€žDas letzte Wort der Theologie Karl Rahners als anthropologischer ist die mystagogische Aufforderung, die Nรคchstenliebe zu vollziehen als Verรคhnlichung Christi und als Erfรผllung des Begriffes, den Gott mit seiner Inkarnation vom Menschen gebildet hat.โ€œ[6]

 โ€žDie Theologie ist der die ganze Existenz kostende Aufwand, die Geheimnishaftigkeit Gottes als vom Menschen anzunehmende zu verteidigen gegenรผber dem hybriden Zugriff auf Gott. Damit ist aber die Theologie als unter dem Gesetz der Analogie stehende notwendig ein schmerzhaftes Tun.โ€œ [7]

Sendung und Sammlung

Noch einmal und schlussendlich: Warum Karl Rahner? In der Antwort auf diese Frage sehe ich auch die kรผnftige Bedeutung Rahners fรผr die Caritas, fรผr die Pastoral in unserem Projekt โ€žSendung und Sammlungโ€œ.  Diese Frage kann niemand besser beantworten als Karl Rahner selbst. Darum gebรผhrt ihm auch das letzte Wort in dieser Angelegenheit: 

โ€žAlles Kirchliche, also alles Institutionelle, Rechtliche, Sakramentale, alles Wort, aller Betrieb in der Kirche und also auch alle Reform von all diesem Kirchlichen ist im letzten Verstand und in der letzten Absicht, so es sich nur selber richtig begreift und sich nicht selbst vergรถtzt, reiner Dienst, bloรŸe Hilfestellung, fรผr etwas ganz anderes, etwas ganz Einfaches und so gerade unbegreiflich Schweres und Seliges zumal: fรผr Glaube, Hoffnung und Liebe in den Herzen aller Menschen.โ€œ[8]


[1] Joseph Ratzinger โ€žWendezeit fรผr Europa, Freiburg 1992, S. 113

[2] โ€žBeten mit Karl Rahnerโ€œ, Band 2 โ€žGebete des Lebensโ€œ, Freiburg-Basel-Wien 2004, S. 27

[3] Albert Raffelt in โ€žVon der Gnade des Alltagsโ€œ, Freiburg-Basel-Wien 2006, S. 81-86

[4] Roman A. Siebenrock in โ€žNach Rahnerโ€œ โ€“ post et secundum, Kรถln 2004, S. 86

[5] Ralf Miggelbrink โ€žEkstatische Gottesliebe im tรคtigen Weltbezugโ€œ, Altenberge 1989, S. 148

[6] Ralf Miggelbrink โ€žEkstatische Gottesliebe im tรคtigen Weltbezugโ€œ, Altenberge 1989, S. 317

[7] Ralf Miggelbrink โ€žEkstatische Gottesliebe im tรคtigen Weltbezugโ€œ, Altenberge 1989, S.70

[8]Karl Rahner โ€žDas Konzil โ€“ ein neuer Beginnโ€œ, mit einer Hinfรผhrung von Karl Kardinal Lehmann, herausgegeben von Andreas R. Batlogg und Albert Raffelt, Freiburg-Basel-Wien 2012, S.52โ€“ Der Text des Vortrages von Karl Rahner ist auch abgedruckt in Rahners SW, 21/2, S. 775 ff

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