Liebesbrief an die Kirche

Eugen Drewermann wird 86 Jahre alt

Am 20. Juni 2026 wird Eugen Drewermann 86 Jahre alt. Doch was heißt ‚alt’? Wer sich an einzelne Werke seines unüberschaubar gewordenen Riesenwerkes herantraut und sich in sie vertieft oder wer Eugen Drewermann bei Vorträgen erlebt, dem kommt angesichts dessen, was er erlebt, die Vokabel ‚alt‘ merkwürdig vor. Hier schreibt und spricht einer – oft stundenlang – ohne irgendeinen Stichwortzettel. Immer frei, immer mit präzisen Angaben, wenn es um Daten oder Verse oder Geschichten geht. Ein schier unglaubliches Gedächtnis, gepaart mit einer phänomenalen Rhetorik und einem Faktenwissen in sämtlichen Natur- und Gesellschaftswissenschaften, das einzigartig ist und seinesgleichen sucht. Eugen Drewermann ist ein Phänomen – er ist nicht nur im Herzen und Verstand jung geblieben. Aus seinem Fundus an Wissen und Kompetenz kann er jederzeit schöpfen, ausgiebig. Er kann werben und klagen, argumentieren oder beschwören – stets ist er authentisch und überzeugend. 

Eugen Drewermann ist bekannt für sein politisches und gesellschaftliches Engagement, das ihm viele renommierte Preise einbrachte. Er hat in vielfacher Weise auf Gesellschaft und Kirche eingewirkt. Sein Engagement in Politik und Gesellschaft geschieht in bewusster Bezugnahme auf das christliche Sinn- und Werteangebot, das er in großen Abhandlungen mit vielfältigen Bezügen immer wieder in die großen gesellschaftlichen Foren und Diskussionen einbringt. 

Man wird nicht immer mit diesem streitbaren Denker übereinstimmen. Darum geht es auch gar nicht. Es wäre auch das, was Drewermann grundsätzlich ablehnt. Er plädiert für die Freiheit des Gewissens, scheut nicht vor beißender Polemik zurück, wohlwissend, dass er damit auch verletzt – wie auch er selbst oft verletzt worden ist. 

Liebesbrief an die Kirche

Nicht alle Aussagen Eugen Drewermanns zur Kirche, zur Friedenspolitik oder zu anderen gesellschaftlichen Themen stoßen auf ungeteilte Zustimmung. Seine Stellungnahmen beispielsweise zum Verteidigungskrieg des um seine Freiheit ringenden ukrainischen Volkes machen mich ebenso sprach – und ratlos wie manche seiner sehr einseitigen Stellungnahmen zur NATO und zum ‚Westen‘. Bei aller Distanz zu manchen politischen Äußerungen Drewermanns bleiben Achtung und Respekt diesem Meisterdenker gegenüber, dessen theologisches Werk bahnrechend ist und nicht mit diesen – durchaus fragwürdigen – Äußerungen identifiziert werden darf! Wegen seiner vielfachen theologischen Verdienste darf dieses Werk nicht in Vergessenheit geraten. 

 Vor 21 Jahren, zu seinem 65. Geburtstag, trat Eugen Drewermann aus der Kirche aus. Er machte sich damals – wie er diesen Schritt selbst beschrieb – ein „Geschenk der Freiheit“. Manch einer, ich gehöre dazu, bedauert diesen Schritt sehr. Denn Eugen Drewermann ist durch und durch ein Mann des Glaubens, der seine Liebe zur Kirche nie aufgegeben hat. Ich habe die nachfolgenden Zeilen einmal einen ‚Liebesbrief‘ an die Kirche genannt, den man bei Drewermann in einem seiner späten Grundlagenwerke findet: 

„Dann verbleibt eine nie endende und tief empfundene Dankbarkeit zu jener <<unsichtbaren Kirche>>, die besteht aus all den vielen, die in ihrem Leben und mit ihrem Leben standen und einstanden für ihren Glauben an die Botschaft Jesu, ein Reich Gottes sei möglich inmitten dieser Welt. Durch ihren Einsatz, ihre Unbeirrbarkeit, durch ihren Mut und ihre Treue ging Jesu Zeugnis weiter, und jeder, der es auf sich nimmt, erkennt in ihnen seine wahren Brüder, seine wahren Schwestern wieder. Es gibt sie doch, jene Gemeinschaft <<aller Heiligen>>, der wir in aller Unvollkommenheit, doch voller Sehnsucht bewundernd und bestärkt entgegenwandern, von ihr getragen und verlockt in dem Gebet, das Jesus seine Jünger lehrte: <<Unser Vater, himmlischer du, was du bist, das gelte, was du wirkst, das komme, was du willst, geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“<< (Mt 6,9.10) 

(Eugen Drewermann „Wendepunkte“, Ostfildern 2014, 326)

Leben gibt es nur im Glauben

Besonders Drewermanns kaum mehr überschaubaren Werke, Aussagen und Überlegungen zu den Themen Tod und Auferstehung sind beachtenswert, besonders auch im Gespräch mit Suchenden und Fragenden, mit Humanisten, Agnostikern und Freidenkern. Drewermann gelingt in beeindruckender Weise der Nachweis, den er schon in seinem Erstling „Strukturen des Bösen“ in die Formel kleidete: „Leben gibt es nur im Glauben“. (Eugen Drewermann „Strukturen des Bösen“, I – III, Paderborn 1977/78; III, XLI ff)

Er hat diese – für ihn grundlegende – Überzeugung immer und immer wieder (neu) begründet. Auch seine jüngsten Werke sind ein einziges Plädoyer für ein Leben aus dem Glauben, der in der Liebe gründet und in sie mündet: 

„Auf diese Weise entsteht unausweichlich die Frage, wie wir mit der Naturtatsache der Endlichkeit unseres Lebens umgehen. Das erste Paradox besteht bereits darin, dass uns als Menschen die biologischen Antworten nicht mehr schützen, – sie genügen nicht, sie muten geradewegs zynisch an…wir lebten ja weiter in den Kindern…Eine solche Antwort ist sehr beliebt, aber sie ist gänzlich falsch…Es gibt kein persönliches Weiterleben in den Genen…Personalität wird ja nicht in den Genen produziert, sondern in …dem Riesenstrom von Erfahrungen und Informationen, die wir als individuelle Psychogenese bezeichnen… Die Antwort der Religion lautet: Wir sterben nicht ins Nichts hinein, sondern in die Hände, die uns geformt haben…Diese Perspektivenöffnung ins Unendliche, diese Hoffnung auf ein neues, anderes Leben in Gottes Ewigkeit, hat absolut nichts zu tun mit dem Selbsttrost kindlicher Wunschphantasien; sie bedingt vielmehr, dass wir als Erwachsene der leidigen Todespraxis des sonst ganz >>normalen<< Lebens als eines unendlichen Kampfes ums Überleben endlich ledig werden und wahrhaft als Menschen zu existieren beginnen…Diese Perspektive ins Unendliche ist sehr wichtig, um Humanität in der irdischen Existenz wirklich zu wagen…sie setzt voraus den Glauben und die Zuversicht, dass das, was wir sind, in Gottes Hand unendlich ist und nie vergehen wird. “ 

(Eugen Drewermann – Michael Albus „Die großen Fragen“, Ostfildern 2012, S.57-60)

„Klar ist, dass es nicht dabeibleiben kann, zu sagen: du lebst in unserem Gedächtnis und in unserer Erinnerung, – du bleibst, solange wir noch an dich denken und wohl noch von dir reden…Wir können nur so lange denken, als wir sind; unser Bewusstsein hängt von unserem Sein ab, und wie lange sind wir selbst? Es ist nichts als ein täuschendes Wortspiel zur Selbstberuhigung, von einem >>Weiterleben in unserem Gedächtnis<< zu sprechen. 

(Eugen Drewermann „Alles ist Gnade“, Ostfildern 2025, 273 f)

Drewermann spricht von Reifung der Person, von einem Wachsen in der Annahme, im existentiellen Wissen – gerade, weil man nicht perfekt ist, weil man abhängig ist – gehalten zu sein – und zwar bedingungslos! Hier scheint für ihn GOTT auf:

„Von nichts anderem wirklich kann ein Mensch leben als von dem Vertrauen, trotz allem umfangen zu sein von etwas, das er nicht kennt noch beweisen kann und das ihn dennoch besser kennt als er sich selbst und das ihn doch als berechtigt erweist inmitten einer Welt sonst unauflösbarer Widersprüche.“ 

(Eugen Drewermann „Dass auch der Allerniedrigste mein Bruder sei“, Walter – Verlag Zürich und Düsseldorf, 1998, 7)

Ein verkannter Prophet

Wie kann man diesen Mann ehren, der auch von Bischöfen als ein „verkannter Prophet“ (Heiner Wilmer, Franz Bode) bezeichnet wurde? 

Wenn man die beiden jüngsten Buchtitel von Eugen Drewermann zusammennimmt, also: „Wovon die Menschen leben“ (2026) 1 und „Alles ist Gnade“ (2025) hat man eigentlich d i e ‚Kurzformel‘ der Theologie von Eugen Drewermann vor sich. Seit seinem fulminanten Erstling Strukturen des Bösen“ I – III (1977/ 78) bis in die Gegenwart hinein, konfrontiert Eugen Drewermann seinen Glauben unablässig mit all jenen Fragen, Problemen, Sehnsüchten und Hoffnungen unserer Tage, um immer wieder herauszuarbeiten, dass wir nicht zwangsläufig in „Strukturen des Bösen „verharren müssen. Denn: „Leben gibt es nur im Glauben.“(ebenda)

Eines seiner Bücher, das ich immer wieder zur Hand nehme, ist Eugen Drewermanns ‚Glaubensbilanz‘: „Wir glauben, weil wir lieben.“ (2010) 

Nun soll man nicht v o r dem eigentlichen Festtag gratulieren. Der Schluss soll darum die Bitte um Gottes Segen für Eugen Drewermann sein. Vor allem soll aber am Schluss ein Wort des Dankes stehen. Dank für die Glaubenshilfe, die auch unsere Kirche Eugen Drewermann, dem „verkannten Propheten“ schuldig ist. Dank, der sich darin äußert, ob und in welcher Art und Weise wir den Hinweis Eugen Drewermanns ernst nehmen: 

„Es ist mehr denn je dringend notwendig, den Glauben in kleinen Gemeinschaften zu leben…Wo jedoch Menschen einander begegnen in ihrer Brüchigkeit, in ihrer Bereitschaft, zu verstehen und zu begleiten, da wird konkret, was Jesus gemeint hat.“ 

(Eugen Drewermann im Gespräch mit Michael Albus „Die Stunde des Jeremia“, 2020, 181)

Der Buchtitel spricht für sich: „Die Stunde des Jeremia“. Der Untertitel lautet: Für eine Kirche, die Jesus nicht verrät. Vielleicht haben wir in Eugen Drewermann den Jeremia unserer Tage vor uns. Mir scheint das evident. Und auch wenn die Propheten oft verlacht und verspottet wurden – es war immer ratsam und klug, auf sie zu hören!


  1. Die in Klammern gesetzten Zahlen geben das Erscheinungsjahr an. ↩︎
Bild von Margrith Barille auf Pixabay

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