Die Kirchen befinden sich in einem umfassenden Transformationsprozess. Das betrifft Strukturen, Finanzen und Personal in einem Ausmaß, dessen wir uns erst langsam bewusst zu werden scheinen. Im Jahr 2006 wurde im Erzbistum Hamburg der Prozess „Salz im Norden“, der 2004/2005 begann und dem schon ein Fusionsprozess und Konsolidierungsprozess von Gemeinden und Pfarreien vorgeschaltet war, abgeschlossen. Bereits 2009 beginnt in einem neuen Pastoral-Prozess die Bildung der sogenannten „Pastoralen Räume“.1 Dieser Prozess sollte 2020 abgeschlossen sein, was auf Grund verschiedener Ursachen und Bedingungen zeitlich nicht erreicht werden konnte. Nun ist ein weiteres Pastoralkonzept ‚an den Start gegangen‘: Sendung und Sammlung (SeSam). Was diese rasche Aufeinanderfolge von Prozessen und Veränderungen mit den Menschen vor Ort macht, bedarf einer gesonderten Untersuchung. Wenn ich diese Prozesse möglichst vorurteilsfrei beurteile, erkenne ich – bei allem Wohlwollen – eine Konzentration auf das ‚Machbare‘ und einen zunehmenden Ausfall auf pastoral-inhaltliche Fragen. Ich mache es konkret: Pastoralstrategische Fragen in Bezug auf eine Gesamtstrategie, wie sie Karl Rahner schon 1972 zur Würzburger Synode anmahnte, nehme ich kaum wahr. Ebenso wenig erkenne ich adäquate Bemühungen, um eine mystagogische Pastoral wirklich voranzubringen. Gerade hier – in einem fast vollständig säkularisierten Umfeld – sind die Impulse aus der ignatianischen Spiritualität eine wirkliche Glaubenshilfe. Mir scheint, dass – bei aller Strukturdiskussion und allen Personal – und Finanzfragen hier noch ein Bereich ist, in dem dringend aufgeholt werden muss. Dieser Aufgabe stellt sich der folgende Essay.
Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance
In welcher Welt findet sich die Kirche heute vor, wie ist jener Ort beschaffen, an dem sie die Botschaft vom Heil bezeugen soll? Diese Frage soll theologisch bedacht werden, denn – das hat nach eigenem Bekunden Paul M. Zulehner von seinem Lehrer Karl Rahner unmissverständlich gelernt – um es laut und vernehmlich als Warnung zu sagen vor allen Tendenzen in der Theologie, diese auf „innerweltliche Anthropologie“ zu verkürzen: Bei aller Anerkenntnis anthropologischer Wissenschaften, wie Psychologie, Soziologie, Genetik etc. muss pastoraltheologisch immer wieder betont werden:
„,dass die Ergebnisse dieser Fachwissenschaften auch theologisch überdacht werden müssen.“ 2
Auch hier müssen wir uns vor Illusionen hüten. Hier ist nur der ungetrübte Blick auf die Wirklichkeit hilfreich. In seiner „Kleinen Fibel für verunsicherte Laien“ 3 schreibt Hans Urs von Balthasar zunächst ganz lapidar:
„Der politische Kampf ist dem Christen aufgetragen. Er muss nur wissen, dass das Reich Gottes nicht (marxistisch) innerhalb der Strukturen dieser Welt errichtet wird“.
Doch nur zwei Seiten weiter führt Balthasar aus, was er konkret meint. Es sind Worte, die an Deutlichkeit und Klarheit nichts zu wünschen übriglassen:
„Die Lage des Christen gleicht einem Zweifrontenkrieg. Denn einmal muss er mit all denen zusammen streiten, die gegen die diabolische geistige wie materielle Zerstörung die Erde, Gottes Schöpfung, rein und heilig zu erhalten suchen, andererseits aber gerät er bei diesem Tun, sich die Erde in gottgewollter Weise untertan zu machen und sie zu humanisieren, unversehens doch in die Reihe derer, die unter dem Vorwand, der Erde treu zu sein, Gott untreu sind. Die Christen erleben wie keine Generation zuvor, wie zweideutig aller irdischer Fortschritt ist…Und je mehr materielle Macht ihm zufällt, desto mehr ballen sich die Machtblöcke – notwendig gegeneinander…es wäre ein unausdenkbares Paradox, wenn die Menschheit die ihr zugespielte Machtfülle in der Gesinnung dessen zu verwalten und zu verteilen verstünde, der nicht kam, um zu herrschen, sondern um zu dienen…Es gibt kein Bergendes mehr, weder kann man sich, der Kirche misstrauend, in der progressiven Gesellschaft bergen, noch sich traditionalistisch in die Kirche einkuscheln, um sich vor den Forderungen der Gesellschaft zu verbergen.“
An Deutlichkeit sind diese Worte, wie gesagt, kaum zu übertreffen. Umso wichtiger ist die Frage nach dem Kriterium echten kirchlichen Engagements. Es gibt in diesem Zusammenhang ein Wort Karl Rahners, das zunächst schockierend wirken kann. Karl Rahner schreibt in seinem ‚Strukturwandel‘:
„Der Wille zur Kirchlichkeit der Menschen muss somit in der Kirche ein Wille sein, dass diese kirchlichen Christen allen dienen… Die Kirche hat auch dann für Gerechtigkeit, für die Würde des Menschen einzutreten, wenn es ihr selbst eher schadet… “ 4
Es sind gerade die so genannten ‚Heiligen der Nächstenliebe‘, auch in unserer Zeit,5 deren Zeugnis dafür bürgt, dass Kirche ihren Wesensvollzug erreicht. Warum ist das so? Und wo ist das untrügliche Kriterium für die Wahrheit kirchlichen Tuns in der Welt? Das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter, die Seligpreisungen aus der Bergpredigt, Jesu Rede vom Weltgericht, in dem er sich mit den Ärmsten und Geschundenen identifiziert, sind für alle Zeiten „wie in Stein gemeißelt“. Keine Exegese wird sie weginterpretieren oder umdeuten können. Ja, man wird sagen müssen, dass dort,
„wo die Kirche mehr an sich selber denkt und sich anders selbst zu retten sucht als durch die Rettung der anderen“ 6,
dort hat sie sich eigentlich selber aufgegeben. Bleibt also schlussendlich die Frage, wovon wir zuerst und zuletzt reden müssen, was das ist, was unser Eigentlichstes als ‚kirchliche Existenz‘ ausmacht. Dazu noch einmal Karl Rahner:
„Wir haben zuerst und zuletzt dem Menschen von heute vom innersten, seligen, befreienden, aus Angst und Selbstentfremdung erlösenden Geheimnis seines Daseins zu künden, das wir ‚Gott‘ nennen…Wo der Mensch die Erfahrung Gottes und seines aus der tiefsten Lebensangst und der Schuld befreienden Geistes auch anfanghaft nicht gemacht hat, brauchen wir ihm die sittlichen Normen des Christentums nicht zu verkündigen. Er könnte sie ja doch nicht verstehen…“ 7
Die ignatianische Mystik der Weltfreudigkeit
So lautet ein früher Aufsatztitel Karl Rahners aus dem Jahre 1937. In der Literatur zu Karl Rahner ist es mittlerweile Gemeingut, dass Rahner seine geistlichen und geistigen Wurzeln ganz entscheidend in der ignatianischen Spiritualität hat. Die Exerzitien seines Ordensgründers haben nicht nur einen großen Anteil an Inhalt und Form seiner Theologie, sie bestimmen auch in großem Maße sein geistliches Leben. Und hier hat insbesondere auch der Begriff Mystik eine ganz originäre Note erfahren, die sich auswirkt in dem, was Karl Rahner „Weltfreudigkeit“ nennt.
In seiner Arbeit „Gnade und Welt“ geht Nikolaus Schwerdtfeger in eindringlicher Weise auf die geistliche Dimension der rahnerschen Theologie ein. Er macht in seinen Ausführungen deutlich, dass die von Ignatius geforderte „Grundindifferenz“ für Karl Rahner nichts weniger bedeutet als „die wesentliche Aufgabe unseres Daseins.“
„Was Rahner in seinem Ignatius –Aufsatz in formaler Weise erörtert, gewinnt vor allem in seinen Betrachtungsbüchern zu den ignatianischen Exerzitien anschauliche Gestalt. Den Begriff der Transzendenz setzt er dort mit dem ignatianischen Begriff der „Indifferenz“ (Ex.spir.23) gleich (vgl. bes. EpE 41-48). Indifferenz wird dabei zunächst in einem metaphysischen Sinn als eine Grundstruktur des geistigen Daseins begriffen, insofern der Mensch in seiner Erkenntnis und Freiheit alles einzelne Endliche stets in einen größeren Horizont einsetzt und sich so „indifferent“ gegen das einzelne erfährt. Diese Grundindifferenz bedeutet aber zugleich „die wesentliche Aufgabe unseres Daseins.“ (EpE 42) Es kommt darauf an, sie auch personal, in der geistig freien Existenz zu übernehmen. Da sich der Mensch als Sünder jedoch immer schon an die endlichen Wirklichkeiten verloren und sie absolut gesetzt hat, kann sich diese aktive Indifferenz „nicht anders vollziehen als durch das Loslassen eines endlichen Gutes, von dem zunächst der Eindruck entsteht, man müsse sich mit ihm identifizieren und man könne nicht sein und leben ohne es“ (EpE 195). „Aber in dieser, durch dieses Loslassen entstehenden freien Leere des Herzens, das glaubt, ohne zu sehen, das aufgibt, ohne unmittelbar belohnt zu werden, in dieser existentiellen und nicht theoretischen Transzendenz geht wirklich der ‚Deus semper major‘ auf und nur so“ (EpE 195). Die radikal frei vollzogene und durchgehaltene Indifferenz ist darum genau das, was Ignatius „Trost ohne vorausgehende Ursache“ nennt (vgl. WdChr 93.)“ 8
Karl Rahner spricht in „Wagnis des Christen“ 9 sogar von einer „kopernikanischen Wende“ in der modernen Frömmigkeit und führt dazu aus:
„Heute lernt die Christenheit langsam, dass sie alles im profanen Leben als Vorgang des Heils (oder eben des Unheils) leben und verstehen kann und muss, gerade damit sie nicht einem falschen Säkularismus verfällt…Alles, was nicht Sünde ist, aber frei und verantwortlich getan wird, ist für den Christenmenschen im Stand der Gnade Ereignis dieser Gnade, ein Stück der Heilsgeschichte, getragen vom Geist Gottes, Annahme seiner Ewigkeit.“
Und an anderer Stelle lesen wir zu dieser „kopernikanischen Wende“:
„‚Wenn Gott selbst nach dem II. Vatikanum auch noch das Heil dessen sein kann, der meint, in wirklicher Redlichkeit und so in Unschuld ein Atheist sein zu müssen, dann kann er auch im Leben des Christen noch dort sein, wo ohne ausdrückliche Frömmigkeit das weltliche Leben fröhlich, frisch, ernst und tapfer gelebt wird. Hier liegt der wahre Sinn des oft sich selbst nicht verstehenden Redens von einer ‚Weltfrömmigkeit'“ (VII, 24). Natürlich hat die katholische Glaubenslehre immer gewusst, dass nicht nur die Sakramente und eigentliche geistliche Übungen, sondern alle sittlichen Akte, die im Stand der Gnade getan werden, ‚verdienstlich‘ sind und die Gnade wachsen lassen. Aber zu einer Überzeugung, die das konkrete Leben formt, mag diese Lehre doch erst durch die Theorie von einem ‚anonymen Christsein‘ werden. Sie leitet nach Rahner gewissermaßen eine ‚kopernikanische Wende‘ in der Frömmigkeit des Christen ein, indem sie die ‚anonyme Christlichkeit‘ der weltlichen Existenz und des Dienstes an der Welt ausdrücklich vor Augen stellt und als inneres Moment an einer heutigen christlichen Glaubensgestalt schärfer zu sehen lehrt.“ 10
In dieser ‚ingnatianischen Weltfrömmigkeit‘ liegt nicht nur eine, sondern vielleicht d i e Chance für die Vermittlung der christlichen Botschaft heute. Gleichzeitig scheint sie jene Hilfe zu sein, die unsere Kirche heute in besonderer Weise benötigt, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit (zurück)erhalten will. Es gibt nicht den christ-katholischen Sonderweg auf Grund einer besonderen, einer exklusiven Gnade zum Heil. Ganz im Gegenteil: Die „Gnade des Alltags“, das „Gottfinden in allen Dingen“ wird für die Weltgestaltung heute nicht nur fruchtbar sein. Es scheint die einzige Form zu sein, den ‚Graben‘ zwischen Leben und Glauben zu überwinden und die Kraft des Glaubens im Leben zu erweisen.
„So zeichnen sich… die Umrisse eines wahrhaft christlichen Verhältnisses zur Welt ab. Es weist sich weder durch eine utopistische Welttrunkenheit aus, die das Skandalon des Kreuzes ausklammert, noch durch eine resignierende oder verzweifelte Flucht vor der Welt, die ihre schon begonnene Verklärung in mangelnder Glaubenshoffnung leugnet…. Es schadet nichts, wenn der Christ sich scheinbar kaum von einem nüchtern-tapferen Menschen unterscheidet, der das Leben liebt, ohne sich über es Illusionen zu machen. Denn wenn ein solcher diese illusionslose Liebe zur Welt bis zum bitteren Ende durchträgt und bewahrt, dann ist das Gnade Gottes und er selbst in der Gnade Gottes ein „anonymer Christ“. 11
Die ignatianische Weltfrömmigkeit ist allerdings mehr als die Verifikation gläubigen Lebens. Sie bewahrt sowohl vor Fatalismus als auch vor tiefer Resignation angesichts der heutigen Situation in der Kirche. Denn das Gespräch mit dem skeptisch zurückhaltenden Zeitgenossen gestaltet sich ebenso schwierig wie mit all jenen Menschen, die mehr oder weniger gelangweilt und desinteressiert beobachten oder mit einer gewissen Überraschung feststellen, wie in den christlichen Kirchen Meinungsverschiedenheiten mit einer nie gekannten Erbitterung ausgetragen werden. 12
Die ignatianische Spiritualität kann in heutiger Zeit auch deshalb eine Quelle der Hoffnung sein, weil sie eine Glaubensrechenschaft in ‚intellektueller Redlichkeit‘ verbürgt. Das zeigt ein kurzer Blick auf den Schlussteil von Karl Rahners „Rede des Ignatius von Loyola an einen Jesuiten von heute“. Sie ist nach eigener Aussage Karl Rahners „geistliches Testament“ 13. In ihm stellt Rahner nicht nur grundsätzliche Fragen. In ihm gibt er vor allem auch seiner Hoffnung Ausdruck, dass es immer Menschen geben wird, die „sich an allen Götzen dieser Welt vorbei“ auf das unbegreifliche, heilige Geheimnis einlassen. Im Wissen darum, dass das Geheimnis des Menschen nur dann mit all seinen Fragen und Problemen, mit seiner Hoffnung und Sehnsucht irgendwie ‚fertig wird‘, wenn es sich in liebendem Vertrauen IHM überlässt. Die personale Nähe des Heiligen Geheimnisses ermöglicht es dem Menschen, sein Menschsein offen zu halten und sich nicht an endliche Güter – auch wenn sie in glänzender Fassade auftreten – endgültig zu binden.
<< Wird es einmal Menschen geben, die grundsätzlich und in jeder Phase ihrer Existenz kein Ohr mehr haben für das Wort: Gott? Wird es einmal Menschen geben, die nicht mehr über dieses und jenes Fragbare in seiner endlosen Vielfalt hinaus nach dem Unsagbaren fragen? Wird es einmal Menschen geben, die sich immer und mit wirklichem Erfolg verbieten, das Geheimnis schlechthin nahe sein zu lassen, das als Eines und Umfassendes, als Urgrund und Urziel namenlos in ihrem Dasein waltet; das gibt, das wir liebend, „Du“ sagend, uns in seinen Abgrund fallen lassen und so frei werden können…
Man kann auch in Zukunft von Gott sprechen, wenn man wirklich versteht, was mit diesem Wort gemeint ist, und es wird immer eine Mystik und Mystagogie der unsagbaren Nähe dieses Gottes geben, der das andere von sich geschaffen hat, um sich selber ihm in Liebe als ewiges Leben zu schenken. Die Menschen werden immer angeleitet werden können, die endlichen Götzenbilder, die an ihren Wegen stehen, zu stürzen oder gelassen an ihnen vorbeizugehen, nichts absolut zu setzen, was ihnen als Mächte und Gewalten, als Ideologien, Ziele und Zukünfte einzelner und bestimmter Art begegnet, „indifferent“, „gelassen“ zu werden und so in dieser nur scheinbar leeren Freiheit zu erfahren, was Gott ist…
Es wird immer Menschen geben…die im Blick auf Jesus den Gekreuzigten und Auferstandenen es wagen, sich an allen Götzen dieser Welt vorbei auf die Unbegreiflichkeit Gottes als Liebe und Erbarmen bedingungslos einzulassen. Es wird immer Menschen geben, die in diesem Glauben an Gott und Jesus Christus sich zur Kirche zusammentun, sie bilden, sie tragen und sie – aushalten.>> 14
Es kann und wird im Glauben immer darum gehen, Gott größer sein zu lassen. Größer als jeder Begriff, jedes Bild, jede Vorstellung. Er sprengt alles und schafft dadurch immer wieder neuen Raum und Weite. SEINE Nähe gibt uns die Kraft und die Zuversicht, alles, was schön ist, was gut ist, was wertvoll ist, zu achten und zu nutzen – und sich nicht blenden und absolut binden zu lassen. Die Gelassenheit gegenüber allem kann nur existentiell geschehen in der Kraft der erfahrenen Nähe Gottes. Allerdings sind wir nie der Gefahr enthoben, wieder herauszugehen aus dieser Art der „Weltfrömmigkeit“, denn Rahner gibt schon zu Beginn seines Wirkens zu bedenken:
„Ist nicht dieser ewige Sündenfall in der Geschichte der Philosophie, nicht nur im Gebiet des Erkennens, der Ausdruck dessen, was im Leben des unerlösten Menschen existentiell immer aufs neue geschieht: Gott nur das sein zu lassen, was die Welt ist, Gott zu machen nach dem Bilde des Menschen, Frömmigkeit zu fassen als Andacht zur Welt, die Möglichkeiten des Menschen nicht nach den Möglichkeiten Gottes zu bemessen, sondern nach dem, was der Mensch selbst von sich aus davon zu realisieren vermag? Aller Götzendienst ist nichts als der konkrete Ausdruck für die existentielle Haltung des Menschen, die aufbaut auf dem Entschluss, Gott nichts sein zu lassen als nur die ursprüngliche Einheit der Mächte, die diese Welt und die Schicksale des Menschen durchwalten. Und selbst die geistige Philosophie eines Hegel betet noch einen Götzen an, den absoluten Geist, der im Menschen und in seiner Wesensentfaltung sich selber findet. Und die tragisch – heroische Philosophie eines Heidegger hat auch ihren Götzen: Wenn der Mensch von sich allein aus nur zum Tode ist, dann muss für diese Philosophie eines letzten Ressentiments eben auch für alles und jedes der Tod das letzte sein: weil der Gott des Menschen für diese Philosophie nicht mehr sein darf als der Mensch selbst, betet sie den Tod als ihren Gott an, ist für sie das Höchste das Nichtigste; das Sein und das Nichts sind dasselbe. 15
Die ignatianische Mystik der Weltfreudigkeit findet sich auch und vor allem in Rahners Gebeten und Meditationen. Die Zukunft von Glauben und Kirche hängt m. E. in erheblichem Maße davon ab, ob wir eine dienende und eine betende Kirche sind.
„Du hast mich ergriffen, nicht ich habe dich ‚begriffen‘, du hast mich deines Seins und Lebens teilhaftig gemacht, dich mir geschenkt…Dich kann ich darum nicht vergessen, weil du ja die innerste Mitte meines Wesens geworden bist.“ 16
Zugleich ist es diese ignatianische Prägung, die- bei aller ‚Weltfreudigkeit‘ – Selbstbezogenheit und Größenwahn gleichermaßen verhindert. Damit entfaltet die ignatianische Weltfreudigkeit zugleich ein kritisches gesellschaftliches Korrektiv gegenüber aller ungebremsten Fortschrittseuphorie und allen omnipotenten Fantasien. Gerade in unseren krisengeschüttelten Zeiten kann diese Art von ‚Weltfrömmigkeit‘ zu Sachlichkeit, Nüchternheit und Realismus ‚verleiten‘. Man wird mutatis mutandis sagen können, dass die Kirche der Zukunft eine Kirche der Betenden sein wird – oder sie wird nicht mehr sein, weil wir – wenn wir uns recht verstehen, nie über Gott reden können. Doch es wäre unser geistiger Tod als Menschen, wenn wir es nicht mehr fertigbringen, zu Gott zu sprechen.
„Zwar brennt die Flamme des Dranges, sich zu vergessen, sich dem Höheren hinzugeben, immer irgendwo auf dem Altar des Herzens jedes Menschen (und mag es auch sein als rächendes Feuer des Verlorenen, der nicht mehr lieben kann…Gott muss dieses Höchste des Menschen davor bewahren (immer aufs Neue bewahren, immer wieder davon erlösen), zum höchsten Ausdruck des Stolzes des Menschen zu werden, zur Anmaßung seiner Gottgleichheit aus eigener Kraft, zur flammenden Ungeduld, die von sich aus Gott erobern und an sich reißen will…Nicht wir steigen auf zu ihm, sondern Er stieg ab zu uns. Weil er uns fand, können wir ihn suchen mit unserer Liebe, und diese ist nichts als das – fast erschrockene – Gewährenlassen seiner Liebe, die uns selbst an das Herz Gottes nimmt.“ 17
Die ignatianische Mystik der Weltfrömmigkeit ermöglicht zudem einen Dialog mit den Natur- und Gesellschaftswissenschaften ebenso wie mit den Weltreligionen. Denn:
„Das Christentum stellt …dem Menschen die eine Frage, wie er sich im Grunde verstehen wolle: ob als handelndes Wesen nur im Ganzen, das mit dem Ganzen als solches nichts zu tun hat…oder als empfangend – handelndes Wesen des Ganzen, das es auch mit dieser Bedingung seines Erkennens, Handelns und Hoffens als solcher zu tun hat und im zukunftsschaffenden Handeln innerhalb des Ganzen dieses Ganze, die absolute Zukunft selbst auf sich zukommen, für sich selbst Ereignis werden lässt. Das ist im letzten die einzige Frage, die das Christentum stellt… Mit Gott, endgültiger Unmittelbarkeit zu ihm, Gnade und Jesus Christus ist …das Ganze der Heilswirklichkeit umgriffen…Da aber alle diese Worte nur das eine besagen, dass nämlich die Welt eine absolute Zukunft, und zwar wirklich als heile besitzt, dass ihr Werden erst in der Absolutheit Gottes selbst ihr Ziel hat, so ist es berechtigt, wenn wir sagen, das Christentum sei die Religion der absoluten Zukunft.“ 18
Denn was ist die „eigentliche und einzige Mitte des Christentums“?
„Die eigentliche und einzige Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist darum für mich die wirkliche Selbstmitteilung Gottes in seiner eigensten Wirklichkeit und Herrlichkeit an die Kreatur, ist das Bekenntnis zu der unwahrscheinlichsten Wahrheit, dass Gott selbst mit seiner unendlichen Wirklichkeit und Herrlichkeit, Heiligkeit, Freiheit und Liebe wirklich ohne Abstrich bei uns selbst in der Kreatürlichkeit unser Existenz ankommen kann…für mich wäre aller noch so fromme Jesuanismus, alles Engagement für Gerechtigkeit und Liebe in der Welt, aller Humanismus, der Gott für den Menschen verbrauchen will und den Menschen nicht in den Abgrund Gottes hineinstürzt, Religion eines unbegreiflich bescheidenen Humanismus…“ 19
Der Atheismus kann nicht nur als Offenbarung des Neins des Menschen verstanden werden:
„Das Christentum und die Kirchen gewinnen langsam ein neues…Verhältnis zu den nichtchristlichen Weltreligionen…Das Christentum kann zwar den Anspruch nicht aufheben, das umfassende und nicht überholbare Wort der Gnade in Jesus …gehört zu haben und zu verkündigen. Aber das Christentum leugnet darum nicht, dass der Geist Gottes inmitten der menschlichen Endlichkeit und schuldigen Verirrung überall in der Geschichte befreiend am Werke ist, der Geist, in dem Jesus sich im Tod an Gott übergab. Von diesem Geist und nicht nur von der menschlichen Begrenztheit geben auch je in ihrer Weise und Art die nichtchristlichen Weltreligionen Zeugnis. Viele von ihren vorläufigen und großen Erfahrungen können auch als Teilantwort in die umfassende Antwort, die Jesus ist, eingetragen werden, weil die Geschichte der christlichen Botschaft ja noch gar nicht zu Ende ist. Der Atheismus …kann vom Christentum nicht allein als Offenbarung des Neins des Menschen verstanden werden…sondern auch als ein Moment in der Geschichte der Erfahrung Gottes, in der Gott immer radikaler als das anzubetende Geheimnis erscheint, dem wir uns in Hoffnung überlassen.“ 20
- Auch dieser Prozess wurde ergänzt und erweitert durch die Vermögens – und Immobilienreform (VIR). Dabei sollten bzw. sollen pastoral-inhaltliche, finanzielle und personelle Aspekte entsprechend Berücksichtigung finden in moderierten Prozessen auf Pfarreiebene. Konkret ging bzw. geht es um eine Abstimmung zwischen dem Pastoralen Orientierungsrahmen (POR) und dem Wirtschaftlichen Orientierungsrahmen (WOR). Um es abkürzend und vereinfacht zu sagen: Im Wesentlichen ging und geht es um Reduzierung aufgrund fehlender Kirchensteuermittel und fehlendem Personal, was einhergeht mit einer oft zu konstatierenden Überforderung der örtlichen Gemeinden und Pfarreien. ↩︎
- Paul M. Zulehner „Denn du kommst unserem Tun mit deiner Gnade zuvor…“ Zur Theologie der Seelsorge heute – Paul M. Zulehner im Gespräch mit Karl Rahner, Patmos Verlag Düsseldorf, 3. Auflage 1987, S.139 (Aus dem Nachwort „Karl Rahner zum Gedenken“) ↩︎
- Hans Urs von Balthasar „Kleine Fibel für verunsicherte Laien“, Johannes Verlag Einsiedeln/ Trier, 1989, S. 97/99 ↩︎
- Karl Rahner „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“, Freiburg-Basel-Wien 1972, S.67 ↩︎
- Natürlich denken wir da zuerst an Mutter Teresa, aber auch an das Engagement von Madeleine Debrel oder an Carlo Carretto. Die Aussage Hans Urs von Balthasars hat nichts von ihrem Wahrheitsgehalt eingebüßt, die sinngemäß lautet, dass der beste Kommentar zum Evangelium das Leben der Heiligen ist. Es ist gleichzeitig dessen Verifikation. ↩︎
- Karl Rahner „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“, Freiburg-Basel-Wien 1972, S.68 ↩︎
- Karl Rahner „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“, Freiburg-Basel-Wien 1972, S. 72 ↩︎
- Nikolaus Schwerdtfeger „Gnade und Welt“, Freiburg-Basel-Wien 1982, S. 321 ↩︎
- Karl Rahner „Wagnis des Christen“, Freiburg – Basel-Wien 1974, S. 109 ff ↩︎
- Nikolaus Schwerdtfeger „Gnade und Welt“, Freiburg-Basel-Wien 1982, S.423 ↩︎
- Nikolaus Schwerdtfeger „Gnade und Welt“, Freiburg-Basel-Wien 1982, S. 296 ↩︎
- Es lohnt nicht, hier auf einzelne Beispiele näher einzugehen, die ohnehin hinlänglich bekannt sind. Wichtiger scheint mir der Hinweis an dieser Stelle zu sein, dass die Glaubwürdigkeit unserer Kirche wesentlich davon abhängt, ob und in welchem Maße wir „das freie Wort in der Kirche“ (Rahner) wirklich leben und mit der „Schleifung der Bastionen“ (Balthasar) liebgewordener Gewohnheiten, die heute mehr bremsen als dass sie uns voranbringen, ernst machen? ↩︎
- Karl Rahner „Bekenntnisse“, Wien-München 1984, S. 58 ↩︎
- Karl Rahner „Schriften zur Theologie“, XV, S. 407 f ↩︎
- Karl Rahner „Schriften zur Theologie, Einsiedeln-Zürich-Köln 1962, S. 94 f ↩︎
- „Beten mit Karl Rahner“, Freiburg-Basel-Wien 2004, Band II, „Gebete des Lebens“, S. 33 ↩︎
- SW 7, 63 ↩︎
- Karl Rahner in „Der Dialog“ von Garaudy/Metz/Rahner Hamburg 1966, S. 14-17, auch in „Schriften zur Theologie VI, Einsiedeln-Zürich-Köln 1965, S. 80-82 ↩︎
- Karl Rahner „Von der Unbegreiflichkeit Gottes“, Herder, 2006, S. 36f ↩︎
- Karl Rahner „Praxis des Glaubens“, Zürich-Köln/ Freiburg-Basel-Wien 1982, S. 37 f ↩︎
Bild „Illusionen“ auf Picabay.com.