Kirchliche Sinnspuren in not- und säkularen Wendezeiten

Wochenimpuls September 2025-1

Das Fragen lernen

Der Freiburger Theologe Albert Raffelt schrieb im Jahr 2023 – zunächst im französischen Sprachraum: 

„Die deutsche katholische Theologie hatte in der zweiten Jahrhunderthälfte des 20. Jahrhunderts vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil Weltgeltung. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass die katholische Kirche eine milieukatholische oder gegengesellschaftliche Enge überwunden hat und in vorher beargwöhnte Dialoge eingetreten ist, sei es in ökumenischer, religiöser, gesellschaftlicher oder auch politischer Hinsicht. Durch prägende Persönlichkeiten ist sie auch in der Leitung der Weltkirche angekommen. Karl Rahners Werk hat dabei eine große anregende Qualität gehabt und ist nach wie vor in vieler Hinsicht hilfreich.“ 1

Für mich ist dieser Fingerzeig auf das Werk Karl Rahners auch insofern bedeutsam, weil wir in diesem Monat September den kirchliche Sinnspuren in not- und säkularen Wendezeiten besonders nachspüren wollen. Wodurch zeichnet sich denn unsere Zeit heute in signifikantem Maße aus? Wer das Weltgeschehen auch nur einigermaßen unvoreingenommen betrachtet und beobachtet, wird sich der ‚Diagnose‘ Friedrich Nietzsches kaum verschließen können, dass wir zunehmendohne Orientierung im unendlichen Raum herum taumeln. Und der bittere Ausruf Dostojewskis, den er angesichts der Gottesleugner im 19. Jahrhundert formulierte, dass, wenn Gott verschwunden ist, dann ja wohl alles erlaubt ist- wer wagt es wirklich und mit gutem Gewissen, hier zu widersprechen? 

Ein erster Fingerzeig, der uns von Karl Rahner hergegeben wird, könnte lauten, dass wir nicht (mehr) alles als selbstverständlich ansehen und hinnehmen. Dass wir Plausibilitäten irritieren, indem wir uns (wieder) mehr mühen, das Fragen zu lernen“ 2.


  1. Albert Raffelt in Patria e Umanita, Trieste, 2023Pensa Editore XVI, S.321 – 346 (hier 321 f) ↩︎
  2. Titel des Theologischen Jahrbuchs 1975, Leipzig ↩︎
Bild von Sabine Lange auf Pixabay

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