Kirche im Dialog

Kirche im Dialog 1

Aufriss

Wohl kaum ein Thema scheint heute in der Kirche virulenter zu sein als die Frage nach der Kirche selbst. Quo vadis – wohin gehst du, Kirche? So hört man es von ängstlichen Gemütern, die vor Veränderungen zurückschrecken. So hört man es von jungen Leuten, die sich mitunter kaum mehr die Mühe machen, nachzufragen nach Sinn und Zweck dieser Institution. Die sich von ihr verabschiedet haben oder verabschieden – laut oder leise – und die bei den Missbrauchsvorwürfen nur noch achselzuckend ‚zu Protokoll geben‘, dass sie es ja immer schon gewusst haben, dass dieses ‚alte Lama‘ nicht mehr viel taugt, dass sich diese Institution überlebt hat, sich vom Leben verabschiedet hat und nur noch um sich selbst kreist und um das eigene Überleben kämpft. Von allen Seiten wird die Kirche bedrängt, belächelt, für irrelevant erklärt oder für (schein)tot erklärt. Mitunter nicht einmal mehr das, wenn und weil sie einfach totgeschwiegen wird. Sie ist es nicht mehr wert, dass über sie noch gesprochen wird. 

Man spürt das nicht nur in Gesprächen. Man erlebt es auch in Gruppen und Kreisen, wie sich eine depressive Stimmung wie Mehltau über alles legt, dass sich mitunter in Zorn und Wut entlädt. Man erlebt es in hektischer Betriebsamkeit bei der Umsetzung von Reformprozessen im Bereich Immobilien, Finanzen, Personal. Und man muss nicht lang suchen, woher diese resignative Grundstimmung kommt, wenn eine Glaubensgemeinschaft sich mit allem Möglichen intensiv beschäftigt, nur nicht mit ihrem eigentlichen Thema, dem Glauben. 

Das suchende Volk Gottes

Ausgerechnet jener Theologe, der für sein Lebenswerk von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt wurde, Hans Urs von Balthasar (1905-1988) bestätigt diese Grundstimmung. Er macht zugleich die Verursacher dafür aus und richtet seinen Blick auf das „suchende Volk Gottes“, dass „sich seinen Sinn für das Katholische nicht abstumpfen lassen“ soll: 

„Heute dürstet das Volk in einer immer säkularisierteren, gottleereren Welt nach geistlichem Trank. Es möchte Lehrern der Stille, der Einkehr, des Gebetes begegnen, findet aber vielbeschäftige, bei den nachkonziliaren Wirren und antiautoritären Kontestationen stehengebliebene, endlos um ihre eigene Identität ringende Kleriker und nicht selten auch Ordensleute. Darum wandern so viele aus und suchen das, worauf sie ein Recht haben…Dieses suchende Volk Gottes darf sich seinen Sinn für das Katholische nicht abstumpfen lassen, es soll vielmehr in der Stunde, da manche Hirten verstummen oder gar offen versagen, seine Verantwortung wahrnehmen…“ 2(87 f)

Balthasar setzt auf das Volk Gottes, ja, er rät ihm, dass es doch – endlich, möchte man fragen? – „seine Verantwortung wahrnehme.“

Die Stunde des Jeremia

Das ist nicht unähnlich jenem Dialog in dem Buch „Die Stunde des Jeremia“, in dem ein vor einigen Jahren sehr bekannter Fernsehmoderator Eugen Drewermann (geb. 1940) mit der Frage konfrontierte, was man gegen die Erfahrung der Vergeblichkeit aller Bemühungen um Reformen in der Kirche denn noch machen kann oder soll.

„Immer weniger Menschen, junge und alte haben noch Lust, den Ochsen ins Horn zu pfetzen, weil sie wissen, dass es vergeblich ist, dass er nicht reagiert.“

Drewermann, vor über 20 Jahren aus der Katholischen Kirche ausgetreten, hat eine Antwort parat, die vor diesem Hintergrund einigermaßen verblüfft: 

„Letztlich glaubt niemand der Kirche an sich. Das hat Karl Rahner (1904-1984) schon gesagt. Die meisten Menschen glauben an die Kirche auf Grund der Botschaft Jesu…Die Inhalte, die die Kirche weitergeben soll, sind nach meiner Überzeugung außerordentlich wichtig. Sie müssen aber gründlich anders gesagt werden. – In der gegenwärtigen Form können sie nicht mehr weitervermittelt und verwaltet werden. Das ist der Kern für die Selbsterneuerung der Kirche. Es müssten die Amtsträger in der Kirche persönlich an das glauben, was sie selber wirklich sagen. Wenn die Kirche die Kirche Jesu sein will, dann muss sie sich an Jesus orientieren. Dass das versucht und zum Teil auch begriffen wird, will ich nicht leugnen. Wir können die Zukunft nicht machen. Aber wir können den Krisenaugenblick, in dem wir jetzt stehen, in dem die Religion insgesamt steht, als einen dringenden Aufruf im Namen Gottes wahrnehmen und in der Stunde des Jeremia noch einmal neu zu begreifen versuchen, was Gott uns heute zu sagen hat.“ (124 f)

Mir scheinen einige Aspekte dieser Antwort Drewermanns sehr erwähnenswert zu sein. Es geht nicht um den Inhalt, sondern um die Form der Glaubensvermittlung. Es geht um eine (Neu)Orientierung an Jesus. Es geht um die Absage an den Wahn, als ob wir die Zukunft ‚machen‘ könnten. Und es geht um die Wahrnehmung der „Zeichen der Zeit“, die (auch) als Chance zu interpretieren sind, um (endlich) „noch einmal neu zu begreifen versuchen, was Gott uns heute zu sagen hat.“ Mir scheint, dass Drewermann in diesen Andeutungen mehr und wichtigeres zu sagen hat, als in manchen Strategiepapieren zu finden ist. 

Doch Michael Albus (geb. 1942), ließ als professioneller Interviewpartner nicht locker und fragte weiter. Er fragte radikal(er), in dem er nicht nur von Fehlern sprach, sondern den Fehler eindeutig verortete: 

„Wie soll man das alte System, das nicht nur Fehler hat, sondern selbst der Fehler ist, wegbekommen?“ (119)

Auf diese radikale Infragestellung des ‚Systems Kirche‘ gibt Drewermann eine ebenso einfache wie überzeugende Antwort:  

„Das ist ganz klar aus dem Munde Jesu zu beantworten. >>Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen. << (Matthäus 18,20). Es kommt auf die Art des Umgangs miteinander und nicht auf die Größe einer Gemeinde an.“ (119)

Deutlicher kann man es kaum sagen, worauf es eigentlich bei all unseren kirchlichen Reformbemühungen ankommt: Auf „die Art des Umgangs miteinander“ – das ist es, was die Botschaft des Glaubens ebenso glaubwürdig erscheinen lässt wie deren Botschafter. 

Doch reicht diese Antwort hin, wenn auf Menschen verwiesen wird, die hoffen und lieben, die suchen und in ihrer Not verzweifeln und die dabei weder an Jesus noch an die Kirche denken. Was ist mit all diesen Menschen?

„Ich kenne immer mehr solcher Menschen. Auf der Palliativstation in langen Gesprächen angesichts des nahen Todes…oft waren es Menschen, die mit Jesus nichts verbanden, und schon gar nicht mit der Kirche etwas zu tun haben wollten.“ (78) 

Die Antwort Drewermanns ist typisch für ihn. Er dechiffriert die gängigen Aussagen, indem er sagt, was eigentlich gemeint ist mit der Aussage, nicht mehr an Gott zu glauben. Und er macht deutlich, wie ‚anonym‘ sich der Glaube zeigen kann. Dann nämlich, wenn in der Erinnerung bezeugt wird, dass etwas absolut in Geltung ist, was wir – in Ermangelung besserer Begrifflichkeit – GOTT nennen. Damit löst er exakt das ein, was er selbst als Forderung an die Kirche aufgestellt hat. Dass ihr (Glaubens) Inhalt wichtig ist, (über)lebenswichtig für uns als Menschen, um als Menschen (weiter)zu existieren. Dass sich aber die Form der Glaubensvermittlung ändern muss. Sie muss die Adressaten in den Blick nehmen und im Blick behalten. Sie muss eine Sprache wählen, Formen der Vermittlung, die ankommen (können). Die so ankommen, dass sie auch verstanden werden, wie die ‚Botschafter‘ des Glaubens wollen, dass ihre Botschaft verstanden wird. 

„Wenn jemand in solch einer Lage sagt: Ich glaube nicht an Gott, dann will er im Grunde sagen: Ich glaube nicht, dass es Liebe wirklich gibt. Und umgekehrt. Er bezeugt in der Erinnerung an Augenblicke der Liebe und des Glücks stets etwas von dem Absoluten, das Gott ist.“ (79) 

Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance

Wie also könnte so eine Form der Glaubensvermittlung heute aussehen? Gibt es nicht nur Vorbilder im Glauben, sondern auch Vorbilder in der Weitergabe des Glaubens? Diese Frage ist unbedingt mit einem klaren JA zu beantworten. Und diese Antwort kann auch deutlich machen, dass wir für heute und morgen nicht zu resignieren brauchen über den Glaubensschwund und den Glaubensverlust. Vielleicht sind dabei viel mehr soziologische und psychologische Gründe ausschlaggebend als wir vermuten, denn wer will ernsthaft sich anmaßen, zu wissen, bei wem Glaube im christ-katholischen Sinn vorhanden ist und bei wem nicht? Zu denken müsste das Wort Jesu geben: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matth. 7, 1). Ebenso die kirchliche Praxis, die viele Menschen heiliggesprochen hat und heiligspricht, jedoch noch nie sich angemaßt hat, über auch nur einen Menschen ein Verdammungsurteil zu fällen. Das Wissen um Vorbilder in der Weitergabe des Glaubens stärkt auch die Hoffnungsperspektive. Man ist nicht allein, man wird gestützt und stützt andere. Nur so ist kirchliches Glaubensleben gemeinschaftlich möglich. 

Karl Rahner (1904-1984) schrieb schon vor über 50 Jahren ein kleines, aufsehenerregendes Buch mit dem Titel: „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“. Es war als Programmbüchlein für die Würzburger Synode (1971-1975) der römisch-katholischen Kirche in Deutschland gedacht, der es nach Rahners Auffassung an einer gesamtstrategischen Ausrichtung der Pastoral fehlt. Ist nicht diese ‚Diagnose‘, dieser ‚Befund‘ bereits brandaktuell?  Das Buch stieß, namentlich bei kirchlichen Amtsträgern, nicht auf Wertschätzung und Anerkennung; im Laufe der Zeit erlebte es mehrere Auflagen, und nicht wenige Aussagen von damals scheinen heute eine Aktualität zu besitzen, die in nicht geringem Maße aufhorchen lässt. Wenn Rahner beispielsweise fordert, zunächst von der Freiheit, von der Liebe Gottes, von seinem Erbarmen zu sprechen und nicht von vornherein den Menschen mit Angst und Schuld zu konfrontieren. 

„Wir haben zuerst und zuletzt dem Menschen von heute vom innersten, seligen, befreienden, aus Angst und Selbstentfremdung erlösenden Geheimnis seines Daseins zu künden, das wir ‚Gott‘ nennen. Wir müssen dem Menschen von heute wenigstens einmal den Anfang des Weges zeigen, der ihn glaubwürdig und konkret in die Freiheit Gottes führt.  Wo der Mensch die Erfahrung Gottes und seines aus der tiefsten Lebensangst und der Schuld befreienden Geistes auch anfanghaft nicht gemacht hat, brauchen wir ihm die sittlichen Normen des Christentums nicht zu verkündigen. Er könnte sie ja doch nicht verstehen…“ 3(72)

Rahner geht in diesem Buch auch darauf ein, dass gläubige Vollzüge sich nicht in erster Linie ‚im stillen Kämmerlein‘ vollziehen. Sie sind vor allem zu finden im Mit- und Füreinander, in gesellschaftspolitischem Engagement. Dort – und nicht zuerst und vor allem in einer geschützten, ‚sakralen‘ Sphäre- ist das ‚zu Hause‘, was wir Gottes Geist, Gnade, SEINE Zuwendung nennen. Was sich auf den ersten Blick profan ausnimmt und anfühlt, birgt oft genug durchaus eine „geheime Spiritualität“. 

 „Wo lassen wir uns darüber belehren, dass alles gesellschaftskritische und gesellschaftspolitische Engagement, das heute als Kampf für mehr Freiheit und Gerechtigkeit heilige Pflicht der Christen und der Kirche ist, eine geheime Spiritualität in sich birgt oder bergen müsste, weil es für den Christen herauswächst aus jener innersten, absoluten Verpflichtung, die den Menschen vor Gott stellt, ob er dies reflektiert oder nicht?“ (91)

Und was ist es mit dem Glaubensinhalt? Ist er wirklich so ominös, so unbestimmt, dass man über ihn nicht oder nur in Andeutungen reden kann? Karl Rahner, der nicht müde wurde, vom göttlichen Geheimnis zu sprechen, das uns umgibt, das uns trägt, das uns mit SICH SELBER erfüllen möchte, sagt, dass man, um von und vor Gott zu schweigen, vorher über und mit ihm geredet haben muss. Und zwar in einer Sprache, die nicht unverständlich ist, sondern die den Adressaten der Glaubensansprache immer so im Blick hat und in den Blick nimmt, dass der ‚Prediger‘ auch die Hoffnung haben kann, dass das, was er sagen und vermitteln will, auch so ankommt, wie er es verstanden werden möchte.

„Nur wenn wir es fertigbringen, zu begreifen und zu leben, dass Gott nicht unsere langsam als solche durchschaute Projektion, sondern wir selbst die in Eigenstand und Freiheit gesetzte Projektion Gottes sind, nur wenn uns dies gelingt, indem wir arglos und vertrauend entdecken, dass insgeheim unser Erstes und Letztes in uns immer schon so denkt und lebt und man sich darum auch in Freiheit darauf einlassen kann, erfahren wir die befreiende und seligmachende Macht der Botschaft vom lebendigen Gott, von seiner erlösenden Gnade, von seiner Vergebung und von seiner uns vergöttlichenden Liebe, die keine Frage mehr stellt, weil sie selbst die eine Antwort ist…

Ein zweites…Jesus. Das heißt, der Glaube, dass in der Geschichte unseres Lebens und der Welt in ihm die absolute Selbstzusage Gottes als des uns befreienden Lebens für uns greifbar und für immer festgemacht ist, in ihm, dem in den Tod Gegebenen und endgültig von Gott Angenommenen und Lebenden.“ (94)

Was also können, was sollen wir im Glauben tun? Uns im Leben und durch unser Leben darauf einlassen „dass insgeheim unser Erstes und Letztes in uns immer schon so denkt und lebt.“ Das ist das Gegenteil von Überforderung. So, wie unser ganzes Leben ein einziges Geschenk ist, ist der Vorrang des Empfangens vor dem Machen evident. Ja, unsere Möglichkeiten, die wir nutzen können und sollen, sollten uns auch mit Demut und Dankbarkeit dem ‚Geber aller Gaben‘ gegenüber erfüllen. 

Ist das alles „nicht zu schön, um wahr zu sein?“ So könnte man denken, wenn man nichts von Jesus wüsste. Doch die kirchliche Botschaft weiß um den Mann aus Nazareth. Und was weiß sie? Dass „in ihm die absolute Selbstzusage Gottes als des uns befreienden Lebens für uns greifbar und für immer festgemacht ist.“ 

Mir scheint, es gibt kaum eine bessere, eine schönere, zukunftsträchtigere Botschaft als jene von der bedingungslosen Liebe, die für uns, für alle Menschen, für die Schöpfung – auch in Zeiten von KI, von Digitalisierung und dem Aufbruch in ferne Welten und in ungeahnte Tiefen – in Jesus schon begonnen hat. So begonnen, dass erfahrbar und glaubhaft bezeugt wird, dass diese bedingungslose, absolute Liebe, die jeden meint, nie mehr zurückgenommen wird.  

Und auch umgekehrt: Wir erleben viele Menschen, die sich selbstlos drangeben, die den ‚Nächsten‘, der oft auch der ‚Fernste‘ ist, lieben, wie sich selbst, die hoffen und vertrauen, ohne je etwas von Jesus und Kirche gehört zu haben. Ist es nicht die Botschaft Jesu, auch – ja, gerade auch in ihnen, in ihrem guten Tun, in ihrer hoffenden Zuversicht – das wahrzunehmen, was wir glauben? Dass sie bezeugen – auch wenn sie es nicht so oder anders benennen – dass „in ihm die absolute Selbstzusage Gottes als des uns befreienden Lebens für uns greifbar und für immer festgemacht ist.“

  1. Eugen Drewermann im Gespräch mit Michael Albus „Die Stunde des Jeremia – Für eine Kirche, die Jesus nicht verrät“, Ostfildern 2020 (Die eingeklammerten Ziffern nach den Zitaten bezeichnen die Seitenzahlen im Buch.) ↩︎
  2. Hans Urs von Balthasar „Kleine Fibel für verunsicherte Laien“, Einsiedeln-Trier 1980 (3. Auflage 1989 – Die eingeklammerten Ziffern sind die Angaben der Seitenzahl) ↩︎
  3. Karl Rahner „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“, Freiburg-Basel-Wien 1972 (Die eingeklammerten Ziffern sind die Angaben der Seitenzahl.)  ↩︎
Bild von H. Hach auf Pixabay

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