โSendung und Sammlungโ 1
Die durch die Zeiten pilgernde Kirche
Die neuen pastoralen รberlegungen im Erzbistum Hamburg unter dem Titel โSendung und Sammlungโ nehmen zunรคchst eine Erkenntnis und Erfahrung auf, die Georg Bergner prรคgnant zusammengefasst hat in den Worten:
โDie durch die Zeiten pilgernde Kirche bleibt nicht davon verschont, ihre Gestalt als Antwort auf den Anruf Gottes immer wieder neu zu reflektieren. Die ekklesiologische Diskussion geht weiter.โ 2
โDie ekklesiologische Diskussion geht weiter.โ In der Tat, sie muss weiter gehen, weil es auch im Geistlichen keinen Stillstand gibt. Im Erzbistum Hamburg gab es verschiedene Prozesse, die allesamt versucht haben, auf die neuen pastoralen Herausforderungen adรคquat zu antworten. Erinnert sei an โSalz im Nordenโ und an die intensiven Bemรผhungen um das Verstรคndnis Pastoraler Rรคume. Es greift zu kurz, wenn man monokausal den Priestermangel inโ s Feld fรผhren wรผrde als alleinige Ursache der Schwierigkeiten, in denen wir uns im Erzbistum Hamburg offensichtlich befinden. Es sind ja nicht nur die Finanzen, die den Spielraum fรผr viele Aktionen und Initiativen, auch der Verbรคnde und anderer Orte kirchlichen Lebens, erheblich einschrรคnken. Das Erzbistum Hamburg hatte noch vor einigen Jahren ca. 400.000 Mitglieder. Heute sind es nach jรผngsten Erhebungen ca. 340.000. In wenigen Jahren – 60.000 Mitglieder weniger. Wenn diese Entwicklung in dieser Geschwindigkeit weitergeht โ man schaue sich nur einmal den โTraditionsabbruchโ in den Gemeinden ehrlich und genau an โ wird man kein Prophet sein mรผssen, um zu erkennen, dass sich die Gestalt von Kirche als Institution in einem Maรe verรคndern wird, von dem sich die Allermeisten heute kaum eine reale Vorstellung machen kรถnnen.ย
Kirchenkrise โ Glaubenskrise?
Es gibt allerdings weniger eine Kirchenkrise als eine Glaubenskrise. Priestermangel, Missbrauchsvorwรผrfe und schrumpfende Finanzen sowie leerstehende Immobilien scheinen das zunรคchst nicht zu bestรคtigen. Doch โ und das ist Trost und Hoffnungsperspektive zugleich โ Glaubenszeugen unserer Kirchen haben schon sehr frรผh โ man kรถnnte fast sagen โin prophetischer Manierโ โ diese Entwicklung gesehen und eingeordnet. Sie haben vor allem tiefer und weitergesehen, als viele andere. Darum ist deren Zeugnis von einer Relevanz, die gar nicht hoch genug eingeschรคtzt werden kann und deren Wรผrdigung oftmals noch aussteht. Sie konnten diese โ oft schonungslose Analyse โ vor allem auch deshalb wagen, weil sie einen untrรผglichen Kompass bei sich hatten: Das war ihre Liebe zu dieser Kirche. Diese Liebe war nicht infantil, ganz im Gegenteil. Oft war es ein Leiden mit und an der Kirche. Gerade weil sie ja โSakrament des Heilsโ fรผr die Welt und in der Welt ist. Kirche ist nicht Selbstzweck. Sie ist eine Gemeinschaft der โHerausgerufenenโ, der Berufenen, Ekklesia. Und sie ist eine sich immer wieder erneuernde Kirche, deren Haupt und Herr Jesus Christus selbst ist. Um dieses Seins und dieses Auftrages wegen ist nichts unsinniger als das Sich-Abkapseln, sich Verschlieรen. Nein, Kirche muss immer wieder neu die โSchleifung der Bastionenโ 3 vollziehen.
Glaubenszeugen
Joseph Ratzinger-Benedikt XVI.
Die Kirche kann das, ihre โBastionen schleifenโ. Ja, sie muss das sogar, und sie darf sich dabei auf das Zeugnis jener Bekenner stรผtzen, deren Hauptanliegen es war, diese Kirche so mitzugestalten, dass sie das Zeugnis Jesu auch in unseren Tagen in eine Welt hineinhรคlt, die โ oft ohne sich dies reflexiv sagen zu kรถnnen โ gerade dieses Zeugnis nรถtiger hat als vieles andere.
Einer dieser Glaubenszeugen, dessen Mahnungen und Warnungen wir nicht ohne Schaden รผberhรถren dรผrfen, war Joseph Ratzinger (1927- 2022) der spรคtere Papst Benedikt XVI. Er schrieb vor รผber 50 Jahren รผber die Kirche der Zukunft:
โSie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen mรผssenโฆSie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewรคhrte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen: In vielen kleineren Gemeinden bzw. in zusammengehรถrigen sozialen Gruppen wird die normale Seelsorge auf diese Weise erfรผllt werden. Daneben wird der hauptamtliche Priester wie bisher unentbehrlich sein.โ 4
Manch einer wird sich vielleicht verwundert โdie Augen reibenโ, gilt doch Papst Benedikt vielen heute als d e r groรe Konservative. Dabei war gerade dieser Papst jemand, der konservativ im besten Wortsinn verstand: Das, was gut ist, was bewรคhrt ist, sollte bewahrt werden. Nur so, ohne โGewichtserleichterungโ im Wesentlichen, lรคsst sich Zukunft gewinnen.
Hans Urs von Balthasar
In รคhnlicher Art und Weise dachte auch Hans Urs von Balthasar (1905-1988), der groรe Schweizer Theologe. Die nachfolgenden Zitate stammen aus einem Bรผchlein, dass Karl Lehmann โ trotz des geringen Umfangs โ als ein โJahrhundertbuchโ bezeichnet hat und zu dem sich Hans Urs von Balthasar bis zu seinem Lebensende bekannt hat.
โMan kann von der der Kirche aufgetragenen, von ihr im Gehorsam vollzogenen Unduldsamkeit, was die unverbrรผchliche Wahrheit Gottes betrifft, keinen Fingerbreit abgehenโฆDennoch kann man die Kirche das alles sein und tun nur dann mit Beruhigung sehen, wenn der Leuchtturm, dessen Schein von der Spitze her die Wogen bestreicht, an seinem Fuร von denselben Wogen bespรผlt wirdโฆvon einem echten Eingehen auf alle Gestalten menschlicher Welterfahrung, die fremdesten nicht ausgenommenโฆโ (68) 5
โEine scheinbare รberbelastung des Hierarchischen fรผhrt von selber zu einer Fรถrderung des Demokratischen, wรคhrend das Ernstnehmen des Demokratischen sofort und unweigerlich fรผr jeden, der daran rรผhrt, zur persรถnlichen Auswahl, Anforderung, Sendung im Sinne kirchlichen Apostolats in der Welt wird.โ (79)
โDie Verรคuรerlichung des Kirchenverhรคltnisses fรผr eine รผberwiegende Zahl von Kirchenmitgliedern, wie es fรผr lange Jahrhunderte feststellbar ist, kann daher nur als eine Verdunkelung des Eigentlichen und Ursprรผnglichen angesehen werden, ihre รberwindung als das Hinausschaffen eines Fremdkรถrpers.โ (79)
โAber hat die Theologie mit diesem Wandel Schritt gehalten, oder ist nicht das christliche Leben ihr einige Sprรผnge voraus? Manche sind heute bereit, ihr Leben fรผr Kirche und Welt zu gebenโฆIhnen tรคte eine Theologie not, die das christliche Dasein unter dem Gesichtspunkt des Dienstes, des Auftrags, des Mitstrahlens und Mitverzehrtwerdens schildert. Wรคre eine solche einmal klar durchdacht und auch in den christlichen Unterricht hinein volkstรผmlich gemacht, so kรถnnte neue Kraft aus den christlichen Gemeinden in die Welt ausstrahlen.โ (53)
Auch hier wird sich manchโ Einer vielleicht ein wenig verlegen und scheu die โAugen reibenโ. Ist es denkbar, dass Balthasar von einer โFรถrderung des Demokratischenโ sprach angesichts einer โscheinbare(n) รberbelastung des Hierarchischenโ oder von einer โVerรคuรerlichung des Kirchenverhรคltnissesโฆ als eine Verdunkelung des Eigentlichen und Ursprรผnglichenโ? Das ist nicht nur denkbar โ so hat Hans Urs von Balthasar unmissverstรคndlich formuliert! Er stellte โ lange vor dem Konzil! โ unerbittlich die Frage, was dieser unserer Kirche tatsรคchlich nottut. Und was braucht diese Kirche, um glaubwรผrdig zu sein? Menschen, die suchen, Menschen, die fragen, was brauchen sie? Was brauchen sie vor allem anderen? Hier ist Hans Urs von Balthasar fast ein โPatron der Caritasโ, wenn er sagt, dass es einer Theologie bedarf, โdie das christliche Dasein unter dem Gesichtspunkt des Dienstes, des Auftrags, des Mitstrahlens und Mitverzehrtwerdens schildert.โ
Deutlicher gehtโ s nimmer. Und wie oft hรถre ich etwas von der Einheit von Caritas und Kirche. Nein, es gibt gar keine Caritas ohne Kirche wie es keine Kirche ohne Caritas gibt! Schaut nach bei Balthasar! Es geht um eine Theologie des Dienstes โ und zwar auf allen Ebenen unseres kirchlichen Auftrags โ wir sind nicht fรผr uns da, wir sind gesendet in eine Welt, die dringend unser Zeugnis braucht, auch wenn sie es oft genug nicht wahrhaben will. Darum wird es auch oft ein Dienst des โMitstrahlensโ, ja des โMitverzehrtwerdensโ sein. Darunter ist Christsein, ist โKirche in der Welt von heuteโ nicht zu haben!
Karl Rahner
Last not least im Reigen der Glaubenszeugen, bei denen wir uns im Prozess von โSendung und Sammlungโ in die Schule zu begeben haben, istย Karl Rahnerย (1904-1984). Wir sind eigentlich gewohnt, in umgekehrter Reihenfolge zu denken: Wir versammeln uns um das Allerheiligste herum und gehen dann โ gestรคrkt mit dieser โhimmlischen Speiseโ โ hinaus in die Welt, um dort tรคtige Nรคchstenliebe zu รผben. Das alles ist zunรคchst nicht zu kritisieren. Es ist oft gut gemeint und hat รผber viele Jahrhunderte reiche Frucht getragen. Aber: Heute ist die Situation eine andere. In der Welt, in der wir leben, sind fast sรคmtliche Lebensvollzรผge fast vollstรคndig sรคkularisiert. Und die Frage steht unerbittlich vor uns: In diese Welt sind wir als Kirche gestellt โ was ist das (bloร) fรผr eine Welt? Kommt Gott in ihr รผberhaupt vor? Begegnen wir nicht einer โgottlosenโ Welt im Groรen wie im Kleinen, in der sich der โChrist und seine unglรคubigen Verwandtenโ 6ย nur mรผhsam zurecht zu finden vermag? Oder verhรคlt es sich doch ganz anders, weil nicht erst seit dem II. Vatikanum gilt, dass der allgemeine Heilswille Gottes โ weil er Gottes Heilswille ist! โ immer auch ein wirksamer ist? Begrรผndet er nicht einen โHeilsoptimismusโ, dessen Hoffnung sich keine Grenze endgรผltig befehlen lรคsst? Und รถffnet er nicht den Raum des Dialogs mit der โWeltโ, in dem die Kirche nie nur Lehrende, sondern oft genug auch Lernende ist?ย
Karl Rahner hat dies bereits vor รผber 50 Jahren gesehen und eingefordert. Fรผr diese Sicht hat er sich wenig Freunde gemacht in einer Kirche, die noch โvoll Glorie schauetโ und die sich oftmals weigerte, zu sehen, dass die festgefรผgten Mauern lรคngst โgeschliffenโ wurden und das โZelt Gottes unter den Menschenโ unsere eigentliche irdische Heimat ist.
โWo lassen wir uns darรผber belehren, dass alles gesellschaftskritische und gesellschaftspolitische Engagement, das heute als Kampf fรผr mehr Freiheit und Gerechtigkeit heilige Pflicht der Christen und der Kirche ist, eine geheime Spiritualitรคt in sich birgt oder bergen mรผsste, weil es fรผr den Christen herauswรคchst aus jener innersten, absoluten Verpflichtung, die den Menschen vor Gott stellt, ob er dies reflektiert oder nicht?โ 7
Die โgeheime Spiritualitรคtโ, die im TUN unserer Sendung liegt – sie ist nichts anderes als das gnadenvollen Wirken Gottes in der Welt. Sie geschieht in der Begegnung. Diese Gnade kommt auf uns zu, fordert uns an! Uns ist aufgetragen, diese โ oft sogar sehr โanonymenโ Spuren โ sensibel wahrzunehmen, um in unserer Sendung unsere vielen, oft namenlosen Verbรผndeten wertzuschรคtzen, sie mit einzubeziehen in unsere Sendung, uns ihnen gegenรผber als Schwestern und Brรผder im Glauben zu verhalten, auch wenn sie โ aus welchen Grรผnden auch immer โ (noch) nicht den Namen dessen kennen, in dessen Nachfolge sie durch ihr Tun lรคngst eingetreten sind. Nichts ist liebloser und unsinniger als einer Vereinnahmung das Wort zu reden. Das Wort vom โanonymen Christenโ ist ausschlieรlich eine โinnerkirchliche Verstรคndigungsformelโ (Miggelbrink), um die Wรผrde des โNichtglaubendenโ nicht zu untergraben. Es ist gerade auch Aufgabe der Sammlung, diese โgeheime Spiritualitรคtโ wahrzunehmen, sich ihrer zu vergewissern, anzuleiten, sie (besser) wahrzunehmen, sie zu schรผtzen, zu hรผten und zu pflegen. Heute wird von uns eine vernetzte Pastoral gefordert. Dabei ist die eigene Hoffnung nur insofern gerechtfertigt fรผr all unser Tun, wie sie in gleichem Maรe fรผr alle anderen Menschen, ja fรผr Gottes gesamte Schรถpfung gilt. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schรถpfung โ dieser Rahmen ist unserer Sendung gesetzt, fรผr die wir in der Sammlung Stรคrke, Trost und Beistand erbitten.ย
Wenn heute, in der Vermรถgens- und Immobilienreform โ oft unter Schmerzen โ Abschied genommen wird von liebgewonnenen Gebรคuden ebenso wie von lieben Gewohnheiten, dann wรผrde Rahner sicherlich diese Trauerarbeit pastoral mit begleiten. Vorher jedoch wรผrde er โseinerโ Kirche mehr als es ihr vielleicht auch heute lieb ist, โins Stammbuch schreibenโ:
โEs mรผssen Entscheidungen fallen, auch wenn sie jene harte Einseitigkeit in sich tragen, die unter mehreren guten Mรถglichkeiten eine auswรคhlt, die nicht alles Gute der anderen Mรถglichkeiten in sich bergen kann.โ 8
Es war die buchstรคbliche Liebe zur Kirche, die Rahner bis zu seinem Lebensende antrieb, sich den Nรถten und Sorgen zu zuwenden. Keine Frage war ihm zu dumm oder รผberflรผssig. Und auch wenn er sich zuweilen, wie ein โHofnarrโ vorkam, dessen Meinung mit Hรถflichkeit ebenso angehรถrt, wie sie stillschweigend ignoriert wurde, รคuรerte er noch unmittelbar vor seinem Tod eine Befรผrchtung, dass die Kirche ihrer Aufgabe nicht gerecht wird, weil sie bei der โMittelvergabeโ sich schlicht falsch einschรคtzt.
โEin ganz wichtiger Punkt fรผr mich betrifft meine alte Frage, ob die Kirche noch gut beraten ist, wenn sie das System flรคchendeckender Pfarreien immer noch aufrechterhalten will, oder ob es, so problematisch das Bild ist, nicht besser wรคre, blรผhende Oasen zu schaffen, auch wenn dadurch menschlich, seelsorglich und ekklesiologisch gesehen, viele und weite Wรผstenzwischenrรคume bleiben.โ 9
Gerade hierfรผr bekam er keinen Beifall. Viele meinten seinerzeit, dass es nun genug sei und er doch schweigen solle. Doch sind wir heute โ in โSendung und Sammlungโ โ nicht genau dort, wo Rahner, Ratzinger und Balthasar die Kirche schon seinerzeit verorteten? Und zwar nicht nur formal, sondern vor allem auch inhaltlich.
Hans Urs von Balthasar sprach von einer โTheologie des Dienstesโ. Diesem โPatron der Caritasโ stelle ich Karl Rahner an die Seite. Wie kaum ein anderer Theologe รคuรerte sich Karl Rahner zu Themen der Caritas, sei es zur Gefรคngnisseelsorge, sei es zur Bahnhofsmission, zur Theologie des Kindes oder zur Theologie des Buches. Und seine Sicht auf Kirche, auf Caritas, sie ist so eindeutig und sinnstiftend, dass der Caritasverband gut beraten ist, dieses Leitbild immer wieder anzuschauen, daran Maร zu nehmen, ein pastoral-caritatives โControllingโ einzurichten, wie weit wir diesem Leitbild gerecht werden oder hinter ihm zurรผckbleiben:
โDie Caritasโฆsucht โฆ jeden Menschen, ihnโฆ den gottgeliebten, den Menschen der ewigen Bestimmung; sie ist eine Liebe, der es nicht verwehrt sein darf, im Menschen unendlich mehr zu sehen als einen bloรen Menschen, sie ist eine Liebe, die den Menschen mit den Augen der Weisheit Gottes und der Liebe des Heiligen Geistes anschaut, die Liebe, die die schรถpferische Herablassung Gottes mitvollzieht. Dieser Verband kann darum nie von seinem religiรถsen Ursprung und seiner christlichen Wurzel losgerissen werden, er kann nicht anders als mitarbeiten wollen an dem Heil des ganzen und einen Menschen in Gott, er kann sich nicht einschlieรen lassen in bloร irdisch soziale Fรผrsorge; das Leitbild seiner Fรผrsorge und seines Schutzes, das Besorgte und Behรผtete ist der Mensch der Unsterblichkeitโฆโ(Karl Rahner โSendung und Gnadeโ, Innsbruck-Wien-Mรผnchen, 1961, S. 421f โ dritte durchgesehene Auflage, erste Auflage S. 425f โ kursiv RH)
Es gab โ aus unterschiedlichen Motiven heraus โ eine Rahner-Kritik in der zweiten Hรคlfte des 20. Jahrhunderts, die ihm vorwarf, er hรคtte das Maร der gรถttlichen Liebe, das im Einsatz Jesu ansichtig wurde, aus den Augen verloren. Heute โ in einem gewissen zeitlichen Abstand dazu โ steht man fast fassungslos vor dieser Unterstellung, wenn man liest, dass wir als Christen berufen sind, die โMenschen mit den Augen der Weisheit Gottes und der Liebe des Heiligen Geistesโ anzuschauen und wenn รผber diese Liebe von Rahner gesagt wird, dass solches caritative Tun โdie schรถpferische Herablassung Gottes mitvollziehtโ.ย
Kann es eine grรถรere Berufung geben? Berufen zur Caritas, Deus Caritas Est โ Gott ist die Liebe. Dies war nicht zufรคllig der Leitgedanke der ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI.
Karl Rahners Impulse sind fรผr โSendung und Sammlungโ von einer geistlichen Relevanz, die kaum รผberschรคtzt werden kann. Ein Verlagslektor brachte in einem Erinnerungsbuch an Karl Rahner seine Impulse auf eine โSummenformelโ. Ich hoffe sehr, dass sie die Stellung eines geistlichen Vermรคchtnisses in unserem Erzbistum Hamburg einnehmen.
โDer erste und fundamentale Leitgedanke baut auf den Satz auf:>>Du hast mich ergriffen, nicht ich habe dich begriffen<<. Daraus dรผrfen wir schlieรen, dass wir mehr sind, als wir ahnen kรถnnen, und dass die groรe Tat unseres Lebens nur die sein kann, uns selbst anzunehmen und dass >>wer Gott lieben will, ihn schon liebt<<. Der zweite Grundzug seines geistlichen Lebens bewegt sich um die Liebe zum Alltag und zum Gewรถhnlichen, darin sich die Sternstunden verbergen, sowie um die Geduld mit unseren Mitmenschen. Eine dritte Perspektive kehrt zum Anfang zurรผck mit dem Erkennen der Wรผrde des Gebetes als der einzig gemรครen menschlichen Sprache mit Gott. Es folgen eine Auslegung des Glaubens als eines Glaubens in der Kirche und zuletzt eine Betrachtung รผber das Unerlรคssliche unseres >>Kniens vor dem gebenedeiten Kreuz<<.โ (Robert Scherer รผber Karl Rahner in โWorte glรคubiger Erfahrungโ, Freiburg-Basel-Wien 1985, Neuausgabe 2004, S. 12- kursiv RH)
Eugen Drewermann
Glaube kommt nicht ohne Sehnsucht aus. Die Sehnsucht nach โMehrโ, sie ist uns von IHM ins Herz gelegt. Unausrottbar, denn โEs muss doch mehr als alles gebenโ (Dorothee Sรถlle) Darum wird Religion immer sein. Doch oftmals bedarf es einer โรffnung des Herzensโ (Karl Rahner)
Und mitunter gelingt diese โรffnung des Herzensโ auch durch Menschen des Glaubens, die โ aus welchen Grรผnden auch immer โ diese, SEINE Kirche verlassen haben. Uns bleibt die Hoffnung, dass SEINE Barmherzigkeit immer grรถรer ist als unser anklagendes Herz. Darum hat Jesu Mahnung Bestand: โRichtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.โ Und darum mรถchte ich meine รberlegungen zum Pastoralprozess โSendung und Sammlungโ in unserem Erzbistum Hamburg mit einem Glaubenszeugen beschlieรen, der um den Glauben wirbt und der gleichzeitig mit der Institution Kirche gebrochen hat,ย Eugen Drewermann. (geb. 1940). Ihm hat der Theologe Eugen Biser bescheinigt, dass er eine Sprache spricht, auf die man heute (noch) hรถrt. Eine Sprache des Lebens, der Sehnsucht, der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung. Mรถge auch sein Impuls uns Mut machen, die Sehnsucht nach โMehrโ wach zu halten oder neu zu entfachen:ย
โWenn Glaube wieder glaubhaft werden soll, dann nur, indem man ihn vom Leben her begrรผndetโฆDie Umkehrung der ganzen Strรถmungsrichtung, die Ahnung wenigstens vom Ort des eigenen Ursprungs sowie die Sehnsucht nach der Heimat, die so weit entfernt liegt und aus der doch alles Leben รผber das Meer der Zeit herรผberweht โ in solchen Bildern lรคsst sich wohl beschreiben, was es heute heiรt, ein Christ zu sein. (Eugen Drewermann, โWendepunkteโ, Ostfildern 2014, S. 38f)
Vielleicht ist es ja auch der โTrickโ des lieben Gottes, der bekanntlich โauf krummen Linien gerade zu schreibenโ vermag, dass er auch Menschen, die mit einigen Brรผchen zu kรคmpfen haben in ihrem Leben, eine Gabe schenkt, die in groรem Maรe sinn- und hoffnungsstiftend auch fรผr Andere wird. Ich kenne kaum eine sehnsuchtsvollere โLiebeserklรคrungโ an die Kirche als jene von Eugen Drewermann aus seinem Spรคtwerk:
โDann verbleibt eine nie endende und tief empfundene Dankbarkeit zu jener <<unsichtbaren Kirche>>, die besteht aus all den vielen, die in ihrem Leben und mit ihrem Leben standen und einstanden fรผr ihren Glauben an die Botschaft Jesu, ein Reich Gottes sei mรถglich inmitten dieser Welt. Durch ihren Einsatz, ihre Unbeirrbarkeit, durch ihren Mut und ihre Treue ging Jesu Zeugnis weiter, und jeder, der es auf sich nimmt, erkennt in ihnen seine wahren Brรผder, seine wahren Schwestern wieder. Es gibt sie doch, jene Gemeinschaft <<aller Heiligen>>, der wir in aller Unvollkommenheit, doch voller Sehnsucht bewundernd und bestรคrkt entgegenwandern, von ihr getragen und verlockt in dem Gebet, das Jesus seine Jรผnger lehrte: <<Unser Vater, himmlischer du, was du bist, das gelte, was du wirkst, das komme, was du willst, geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“<< (Mt 6,9.10 (Eugen Drewermann „Wendepunkte“ Ostfildern 2014, S.326)
Karl Rahner II
Was fรผr eine Sprache! Was fรผr ein Ausdruck von Hoffnung und Zuversicht auf das Kommen SEINES Reiches! Dieser poetischen Sprache der Sehnsucht und Liebe stelle ich schlussendlich noch einmal Karl Rahner an die Seite, der โfuchsteufelswildโ wurde, wenn man ihn fragte – ob er und wenn ja, warum โ er in der Kirche bleibe. Rahner litt an dieser Kirche, mit dieser Kirche und in dieser Kirche. Aber er litt darum so sehr, weil er diese โseineโ Kirche so sehr liebte. Und bei allen Strukturdiskussionen, bei allen Fragen der Immobilien, der Finanzen und des Personals โ wenn die Liebe nicht die alles รผberragende und alles integrierende Tugend bei allem ist und bleibt, wird unser Tun nicht gesegnet sein. Wenn wir aber aus dem Geist der Liebe heraus denken und handeln, wird uns der Satz des Hl. Augustinus Maรstab und Leitbild bei all unserem Tun sein โ und bleiben: โLiebe โ und tu, was du willst!โ
โEin Auszug aus der Wahrheit der Kirche, aus ihrer Botschaft von dem lebendigen, bergenden Geheimnis, das wir Gott nennen, aus der Hoffnung des ewigen Lebens, aus der hoffenden Teilnahme an dem Tode Jesu, der sich hoffend und liebend in dieses Geheimnis Gottes fallenlieร, aus der Gemeinschaft der Liebe, Kirche genannt, aus der Annahme der Vergebung unserer Lebensschuld, kurz, aus alldem, was Kirche heiรt, wรผrde den Menschen nicht in ein grรถรeres Reich des Sinnes, des Lichtes, der Freiheit und der Hoffnung fรผhren. Ein solcher Auszug wรคre eben doch nur entweder ein Sich-fallen-Lassen in eine dumpfe Dunkelheit der Skepsis und des billigen Relativismus oder der fragwรผrdige Versuch, allein aus den geringeren Resten von Sinn, Licht und Mut, die noch bleiben, zu leben, ohne dass man eigentlich sieht, warum diese Reste mehr Zustimmung und Vertrauen verdienen als jene Fรผlle des Sinns, der in der Kirche gegeben und lebendig ist.โ 10
- Pastoralkonzept im Erzbistum Hamburg 2025 โฉ๏ธ
- Georg Bergner โVolk Gottesโ, Wรผrzburg 2018, S. 522 โฉ๏ธ
- Buch von Hans Urs von Balthasar 1952 (!) โฉ๏ธ
- Joseph Ratzinger โGlaube und Zukunftโ, Mรผnchen 1970, S. 122 f โฉ๏ธ
- Hans Urs von Balthasar โSchleifung der Bastionenโ, Einsiedeln 1952 โ Die in Klammern gesetzten Zahlen geben die jeweilige Seitenzahl an.ย โฉ๏ธ
- Buchtitel von Karl Rahner โฉ๏ธ
- Karl Rahner โStrukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chanceโ, Freiburg-Basel-Wien 1972, S. 91 โฉ๏ธ
- Karl Rahner โStrukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chanceโ, Freiburg 1972, S. 52 โฉ๏ธ
- Karl Rahner โGlaube in winterlicher Zeitโ Dรผsseldorf 1986 โ Rahner gab dieses Interview 1984 (!), also fast kรถnnte man sagen, dass er diese Vorstellung รคuรerte, de facto kurz vor seinem Tod in der Nacht vom 30.3. auf den 31.3 1984 โฉ๏ธ
- Karl Rahner โSchriften zur Theologieโ, IX, Einsiedeln-Zรผrich-Kรถln 1970, S. 489; auch in SW, 24/1, S. 189-202; auch im Jahreslesebuch von Karl Rahner โUnbegreiflicher- so nahโ, Mainz 1999, S. 119 (31. Juli)ย โฉ๏ธ
Bild von Thomas Hoffmann, webdesign TH