Jesu Bergpredigt als (Über)Lebensprogramm

Unser Tag des Grundgesetzes.

Der Tag des Grundgesetzes ist in Deutschland der 23. Mai. An diesem Tag, im Jahr 1949, wurde das Grundgesetz verkündet. Auf dieser Grundlage wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Der 23. Mai wird also traditionell als Verfassungstag in Deutschland begangen. Und im interreligiösen Dialog diskutieren wir offen darüber, ob es nicht angebracht und zielführend ist, dass am 23. Mai jeden Jahres zugleich auch der „Tag der offenen Moschee“ begangen werden sollte. Als sinnfälliges Zeichen dafür, dass für jeden Menschen, der in der Bundesrepublik Deutschland lebt, egal, welcher Religionsgemeinschaft er zugehört, das Grundgesetz der Bundesrepublik in vollem Umfang, uneingeschränkt, immer und überall, in Geltung ist. Das Grundgesetz ist ein großer Schatz, mehr noch: Es ist eine große Gabe und Aufgabe, ein Vermächtnis der ‚Gründungsmütter und Gründungsväter‘ unseres Landes, das zu großen Teilen noch nicht hinreichend eingelöst worden ist. Ich denke beispielsweise an die Angleichung der Lebensverhältnisse innerhalb der Bundesrepublik, ich denke an die Verpflichtungen, die mit dem Besitz von Eigentum verbunden sind, ich denke an die Grundprinzipien wie Solidarität und Gemeinwohl, die längst keine Selbstverständlichkeit sind, sondern für die es sich lohnt, einzutreten und deren Umsetzung einzufordern. 

Doch mir geht es heute gar nicht um unser deutsches Grundgesetz. Die Kirche – wir haben in der Katholischen Kirche das Lesejahr A – stellt uns am 4. Sonntag im Jahreskreis, in diesem Jahr fällt er auf den 01. Februar 2026 – unser ‚Grundgesetz‘ vor Augen. Ist es uns hinreichend bewusst, unser ‚Grundgesetz‘?

„Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie:

Wohl denen, die vor Gott arm sind; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Wohl denen, die trauern; denn sie werden getröstet werden.
Wohl denen, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Wohl denen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Wohl denen, die barmherzig sind; denn sie werden Erbarmen finden.
Wohl denen, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott sehen.
Wohl denen, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Wohl denen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Wohl euch, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ (Mt 5,1 – 12a) 

Heute frage ich mich oft: Was ist das für ein ‚Grundgesetz‘, das Jesus uns, seiner Kirche hinterlassen hat? Nicht selten wurde es belächelt, verspottet, zynisch kommentiert. Sinngemäß meinte einmal ein bekannter Staatsmann, dass jene, die von der ‚Bergpredigt‘ als der großen Friedensvision sprechen, keine Realisten seien. Und da sie Visionen haben, sollten sie sich doch gleich ins Sanatorium begeben. So genannte Realisten sagen nicht selten im politischen Alltagsgeschäft, dass mit der ‚Bergpredigt‘ kein Staat zu machen sei. Sie ist nicht umsetzbar in Politik und Gesellschaft, sie ist viel zu abstrakt, sie ist unpraktisch, alltagsuntauglich. Aus der Friedensbewegung kommt die entgegengesetzte Meinung. Auf Grund der unvorstellbaren Tötungs- und Zerstörungskapazitäten durch atomare Waffen wird auf die ‚Bergpredigt‘ als das einzig sinnvolle Programm zum Überleben der Menschheit verwiesen.  

Ich möchte an diesem ‚Tag des Grundgesetzes‘ gern drei Aspekte näher beleuchten:

  1. Was ist es mit der Armut, die Jesus immer wieder betont, ja einfordert?
  2. Gibt es eine Aussage in Jesu Predigt zum Fetisch ‚Geld‘, zum ‚Kapital‘, das offensichtlich (scheinbar nicht nur heute) die „alles bestimmende Wirklichkeit“ zu sein scheint? 
  3. Was sagt diese Predigt über unseren Glauben?

Was ist es mit der Armut?

„GLÜCKLICH DIE MENSCHEN, die um ihre Armut wissen; denn nur sie werden fähig zum Erbarmen sein.“ (Mt 5, 3.7) „Glücklich die Wehrlosen; denn nur sie werden fähig zum Frieden sein.“ (Mt 5, 5.9) …Diejenigen, die irgendwie wissen, was seelisch und sozial Not und Elend bedeuten, werden die Botschaft Jesu ergreifen wie Ertrinkende die Planken eines im Sturm gekenterten Schiffes; sie wissen, dass sie anders gar nicht zu leben vermöchten.“ (Eugen Drewermann „An der Quelle des Lebens“, 2020, S. 130 f – aus „Hat der Glaube Hoffnung?“, 24 f)

Vielleicht ist dies die einzige Chance heute, inmitten des Reichtums, des Konsums, inmitten all der Vielfalt und der Unsicherheit m e n s c h l i c h bleiben zu können. Nämlich dann, wenn ich zu jenen gehöre, „die um ihre Armut wissen“. Und warum ist das so? Drewermann (geb. 1940) ist in seiner Analyse eindeutig: Es geht um das existentielle Wissen, dass wir „anders gar nicht zu leben vermöchten.“ Denn was ist uns wirklich eigen, was gehört uns? Buchstäblich NICHTS. Alles ist uns geliehen, das Leben ist ein einziges GESCHENK. Wir sind zuerst und zuletzt Beschenkte, SICH-VERDANKENDE. Dieses Wissen erst macht uns frei. 

Was ist es mit dem ‚Kapital‘?

„Geld regiert die Welt“. Das nicht zu sehen, scheint völlig unrealistisch, ja unvernünftig zu sein. Alles dreht sich um die Frage: Wie kann ich noch mehr und noch schneller an Geld kommen? Wer will das bestreiten? Doch geht das wirklich nur so? Und kann es wirklich so weitergehen? Für immer? Überall? Ist das Wachstum unbegrenzt möglich? Ist die Herrschaft des Kapitals wirklich total? ‚Alternativlos‘? Wie geht man damit um?

WENN ES ÜBERHAUPT EINEN VERNÜNFTIGEN UMGANG mit dem „ungerechten“ Mammon (Lk 16,9) gibt, dann nur, indem man ihm seine Verheißungen nicht glaubt. Geld macht nicht glücklich, und es beruhigt auch nicht, solange man es für sich festhält, um damit Ruhe und Glück einzukaufen. Doch es gibt eine Möglichkeit, mit Hilfe von Geld glücklich und ruhig zu werden, das ist: andere Menschen glücklich zu machen, ihnen in der Not zu helfen und sie zu Freunden zu gewinnen… „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir hiermit entschulden unsere Schuldner“ (Mt 6,12), das ist die Erlösung auch vom Götzen Geld.“  (Eugen Drewermann „An der Quelle des Lebens“, 2020, S. 137 f – aus „Jesus von Nazareth 456; 502)

Offensichtlich gibt es nur einen einzigen vernünftigen Umgang mit dem Kapital, um ihm nicht zu verfallen. Wenn man ihm seine „Verheißungen nicht glaubt.“ Wer sich Werbeclips anschaut oder in die Bilanzen großer Konzerne einen Blick wirft, was dort für Werbung, für Marketing an Kosten eingeplant und ausgegeben wird, kann nur staunen. Ebenso über das Welt – und Menschenbild, das damit einhergeht: Du bist etwas, wenn du etwas hast. Wenn du möglichst viel leistest, wenn du möglich viel dir selber leisten kannst – dann hast du Ansehen, Würde, dann zollt man dir Respekt, dann liegt dir quasi „die Welt zu Füßen.“ Wirklich? Offensichtlich merken viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen nicht, dass sie Teilnehmer eines ‚Hochamtes‘ sind. Eines ‚Hochamtes‘ zu Ehren des „Götzen Geld“. Wer diesen ‚Gottesdienst‘ nicht (mehr) mitmacht, der muss nicht gleich ‚spirituelle Klimmzüge‘ veranstalten. Eugen Drewermann schlägt ein einfaches, sehr realistisches Ausstiegsszenario vor: „andere Menschen glücklich zu machen, ihnen in der Not zu helfen.“

Das führt unweigerlich zur nächsten Frage, die lautet:

Was ist es mit dem Glauben?

„Allerdings setzt nun die Möglichkeit einer solchen Kritik einen Glauben voraus, der nicht bloß zusätzlich Trost und Verheißung ist, die einem nach rein innerweltlichen Prinzipien entworfenen Dasein hinzugefügt werden, sondern eine Haltung echter und ursprünglicher Entsagung und ‚Askese‘ (in einem wirklich theologischen Sinn), eine Haltung der ‚evangelischen Räte‘, der Bergpredigt und der ‚Armut‘ bedeutet.

Nur einer solchen Haltung wirklichen Glaubens kann es immer wieder – wenigstens ein Stück weit – gelingen, die dämonische und schuldhafte Verabsolutierung innerweltlicher Ideologien zu überwinden. Freilich darf sich dieser Protest des Christentums nicht nur kritisch gegen das Absolutheitspathos neu aufkommender Ideologien und Zukunftsprogramme richten…Freilich setzt die gleichmäßige Unerbittlichkeit der christlichen Kritik gegenüber allen – alten und neuen – Ideologien ein Maß von Distanz im Menschen voraus, das ihn, den geschichtlich immer bedingten, überfordert. Aber der Mut, sich so überfordern zu lassen, gehört zum Wesen des Christentums.“  (Karl Rahner SW 19, S. 339 f)

Karl Rahner (1904-1984) macht deutlich, um was es bei all dem geht, was unserem „Grundgesetz“ zugrunde liegt und warum es sich lohnt, es ‚hochzuhalten‘, für dieses ‚Grundgesetz‘ einzutreten. Denn es ist eine IDEOLOGIEKRITIK. Wir haben es beim Fetisch Geld, ebenso wie beim Fetisch Macht oder Luxus, immer mit einer IDEOLOGIE zu tun. 

Unser Glaube kann sich -wenn er sich ernst nimmt – einer (Lebens)Aufgabe nicht entziehen, nämlich „die dämonische und schuldhafte Verabsolutierung innerweltlicher Ideologien zu überwinden.“

Ihm ist die „Unerbittlichkeit der christlichen Kritik gegenüber allen – alten und neuen – Ideologien“ wesenseigen. Sicher, es klingt nicht nur nach Überforderung. Es I S T eine Überforderung, sich dem Mainstream aus dem Glauben heraus entgegenzustellen. Dem ‚Hochamt‘ des Kapitals zu entsagen – das ist eine Überforderung. Christen wussten und wissen seit jeher, dass der Lebensweg immer auch ein ‚Kreuzweg‘ ist. Und sie wissen auch, dass ein ‚Kreuzweg keine Partymeile‘ ist, sondern harte Arbeit. Zumeist an sich selbst, zumeist ein Leben lang. Es gehört zur Ehrlichkeit des Lebens und des Glaubens, das nicht nur zu wissen, sondern auch – durch das Leben – zu bezeugen, denn: „Der Mut, sich so überfordern zu lassen, gehört zum Wesen des Christentums.“  

Bild von Deborah Radeka auf Pixabay

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