Warum schreiben?
Nicht selten erlebe ich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die unsere Website www.rudolfhubert.de kennen, die von meinem lieben Freund Thomas und mir gestaltet wird, dass gefragt wird: „Ja, wer liest denn heute noch so etwas? Und vor allem, mein Gott, wer liest heute noch solche ‚schweren Sachen‘?“ Mitunter stelle auch ich mir diese Frage. Doch dann geschieht mitunter etwas, das mich zusätzlich motiviert, doch weiterzumachen. Nicht nur, dass ich öfter angesprochen werde, wann ich denn (endlich!) auch ‘mal wieder etwas schreibe, einen Leserbrief oder ähnliches. Oder, wie jüngst passiert – meine Frau und ich waren bei unseren Kindern und Enkeln für eine Woche zu Besuch – erreichte mich folgende Mail, die ich in vollem Wortlaut wiedergebe:
Sehr geehrter Herr Hubert,
ich habe leider nichts mehr von Ihnen gehört und hoffe, Ihre Zustimmung nicht verloren zu haben. Ich sehe, was unsere Gesellschaft angeht, große Probleme (Respektlosigkeit, Neigung zur Gewalt und politische Spaltung). Ich würde sehr gern mit Ihnen diese besprechen. Dazu auch die internationale Situation. Man findet kaum noch ernsthafte Gesprächspartner. Es wird leider nur an der Oberfläche gekratzt, obwohl reale Antworten tiefer liegen. Die politische Bildung lässt zu wünschen übrig. Wenn Sie 10 Leute nach der Gewaltenteilung fragen, erhalten sie ein erschreckendes Ergebnis.
Viele liebe Grüße
Diese Reaktion motivierte mich zunächst, darauf direkt und rasch zu antworten. Als eine allererste Reaktion. Ich habe geschrieben:
Sie haben so Recht, lieber Herr K.
Gewaltenteilung ist für viele Leute heute ein Fremdwort. Und die meisten von ihnen ahnen nicht, dass die Angst vor den ‚Fremden‘ – so legitim sie im Einzelfall sein mag – zurückzuführen ist auf eine völlig verfehlte Integrationsleistung, die wir als Gesellschaft insgesamt (längst nicht nur ‚die‘ Politik) seit Jahrzehnten nicht erbracht haben, und dass der ‚Abschiebemythos‘ erkauft wird durch den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eintretenden Zusammenbruch in Kliniken, Gaststätten und anderen Gewerken, in denen vor allem ‚Fremde‘ arbeiten. Hinter vielen Erscheinungen stehen Echokammern und diverse Medien, die die Negativschlagzeilen als für sie positiv bewerten und die sie deshalb (weil das ‚Volk‘ ja die Sensation liebt) verbreiten.
Aber auch die Sorge um den eigenen – oft mühsame erarbeiteten – Besitz (das Häuschen, die Autos, der gepflegte Rasen usw.), um die Ruhe, und der Wunsch, doch endlich auch einmal ‚in Ruhe gelassen‘ zu werden, stehen hinter den Phänomenen, die wir erleben. Phänomene, die da sind: Angst, Hass, Ausgrenzung, die ‚rechte‘ Gruppierungen, in Deutschland besonders die AfD, für sich geschickt nutzen. Viele ahnen nicht, dass die ‚Ruhe vor den Fremden‘ (‚jungen Männern aus Nordafrika und Arabien‘) zu bezahlen ist. Nicht nur durch Missbilligung im Ausland, wo oft ganz andere Integrationsleistungen zu erbringen sind und erbracht werden als in reichen Industrienationen wie in Deutschland. Nein, diese (Friedhofs-) Ruhe ist vor allem durch Strukturen des Faschismus oder durch jene des ‚vormundschaftlichen Staates‘ zu ‚bezahlen‘. Die Bürger in ‚Ostdeutschland‘ kennen noch den „vormundschaftlichen Staat“, in der eine Parteiclique alles beherrschte und kontrollierte und nichts mehr fürchtete als Gewaltenteilung. Aber offensichtlich – man kann es in der Bibel nachlesen – vergisst das ‚Volk‘ rasch, wenn es sich zurücksehnt nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“, dass es „Fleischtöpfe“ von Sklavenhaltern waren. Das Bild hinkt insofern, weil in diktatorischen Regimes die „Fleischtöpfe“ für das ‚einfache Volk‘ ohnehin meist leer und nicht üppig gefüllt waren bzw. sind.
Meine große Sorge ist, lieber Herr K: Wann wachen die gewählten Volksvertreter endlich auf und tun das, was zu tun ist? Derzeit braucht in Deutschland die AfD nichts anderes zu tun, außer sich als Opfer darzustellen und zu präsentieren. Uns eint die Sorge und die Hoffnung, dass Wahrheit und Gerechtigkeit im Allerletzten die Oberhand behalten.
Viele liebe Grüße
Ihr Rudi Hubert
„Es wird leider nur an der Oberfläche gekratzt…“
Soweit meine Antwort auf die Fragen des liebenswürdigen Herrn K., dem ich auch jene Leserbriefe zur Verfügung stellte, die in den örtlichen Printmedien nicht erschienen sind. Doch viele Fragen bleiben. Oder, wie es Herr K. ausdrückte:
„Man findet kaum noch ernsthafte Gesprächspartner. Es wird leider nur an der Oberfläche gekratzt, obwohl reale Antworten tiefer liegen.“
Das ist vielleicht auch das entscheidende Motiv, das mich drängt, weiterzuschreiben und tiefer zu fragen. Reinhold Schneider schrieb in seinem letzten, seinem wohl bedeutendsten Werk „Winter in Wien“, dass es auf den Einzelnen ankommt, nicht so sehr auf das, was ‚man‘ gerade für wichtig hält.
Um welche Fragen geht es letztlich? Und wie hängen sie zusammen mit der derzeitigen gesellschaftlichen Situation? Man wird sich einer begründeten Antwort auf verschiedenen Wegen nähern können. Ich versuche im Folgenden darüber nachzudenken, ob
nicht grundsätzlich die Freiheit des Menschen bedroht ist, in Frage gestellt wird oder als Illusion verstanden wird.
Mit der Abschaffung der Freiheit geht zugleich die Abschaffung des Menschen einher. Wenn der Mensch zum „Herdentier“ (Nietzsche) sich selbst degradiert hat bzw. degradiert wurde, hat er sich selbst nicht nur aus der Evolution herausgenommen. Er ist auch leicht zu manipulieren, zu ‚dressieren‘, zu kontrollieren. Politische Hasardeure haben mit solchen ‚Massen‘ ein leichtes Spiel. Vor allem dann, wenn es ihnen gelingt, den Menschen über vielfältige Manipulationen einzureden, dass sie selbst doch ‚Herr im Hause sind‘, dass sie ‚ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen‘, dass sie ‚frei‘ sind.
Das lässt schlussendlich die Frage nach der Würde des Menschen aufkommen. Nur wenn diese Frage hinreichend beantwortet ist, kann man auch die Frage der Freiheit so beantworten, dass sie – und mit ihr der Mensch – begründet und befestigt und nicht abgeschafft wird.
Freiheit – „das Gute zu tun, das wir als innere Verpflichtung in uns spüren.“
In seinem jüngsten Werk aus dem Jahr 2026 „Wovon die Menschen leben“, indem Eugen Drewermann (geb. 1940) sich mit dem Brief von Paulus an die Galater eindringlich beschäftigt, geht er auch dieser Frage in gewohnter Gründlichkeit nach. Er, der sich viel mit politischen Fragen auseinandergesetzt hat bzw. auseinandersetzt, mit Fragen des ‚Finanzkapitals‘ und auch mit Fragen der Rechtsprechung in der bürgerlichen Gesellschaft, kommt in seinem Fazit zu einem – wie es scheint – zunächst wenig schmeichelhaften Ergebnis, was die menschliche Freiheit anbetrifft. Drewermann schreibt:
„Auf den entscheidenden Fehler eines jeden Strafrechts wird Paulus indessen allem Anschein nach wirklich erst jetzt, bei seinem Zusammenbruch vor Damaskus, aufmerksam: das ist der Glaube an die Willensfreiheit. FRIEDRICH NIETZSCHZE hat Paulus diese Haltung, die er für den Kern der Verfälschung der gesamten ursprünglichen Botschaft Jesu durch das priesterliche Kirchenchristentum hielt, in aller Heftigkeit vorgeworfen. Wie SCHOPENHAUER machte auch er recht überzeugende psychologische Argumente gegen die Willensfreiheit geltend…Zu dem Bekehrungserlebnis Pauli gehört es jetzt, dass er am eigenen Leibe erfahren muss, wie verkehrt die behauptete Unterstellung der Willensfreiheit in Wahrheit ist…Wie also, wenn er selber, wenn all die Menschen keinesfalls so willensfrei sind in ihren Entscheidungen, wie man es prozessrechtlich unterstellt…?“
Man könnte meinen, wenn man diese Worte auf sich wirken lässt, dass Drewermann dem Menschen die Freiheit abspricht. In Wirklichkeit geht es ihm aber um etwas anderes. Es geht ihm darum, auf die Vielfältigkeit von Motiven, Barrieren, psychischen Blockaden hinzuweisen. Sie sind es, die häufig dazu führen, dass der Mensch gegen seine eigenen Interessen handelt, dass er genau das tut, was er eigentlich gar nicht tun will. Drewermann appelliert an einen ‚barmherzigen‘ Umgang. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Jesus, der das Gleichnis vom verlorenen Schäfchen erzählt, dem der Hirte nachklettert in den Bergschluchten, um es zurückzubringen in den Schutz der Herde und um es so vor dem tödlichen Beutegreifer zu bewahren. Drewermann plädiert für Verstehen(wollen), um Begleitung und um Hilfe, um gerade das zu ermöglichen, um was es eigentlich geht: Freiheit in Verantwortung.
In seinem Gespräch mit Michael Albus „Die großen Fragen“ aus dem Jahre 2012 geht Eugen Drewermann diese Frage direkt an und zeigt dabei, worum es ihm im letzten geht:
„Unser Gehirn wird sich, selbst bei offenkundiger Fremdbestimmung, immer noch als Autor seiner eigenen Handlungen und Entscheidungen interpretieren! Und diese Tatsache hat wieder tiefere Gründe, die darin bestehen, dass unser Selbstbewusstsein in der Evolution zu genau diesem Zweck der subjektivierten Vereinheitlichung aller Wahrnehmungen und Handlungen konstruiert wurde. Selbstbewusstsein ist ein Produkt des Gehirns für das Gehirn, und das gleiche gilt wohl auch für die Vorstellung von Freiheit. Doch ist damit die Annahme von Freiheit schon widerlegt? Weder ja noch nein…Man kann zeigen, dass die Psychoanalyse, dass der Weg zur Selbstidentität, tatsächlich dazu beiträgt, moralische Individuen zu werden. Anderes allerdings sollte mit dem Freiheitsbegriff nie umschrieben werden, als dass wir fähig werden, das Gute zu tun, das wir als innere Verpflichtung in uns spüren. Für uns Menschen genügt es, so identisch mit uns selber zu werden, dass wir das Gefühl haben, frei zu sein, wenn wir das Richtige tun.“
Ich finde, schöner und treffender kann man es kaum ausdrücken, um was es bei der Frage nach dem Wesen menschlicher Freiheit geht: Es geht um die Selbstidentität und um die vielfältigen Hilfen, die Menschen oft in diesem Prozess benötigen. Freiheit sollte nie anders beschrieben werden als jene Fähigkeit, die wir ausprägen sollen, „das Gute zu tun, das wir als innere Verpflichtung in uns spüren.“ Es geht dabei um unsere eigene Identität. Sie besteht im Gefühl der Freiheit, das sich einstellt, wenn wir als verantwortliche Wesen „das Richtige tun.“
Reicht diese Auskunft? Wider die Verharmlosung!
Die nagende Frage bleibt jedoch, ob diese ‚Rechnung‘ nicht zu glatt aufgeht. Denn es gibt Satanisches in der Welt, es gibt Terror, Gräuel, Mord und Totschlag. Die Klimakatastrophe schreitet unaufhaltsam voran, doch „Einsicht in die Notwendigkeit“, von der Friedrich Engels in seinem „Anti-Dühring“ 1878 schrieb, um Freiheit zu definieren, ähnlich wie später Georg Wilhelm Friedrich Hegel, scheint auszubleiben oder – zumindest zu großen Teilen – ‚auf der Strecke zu bleiben.“ Die Macht des Rechtes wird vielfältig abgelöst durch das ‚Recht‘ der Macht.
Bleibt also nochmals die Frage, ob es Freiheit überhaupt gibt, geben kann und ob wir es uns mit dem Bisherigen nicht doch zu einfach machen. Die Suche und Sehnsucht ‚nach dem starken Mann‘ oder der ‚führenden Partei‘, kommt ja mehrheitlich aus der Unfähigkeit zum ‚Streit um die Sache‘, aus der Unfähigkeit, Konsens und Kompromiss als Lösungen zu verstehen und nicht als Niederlage im Kampf. Die ‚offene Gesellschaft‘ wird nicht anders zu haben sein als durch Transparenz, Partizipation und Ausgleich. Das sind Prozesse, die mühsam sind, die Zeit brauchen und die unvereinbar sind mit ‚einfachen Rezepten‘.
Karl Rahner (1904-1984) hat sich in seinem „Grundkurs des Glaubens“ auch mit dieser Frage eingehend auseinandergesetzt. Das nachfolgende Zitat aus diesem Werk ist wieder ein ‚typischer Rahner‘: Man muss genau und behutsam lesen, Satz für Satz, Wort für Wort. Es gibt keinen ‚Rahner light‘. Aber wer sich die Mühe macht und die „Anstrengung des Begriffs“ nicht scheut, wird durch tiefe Einsichten belohnt, die vieles erklären und deutlich machen.
„Im ursprünglichen Ansatz ist Verantwortlichkeit und Freiheit des Menschen nicht ein partikulares empirisches Datum in der Wirklichkeit des Menschen neben anderen…Natürlich kommt in der Jurisprudenz und in der Rechtsphilosophie notwendigerweise die Frage der Freiheit und Verantwortlichkeit eines Menschen zur Sprache. Es sollte auch nicht bestritten werden, dass der Begriff von Freiheit, Verantwortlichkeit, Zurechnungsfähigkeit, Unzurechnungsfähigkeit im gewöhnlichen Alltagsleben des Menschen und auch im bürgerlichen Leben des Rechtes etwas zu tun hat mit dem, was wir hier meinen. Es ist aber sicher auch klar, dass, wenn es diese transzendentale Erfahrung von der Subjekthaftigkeit und Freiheit des Menschen nicht gäbe, diese auch im Raum der kategorialen Erfahrung des Menschen, in seinem bürgerlichen Leben, in seinem persönlichen Leben nicht vorkommen könnte.
Aber die eigentliche transzendentale Erfahrung der Freiheit braucht nicht in dieser primitiven Weise als eine Erfahrung eines unmittelbar innerhalb des menschlichen Bewusstseins entdeckbaren Datums gedeutet zu werden, weil ‚ich‘ mich immer in all diesen Fragen schon als das sich aufgegebene Subjekt erlebe. Darin ist so etwas wie wirkliche Subjekthaftigkeit, Sichaufgebürdetheit – und zwar nicht nur im Erkennen, sondern auch im Handeln – als eine transzendental – apriorische Erfahrung meiner Freiheit gegeben…Wenn jemand sagt, der Mensch erfahre sich doch immer als der Fremdbestimmte, als der Verfügte…dann ist zu sagen: Dieses Subjekt, das das weiß, ist gleichzeitig immer das verantwortliche Subjekt, das aufgerufen ist…dazu Stellung zu nehmen, in einem Fluch, in einer Annahme, in einer Skepsis, in einer Verzweiflung oder wie nur immer.
Aber gerade so ist der Mensch immer noch einmal sich selber aufgegeben auch dort, wo er sich in die empirischen Anthropologien selber aufgeben will. Er entrinnt eben seiner Freiheit nicht, und es kann nur die Frage sein, wie er sie selber (und das auch noch einmal frei) interpretiert.“
Rahner spricht von dem Erfordernis der „transzendentale(n) Erfahrung von der Subjekthaftigkeit und Freiheit des Menschen“, er meint damit, dass – wenn es diese „wirkliche Subjekthaftigkeit, Sichaufgebürdetheit – und zwar nicht nur im Erkennen, sondern auch im Handeln“ – nicht gibt, es auch Freiheit „im Raum der kategorialen Erfahrung des Menschen“, also in allen Lebensvollzügen, nicht geben kann. Ja, dass es dann nicht einmal den Anschein davon geben kann. Doch der Mensch „entrinnt eben seiner Freiheit nicht, und es kann nur die Frage sein, wie er sie selber (und das auch noch einmal frei) interpretiert.“ Ich bin Rahner sehr dankbar, dass er Worte in diesem Zusammenhang findet wie Sichaufgebürdetheit. Sie können anzeigen, dass Freiheit eben kein „Glasperlenspiel“ (Buchtitel von Hermann Hesse) ist, sondern Mühe des Alltags, der man sich – wenn man sich und seinen Nächsten, zu dem heute auch die Fernsten gehören – ernst nimmt, nicht entzieht, ja nicht entziehen kann. Oder, wie Rahner es ausdrückt, dass man sich selbst mit seiner Identität und Freiheit nicht „entrinnen“ kann.
Bekümmerter Atheismus
Doch die Freiheit des Menschen ist weder ein bloßes Evolutionsprodukt, um einen Vorteil im evolutiven Wettbewerb der Arten zu erhaschen, noch ist der Geist vom Himmel gefallen, wie es Hoimar von Ditfurth ausdrückt. (Hoimar von Ditfurth „Der Geist fiel nicht vom Himmel“, 1980) Da sah Friedrich Nietzsche tiefer mit seiner Lehre vom „Übermenschen“, der die „Herdentiere“ befehligt. Denn nur so wird deutlich, dass mit der Abschaffung der Freiheit zugleich die Abschaffung des Menschen einhergeht. Und das hat elementar etwas mit dem zu tun, was in den Weltreligionen mit GOTT gemeint ist. Wir können es mit einem Buchtitel auch so formulieren: „Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch“ (Rolf Bauerdick, 2016) Diese Gefahr scheint heute größer denn je, nicht trotz, sondern gerade auch wegen KI, weltumspannender Digitalisierung und Automatisierung. Sie dürfen nicht verteufelt werden, aber der Mensch, der alles kann und alles weiß, weiß auch, dass er alles denken und sagen kann. Einher geht damit, dass die Frage unlösbar ist: „Was ist Wahrheit?“ oder „Was gilt?“ Wenn alles im wörtlichen Sinn gleich-gültig ist, dann ist nichts mehr wirklich gültig. Dann gibt es auch keine wirklichen Werte mehr, wenn alles zur Ware wird, wenn alles wiederholbar und austauschbar ist.
Mit dieser Wirklichkeit haben wir es heute doch mannigfach zu tun. Auf diese Herausforderungen, so scheint es mir, haben auch die Kirchen noch längst keine befriedigenden Antworten gefunden. Dazu noch einmal Karl Rahner:
„Es hat gegen Ende des 18.und im 19. Jahrhundert einen theoretischen und praktischen Atheismus gegeben, der wirklich so sträflich naiv und schuldhaft oberflächlich war, dass er behauptete, er wisse, es gebe keinen Gott…Etwas anderes ist es mit dem ‚bekümmerten Atheismus‘, wenn wir das Phänomen, das wir im Auge haben, einmal so nennen wollen. Das Erschrecken über die Abwesenheit Gottes in der Welt, das Gefühl, das Göttliche nicht mehr realisieren zu können, das Bestürztsein über das Schweigen Gottes, über das Sichverschließen Gottes in seine eigene Unnahbarkeit, über das sinnleere Profanwerden der Welt, über die augen – und antlitzlose Sachhaftigkeit der Gesetze der Welt bis dorthin, wo es doch nicht mehr um die Natur, sondern um den Menschen geht – diese Erfahrung, die meint, sie müsse sich selbst theoretisch als Atheismus interpretieren, ist eine echte Erfahrung tiefster Existenz (wenn auch eine falsche Interpretation teilweise damit verbunden wird), mit der das vulgäre Denken und Reden des Christentums noch lange nicht fertig geworden ist.“
Doch machen wir uns damit nicht etwas vor? Mogeln wir nicht GOTT in unser Denken, wo wir an unsere Grenzen kommen? Alle Religionskritiken – wenn und weil in ihnen die Gottesfrage überhaupt (noch) thematisiert wird – kommen in ihrem Kern doch genau hierin überein: Gott wird ein ‚Lückenbüßergott‘, weil wir unsere Grenzen, unsere Mängel nicht aushalten und nicht akzeptieren. Darum erfinden wir GOTT, müssen ihn erfinden – um nicht vor uns selber davon zu laufen.
Doch diese grundsätzliche Infragestellung des Gottesglaubens ist nicht ohne Antwort geblieben. In seinem vielleicht berühmtesten Werk „Einführung in das Christentum“ beschäftigt sich Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. (1927 – 2022) explizit mit diesem Grundeinwand gegen die Religion:
„Obwohl es zutrifft, dass wir Gott nur in der Spiegelung des menschlichen Denkens erkennen, hat der christliche Glaube daran festgehalten, dass wir in dieser Spiegelung doch eben ihn erkennen. Wenn wir schon nicht aus der Enge unseres Bewusstseins auszubrechen vermögen, so kann doch Gott in dies Bewusstsein einbrechen und in ihm sich selber zeigen.“
Dieser Vorwurf, Gläubige mogeln GOTT einfach in ihr Bewusstsein hinein, ist nicht nur von Religionskritikern geäußert worden. Auch unter Theologen gibt es derartige Verdächtigungen. Ralf Miggelbrink (geb. 1959) hat sich in einer verdienstvollen Arbeit über Karl Rahner mit diesem Vorwurf, der an die Adresse Rahners gerichtet war, auseinandergesetzt und dabei auf ein grundlegendes Missverständnis bei der Interpretation von Rahners Denken aufmerksam gemacht:
„Schneider interpretiert die transzendentale Offenheit des Menschen für Gott nach dem Muster eines latenten absoluten Selbstbewusstseins, das am Material der Welt zu sich selber komme. Rahners Denken ist genau gegenläufig: Die gnadenhaft erhobene Offenheit des Menschen ist die latente Möglichkeit, Gottes ‚Angebot‘ an den Menschen, in einem Akt der Ekstase ‚von sich weg zu kommen.‘ Nicht die idealistische Variante der reditio completa, der absolute Selbstbesitz ist das Ideal, sondern die absolute Enteignung an den ganz Anderen, an Gott…Dass diese Ekstase dem Menschen nicht vollkommen fremd ist, liegt nicht daran, dass sie zu seinen natürlichen Möglichkeiten gehörte. Sie ist vielmehr freie göttliche Gnade. Diese bedarf jedoch der akthaften Annahme. Nur in einem radikalen Ernst zur Welt, in einer an der Welt vollzogenen und nicht mehr reflektierbaren ekstatischen Liebe zum göttlichen und menschlichen ‚Du‘ wird Gottes Gnade angenommen…Die ekstatische Grundstruktur des Rahnerschen Weltbezuges lässt nicht zu, dass Welt und Mitwelt idealistisch nur als Material des Zu-sich-selber-Kommens eines latent absoluten Subjekts gedacht werden.“
Es geht also bei allem theologischen Bemühen – vor allem auch bei Karl Rahner – immer um „radikalen Ernst zur Welt“. Das ist das Gegenteil eines Denkens und Handelns das „Welt und Mitwelt idealistisch nur als Material des Zu-sich-selber-Kommens eines latent absoluten Subjekts“ verstehen.
Weltfrömmigkeit – Weltfreudigkeit
Haben wir uns zu weit von unserem Ausgangspunkt entfernt? Ich denke nein, denn wir sind mittendrin. Wenn Freiheit dem Menschen wesentlich ist, sind damit auch seine Würde und seine fundamentalen Rechte verbürgt. Für alle Menschen, an allen Orten, zu allen Zeiten. Darum verbietet sich völkisches Denken, das als Handlungsleitfaden dient! Doch das gilt nur, wenn es dafür auch ein hinreichendes Fundament gibt, von dem in allen großen Religionen Zeugnis abgelegt wird. Christen sprechen von GOTT. Und wenn es um die Frage geht, wie in einer offenen Gesellschaft dem Wahn widerstanden wird, sein ‚Heil‘ in autoritären Systemen zu suchen; wenn dem ‚Mythos der einfachen Rezepte‘ und dem völkischen Auswahlprinzip etwas entgegengesetzt wird, dann muss diese Entgegensetzung in der Lage sein, Werthaftigkeit ebenso zu verbürgen, wie es endliche Gegebenheiten nicht zu letztgültigen Maßstäben erklärt.
Hier bedarf Politik eines Einspruches, der von jenseits der Machbarkeit und des eigenmächtigen Gestaltens kommt. Es kommt wesentlich auf eine Haltung an, die gespeist wird aus tiefen Wurzeln menschlicher Selbsterfahrung, die immer auch schon Gotteserfahrung ist, wenn sie nicht gewaltsam niedergedrückt wird. Mit Blick auf den Mann aus Nazareth werden wir auch heute als Christen eine „Weltfrömmigkeit“ in die Gesellschaft einzubringen haben, die es wagt, sich dran zu geben, sich zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen für gesellschaftliche Prozesse, die dem Gemeinwohl dienen. Bei allem Engagement wird man allerdings nüchtern auch die Grenzen der „Weltfreudigkeit“ sehen und anerkennen, dass unser Tun immer nur ‚Stückwerk‘ sein kann. Stückwerk, das von uns erwartet wird, dass wir gerne geben, wohlwissend, dass die ‚Erlösung‘ – an der wir mitwirken können und mitwirken sollen – noch aussteht und nicht in unsere alleinige Verfügung gegeben ist, sondern ganz entscheidend SEIN Werk ist.
„Es wird immer Menschen geben…die im Blick auf Jesus den Gekreuzigten und Auferstandenen es wagen, sich an allen Götzen dieser Welt vorbei auf die Unbegreiflichkeit Gottes als Liebe und Erbarmen bedingungslos einzulassen. Es wird immer Menschen geben, die in diesem Glauben an Gott und Jesus Christus sich zur Kirche zusammentun, sie bilden, sie tragen und sie – aushalten.