In der Klage wird das Du ernstgenommen

„Wochenimpuls 2026-44“

Mir hilft bei all diesen Fragen nach dem ‚Vater-Gott‘ ein anderer Autor aus dem Buch „Sich auf Gott verlassen“ weiter.Herbert Vorgrimler, ein Schüler und Freund Karl Rahners (1929-2014), kommt in seinem Beitrag „Die Würde des Klagens im Angesicht des göttlichen Du“ zu einer hilfreichen Interpretation der Psalmen, dem jüdisch – christlichen Gebetbuch. Vorgrimler schreibt:

„Der Sprecher des Psalms lastet nicht sich die Schuld an der ausweglosen Lage an. Damit wird das Elend menschlicher Freiheit, Verantwortung und Verweigerung keineswegs geleugnet. Der Mensch kann schuldig werden und vielen vieles schuldig bleiben. Vergänglichkeit und Tod sind jedoch so grauenvolle Phänomene, dass sie schlechthin in keinem Verhältnis mehr zur Schuld der Menschheit stehen.“ 1

Und weiter schreibt Vorgrimler:

„Der Klagende geht davon aus, dass es zum Gottsein Gottes gehört, die Macht über Leben und Tod zu haben…In Wirklichkeit ist ein Verhalten gegenüber Gott ehrfurchtslos, bei dem mit Gott als einer durchschauten Größe kalkuliert…wird. In der Klage wird das Du ernstgenommen, das einen eigenen und unkalkulierbaren Willen hat. Aber auch das Ich wird ernstgenommen, das sich mit den Grausamkeiten des Daseins nicht einfach abfinden…kann und darf und dem als letztes Recht das Recht der Frage bleibt: „Warum?“ 2

Mir scheint – auch und gerade heute – dass Klage und Anklage Gottes vielleicht sogar die einzige Form sein kann, in der Menschen – um Menschen zu bleiben und ihr Menschsein zu wahren! – die Situation wirklich völlig sinnlosen Leidens religiös und menschlich bestehen können. 


  1. „Sich auf Gott verlassen“ – Herausgegeben von Rudolf Walter, Freiburg-Basel-Wien 1980, S.96 ↩︎
  2. „Sich auf Gott verlassen“ – Herausgegeben von Rudolf Walter, Freiburg-Basel-Wien 1980, S.98 ↩︎
Foto von Sirius Harrison auf Unsplash

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