Ich sehe Jugend, die sich nicht die geringste Mühe gibt

„Wochenimpuls 2026-22“

Wo ist dein Bruder Abel?

Wir nähern uns mit riesigen Schritten der Jahresmitte. Der ‚Wonnemonat‘ Mai gibt uns ein Vorgefühl, was „Leben in Fülle“ heißen kann: Überall die Blüten- und Farbenpracht, ein Vogelgezwitscher und die pure Lebenslust, die überall zu spüren ist. Wer mag da nicht mit einstimmen? „Tanz in den Mai“ ist eine beliebte Veranstaltung, der Maibaum als Symbol des Lebens und auch die Kirchen, namentlich die römisch-katholische Kirche, feiern den Marienmonat Mai mit den Marienandachten zu Ehren der ‚Gottesmutter‘. Die Altäre sind mit frischem Grün geschmückt, die frohen Lieder künden eine Freude und eine Hoffnung, die über all das Erreichbare noch hinausweist. 

Fast ist es, als ob wir „Wasser in den Wein schütten“, wenn wir in diesen Wochen uns in unseren Überlegungen nicht diesem Gefühl nur ‚ausliefern‘, sondern uns einem Mann zuwenden, der uns heute – nach fast 70 Jahren – noch immer sehr viel zu sagen hat. Ich meine Reinhold Schneider (1903-1958), den badischen Schriftsteller. Und warum komme ich gerade jetzt auf ihn zu sprechen? Den Christen ist häufig vorgeworfen worden, sie erfinden einen ‚Himmel‘, weil sie es im ‚Jammertal‘ Erde nicht mehr aushalten. Dieser ‚himmlische Trost’ sei es, der ihnen das Durchhalten und Aushalten ermöglicht. „Opium für das Volk“ oder „Opium des Volkes“ – unter dieser Parole versuchte und versucht man, Religion, Glaube zu verdächtigen und zu bekämpfen. 

Es ist schön, wenn draußen alles so herrlich blüht und duftet. Doch als Christen laufen wir weder einer Illusion hinterher, noch lassen wir uns ‚benebeln‘. Wir sind alles andere als ‚Kostverächter‘. Wir wissen auch um das Gute und Schöne. Aber: Es ist nicht für alle da. Längst nicht für alle! Und wenn der Monat Mai allüberall zum Tanz lockt, wissen wir, dass die Schöpfung seufzt, wie Paulus sagt. Und das nicht nur wegen der vielen Umweltschäden. Vielleicht noch viel mehr wegen der vielen ungelösten Konflikte auf dieser Erde. Sie fordern uns heraus. Sie fragen uns: „Wo ist dein Bruder Abel?“ 

Lassen wir diese Frage als Leitfrage in den nächsten Wochen zu. Wir brauchen die Antwort auch nicht allein suchen und finden. Reinhold Schneider ist ein unaufdringlicher Wegbegleiter; einer allerdings, der treu und unbestechlich in seinem Urteil ist.  

Foto von Sirius Harrison auf Unsplash

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