„Wochenimpuls 2026-42“
Es gab im Jahr 1980, also vor 46 Jahren, auf dem Markt ein kleines Büchlein mit dem merkwürdigen Titel: „Sich auf Gott verlassen“. Merkwürdig ist dieser Titel deshalb, weil man einerseits – wenn es Gott gibt und man im jüdisch – christlichen Denken zu Hause ist – eigentlich gar nicht von Gott verlassen sein kann. Andererseits denken wir an die Gräuel im 20. Jahrhundert oder auch an die Schrecken der Gegenwart, ist die Rede von Gläubigen, dass Gott seine Welt, uns Menschen verlassen hat, sehr ausgeprägt. Und ein Großteil der Psalmen, dieses jüdisch-christliche Gebetbuch, kennt diese ‚Gottverlassenheit‘. Und so heißt auch der Untertitel dieses Büchleins „Erfahrungen mit Gebeten“. Darunter steht „mitgeteilt von“. Und es werden viele bekannte Autoren aufgezählt wie Phil Bosmans, Friedrich Heer, Eduard Lohse oder Joseph Ratzinger, Heinz Zahrnt oder Jörg Zink.
Das Kirchenjahr beginnt mit dem Advent, führt uns über Weihnachten, die Passionszeit und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten durch das gesamte Jahr hindurch, indem es uns die Glaubensgeheimnisse nicht nur vorstellt, sondern sie auch in der Gemeinschaft der Gläubigen feiert.
Mir scheint, wenn wir an das Kirchenjahr denken, dass wir gleichzeitig auch an das Gespräch mit IHM denken müssen, denn nur darum geht es letztlich. Und das Gespräch mit IHM, das Gebet, hat eine elementare Voraussetzung, nämlich, dass wir zu Gott Vater oder auch Mutter sagen können und sagen dürfen. Diese Beziehungseinheit zwischen Gott und Mensch soll uns in den nächsten Wochenimpulsen weiter beschäftigen. Denn sie ist alles andere als selbstverständlich. Und sie kann offensichtlich verlorengehen. Der Schriftsteller Reinhold Schneider (1903-1958) schrieb zum Ende seines Lebens:
„Des Vaters Antlitz hat sich ganz verdunkelt; es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Keltertreters; ich kann eigentlich nicht ‚Vater‘ sagen.“1
Die Frage bleibt – auch für uns – bestehen, ob mit dem Verlust des Vater-sagen-Könnens, auch der Verlust des Glaubens einhergeht oder nicht.
- Reinhold Schneider „Winter in Wien“, Freiburg-Basel-Wien 1958, 1963, S. 110 ↩︎