Heil von den Juden? – Ein Beitrag zum Interreligiösen Dialog

Der Schweriner Interreligiöse Dialog feiert im Jahr 2027 sein 25jähriges Bestehen. Diesem Anlass sei die nachfolgende Betrachtung gewidmet.

„Heil von den Juden?“ – Ein Gespräch

Es gibt Bücher, mit denen man gewissermaßen ‚schwanger geht‘. Sie beschäftigen einen, mal mehr, mal weniger. Sie reizen zum Widerspruch, mal legen wir sie weg. Dann nehmen wir sie wieder zur Hand. Es könnte ja sein, dass man etwas nicht oder nicht richtig verstanden hat. So ging es mir eine ganze Weile mit dem Buch „Heil von den Juden?“ 1 – Ein Gespräch zwischen dem jüdischen Religionsphilosophen Pinchas Lapide und dem katholischen Theologen Karl Rahner. Beide trafen sich zu Beginn der 80iger Jahre zweimal in Innsbruck zum Gespräch. Daraus ist dieses Buch entstanden. 

Warum irritierte es mich? Sicherlich trafen dort zwei unterschiedliche Temperamente aufeinander, doch das ist ein eher formaler Aspekt. Mich verwunderte, wie sehr Lapide auf die Besonderheiten des Jüdischen vehement geradezu pochte. Und wie wenig Karl Rahner – mitunter in schwierigen Satzstellungen und Formulierungen, wie man es von ihm gewohnt ist – darauf einging, ohne selbst mit exegetischen Detailinformationen auf Lapide zu antworten. 

Der Vergleich mit dem Gespräch Küng–Lapide „Jesus im Widerstreit“ lag auf der Hand. Dieser Radiodialog wurde 1975 engagiert von beiden Theologen geführt. Auch hier wird man schwerlich auf Temperamentsunterschiede alshinreichende Erklärung zurückgreifen, warum hier tatsächlich exegetische Einzelfragen im Pro und Contra ausgiebig und kontrovers behandelt wurden.

Der Eindruck drängte sich mir auf: War Karl Rahner zu wenig auf solch einen Dialog vorbereitet? War sein Alter – Karl Rahner starb in der Nacht vom 30.3.1984 auf den 31.3.1984 – Schuld daran, dass er seinem Dialogpartner offensichtlich nicht gewachsen zu sein schien? Dagegen sprach etwas, was diese Erklärung nicht zuließ, denn im Buch „Glaube in winterlicher Zeit“ – Gespräche aus den letzten Lebensjahren erlebt man einen ganz anderen Rahner. Hier ist Karl Rahner nicht nur auskunftsfreudig. Er argumentiert kraftvoll, in langen Passagen, hat die theologischen und historischen Fakten alle klar vor Augen und bringt dem Leser in einem behutsamen ‚Nachhilfeunterricht‘ geradezu bei, worüber er zumeist noch nicht hinreichend nachgedacht hat. 

„Rahner selber lesen!“

Was also war es, dass mir dieses Buch zunächst verschloss? Auch bei mehrmaligem Lesen ließ sich der Eindruck nicht vermeide: Irgendwie steht Karl Rahner hier ‚auf der Bremse‘. In gewisser Weise noch ratloser wurde ich, als ich von Albert Raffelt im Nachwort zum Büchlein „Bekenntnis zu Jesus Christus“ (2014) von Karl Rahner über dieses Buch las: 

„Es ist wenig bekannt, dass er (gemeint ist Karl Rahner, RH) noch 1983 – in seinem letzten Lebensjahr – ein größeres Dialogbuch Heil von den Juden? zusammen mit dem jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas E. Lapide (1922 – 1997) veröffentlicht hat (SW 27, S. 397-453). Das Gespräch ist sehr irenisch und nicht „wissenschaftlich“, weicht aber den schwierigen Fragen nicht aus.“  (69) 

Nun kann man nachlesen, dass irenisch für friedliebend, friedfertig steht oder für ein Verhalten, das auf Aussöhnung bedacht ist. Das leuchtete mir ein, aber Aussöhnung verlangt doch keine Anpassung oder gar Unterwerfung. Und theologische Unterwerfung – in Bezug auf Karl Rahner – das passt zudem überhaupt nicht zusammen. Bleibt also nur ein Schluss: Ich habe Rahner nicht verstanden. Und dann gibt es nur eines: Noch einmal lesen. Ermutigt wurde ich zum wiederholten Lesen durch einen Hinweis, den mir einer der bekanntesten Rahner-Schüler, Herbert Vorgrimler brieflich Anfang der 90iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab. Vorgrimler meinte, dass es hilfreiche und weniger hilfreiche Arbeiten über und zu Karl Rahner gibt. Die beste und hilfreichste Art, das Denken Karl Rahners kennenzulernen, ist einfach, so Vorgrimler: „Lesen Sie Karl Rahner selbst!“ 

Also noch einmal lesen! – Ein Schlüsselerlebnis

Was habe ich überlesen, was nicht verstanden? Warum ging Karl Rahner so wenig explizit auf exegetische Anfragen Lapides ein? Im Hinterkopf hatte ich Rahners Theologie des „anonymen Christen“, der Nikolaus Schwerdtfeger die große und weithin beachtete Arbeit „Gnade und Welt“ (1982) gewidmet hat. Wie steht die Theologie des „anonymenChristen“ zu der Frage, dass das Heil von den Juden kommt, wie es in Johannes 4,22 heiß: „Jesus sagt zu der Samariterin: „Das Heil kommt von den Juden.“ Die Mühe hat sich gelohnt! Im Kapitel Die „offene“ Offenbarung sagt Karl Rahner zu seinem Gesprächspartner Lapide:

„Der Katholik hat doch die Überzeugung, dass er zwar über das Alte Testament hinaus noch sehr Wesentliches, in gewissem Sinne sogar schlechthin fundamental Wesentliches hinzusagt, aber nichts eigentlich bestreiten muss, was Sie als göttliche Offenbarung des Alten Testamentes anerkennen. Freilich: wenn und insofern der Jude diese seine alttestamentliche Offenbarung als die endgültige und nicht mehr überbietbare und nicht entscheidend in Jesus von Nazareth fortgeführt betrachtet, besteht dann unter dieser Hinsicht ein fundamentalerer Unterschied zwischen Juden und Christen als zwischen den einzelnen christlichen Konfessionen, die ja alle Jesus als ihren Herrn und Heiland anerkennen.“

(73)

Schlaglichtartig wurde mir klar: Der Christ muss überhaupt nichts bestreiten, was Menschen jüdischen Glaubens als Offenbarung anerkennen. Damit ist auch die Frage nach dem Jude-Sein Jesu geklärt. Jesus war Jude, einer, der im Glauben seines Volkes aufwuchs, der die Psalmen betete und an Jahwe glaubte, den er seinen und unseren Vater nannte. Für Jesus als gläubigen Juden war dieser Glaube gültig. Ohne Wenn und Aber. Die eigentliche Schwierigkeit besteht für den Christen darin, wenn das Alte Testament oder – wie es Erich Zenger besser formulierte – das Erste Testament als „endgültige und nicht mehr überbietbare und nicht entscheidend in Jesus von Nazareth fortgeführt“ betrachtet wird. Das Erste Testament ist ohne Abstrich gültig. Für den Christen ist diese Offenbarung jedoch nicht endgültig!

Eine Brücke

Eine große Studie von Bernhard Grümme, die sich mit dem jüdisch-christlichen Dialog beschäftigt, trägt den Titel: „Noch ist die Träne nicht weggewischt von jeglichem Angesicht“ – Überlegungen zur Rede von Erlösung bei Karl Rahner und Franz Rosenzweig. Dieser Studie verdanke ich wichtige Einsichten zum Gespräch zwischen Juden und Christen. Zu Rahners Theologie und zu seiner Dialogfähigkeit schreibt der Autor:

„Die Zentralstücke seines Reflektierens, wie die Theologie des Geheimnisses, des universalen kenotischen Heilswillens Gottes, der inkarnatorisch – christozentrischen Heilsgeschichte und deren strenge Rückbindung an geschichtliche Erfahrung, stellen ein Arsenal theologischer Komponenten bereit, die einen wertvollen Beitrag zur theologisch fundierten Erneuerung zwischen Juden und Christen leisten können… Von Belang ist überdies die spezifische Kontur seiner Christozentrik, wie sie auch im Gespräch mit Rosenzweig zur Anwendung kam. Dort wurde deutlich, dass sie keineswegs automatisch dem Judentum abträglich zu sein braucht. Wird der für Rahners Christologie integrale…Verheißungsüberschuss umfassend und tiefgreifend entfaltet, wird veranschlagt, dass das Christusereignis >>ebenso Erfüllung wie Verheißung<< (GM 90) bedeutet und damit die Christologie in die Nähe der Eschatologie rückt…dann sprengt dies Rahners ansonsten gegenüber dem AT vertretene Einlinigkeit des Verheißungs-Erfüllungszusammenhangs…Eine solche von eschatologischerErwartung beseelte und seiner Theologie des Geheimnisses geprägte Wahrheitstheorie präzisiert den christlichen Absolutheitsanspruch im Sinne der Bereitschaft zu dialogischem Lernen und praktischer Zueignung der erfahrenen unverbrüchlichen Heilswahrheit.“ 

( 636-640)

Diese Dialogfähigkeit der Theologie Karl Rahners betont auch Albert Raffelt im Nachwort des Buches „Bekenntnis zu Jesus Christus“ von Karl Rahner. Das Büchlein bezieht sich auf einen Text Karl Rahners aus dem Jahr 1961 unter dem Titel „Bekenntnis zu Jesus Christus“, in dem deutlich wird, was Grümme ausführt, nämlich die „Bereitschaft zu dialogischem Lernen und praktischer Zueignung der erfahrenen unverbrüchlichen Heilswahrheit“ am brennenden Dornbusch, in den Propheten und im Gesetz. Darum schreibt Raffelt in Bezug auf das Gespräch zwischen Martin Buber und Hans Urs von Balthasar: „Im Gespräch mit Martin Buber hat Balthasar das Wort geprägt: „Israel ist seinem Wesen nach formale Christologie.“ (75)

Worauf es ankommt–Wie es weitergehen kann

In der Festschrift zum 75. Geburtstag Karl Rahners „Wagnis Theologie“ fragt Georg Evers: 

„Ist es möglich und legitim, einige Grundaussagen Rahners über die Theologie des innerchristlichen ökumenischen Gesprächs auch auf das Gespräch zwischen Juden und Christen zu übernehmen?“ 

(535)

Diese Frage ist mehr als Routine oder rhetorischer Natur, denn der Autor fährt sogleich fort: 

„Als Grundlage für den innerchristlichen Dialog wird von Rahner genannt: „Die letzte Voraussetzung der ökumenischen Theologie ist die in Hoffnung ergriffene Einheit eines schon auf beiden Seiten bestehenden selben, aber der Theologie samt dem begrifflich ausgesagten Bekenntnis noch vorgängigen Glaubens in der rechtfertigenden Gnade… Gerade im Dialog mit den Juden sollte der Christ wissen, dass die „Unvollendbarkeit der existentiellen, geschichtlichen Realisation“ der christlichen Heilserwartung und ihre Verwiesenheit auf die zukünftige Vollendung eine breite Basis für einen Dialog lässt, der nicht die vorschnelle Aufhebung der Dialogsituation, sprich Bekehrung zum Ziel haben muss, sondern der die Geduld hat, bis zur Fülle der Zeit zu warten.“ 

(535 f)

„Anonymer Christ“

Karl Rahner führte am Ende seines Lebens viele Gespräche zu wichtigen Fragen des Glaubens und des Lebens. Seine Theologie des „anonymen Christen“ wurde (und wird auch heute z.T.) kritisch beargwöhnt. Sie ignoriere den „Ernstfall des Glaubens“ (Balthasar), sie sei ein „hölzernes Eisen“ (Küng) oder sie erschwere gar die Mission. Rahner ging nie auf persönliche Angriffe oder Anfeindungen ein. Seine Stärke bestand darin, das in den  Anfragen Gemeinte aufzugreifen und zu zeigen, wie offen sein Ansatz für derlei Fragen ist und wie fähig, sie aufzunehmen und zu integrieren. So beispielsweise bei Anfragen der so genannten Politischen Theologie, bei Fragen zur Kirchenreform oder zur Spiritualität. Und so auch hier bei der Frage nach dem „anonymen Christen“. Rahner ging in dem Buch „Glaube in winterlicher Zeit“ in einem Gedankenexperiment darauf ein, indem er sich einen fiktiven Tibeter vorstellte, „der noch nie etwas vom Christentum gehört hat“ und  bei dem Rahner nun die Frage stellt:  

„Warum aber kommt ein Tibetaner in den Himmel? Ein christlicher Theologe könnte antworten: >>Er kommt in den Himmel, weil Gott ihn dort hineinlässt unter Nachlass all jener Forderungen, die er an mich aufgrund meines christlichen Glaubens gestellt hat.<<. Hier müsste ich unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil widersprechen und präzisieren, dass der Tibetaner in den Himmel kommt, weil er im letzten eben jenen personal-geistig-gnadhaften Vollzug gelebt hat, den wir >Glauben< nennen, ohne den weder er noch ich in die Ewigkeit gelange. Dass unser beider Glaube in seiner Inhaltlichkeit eine Differenz aufweist, das ist damit natürlich keineswegs geleugnet.“ 

(222)

Rahner denkt die göttliche Zuwendung streng personal, als SELBST-MITTEILUNG. Sie ist das Primäre im Heilsvollzug. Und darum kann Rahner auch sagen:

„Schließlich darf und kann man nicht in Abrede stellen, dass die Annahme der Selbstmitteilung Gottes an einen Menschen außerhalb des expliziten Christentums eben doch noch die letzte Grundstruktur des Christentums an sich trägt…und deswegen nenne ich diese – wenn auch sehr schwer einsehbare – Gnadenhaftigkeit und gnadenhafte Annahme des Heiles seitens eines nicht explizit Christ seienden Menschen >anonymes Christentum<. 

Auch im Gespräch mit Menschen jüdischen Glaubens ist Rahners Theologie – auch und besonders die des ‚anonymen Christen‘ – eine Dialogformel bzw. Versöhnungsformel, denn 

„Gespräch …ist mithin das Argumentationsziel der These vom anonymen Christen, die so missionarisch und anti-häretisch intentionalisiert ist.“ 

(Ralf Miggelbrink „Ekstatische Gottesliebe im tätigen Weltbezug“, 198)

Und in der schon genannten Arbeit „Gnade und Welt“ von Schwerdtfeger findet sich ein wunderbarer Passus, der so recht zum Interreligiösen Dialog passt: 

„Jede wirklich große Religion behauptet so oder so ein Verhältnis zwischen sich und den anderen Religionenbzw. den anderen Menschen…Eine Religion nun, die das Verhältnis zu den anderen positiv auffasst, die also in den anderen Religionen nicht nur Schlechtes, Negatives (was immer das sein mag) sieht, muss dann konsequenterweise das Positive der anderen Religionen als einen ‚Teil‘ ihrer selbst betrachten, sonst hätte dieses Positive keinen Sinn. Da aber dieser ‚Teil‘- Charakter nicht dem Selbstverständnis der anderen Religion(nen) entspricht, muss er als ‚anonymer Teil‘ bezeichnet werden.“ 

(31) 

Rahner hat sich stark gemacht für „Kurzformeln des Glaubens“. Sie scheinen mir heute mehr denn je vonnöten zu sein in einer Zeit der Digitalisierung und KI. Dabei geht es nicht um eine Verkürzung der Glaubensbotschaft. Wohl aber um eine Priorisierung, um eine Perspektivierung, um die „Hierarchie der Wahrheiten“, wie es im II. Vatikanum formuliert worden ist. Nicht alle Wahrheiten des Glaubens – obwohl sie alle zusammenhängen – haben das gleiche Gewicht. Darum möchte ich mit einer Kurzformel des Glaubens schließen, die sich auf der Rückseite des Büchleins „Bekenntnis zu Jesus Christus“ findet; eine Kurzformel, die Rahner in vielen Beiträgen bis hin zu seinem „Grundkurs des Glaubens“ in verschiedenen Fassungen immer wieder vorgetragen hat und die wie ein Blitzlicht auch das ‚Friedenspotential‘ christlichen Glaubens zum Vorschein bringt: 

„Wer sein Menschsein ganz annimmt, der hat den Menschensohn angenommen, weil in ihm Gott den Menschen angenommen hat.“ 

(Karl Rahner)


  1. Die Buchtitel werden fettgedruckt gekennzeichnet; die Zahlen in Klammern geben die jeweiligen Seitenzahlen an. ↩︎
Bild von Peter H auf Pixabay

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