Gottesfurcht und menschliche Hybris #2

„Wochenimpuls 2026-21“

Warum ist der Begriff der ‚Gottesfurcht‘ heute so bedeutsam, obwohl er durchaus zu Missverständnissen Anlass geben kann? Auch hier haben Rahner/Vorgrimler Bedeutsames zu sagen: 

„Die Haltung einer absoluten, selbstvergessenden, furchtlosen Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Heil wäre letztlich sogar Anmaßung, es dem sich selbst genügenden, unbedrohten Gott gleichtun zu wollen.“ 1

Die urbiblische Hybris, das ‚Wie-Gott- Sein – Wollen‘ scheint heute Dimensionen anzunehmen, auch durch Digitalisierung und KI, die an den ‚Turmbau zu Babylon‘ erinnern. „Gottesfurcht“ ist also eine Haltung der Anerkennung, dass wir zuerst und zuletzt nicht MACHER, sondern EMPFÄNGER sind. Empfänger der personalen Offenbarung, die in nichts anderem besteht als in der VERGEBENDEN UND VERGÖTTLICHENDEN SELBSTMITTEILUNG, die von Gott her immer personal, ereignishaft geschieht. Die ein Angebot (noch nicht Annahme!) an unsere Freiheit ist. Und auch die Annahme dieses Angebotes – durch den gesamten Lebensvollzug – geschieht nochmals in der Kraft SEINER Selbstmitteilung. Im christlichen Sprachgebrauch reden wir von Gottes Gnade. 

Die Hybris heute besteht nicht so sehr in der Ablehnung unserer Kreatürlichkeit oder in der Auflehnung dagegen. Beides sind in gewisser Weise sogar noch ‚Anerkennungen‘, denn man setzt sich nicht mit nichts auseinander. Die Hybris heute und die Schwierigkeit für die Glaubensvermittlung besteht vor allem in der Erklärung der Irrelevanz, der Bedeutungslosigkeit des Glaubens, die nicht einmal mehr eigens erklärt und ausgesprochen wird. Sie ist einfach als Tatsache der Gleichgültigkeit da, oftmals völlig selbstverständlich und unreflektiert. Rahner würde diese Situation als die des „verschütteten Herzens“ bezeichnen. Damit ist auch die Aufgabe benannt für die „Kirche in der Welt von heute“ (Gaudium et spes): Dieses „verschüttete Herz“ muss geöffnet werden, wenn sich der Mensch nicht wesentlich verfehlen will, wenn er sich nicht, wie Karl Rahner treffend formuliert, zum „findigen Termitenstaat“ (zurück-) entwickeln will. 


  1. Kleines Theologisches Wörterbuch von Rahner-Vorgrimler, 11. Auflage, 1978, S. 169 ↩︎
Foto von Sirius Harrison auf Unsplash

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