Gedenkanstoß

Gedenkanstoß zum Internationalen Holocaust-Gedenktag.

Ein Gastbeitrag von Yuriy Kadnykov – Landesrabbiner Mecklenburg-Vorpommern.

Der Internationale Holocaust-Gedenktag erinnert an die Schoa – an die beispiellose Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, an ausgelöschte Gemeinden, abgebrochene Lebenswege und an eine Welt, die Zeugin wurde, wie der Mensch zum Feind der Menschlichkeitwerden kann. In der jüdischen Tradition ist Erinnerung kein bloßes Zurückschauen, sondern ein moralischer Auftrag. Sachor – „Gedenke!“ – ist eines der zentralen Gebote der Tora.

Der Prophet Jeschajahu spricht:

„קול דמי אחיך צועקים אלי מן האדמה – Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden“ (Bereschit 4,10).

Diese Worte, einst an Kain gerichtet, hallen auch heute nach. Das vergossene Blut der Opfer der Schoa ruft nach Gerechtigkeit, nach Verantwortung und nach Wachsamkeit gegenüber jedem Anfang von Hass und Entmenschlichung.

Der Tanach, hebräische Bibel, kennt die Erfahrung von Verfolgung, Exil und Zerstörung. Der König David klagt:

„Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, wir gelten als Schlachtschafe.“

(Psalm 44,23)

Diese Klage wurde in der Schoa auf grausame Weise zur historischen Realität. Doch derselbe Psalm hält auch am Bund mit Gott fest und an der Würde des Menschen, selbst am tiefsten Leid.

Der Prophet Jecheskel verheißt:

„Ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk.“

(Jecheskel 37,12)

Diese Worte sind kein billiger Trost, sondern Ausdruck der Hoffnung, dass Tod und Vernichtung nicht das letzte Wort behalten. Erinnerung ist Widerstand gegen das Vergessen und gegen die Ideologie, die den Menschen auf eine Nummer, ein Objekt, ein „Nichts“ reduzieren wollte. Der Gedenktag an die Schoa ist daher nicht nur ein Tag der Trauer, sondern auch ein Tag der Verpflichtung: die Würde jedes Menschen zu schützen, Antisemitismus und Rassismus entgegenzutreten und das Leben zu heiligen. Wie es im Deuteronomium heißt:

„Ich habe dir Leben und Tod vorgelegt, Segen und Fluch – so wähle das Leben.“

(Dewarim 30,19)

Die Erinnerung an die Schoa ist die Stimme der Ermordeten, die uns zuruft: Wählt das Leben, bewahrt die Menschlichkeit, und tragt die Verantwortung, dass sich solches Leid niemals wiederholt.

Litanei aus dem Morgengebet an Jom Kippur

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du bekleidest Nackte.

Wenn ich meine eigene Bedeutungslosigkeit entdecke, dann umhülle mich mit deiner Kraft.

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du machst Blinde sehend.

Wenn ich andere für die Dunkelheit in mir verantwortlich mache, dann gib mir den Mut, die Wahrheit zu sehen.

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du hast mich nach deinem Willen geschaffen.

Wenn ich mich selber oder die Welt verachte, dann lass mich dein Bild in mir neu entdecken.

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du hast mich nicht geschaffen als jemand, der von anderen versklavt wird.

Wenn ich Angst vor Entscheidungen habe oder davor, mit einer Entscheidung allein zu stehen, dann stärke in mir den Willen, frei zu sein.

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du hast mich nicht geschaffen als jemand, der dir fremd ist.

Wenn ich an deiner Existenz zweifle oder meine eigenen Wünsche zu Gott mache, dann lass mich dich neu finden.

Bild von Chen auf Pixabay

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