Geburtstag Karl Rahners

Glaubensgesprรคche mit Glaubenszeugen am 5. Mรคrz 2025, dem 121. Geburtstag Karl Rahners

Der Epilog, der unser kleines Jahreslesebuch beschlieรŸt, ist eine Betrachtung des Glaubens an der Hand von vier Glaubenszeugen, die durch ihre unterschiedlichen Profile und Zugรคnge ein Bild von der Vielfalt der Glaubenswirklichkeit vermitteln. Im Einzelnen sind dies Hans Kรผng (1928 โ€“ 2021), Eugen Drewermann (geb. 1940), Hans Urs von Balthasar (1905-1988) und Karl Rahner (1904-1984), auf den in besonderer Weise eingegangen wird. Nicht nur, weil er heute, am 05.Mรคrz seinen Geburtstag hรคtte. Sondern weil er seiner Kirche, die er so sehr liebte, dass er sich bis zum Schluss fรผr sie verausgabte und ihr ein Vermรคchtnis hinterlassen hat, auf das schon deshalb mit Nachdruck hingewiesen werden muss, weil es zu einem GroรŸteil weder entdeckt noch eingelรถst worden ist.  

Weltethos

Hans Kรผng, der Begrรผnder des Projektes โ€šWeltethosโ€˜ war mit der Institution Katholische Kirche sozusagen im โ€šDauer-Clinchโ€˜ nach der innerkirchlichen โ€šUnfehlbarkeitsdebatteโ€˜, ohne sich jedoch von ihr zu verabschieden bzw. sie zu verlassen. Anders dagegen Eugen Drewermann, der sich selbst zu seinem 65. Geburtstag โ€“ wie er sagte โ€“ das Geschenk der Freiheit machte durch seinen Kirchenaustritt. Kรผng und Drewermann waren bzw. sind international anerkannte Gesprรคchspartner, die mit ihren Impulsen nachhaltig auf gesellschaftliche Vorgรคnge einwirkten. So sprach Kรผng beispielsweise vor der UNO รผber sein Projekt โ€šWeltethosโ€˜, dessen Anliegen sich mit Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schรถpfung treffend beschreiben lรคsst.  Bekannt ist Kรผngs grundlegende Friedensformel: Kein Weltfriede ohne Frieden zwischen den Religionen. 

Glauben des Christentums im Dialog

Eugen Drewermann ist ebenfalls bekannt fรผr sein politisches und gesellschaftliches Engagement, das ihm viele renommierte Preise einbrachte. Kรผng und auch Drewermann haben in vielfacher Weise auf Gesellschaft und Kirche eingewirkt. Ihr Engagement in Politik und Gesellschaft geschah bzw. geschieht in bewusster Bezugnahme auf das christliche Sinn- und Werteangebot, das sie in groรŸen Abhandlungen mit vielfรคltigen Bezรผgen immer wieder in die groรŸen gesellschaftlichen Foren und Diskussionen einbrachten bzw. einbringen. Trotz Ihrer Distanz bzw. Ablehnung konkreter Formen kirchlicher Institutionen begrรผnden sie den Glauben des Christentums umfassend mit groรŸer, internationaler Reichweite, indem sie vom christlichen Glauben her mit vielen anderen Wissenschaften und Weltreligionen einen umfassenden Dialog fรผhrten und fรผhren.

Der „gebildetste Mann der Gegenwart“

Hans Urs von Balthasar wurde als der โ€žgebildetste Mann der Gegenwartโ€œ (de Lubac) bezeichnet; sein umfassendes Wissen verรถffentlichte er nicht nur in seiner groรŸen Trilogie โ€žHerrlichkeit โ€“ Theologik โ€“ Theodramatikโ€œ (16 Bรคnde), sondern auch in vielen Aufsรคtzen, in Kleinschriften, in vielen Werken der Kirchenvรคter, die er herausbrachte, einleitete und รผbersetzte. Balthasar war auch geschรคtzter รœbersetzer und Herausgeber zeitgenรถssischer christlicher Autoren, besonders aus dem franzรถsischen Sprachraum, und wurde wegen seiner Theologie in den Kardinalsstand erhoben. 

Das Alte neu sagen

Karl Rahner, dessen 121. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, war ein bekannter Konzilstheologe, dessen Impulse die Kirche aus institutioneller Verkrustung herausfรผhrten. Seine Leistung bestand vor allem darin, den Reichtum, die Weite und Tiefe der kirchlichen Tradition fรผr das Hier und Heute aufzuschlieรŸen. โ€žDas Alte neu sagenโ€œ โ€“ vielleicht ist das Rahners โ€šGrundformelโ€˜, mit der er versuchte, den spirituellen Reichtum der Kirche fรผr die Gegenwart fruchtbar zu machen, indem er die von ihm so genannte โ€šSchultheologieโ€˜ โ€“ die er wie kaum ein anderer kannte und auch โ€švon innenโ€˜ her verstand โ€“ โ€šentschlรผsselteโ€˜ und ihren geistlichen Reichtum fรผr das Hier und Heute des Glaubens fruchtbar machte. 

Wagnis des Vertrauens

Beginnen wir mit Hans Kรผng. In seinem Buch โ€žWas ich glaubeโ€œ[1], versucht er eine โ€šGlaubensrechenschaftโ€˜, die gekennzeichnet ist durch eine Fรผlle von theologischen รœberlegungen und persรถnlichen Erwรคgungen. 

โ€žDoch plรถtzlich โ€“ mitten in diesem Gesprรคch โ€“ durchzuckt mich eine Erkenntnisโ€ฆOffensichtlich geht es bei dieser Grundfrage nicht um einen Glauben im traditionell-katholischen Sinn des intellektuellen Annehmens รผbernatรผrlicher Glaubenswahrheiten โ€ฆ Allerdings auch nicht um einen Glauben im evangelischen Sinn des rechtfertigenden Annehmens von Gottes Gnade in Christo โ€ฆ Bei der bewussten, vernรผnftigen Begrรผndung der menschlichen Existenz geht es um die Frage โ€ฆ Wie kann ich einen festen Standpunkt gewinnen? Wie mein eigenes Selbst mit all seinen Schattenseiten annehmen? โ€ฆ Was ging mir da plรถtzlich auf? Dass mir in dieser Lebensfrage ein elementares Wagnis zugemutet wird, ein Wagnis des Vertrauens! Welche Herausforderung: Wage ein Ja! Statt eines abgrรผndigen Misstrauens im Gewand von Nihilismus oder Zynismus riskiere ein grundlegendes Vertrauen zu diesem Leben, zu dieser Wirklichkeit.โ€œ[2]

Grundvertrauen erfahren

โ€žRationalistische Philosophen mรถgen ein solches Vertrauen in die Vernunft fรผr irrational haltenโ€ฆDoch machen sie damit die irrationale Basis ihres Rationalismus offenkundig. Ich selber wรผrde dieses Sich-Verlassen, dieses grundlegende Vertrauen auf die Vernunft, keinesfalls als irrational bezeichnen. Denn das Vertrauen in die Vernunft lรคsst sich zwar nicht von vornherein beweisen, aber sehr wohl im Vollzug erfahren: im Gebrauch der Vernunft, im Sich-ร–ffnen gegenรผber der Wirklichkeit, im Ja-Sagen. Das Grundvertrauen in die Wirklichkeit lรคsst sich, wie andere Grunderfahrungen etwa der Liebe oder der Hoffnung auch, gerade nicht durch Argumentation vorher beweisen, doch auch nicht erst im Nachhinein โ€ฆ Vielmehr lรคsst sich dieses Grundvertrauen im Lebensvollzug meiner Entscheidung erfahren, ja im Akt des Vertrauens selbst als durchaus sinnvoll, als vernรผnftig erfahren. 

Ein nihilistisches Nein aber, ein zynisches Urmisstrauen, lรคsst sich zwar durch keine noch so rationalen Argumente erschรผttern. Doch verwickelt es sich in immer grรถรŸere Widersprรผche; Friedrich Nietzsches Werk, Leben und geistiges Erlรถschen haben das auf bewegende Weise gezeigt. Ein grundsรคtzliches Ja dagegen lรคsst sich in der Praxis des Lebens trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse konsequent durchhalten.โ€œ[3] 

Leben gibt es nur im Glauben

Eugen Drewermanns jรผngstes Werk โ€žAlles ist Gnadeโ€œ[4] ist eine ausfรผhrliche Beschรคftigung mit dem Rรถmerbrief des Neuen Testamentes. Besonders seine Aussagen und รœberlegungen zu Tod und Auferstehung sind beachtenswert, besonders auch im Gesprรคch mit Andersdenkenden wie Humanisten und Freidenkern. Drewermann gelingt in beeindruckender Weise der Nachweis gegenรผber anderen Sinnentwรผrfen[5], was er schon in seinem Erstling โ€žStrukturen des Bรถsenโ€œ[6] in die Formel kleidete: โ€žLeben gibt es nur im Glaubenโ€œ.[7]

Perspektive ins Unendliche

โ€žAuf diese Weise entsteht unausweichlich die Frage, wie wir mit der Naturtatsache der Endlichkeit unseres Lebens umgehen. Das erste Paradox besteht bereits darin, dass uns als Menschen die biologischen Antworten nicht mehr schรผtzen, – sie genรผgen nicht, sie muten geradewegs zynisch anโ€ฆwir lebten ja weiter in den Kindernโ€ฆEine solche Antwort ist sehr beliebt, aber sie ist gรคnzlich falschโ€ฆEs gibt kein persรถnliches Weiterleben in den Genen โ€ฆ Personalitรคt wird ja nicht in den Genen produziert, sondern in โ€ฆ dem Riesenstrom von Erfahrungen und Informationen, die wir als individuelle Psychogenese bezeichnenโ€ฆ Die Antwort der Religion lautet: Wir sterben nicht ins Nichts hinein, sondern in die Hรคnde, die uns geformt haben โ€ฆ Diese Perspektivenรถffnung ins Unendliche, diese Hoffnung auf ein neues, anderes Leben in Gottes Ewigkeit, hat absolut nichts zu tun mit dem Selbsttrost kindlicher Wunschphantasien; sie bedingt vielmehr, dass wir als Erwachsene der leidigen Todespraxis des sonst ganz >>normalen<< Lebens als eines unendlichen Kampfes ums รœberleben endlich ledig werden und wahrhaft als Menschen zu existieren beginnen โ€ฆ Diese Perspektive ins Unendliche ist sehr wichtig, um Humanitรคt in der irdischen Existenz wirklich zu wagen โ€ฆ sie setzt voraus den Glauben und die Zuversicht, dass das, was wir sind, in Gottes Hand unendlich ist und nie vergehen wird. โ€œ[8]

Transformation eines Wachstumsprozesses

โ€žKlar ist, dass es nicht dabeibleiben kann, zu sagen: du lebst in unserem Gedรคchtnis und in unserer Erinnerung, – du bleibst, solange wir noch an dich denken und wohl noch von dir reden โ€ฆ Wir kรถnnen nur so lange denken, als wir sind; unser Bewusstsein hรคngt von unserem Sein ab, und wie lange sind wir selbst? Es ist nichts als ein tรคuschendes Wortspiel zur Selbstberuhigung, von einem >>Weiterleben in unserem Gedรคchtnis<< zu sprechen.[9]

Drewermann spricht von Reifung der Person, von einem Wachsen in der Annahme, im existentiellen Wissen – gerade, weil man nicht perfekt ist, weil man abhรคngig ist – gehalten zu sein โ€“ und zwar bedingungslos! Hier scheint fรผr ihn GOTT auf:

โ€žWenn dies die Ausrichtung unseres Daseins ist, lรคsst sich der Tod dann nicht auch anders denken als in der Form, in der er uns erscheint? Er erscheint uns als eine schmerzliche Trennung, als ein Verlust, als eine sinnlose Zerstรถrung; wie aber, er wรคre in Wirklichkeit nur die Transformation eines Wachstumsprozesses, der an sein Ziel gelangt?โ€œ [10]

Ein Haus voll Glorie

Um uns dem Denken Hans Urs von Balthasars (1905-1988) gedanklich zu nรคhern, mag zunรคchst ein Blick auf den Anfang eines Kirchenliedes hilfreich sein. Es war in vorkonziliarer Zeit vielleicht d e r katholische โ€šSchlagerโ€˜ angesichts vieler Infragestellungen, ร„ngste und Unsicherheiten. Es geht um das Kirchenlied: โ€žEin Haus voll Glorie schauetโ€œ in dem es heiรŸt, dass es โ€žweit รผber alle Landโ€œ hin sichtbar ist. Es ist auf Dauer angelegt, denn es ist โ€žaus ew-gem Stein erbauet von Gottes Meisterhand.“ Da kann nichts mehr โ€šschiefgehenโ€˜, da ist der โ€šSiegโ€˜ schon eingepreist. Wer Balthasar liest, kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass sein Glaube irritationsfest ist gegenรผber vielen Fragen und Unsicherheiten. Illustrieren mรถchte ich dies an dem kleinen Beispiel seiner รœberlegungen zum Verhรคltnis des Christentums zu anderen Weltreligionen. [11]

โ€žDas (westliche) Nicht-mehr-Stellen der Frage nach Gott ist ein Erschlaffungsphรคnomen, das seine eigene Gรผltigkeit widerlegt. Der religiรถse Sinn in der Natur des Menschen kann eingeschlรคfert, aber niemals ausgerottet werden. Weil die groรŸen Religionen ihn alle besitzen und lebendig erhalten, alle nach dem gรถttlichen Sinngrund des Daseins Ausschau halten, besitzen sie eine tiefe Gemeinsamkeit, weshalb unter ihnen grundsรคtzlich Toleranz zu walten hatโ€ฆ.

Christus in der Gestalt der Erniedrigung

Seit Jesus Christus mit dem Anspruch auftrat, als Sohn Gottes die unmittelbare Darstellung seines gรถttlichen Vaters zu sein und den Geist Gottes zu besitzen und ihn sogar zu verleihen: seither kann der Mensch sich anmaรŸen, selber das Absolute, das Autonome sein zu wollen, das sich selber Gesetz ist โ€ฆ Hier wird nur vergessen: dass Christus in der Gestalt der >>Erniedrigung<< erschien โ€ฆ

In welcher Religion auch immer

Auf diese beiden Weisen der Vergรถttlichung des Menschen wird die Weltgeschichte, auch die Religionsgeschichte zulaufen; denn auch wenn die รผbrigen Weltreligionen weiterbestehen โ€ฆ sie werden unfehlbar in den Sog eines dieser beiden Pole hineingenommen werden. Dass sie zum Christlichen in einer innern Beziehung stehen kรถnnen, gehรถrt zum Selbstverstรคndnis dieser >>umfassenden<< (>>katholischen<<) Religion: der sich in Jesus Christus offenbarende Gott ist der sich erbarmende Vater aller, die ihn aus ehrlichem Herzen suchen: in welcher Religion immer sie leben mรถgen, Gottes Sohn ist aus Liebe zu Gott und zu den Menschen in seiner Passion fรผr die Schuld aller gestorben und hat ihnen in seiner Auferstehung den Weg zu ewigem Leben in Gott erรถffnet.โ€œ 

Herz-Jesu-Verehrung

Diese โ€žSchau der Gestalt“ [12] kann hilfreich sein, (fรผr den, der sie hat!) um im Blick auf das Herz Jesu gestรคrkt zu werden in Glauben, Hoffnung und Liebe.  Gerade die Herz-Jesu-Verehrung, heute fast vรถllig aus der Mode gekommen, bietet ein unerschรถpfliches spirituelles Reservoir, worauf in einer lesenswerten Arbeit Wolfgang Schneider aufmerksam gemacht hat, der an entscheidender Stelle auf Gebete Karl Rahners zurรผckgreift:  

โ€žGott, ewiges Geheimnis, Unermesslichkeit ohne Namen, seliger Abgrund, der alles birgt, von keinem umfasst, Du hast Dein ewiges Wort selbst in Deine Schรถpfung und in unser Dasein ausgesagt, damit Dein ewiges Geheimnis die unsagbare bergende Nรคhe fรผr uns und die Mitte der Welt selbst werde! Wir schauen auf dieses Dein ausgesagtes Wort, wir schauen auf den, der das Herz der Welt ist, wir blicken auf das Herz des Sohnes, das wir durchbohrt haben. Alle Unbegreiflichkeit, die wir und unser Dasein sind, birgt sich in diesem Herzen, alle Angst des Daseins bleibt von ihm gefasst, alles Hohe und Heilige wandert zurรผck zu diesem seinem Ursprung. Alles findet dort sein wahres Wesen und erkennt sich als Liebe. Alles geht ein in das Geheimnis, das selige Liebe ist.“  (Rahner, Karl, โ€žGebete des Lebensโ€œ, 19-25; 47-53, 82-88.u.รถ.) [13]

Gebet um die Hoffnung

Karl Rahner hat es – das wird oft nicht wahrgenommen, wenn man sich mรผhsam durch seine langen, oft verschachtelten Sรคtze in den theologischen Aufsรคtzen quรคlt – vermocht, die mitunter sperrigen Vokabeln theologischer Sprache in seinen Gebeten und Meditationen so โ€šaufzubereiten‘, dass sie tatsรคchlich gut verstรคndlich sind – ohne dass damit eine Vereinfachung oder eine โ€šGewichtserleichterungโ€˜ des katholischen Glaubens, wie ihm gerne vorgeworfen wurde und wird, einherging.  Ein sehr schรถnes Beispiel (neben vielen anderen!) bietet in Bezug auf die Trinitรคtstheologie Rahners โ€žGebet um die Hoffnung“. 

โ€žWir bitten dich, Gott der Gnade und des ewigen Lebens: Mehre in uns, stรคrke in uns die Hoffnung โ€ฆ Lass uns immer Sehnsucht haben nach dir, der unendlichen Erfรผllung des Wesens โ€ฆ Die Hoffnung der Herrlichkeit aber, ewiger Gott ist dein eingeborener Sohn. Er ist der, der dein unendliches Wesen besitzt von Ewigkeit zu Ewigkeit โ€ฆ er besitzt alles also, was wir erhoffen und ersehnen โ€ฆ Dein ewiges Wort, Gott der Herrlichkeit, ist Fleisch geworden, ist geworden wie einer aus uns, er hat sich erniedrigt und Menschengestalt angenommen โ€ฆ ein menschliches Schicksal bis in seine fรผrchterlichsten Mรถglichkeiten โ€ฆ Christus in uns ist die Hoffnung der Herrlichkeit. Denn wenn du uns deinen Sohn schenkst, was kรถnnte dann noch sein, was du etwa zurรผckbehalten hรคttest? … Wir sind Brรผder des Erstgeborenen, des Einziggeborenen, Brรผder deines Sohnes, Miterben an seiner Herrlichkeit. Wir nehmen teil an seiner Gnade, teil an seinem Geist, teil an seinem Leben, teil an seinem Schicksal โ€ฆ Nicht mehr wir leben unser Leben, sondern Christus, unser Bruder, lebt in uns und durch uns sein Leben โ€ฆ Er will sein eigenes Leben in uns weiterfรผhren bis zum Ende der Zeiten, er will in uns und in unserem Leben die Herrlichkeit, die GrรถรŸe, die Schรถnheit und die Segenskraft seines Lebens offenbaren.โ€œ[14]

Zelt Gottes

Man kรถnnte, um einen Vergleich mit Hans Urs von Balthasar an dieser Stelle anzustellen, noch einmal auf das o. g. Kirchenlied zurรผckkommen. Das โ€žHaus voll Glorieโ€œ, das fรผr Balthasar ziemlich unverrรผckbar steht, ist fรผr Karl Rahner eher das โ€“ durchaus zugige, vom Wind gebeutelte โ€žZelt Gottes unter den Menschenโ€œ, das die Pilgerexistenz kennzeichnet. โ€žSeht Gottes Zelt auf Erden! Verborgen ist er da; in menschlichen Gebรคrden bleibt er den Menschen nah.“- so heiรŸt es im Lied. โ€žWir sind nur Gast auf Erdenโ€œ – diese Spiritualitรคt des Pilgers โ€“ sie ist typisch fรผr Karl Rahners Spiritualitรคt, die sich vor allem in seinen Gebeten und Meditationen findet: 

โ€žWir sind unterwegs, Wanderer zwischen zwei Welten. Weil wir noch auf Erden wandeln, lasst uns bitten um das, was wir auf dieser Erde brauchen. Da wir aber Pilger der Ewigkeit auf dieser Erde sind, lasst uns nicht vergessen, dass wir nicht so erhรถrt werden wollen, als ob wir hier eine bleibende Stรคtte hรคttenโ€ฆโ€œ [15]

Nachfolge in der Liebe zum Nรคchsten

โ€žHerr Jesus Christus, du selbst hast mir einen Weg zu einem wirklichen, mein Leben bestimmenden Glauben gewiesen. Es ist der Weg der alltรคglichen und tรคtig hilfsbereiten Liebe zum Nรคchsten. Auf diesem Weg begegne ich dir, unbekannt und erkannt. Fรผhre mich, Licht des Lebens, diesen Pfad. Lass mich ihn in Geduld gehen, immer weiter und immer neu. Gib mir die unbegreifliche Kraft, mich selbst an den Menschen zu wagen, in der Gabe mich selbst zu geben. Dann trittst du selber in unbegreiflicher Einheit mit denen, die meine Liebe empfangen, im Nรคchsten mir entgegen: Du bist der, der das ganze Leben der Menschen annehmen kann, und du bleibst zugleich der, in dem es, weggegeben an Gott, nicht aufhรถrt, Liebe zum Menschen zu sein.

Mein Glaube an Dich ist unterwegs, und ich sage mit dem Mann im Evangelium: โ€šIch glaube; Herr, hilf meinem Unglauben.โ€˜ Fรผhre mich deinen Weg, du der du Weg zum Nรคchsten, unbekannt gesuchter Bruder und darin Gott bist. Jetzt und immer. Amen.โ€œ [16]

Das Wort Gottes als Zusage an mich

โ€žJesus, du hast die unbegrenzte, alles erรถffnende und prรผfende Frage des menschlichen Daseins gestellt, die ich selber bin. Aber dies geschah nicht bloรŸ in Worten, sondern durch deine ganze Geschichte, nicht halb und mit Vorbehalt wie ich. Ich klammere mich dagegen an das einzelne, das sicher ist, und halte mich an den Tod, den ich als die Fraglichkeit schlechthin nur von ihm her erleide, ihn aber nicht aktiv vollziehe. Du bist die radikale Frage, die ich sein sollte. Du bist nรคmlich frei gestorben, und Gott stellte in dir diese grenzenlose Frage als seine eigene, nahm sie selber an und hob sie in jene Antwort auf, die seine heilige und selige Unbegreiflichkeit selber ist.

Was die Kirche, deren getauftes Glied ich bin, mir von dir sagt, klingt mir oft unbegreiflich. Lehre mich durch mein Leben, was damit gemeint ist. Ich will geduldig sein und warten kรถnnen. Ich will versuchen, es mir immer wieder in das zu รผbersetzen, was ich an dir erfahre. Ich will auch das, was ich erfahre, weiten und einbergen in das, was deine Kirche von dir glaubt und bekennt.

Du bist gestern, heute und in Ewigkeit, weil dein Leben vor Gott nicht verlorengegangen sein kann. Du bist die unendliche Frage, an der ich und mein sterbendes Leben teilhaben, eben der Mensch. Du bist das Wort Gottes, weil Gott sich selbst mir in dir zusagte und sich selbst als Antwort aussagte. Du bist die Antwort Gottes, weil die Frage, die du als der sterbend Gekreuzigte bist, mit Gott selbst ewig beantwortet ist in deiner Auferstehung. Du bist der Gott-Mensch, beides, unvermischt und ewig ungetrennt. Lass mich im Leben und Sterben dein sein. Amen.โ€œ [17]

Begegnung mit Jesus

โ€žJesus, alle Dogmatik รผber dich ist gut, und ich sage vor ihr gern immer wieder: Ich glaube, โ€šHerr, hilf meinem Unglauben.โ€˜ Aber alle Dogmatik รผber dich ist nur gut, weil sie mir das mir eigene, innere Bild von dir, nein dich selbst verdeutlichen soll, wie du dich selbst mir in deinem Geist ins Herz sagst und wie du mir schweigend begegnest im Geschick meines Lebens als der Erfahrung dieser deiner inwendigen Gnade.

Im Nรคchsten, an den ich mich ohne Rรผckversicherung wagen muss, in der Treue zum Gewissen, die sich nicht mehr lohnt; in aller Liebe und Freude, die doch nur VerheiรŸung ist und fragt, ob ich den Mut habe, an die ewige Liebe und Freude zu glauben; in dem langsamen Ansteigen der dunklen Wasser des Todes in der Grube meines Herzens, in der Finsternis des Todes, der ein Leben lang gestorben wird, in der Alltรคglichkeit der schweren Dienste tรคglicher Bewรคhrung: รผberall begegnest du mir, allem bist du inwendig, ungenannt oder mit Namen angerufen. Denn in allem suche ich Gott, um der tรถtenden Nichtigkeit zu entfliehen, und in allem kann ich den Menschen nicht lassen, der ich bin und den ich liebe. Darum bekennt alles dich, den Gott-Menschen. Alles ruft nach dir, in dem als Menschen man Gott schon hat, ohne nochmals den Menschen lassen zu mรผssen, und in dem als Gott man den Menschen finden kann, ohne fรผrchten zu mรผssen, dem bloรŸ Absurden zu begegnen.

Ich rufe dich an. Die letzte Kraft meines Herzens greift nach dir. Lass mich dich finden, dir begegnen in meinem ganzen Leben, damit langsam mir auch verstรคndlich wird, was die Kirche mir von dir sagt. Es gibt nur zwei letzte Worte: Gott und Mensch, ein einziges Geheimnis, in das ich mich vรถllig, hoffend und liebend ergebe. Dieses Mysterium ist ja in seiner Zwiefalt wahrhaft eines, es ist eins in dir, Jesus Christus. Zu dir sage ich, meine Hand in deine Wunde legend, mit dem zweifelnd fragenden Thomas: โ€šMein Herr und mein Gottโ€˜. Amen.โ€œ [18]

Epilog

Am Ende dieses Glaubensgesprรคches, als Epilog gewissermaรŸen, soll eine โ€šSynopseโ€˜ zweier Glaubensbekenntnisse stehen. Sie stammen von den eben besprochenen Theologen, die landlรคufig als โ€šAntipodenโ€˜ gelten, Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar. Dass diese Kennzeichnung eher einer oberflรคchlichen Betrachtungsweise Vorschub leistet und z.T. stรคrker auf einer menschlichen Entfremdung beider Theologen beruht, sei nur am Rande erwรคhnt. Jedenfalls wird man sagen mรผssen, dass beide Theologen die katholische Theologie im 20. Jahrhundert entscheidend mitgeprรคgt haben. Beide haben unterschiedliche Zugรคnge und Ansรคtze in der Theologie erรถffnet bzw. fruchtbar gemacht, die auch heute, im 21. Jahrhundert noch wirkmรคchtig sind. 

Wie in einer โ€šKurzformel des Glaubensโ€˜ haben sich beide explizit mit der Frage auseinandergesetzt: โ€žWarum bin ich heute Christ?โ€œ In beiden Beitrรคgen geht es um letzte, grundsรคtzliche Fragen des Glaubens. Sie sind auch vom Titel her fast identisch und bilden so etwas wie eine abschlieรŸende โ€žSummenformelโ€œ beider Theologen: 

Rahner und von Balthasar

โ€žIch finde, Christ sein ist die einfachste Aufgabe, die ganz einfache und darum so schwere leichte Last, wie im Evangelium steht. Wenn man sie trรคgt, trรคgt sie einen. Je lรคnger man lebt, umso schwerer und leichter wird sie. Am Ende bleibt das Geheimnis. Es ist aber das Geheimnis Jesu.โ€œ [19] (Karl Rahner)

 โ€žDas Fordernste ist auch das Schรถnste. Das Schwerste erweist sich, weil es die Liebe ist, als โ€šleichte Bรผrdeโ€˜, sanftes Joch. โ€˜ Als das, was man bei allem Strรคuben schlieรŸlich am liebsten tut. Menschlich ist Liebe eine Mรถglichkeit der Freiheit unter andern. Gรถttlich wird Liebe zu der Manifestation der gรถttlichen Freiheit, bewiesen in Anspruch, Kreuz und Auferweckung Jesuโ€œ. [20] (Hans Urs von Balthasar)

Beide Theologen, Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar, betonen gemeinsam: Glaube ist gleichzeitig das Fordernde, das Schwere einerseits, das Schรถnste, das Einfachste andererseits. Und: Glaube hat mit dem Leben unmittelbar zu tun. 

Das Trennende der beiden theologischen Ansรคtze ist allerdings auch unรผbersehbar: 

Fรผr Karl Rahner ist der Lebensvollzug, der vom Geheimnis durchwaltet wird, das Entscheidende. Die Hoffnungsperspektive wird begrรผndet aus dem existentiellen Wissen um das Geheimnis Jesu. Dieses โ€žWissenโ€œ wird erfahren und angeeignet in der glรคubigen Nachfolge Jesu. Gottes Selbstmitteilung, sein Heiliger Geist, der in uns wirkt, ermรถglicht uns diese Nachfolge Seines Sohnes und unseres Bruders. 

Darรผber hinaus kennt Hans Urs von Balthasar eine Form gรถttlicher Liebe, die โ€žBeweischarakterโ€œ hat. Er findet sie in der โ€žSchau der Gestaltโ€œ des Christusereignisses.  

Liebe, so oder so

Solche Liebe, die fรผr Balthasar โ€žobjektive Evidenzโ€œ besitzt, kennt Karl Rahner nicht. Im Gegenteil: Fรผr Karl Rahner ist der Verzicht auf solche Art von โ€šBeweisโ€˜ entscheidend: Liebe muss fรผr Rahner auf letzte Gewissheit verzichten und kann sich nur โ€šaufhebenโ€˜ in eine Haltung absoluten Vertrauens. Darum mag die Glaubensoption von Balthasars โ€šschรถnโ€˜ sein. Hilfreich fรผr mich ist eher Karl Rahner geworden, der immer wieder auf den Vollzug der Nachfolge insistiert. 

Allerdings kann uns der glรคubige Blick auf das Kreuz Jesus auch nach Karl Rahner Hilfe, Trost und Stรคrkung sein, ja gewissermaรŸen โ€žEinweisungโ€œ in das Heilige Geheimnis, das uns von allen Seiten umgibt und uns unendlich nahe ist. Darum ist fรผr Karl Rahner auch der Mensch das โ€žEreignis der vergebenden und liebenden Selbstmitteilung Gottesโ€œ, die es uns ermรถglicht, IHN in SEINER Liebe (wieder) zu lieben. 

Wovon lebt der Mensch?

D A S ist der Kern dessen, worum sich der Glaube der Kirche bewegt. Es ist darum auch der Kern der Theologie Karl Rahners, dass wir VON IHM ERGRIFFEN SIND. Diese โ€šUrevidenzโ€˜ des Glaubens, sein โ€šGeschenkcharakterโ€˜ macht die Theologie Karl Rahners zu einer Option fรผr den Glauben im Hier und Heute, inmitten aller Orientierungslosigkeit, aller Fragwรผrdigkeit, aller (vermeintlichen) Allmachtsphantasien und Ohnmachtserfahrungen. Sie ist vielleicht d a s Korrektiv in und zu einer Welt, die einem ungebremsten, naiven Fortschrittsoptimismus huldigt. Denn mit ungewรถhnlicher Wucht drรคngt sich gerade heute die Frage auf: Wovon lebt der Mensch? Was macht ihn aus? Sie drรคngt sich รผberall dort vehement auf, wo diese Frage zugelassen wird und nicht einer Verdrรคngungsstrategie zum Opfer fรคllt, die sich im Digitalzeitalter Mรถglichkeiten zur Manipulation und Selbstsuggestion geschaffen hat, von denen Geheimdienste im 20. Jahrhundert nur trรคumen konnten. Doch selbst die geschicktesten Verdrรคngungskรผnstler schaffen es offensichtlich nicht vollstรคndig, die Frage nach dem Menschen zu unterdrรผcken. Wie anders soll man sich das Erstarken skurrilster Verschwรถrungsmythen sonst erklรคren als dadurch, dass der Mensch โ€“ bei allem Fortschritt und allem Angsterleben โ€“ Halt und Orientierung sucht und benรถtigt? 

โ€žVon nichts anderem wirklich kann ein Mensch leben als von dem Vertrauen, trotz allem umfangen zu sein von etwas, das er nicht kennt noch beweisen kann und das ihn dennoch besser kennt als er sich selbst und das ihn doch als berechtigt erweist inmitten einer Welt sonst unauflรถsbarer Widersprรผche.โ€œ [21]

Menschsein in Gefahr

Um diese frohe Botschaft geht es. Die Kirche richtet sie zu allen Zeiten und an allen Orten aus, denn sie kann gar nicht schweigen von ihrer groรŸen Hoffnung des Lebens. Auch und gerade in ziemlich โ€žwinterlicher Zeitโ€œ (Karl Rahner) des Glaubens. In einer Zeit, die den Menschen nur allzu gern reduziert auf das, was er machen, was er โ€šleistenโ€˜ kann. Die den Menschen nur zu hรคufig โ€šklassifiziertโ€˜ in Verbraucher oder Konsumenten, die ihn reduziert und einsetzt in Kosten โ€“ Nutzen โ€“ Rechnungen und wenig oder gar nicht auf seine unersetzbare Wรผrde, seine Einmaligkeit Bezug nimmt. Weil sie dafรผr keinen MaรŸstab (mehr) hat, weil das Fundament dafรผr verlorengegangen zu sein scheint. Dieses unverrรผckbare Fundament besteht in der โ€“ kirchlich gesprochen โ€“ โ€šGottebenbildlichkeit des Menschenโ€˜. Sie lรคuft in dem MaรŸe Gefahr, aus dem Blick und dem Gedรคchtnis zu geraten, wie der Mensch selbst aus dem Blick gerรคt.  Durch dieses Vergessen, diese โ€žBlindheitโ€œ, gerรคt letzten Endes das Menschsein selbst in allerhรถchste Gefahr. Eine Gefahr, vor der deshalb nicht laut genug gewarnt werden kann. Es droht nรคmlich nichts weniger als die Abschaffung des Menschen! Denn wenn der Mensch nicht mehr nach sich, nach dem Ganzen, nach Sinn und Ziel fragt, dann hat er nicht nur Gott vergessen. Er hat sich selbst vergessen. Und โ€“ das Allerschlimmste โ€“ er lรคuft dann auch Gefahr, buchstรคblich zu vergessen, dass er dies alles vergessen hat. Darum findet sich die โ€žMeditation รผber das Wort Gottโ€œ auch in Karl Rahners โ€žEinfรผhrung in den Begriff des Christentumsโ€œ:

Aufhรถren, ein Mensch zu sein

โ€žDas Wort โ€šGottโ€˜ soll verschwunden sein, spurlos und ohne Rest โ€ฆ Dann ist der Mensch nicht mehr vor das eine Ganze der Wirklichkeit โ€ฆ gebracht. Er wรผrde in der Welt und in sich steckenbleiben โ€ฆ Der Mensch hรคtte das Ganze und seinen Grund vergessen und zugleich vergessen – wenn man das noch so sagen kรถnnte -, dass er vergessen hat. Was wรคre dann? Wir kรถnnen nur sagen: Er wรผrde aufhรถren, ein Mensch zu sein. Er hรคtte sich zurรผckgekreuzt zum findigen Tier.โ€œ [22]

Sein-wie-Gott

Eugen Drewermann nimmt diesen Gedanken Rahners auf und fรผhrt ihn weiter. In einem Brief schrieb er: 

โ€žWas selbst er (Karl Rahner โ€“ RH) nicht wusste: wir kreuzen uns nicht zurรผck, wir feiern es als transhumanes Gottmenschentum. Bei Dostojewski war Kirillos Vision vom Menschgott geboren aus Tod, Schmerz und Angst, bei diesen jetzt von einem Sein-wie Gott in biblischem Format. Vom Frieden Christi, den die Welt nicht geben kann (Joh. 14) will man schon gar nichts wissenโ€ฆ Und doch: Die Rettung dieser Welt liegt einzig in dem Geist, den Jesus uns gesandt hat.โ€œ 

Glaubwรผrdigkeit der Botschaft

Reinhold Schneider resรผmiert deshalb tiefsinnig am Ende seines Lebens, wenn er gleichsam den Extrakt seiner Lebenserfahrung mit dem Glauben von der Menschenfreundlichkeit Gottes konfrontiert:

โ€ž…Es ist besser, zu sterben mit einer brennenden Frage auf dem Herzen, als mit einem nicht mehr ganz ehrlichen Glauben.โ€œ [23]

Es ist trรถstlich und ermutigend zugleich, zu erleben, dass es โ€“ entgegen dem Anschein โ€“ doch viele โ€žVerbรผndete im Glaubenโ€œ gibt. Wir mรผssen mit Trauer und Sorge zur Kenntnis nehmen, dass Menschen – aus welchen Grรผnden auch immer- sich nicht entschlieรŸen kรถnnen, zur Kirche ein uneingeschrรคnktes Ja zu sprechen. Wir mรผssen allerdings eine Unterscheidung treffen: Die Schwierigkeiten mit der Institution Kirche sind ein wesentlicher Aspekt. Er ist in vielerlei Hinsicht nachvollziehbar, wenn man den Missbrauchsskandal in der Kirche und den Umgang damit erlebt. Die Frage der Teilhabe von Frauen, die widersprรผchlichen Aussagen zur Frage der Interkommunion, die immer wieder geรคuรŸerten Verdรคchtigungen zum synodalen Prozess der Kirche in Deutschland, die Struktur โ€“ und Finanzdebatten in den Bistรผmern โ€“ all das erhรถht die Glaubwรผrdigkeit der kirchlichen Botschaft gerade nicht, ganz im Gegenteil. Immer mehr Menschen wenden sich โ€“ laut oder leise โ€“ von dieser Institution ab.  

Gott ist nicht aus der Welt zu schaffen

Dabei โ€žschรผtten sie das Kind mit dem Bade ausโ€œ, denn der Glaube an den uns liebenden, uns โ€žunsagbar naheโ€œ gekommenen Gott gilt, diese Zusage bleibt, ob sie ankommt, das liegt mit in den Hรคnden jener, die berufen sind, von dieser Hoffnung und Liebe Zeugnis in der Welt und fรผr die Welt zu geben. Diese Berufung ist eine groรŸe Auszeichnung, sie ist eine Wรผrde, die auch eine groรŸe Bรผrde sein kann. Sie ist ein Angebot, das man annehmen, aber auch ablehnen kann. Die Kirche kann ihren Auftrag verraten, ihm nicht gerecht werden. Gott aus der Welt zu schaffen, das kann sie nicht โ€“ Gott sei Dank! 

Gottes Liebe gilt und bleibt

All jenen โ€“ und das stimmt froh und hoffnungsvoll trotz aller Schwierigkeiten mit und in der Institution Kirche – denen das Gespรผr nicht abhandengekommen ist, was es mit dem Menschen eigentlich auf sich hat, werden von ihrer Hoffnung nicht schweigen (kรถnnen). Sie werden – in Wort und Tat – bezeugen, was verlorengeht – nรคmlich alles – wenn Menschen das Eigentliche, dass sie zur Liebe berufen sind, ja dass sie immer schon – und zwar bedingungslos โ€“ geliebt sind, aus dem Blick verlieren. Gottes Liebe gilt und sie bleibt. Ob wir das โ€žverschรผttete Herzโ€œ (Karl Rahner) wieder รถffnen โ€“ davon hรคngt ab, ob die Kirche heute und morgen ihrem Auftrag gerecht zu werden vermag.  

Gottes Geist schafft immer Neues

Vielleicht ist es der Kirche heute mehr denn je aufgetragen, noch viel liebevoller ihre Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wahrzunehmen, zu schauen, ob und wo und wie im Leben Akte des Vertrauens, der Hoffnung, der Liebe gesetzt werden. Das sind nicht โ€ždie glรคnzenden Laster der Heidenโ€œ, wie Augustinus es noch meinte. Gottes Geist wirkt, wo er will. Und sein Wehen schรผttelt nicht nur die festgefรผgten Bauten unserer Erkenntnisse, Begriffe und Vorstellungen. Sein Geist schafft immerfort Neues, auch und vielleicht gerade dann, wenn wir es nicht vermuten. Er รถffnet Wege ins Weite โ€“ weil, wie Karl Rahner nicht mรผde wurde zu betonen, der Mensch immerfort an das โ€žunendliche, unbegrenzt liebende und unbegreifliche Geheimnisโ€œ im Leben gerรคt, das ihn umfรคngt, das ihn umgibt und trรคgt. 

Grundfragen christlicher Existenz oder Christen aufscheuchen

Darum sei zum Schluss aus einem Briefwechsel zitiert aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in dem heftig und freundschaftlich zugleich gestritten wird um Grundfragen christlicher Existenz. Ein โ€žbekennender Nichtchristโ€œ schreibt dort seinem christlichen โ€žKontrahentenโ€œ und Freund Sรคtze des Glaubens โ€žinโ€˜ s Stammbuchโ€œ, die ihm eine Bestรคtigung geradezu abverlangen:

โ€žUnser ganzer aufwendiger Kampf gegen den Bolschewismus ist aussichtslos, wenn es den westlichen Demokratien nicht gelingt, in ihren Angehรถrigen den Sinn fรผr jene hรถheren Bedรผrfnisse zu wecken, die eine materialistisch-pragmatische Zivilisation niemals befriedigen kann. Nur der Wunsch nach subtileren Freuden, als sie ein Eisschrank oder ein Automobil gewรคhren, wird den Kommunismus รผberrunden. Nichts sonst. Keine Wasserstoffbombe und keine Moralpredigt โ€ฆ Hier geht es nicht um die Frage, welche Philosophie und welche Freuden, die โ€šwahrenโ€˜ sind, sondern hier geht es um die Rettung des Glaubens als einer Fรคhigkeit, deren Verlust den Menschen um die eigentliche Bedeutung seiner Existenz bringt.โ€œ [24]

Wenn ich diese Sรคtze auf mich wirken lasse, so habe ich den Eindruck, sie sind nicht vor 65 Jahren, sondern heute, im Jahr 2025 geschrieben worden, um (endlich), wie es im Kirchenlied heiรŸt, die Christen โ€šaufzuscheuchenโ€˜ โ€žaus dem Schlaf der Sicherheitโ€œ. 


[1] Hans Kรผng โ€žWas ich glaubeโ€œ, Mรผnchen-Zรผrich 2009

[2] Hans Kรผng โ€žWas ich glaubeโ€œ, Mรผnchen-Zรผrich 2009, S. 31

[3] Hans Kรผng โ€žWas ich glaubeโ€œ, Mรผnchen-Zรผrich 2009, S. 34 f

[4] Eugen Drewermann โ€žAlles ist Gnadeโ€œ, Ostfildern 2025

[5] Vgl. Steven Pinker โ€žAufklรคrung jetztโ€œ โ€“ Frankfurt am Main 2018 โ€“ ein Buch, das fรผr den weltanschaulichen Humanismus besonders wichtig geworden ist. – โ€žEine โ€šSpiritualitรคtโ€˜, die in den Launen des Schicksals eine kosmische Bedeutung entdeckt, ist nicht weise, sondern tรถricht. Der erste Schritt zur Weisheit ist die Erkenntnis, dass du den Gesetzen des Universums gleichgรผltig bist. Der nรคchste ist die Erkenntnis: Das bedeutet nicht, dass das Leben sinnlos ist, denn es gibt Menschen, denen du nicht gleichgรผltig bist, und umgekehrt. Du bist dir selbst auch nicht gleichgรผltig, und hast die Verantwortung, die Gesetze des Universums, die dich am Leben erhalten, zu respektierenโ€ฆim Sinne der Erkenntnis, dass deine Existenz kosmisch gesehen nicht weniger wichtig ist als ihre und dass wir alle die Verantwortung haben, die Gesetze des Universums so anzuwenden, dass wir diejenigen Bedingungen fรถrdern, unter denen es uns allen gutgeht.โ€œ (S.545)

[6] Eugen Drewermann โ€žStrukturen des Bรถsenโ€œ, I โ€“ III, Paderborn 1977/78

[7] Eugen Drewermann โ€žStrukturen des Bรถsenโ€œ, III, Paderborn 1978, S. XLI ff

[8] Eugen Drewermann โ€“ Michael Albus โ€žDie groรŸen Fragenโ€œ, Ostfildern 2012, S.57-60

[9] Eugen Drewermann โ€žAlles ist Gnadeโ€œ, Ostfildern 2025, S. 273 f 

[10]Eugen Drewermann โ€žAlles ist Gnadeโ€œ, Ostfildern 2025, S. 277 

[11] Hans Urs von Balthasar โ€žDas Christentum und die Weltreligionen โ€“ Ein Durchblick, Freiburg 1989, S.14 f

[12] โ€žHerrlichkeitโ€œ ist der Titel von Band I der Trilogie von Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit โ€“ Theologik – Theodramatik

[13] Wolfgang Schneider โ€žDie Herzenswunde Gottesโ€œ โ€“ Die Theologie des durchbohrten Herzens Jesu als Zugang zu einer spirituellen Theodizeefrage, LIT, Berlin 2008, S.433

[14] Aus Karl Rahner โ€žBeten mit Karl Rahnerโ€œ, Freiburg-Basel-Wien, 2004, Band 2 „Gebete des Lebens“, S. 107 ff โ€“ aus โ€žGebet um die Hoffnungโ€œ, SW 14, 351 ff

[15] Karl Rahner โ€žBeten mit Karl Rahnerโ€œ, Freiburg โ€“ Basel-Wien 2004, Band 1 โ€žVon der Not und dem Segen des Gebetesโ€œ, S.129 โ€“ SW 7, 84

[16] Karl Rahner โ€žGebete des Lebensโ€“ In der Jubilรคumsausgabe โ€žBeten mit Karl Rahnerโ€œ, Band 2, 2004, S.92 โ€“ SW 22/1b, 710 

[17] โ€žBeten mit Karl Rahnerโ€œ, 2004, Freiburg, Band 2, S. 92 f โ€“ SW 22/1b, 710 f

[18] โ€žBeten mit Karl Rahnerโ€œ, 2004, Freiburg, Band 2, S. 93 f – SW 22/1b, 711 

[19] Karl Rahner/ Karl Heinz Weger โ€žWas sollen wir noch glauben?โ€œ, Herder โ€“ Freiburg, Basel, Wien, 1979, S. 207. Die Sรคtze stehen am Ende eines Beitrages von Karl Rahner unter dem Titel: โ€žIch glaube an Jesus Christusโ€œ โ€“ Identisch mit Karl Rahner โ€žPraxis des Glaubensโ€œ, Herder/Benziger, 1982โ€žWarum bin ich heute ein Christ?โ€œ, S.38/39 – SW 28, 663 f 

[20] Hans Urs von Balthasar in โ€ž2 Plรคdoyersโ€œ, Kรถsel โ€“ Verlag Mรผnchen, 1971, S. 52. Die Sรคtze stehen am Ende des Beitrages von Hans Urs von Balthasar unter dem Titel: โ€žWarum ich noch ein Christ binโ€œ.

[21] Eugen Drewermann โ€žDass auch der Allerniedrigste mein Bruder seiโ€œ, Walter โ€“ Verlag Zรผrich und Dรผsseldorf, 1998, S. 7

[22]Karl Rahner โ€žGrundkurs des Glaubensโ€œ, St. Benno โ€“ Verlag Leipzig, 1978, S. 57f- SW 26, 51 f 

[23] Reinhold Schneider, โ€žKein Ausweichen mehrโ€œ, Herder, Freiburg โ€“ Basel โ€“ Wien, 1989, S.148

[24] Gerhard Szczesny in Friedrich Heer/ Gerhard Szczesny โ€žGlaube und Unglaubeโ€œ, Paul List Verlag Mรผnchen, 1960, S. 113/ 114. Auf S. 123 bestรคtigt Friedrich Heer ausdrรผcklich diese Sicht von Szczesny.

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