Einwurf von der Seitenlinie oder Von der Freude eines Christenmenschen

Wahlnachlese II

Gedanken zur jüngsten Landtagswahl in MV

Die Wahlen zum Landtag in unserem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind im Jahr 2026 erfolgt, ebenso in Berlin und in Sachsen-Anhalt. Dazu gab es die Kommunalwahl in Niedersachsen in diesem Jahr. Allenthalben kann man große Besorgnis registrieren, die in starkem Kontrast steht zu Gefühlen des Triumphes und des Sieges. „Wir holen uns unser Land zurück“ – eine der Parolen, die uns auf den Straßen und Plätzen entgegenschallte. Ebenso wie das Wort RE-MI-GRATION, das wie ein Mantra ständig wiederholt wurde. „Wir werden sie jagen“ – scheint Ausdruck von Enthemmung und Siegestrunkenheit zu sein, in der keine Grenzen mehr gelten. 

Was steckt dahinter? Frustration? Ärger? Das Gefühl, im Leben ‚zu kurz gekommen zu sein‘? Von ‚den Mächtigen‘ übergangen und übersehen worden zu sein? Es den ‚Eliten‘ endlich ‘mal gezeigt zu haben? Vieles mag ursächlich dafür verantwortlich sein, wahrscheinlich auch vieles zusammenkommen. Hinzu kommen tatsächliche Ängste und Verluste, Brüche in der Lebensbiografie, Defizite im politischen Alltag, Versprechen, die nicht eingehalten wurde, Lügen und Manipulationen, Verdrängungen und Rechthaberei, das Gefühl, vom Leben selbst betrogen worden zu sein und die Meinung, dass es alles doch viel besser wäre, wenn – endlich – ‚die Reichen‘ mehr abgeben würden vom (erbeuteten) Reichtum, wenn wir nicht ständig die „Einwanderung in unser Sozialsystem durch illegale Migration“ fördern bzw. dulden, wenn endlich wieder billiges russisches Gas und Öl zur Verfügung stehen würde und wenn wir das kostbare Steuergeld im Lande belassen und nicht der Ukraine zur Verfügung stellen. Von russischer Aggression und vom Abwehrkampf eines überfallenen Landes wird eh‘ nicht (mehr) gesprochen, weil das alles längst als ‚westliche Propaganda‘ entlarvt wurde, um die Kasse der Rüstungskonzerne noch mehr klingeln zu lassen. Die Gemengelage ist unübersichtlich und verworren. 

Man kann zudem Hass, Hetze und Demagogie kaum etwas entgegensetzen, weil Hörbereitschaft und Hörfähigkeit auf fast allen Seiten des gesellschaftlichen Disputes kaum noch vorhanden sind und weil Desinformationskampagnen ‚ganze Arbeit geleistet‘ haben und noch weiter aktiv am Werk sind, vor allem im digitalen Raum und über Künstliche Intelligenz (KI) 

Wer oder was füllt die Leere aus?

Bereits vor nunmehr bald 60 Jahren legte Joseph Ratzinger – Benedikt XVI (1927 – 2022)in seinem Bestseller„Einführung in das Christentum“ das Fundament frei für all das, was uns heute bedrängt und besorgt. Es ist jene „Gefahr sich dem Machen anzuvertrauen, das – so unerlässlich es ist – die Leere niemals ausfüllen kann“. Die Bibel kennt dafür ein sprechendes Bild, den „Turmbau zu Babel“. 

„(Maria ist) Darstellung der Menschheit, die als ganze Erwartung ist und die dieses Bild umso nötiger braucht, je mehr sie in Gefahr ist, das Warten abzulegen und sich dem Machen anzuvertrauen, das – so unerlässlich es ist – die Leere niemals ausfüllen kann, die den Menschen bedroht, wenn er jene absolute Liebe nicht findet, die ihm Sinn, Heil, das wahrhaft Lebensnotwendige gibt.“ 

(Joseph Ratzinger-Benedikt XI. „Einführung in das Christentum, 2000, S. 263, Erstauflage 1968, S. 230)

Die problematische Subjektivität

Die berechtigte Suche des Menschen nach sich selbst, die Frage der eigenen Identität, sie wird heute vielfach außerhalb des religiösen Raumes gesucht. Und dort gelten dann in erster Linie das eigene Machen, der eigene Nutzen, denn was sollte sonst gelten? Der Blick über das eigene Selbst gerät allerdings oft genug in Gefahr, verloren zu gehen. Und damit auch der Blick auf den Nächsten, der auch der Fernste ist. Der Blick auf die so sehr geschundene Schöpfung, geht ebenfalls oft verloren, denn man bleibt bei sich, man feiert sich und merkt oft erst, wenn es zu spät ist, dass man „hoffnungslos eingekerkert (ist) in seiner ‚Subjektivität‘Sie wird ja zu Recht als sehr problematisch erlebt. 

Niemand hat dies vor mittlerweile 80 Jahren, in Fastenpredigten im zerbombten München, prägnanter und präziser benannt als Karl Rahner (1904-1984) in seinem spirituellen Long – und Bestseller „Von der Not und dem Segen des Gebetes.“ 

„Es kann – und für uns Menschen von heute ist diese Gefahr besonders groß – so sein, dass ein Mensch so sehr in den tödlichen Kreislauf der Reflexion über sich selbst hineingerät, dass er fast unfähig wird zu den eigentlichen Akten, die auf Gott gehen: er ist, statt erkennend und liebend bei Gott zu sein, nur noch bei seinem eigenen Erkennen und Fühlen bezüglich Gottes…und erfährt sich dadurch hoffnungslos eingekerkert in seiner ‚Subjektivität‘, die er ja mit Recht für problematisch, arm und zweideutig hält; er meint, auch der höchste Aufschwung seines Geistes bleibe ohnmächtig verfangen in dunklen Bildern und Gleichnissen, von denen man nie wisse, ob sie wirklich der Schatten des gemeinten Gegenstandes oder nur der eigenen leeren Sehnsüchte sind; der Mensch kommt nicht mehr von sich weg; die Bahn seiner Akte erhält eine eigentümliche Krümmung und endet – zu seiner namenlosen Verzweiflung – bei ihm selbst, bei seinen Gedanken und Gefühlen.“ 

(„Beten mit Karl Rahner“, Band 1 „Von der Not und dem Segen des Gebetes“, 1984, S.81 f) 

Die Hauptentdeckung Jesu

Es bleibt die Frage nach einem Ausweg aus dieser verworrenen Situation. Auch und vor allem für jene Menschen, die heute in Politik, Gesellschaft und Kirche Verantwortung tragen. Es mag sein, dass Politik andere Regeln kennt als jene, die üblich sind, die unsere Gesellschaft tragen und die wir als Tugenden bezeichnen: Wahrhaftigkeit gehört dazu, dem Anderen Gutes tun und Gutes wünschen, Selbstvertrauen und Vertrauen, dass auch der andere etwas kann und Gutes will. Für all jene, die meinen, nur sie ‚kommen in Frage‘, nur auf sie komme es an, für all jene ‚Macher‘, die verliebt sind über allen Maßen in die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, hält der Glaube eine wirksame ‚Ernüchterung‘bereit. Es geht nicht darum, Spiel – und Spaßverderber zu sein. Aber es geht um Realismus, um einen realistischen Blick auf die Welt und auf sich selbst. 

Und da hat der Glaube Wichtiges zu sagen! Es ist die Hauptentdeckung Jesu, aus der wir Menschen nur wirklich leben können. Sie verdanke ich Eugen Drewermann (geb. 1940), der in einem längeren, persönlichen Gespräch diesen wichtigen Hinweis gab:  

„Ich glaube, eine Hauptentdeckung Jesu ist, dass uns buchstäblich gar nichts gehört, dass alles, was wir sind, ein Geschenk ist, das wir als Leihgabe zum Weitergeben bekommen.

Vielleicht musste ich wirklich erst 60 Jahre und älter werden, um zu begreifen, dass dieser ganz einfache Grundsatz derjenige ist, der alles verständlich macht, was Jesus im Neuen Testament sagt.“ (Eugen Drewermann „Wir glauben, weil wir lieben“, 2010, S. 57)

Wenn ich dies in Ruhe bedenke, wird mir eines immer deutlicher: Selbst heute, gerade heute, ist die Botschaft des Glaubens, des Vertrauens, der Dankbarkeit und der Freude notwendiger denn je. Denn schlussendlich bleibt eine einzige Frage übrig: Worauf baust du deine Hoffnung? Und zwar eine Hoffnung, die trägt, immer und überall und die keine Fata Morgana ist! Um die Antwort auf diese Frage kann sich niemand herumdrücken, weil das Leben selbst sie stellt. 

Bild von Alexa auf Pixabay

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