Einübung christlicher Existenz

Hinführung

Spätestens nach dem Beginn der Großinvasion Russlands in der Ukraine, zuletzt durch das Großmachtstreben der USA, Grönland, Iran, Venezuelas betreffend, der verheerende Anschlag der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 sowie die vielfältigen wirtschaftlichen und auch militärischen Drohungen Chinas gegenüber anderen Teilen der Welt, u.a. gegenüber Taiwan, lassen bei vielen Menschen – auch bei mir persönlich – die Frage immer drängender werden: Was gilt (noch?) In einigen Gesprächen wird auch gefragt: Was kann man (überhaupt) noch glauben angesichts von Fake News, von KI, von Desinformationskampagnen? Ja, es taucht die Vermutung bzw. der fatale Verdacht auf, dass mit der zunehmenden Einflussnahme von Autokraten nur das offensichtlich(er) wird, was bisher nur verdeckt sich tatsächlich (unter der Oberfläche) abspielt(e). Einher mit diesem ‚Befund‘ geht eine allgemeine Verunsicherung, eine Orientierungslosigkeit, die nicht selten in großer Halt- und Ratlosigkeit mündet. 

Gibt es eine Antwort des Glaubens?

Gibt es eine Antwort des Glaubens? Wenn ja, wie sieht sie aus? Wie kann sie aussehen? Ich möchte nicht lange drum herumreden und meine Überzeugung klar benennen: Ja, es gibt eine Antwort des Glaubens. Sie   ist zudem auch nicht sonderlich schwer. Allerdings bedarf es der Anstrengung des Verstandes und des Herzens, um sie zu verstehen – und um sie im Leben einzuüben. Denn mit dem Glauben ist man niemals ‚fertig‘. Er ist eine Gabe und Aufgabe – lebenslänglich! Die wohl berühmteste Formel von Albert Einstein, dass die Energie das Produkt aus Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat ist, sieht einfach und einleuchtend aus. Sie ist allerdings das Ergebnis vieler Seiten hochkomplizierter mathematischer Gleichungen, die am Ende ein – verblüffend einfaches – Ergebnis aufweisen. 

Manchmal ist es in Glaubens– und Lebensfragen ähnlich. Es gibt eine Zeichnung, die Karl Rahner als ‚theologischen Atomphysiker‘ zeigt. Er steht oben auf der Kanzel, darunter sind Simplifikatoren und Multiplikatoren, ganz unten – in der Schar der Gläubigen – findet sich Jesus, der nur noch sagen kann: „Ich kann das alles nicht verstehen.“ 

Darum war es gerade auch Karl Rahner, der unentwegt die Forderung nach „Kurzformeln des Glaubens“ aufstellte. Den Menschen muss – aus dem Leben heraus – einfache Zugänge zum Glauben ermöglicht werden. Und – wie gesagt – ich glaube, dass es diese ‚Kurzformeln‘ gibt. Kurzformeln, die allerdings unseren ganzen existentiellen Einsatz verlangen. Ich möchte im Nachfolgenden auf zwei bzw. drei Kurzformeln des Glaubens kurz eingehen: 

Eugen Drewermann (geb. 1940)

Nach vielen, detailreichen Aussagen zum Werk von Hermann Hesse kommt Eugen Drewermann zu einem verblüffend einfachen Schluss: 

„Könnte nicht die tiefe Religiosität weiter Kreise der Jugend…ein weltanschaulicher Reflex von Heilserwartungen sein, die zu erfüllen unsere Gesellschaft sich außerstande zeigt, indem sie alles seelische Suchen nach persönlicher Freiheit und Erfüllung auf materielle Surrogate verschiebt und in leeren Anpassungsritualen erstickt?“ (Eugen Drewermann, „Hermann Hesse – Der lange Weg zu sich selbst“, Ostfildern 2019, S. 135)

Drewermann liefert in seiner Antwort auch die Begründung gleich mit. Das macht sie so nachvollziehbar und so glaubwürdig.  Es gibt berechtigte „Heilserwartungen“, ohne die wir gar nicht Mensch sein können. Es ist die „seelische Suche nach persönlicher Freiheit und Erfüllung“.  Fatal ist es, dass unsere Gesellschaft diese Suche nicht (mehr?) erfüllen kann. Und warum nicht? Weil sie dieses berechtigte Streben und „Suchen nach persönlicher Freiheit und Erfüllung“ verschiebt und erstickt. Sie verschiebt es auf „materielle Surrogate“. Symbol hierfür sind die überbordenden Konsumangebote, die im Allerletzten nicht befriedigen können. Weil sie nur Ersatzobjekte für etwas Tieferes sind. Etwas, was nicht machbar ist, worauf wir angewiesen sind – und bleiben! Was uns geschenkt werden muss. Weil das Leben als Ganzes Geschenkcharakter hat.  Daher auch der ‚Fetisch Wachstum‘ – so, als ob wir mehrere Erden zur Verfügung hätten.  

Und ein Zweites: Das berechtigte Streben wird – weil es nicht erfüllbar ist durch materielle Surrogate – „erstickt“. Und zwar durch bzw. in „leeren Anpassungsritualen“. Es bedarf keiner großen Analyse der medialen Welt, um zu verstehen, wie dieser Erstickungstod berechtigter Sinnsuche aussieht. Die vielen ‚Ideale‘ der nie versiegenden Kraft und Gesundheit, der ewigen Jugend, der Traum vom Luxusparadies und vieles andere mehr gaukeln eine (Schein)Welt vor – die Erfüllung verspricht. Wenn, ja wenn man sich ihren Gesetzen unterwirft bzw. sich in sie einfügt. Dann allerdings ‚werden wir gelebt‘ und sind im Allerletzten unserer Freiheit beraubt.   

Karl Rahner (1904-1984)

Schon in jungen Jahren kam Karl Rahner – nach gründlichem Studium, besonders der Kirchenväter und der zeitgenössischen Philosophie – zu einem wiederum überraschend einfachen Fazit, den christlichen Glauben betreffend:  

„Aller Götzendienst ist nichts als der konkrete Ausdruck für die existentielle Haltung des Menschen, die aufbaut auf dem Entschluss, Gott nichts sein zu lassen als nur die ursprüngliche Einheit der Mächte, die diese Welt und die Schicksale des Menschen durchwalten. (Karl Rahner „Schriften zur Theologie“, III, Einsiedeln-Zürich-Köln 1962, S. 95)

Rahner spricht vom „Götzendienst“. Was damit gemeint ist, ist heute – angesichts von grassierenden Gewaltexzessen, von absoluten Machtfantasien, von überbordendem Konsum und Luxus – kaum noch zu leugnen, zu übersehen oder zu verdrängen. Auch nicht bei der entgegengesetzten Haltung der abgrundtiefen Angst und Ohnmacht. Rahner ist eindeutig: Diese „existentielle Haltung“ ist ‚nicht vom Himmel gefallen‘. Sie baut auf einem sehr bewussten „Entschluss“ auf. Dieser „Entschluss“ ist unsere Haltung, die wir einnehmen, Gott nichts weiter sein zu lassen als das, was wir in und von der Welt verstehen. Hinter allem steht unser Bestreben,  unabhängig zu sein. Diejenigen zu sein, die alles können und alles wissen, die einem GOTT keinen Raum (mehr) einräumen, weil es nur jene „Mächte“ gibt, geben darf und geben kann, „die diese Welt und die Schicksale des Menschen durchwalten.“

Rahner war allerdings – trotz klarer Analyse und Einsicht oder gerade deswegen – kein Pessimist. Er sprach vom „Wagnis des Christen“. Sein „Heilsoptimismus“ gründete tief, denn er wusste um die Botschaft des Glaubens, die in dem Mann aus Nazareth uns unverbrüchlich verbürgt worden ist. Darum sprach der ‚alte‘ Karl Rahner jene einfachen Worte, die uns auch – vielleicht besonders – heute Mut zum Glauben geben können. Denn:

„Es wird immer Menschen geben…die im Blick auf Jesus den Gekreuzigten und Auferstandenen es wagen, sich an allen Götzen dieser Welt vorbei auf die Unbegreiflichkeit Gottes als Liebe und Erbarmen bedingungslos einzulassen.“ (Karl Rahner „Schriften zur Theologie“, XV, Zürich-Einsiedeln-Köln 1983, S. 408; auch in SW 25, S. 328) 

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob es viele oder wenige sein werden. Rahners Optimismus ist auch nicht ‚pausbäckig‘. Er macht nur ernst mit der Tatsache, dass er den Menschen ganz ernst nimmt. Er kann den Menschen deshalb ernst nehmen, weil Gott ihn in Jesus von Nazareth ernst- und angenommen hat. Braucht‘ s da wirklich noch mehr?  

Bild: Thomas Hoffmann, webdesign-th.de

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