Einspruch!

Der Nebel lichtet sich – Gedanken zum 4. Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine.

Was wurde nicht alles geschwafelt: Die stärkste Atommacht der Welt wird bedroht, von so ‚riesigen‘ Ländern wie es sie im Baltikum gibt oder in der unmittelbaren Nähe der ehemaligen Sowjetunion. (So, als ob Atommächte besiegt werden könnten!) In Kiew herrschen Neonazis, die Demos auf dem Maidan seien ‚westlich‘ orchestriert worden, der Donbass sei seit jeher ‚selbstverständlich russisch‘ gewesen, es gibt gar keine eigene ukrainische Geschichte und Identität. Der ‚Westen‘ habe viel zu wenig getan, um dem friedliebenden Russland entgegenzukommen. Beliebig ließe sich diese Reihe verlängern, in der nur einige wenige Bausteine fehlen: Das Budapester Memorandum mit den entsprechenden völkerrechtlichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die Zustimmung – auch Russlands – zur freien Bündniswahl von Völkern, die alleine zu schwach sind, sich gegen stärkere, aggressive Mächte zu verteidigen, die Deeskalationsbemühungen der NATO, was Atomwaffen in Europa oder Truppenkontingente anbetrifft, denn man wusste sehr wohl, mit wem man es zu tun hat in Moskau. 

Es mag ja durchaus sein, dass selbst ehemalige EU-Kommissare entweder vergesslich sind oder – ähnlich wie ehemalige Finanzsenatoren oder mittelmäßige Journalisten – entdeckt haben, dass man Geld auch noch anderweitig verdienen kann. Ob dabei die Wahrheit ‚auf der Strecke bleibt‘ – wen interessiert‘ s im Nachhinein? Dabei lichtet sich der Nebel im ‚Blätterwald‘ rasch, denn – und das scheint heute tatsächlich von allen Seiten bestätigt zu werden, was den Vorteil hat, nicht als Fake News eingestuft zu werden – An tatsächlich einem einzigen Punkt treten die ‚Friedensverhandlungen‘ im Ukraine-Krieg auf der Stelle: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um russische Gebietsforderungen. Warum? Weil Russland nicht damit leben kann, als Regionalmacht statt als Großmacht, wie zu Sowjetzeiten eingestuft zu werden. 

Fast möchte man meinen, das sei eine zu einfache Lösung, doch wer sich die neue chinesische Seidenstraße genauer anschaut oder das amerikanische Pochen auf ‚seinen Hinterhof‘, wer genauer hinhört, wie man sich lustig macht über die – zugegebenermaßen komplizierten und komplexen – Zusammenhänge in demokratischen Gesellschaften-  kann rasch erkennen, worum es eigentlich ging und geht, auch im russischen Angriffskrieg auf die souveräne Ukraine: Ich kann an dieser Stelle nur immer wieder hinweisen auf das Jahrhundertwerk von Eugen Drewermann: „Strukturen des Bösen“. In drei voluminösen Bänden wird detailliert herausgearbeitet, dass Macht, Geld und Ansehen Fetische sind. Wer aus Angst meint, im Leben zu kurz gekommen zu sein – und das gilt besonders für autoritäre Machthaber – braucht diese Fetische unbedingt. Eine Lösung dieser Krise wird erst in Sicht kommen, wenn diese Ängste besiegt sind. Sie können nur besiegt werden durch die Erfahrung bedingungsloser Annahme. In allen Religionen spricht sich diese Erfahrung aus. Wie lange werden wir es uns noch leisten können, diese Erfahrungen zu ignorieren? Denn mir scheint, (fast) alles hängt davon ab. 

Götzendienst 

Die Frage bleibt, warum das so ist. Warum braucht der Mensch einen Fetisch? Das Wort leitet sich von dem lateinischen Verb facere (machen) und dem portugiesischen Wort feiticio für Zauber ab. Der ‚Urkern‘ des Fetischismus ist immer Angstabwehr. Die entscheidende Rolle, warum sich Menschen über Macht, Geld oder Ansehen definieren, ist in allererster Linie Angst. Sie nimmt gewissermaßen eine Schlüsselposition ein. Eugen Drewermann (geb. 1940) hat herausgearbeitet, dass der Mensch – als einziges uns bekanntes Lebewesen – wenn er sich seiner bewusst wird, zugleich sich dessen bewusstwird, dass er in allen Bereichen des Lebens total abhängig ist: Er hat sich das Leben nicht selbst gegeben, er hat sich weder Eltern noch Zeit- und Lebensumstände ausgesucht. Er spürt mit allen Fasern seiner Existenz die Brüchigkeit seiner Existenz, seines Lebens, das in jeder Sekunde und an allen Orten gefährdet ist. Er ist bestrebt, diese Erfahrung – Drewermann nennt sie mit der philosophischen Tradition des Abendlandes Kontingenz – niederzuhalten, sie zu verdrängen, sie zu rationalisieren oder zu kompensieren. Diese Abwehrstrategien gelingen teil- und zeitweise. Aber sie gelingen längst nicht immer! Und immer dann, wenn diese Kontingenzerfahrung, diese Gefährdung des Lebens, die alles umgreift, sich meldet, braucht der Mensch einen Halt, einen, der unbedingt gilt, der trägt. 

Eugen Drewermann formuliert es so, dass die unendliche Gefahr eine unendliche Angst auslöst, die nur durch eine unendlich liebende, also eine absolute Person, beruhigt werden kann. Mögen die Namen in den Weltreligionen hierfür verschieden sein, die Erfahrungen und die religiösen Zeugnisse sind es nicht. Christen nennen diese Person in jüdisch-christlicher Tradition Jahwe oder Gott. Und die Erfahrung des Glaubens, der Schritt zum Glauben, ist keine inhaltsleere Floskel, keine (Schein)Beruhigung, sondern die existentielle Erfahrung des Angenommenseins,  der Liebe. Drewermann geht sogar so weit, in der Angst, die durch die Kontingenz ausgelöst wird, eine Chance zum Glauben zu erblicken:   

„Das ist die Chance der Angst, dass der Mensch in ihr Gott begegnet. In dem Augenblick, da ihm alles, woran er unmittelbar im Endlichen hing, in der Angst aus den Händen fällt, ist ihm die Möglichkeit gegeben, zu entdecken, wovon er wirklich lebt. Dies ist der Schritt des Glaubens…Die Erfahrung, dass ich mich bejahen kann, weil Gott mein Dasein im Voraus bejaht hat, dass ich den Grund und die Rechtfertigung meines Daseins nicht zu erschaffen brauche, weil es diese Grundlage meines Daseins bereits gibt.“ 

(Eugen Drewermann „Strukturen des Bösen“, III, Paderborn-München-Wien-Zürich 1988, 546)

„…zu entdecken, wovon er wirklich lebt.“

Kommen wir in diesem Zusammenhang noch einmal auf den unsäglichen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zurück. Was wurde nicht alles ‚aufgetischt‘: Kampf gegen die angeblichen Neonazis des Kiewer Regimes. Er wurde in Verbindung gebracht mit dem „Großen Vaterländischen Krieg“, der so viele Opfer verlangt hat. Die rhetorische Frage wurde und wird gestellt: „Sind dafür unsere Väter, Söhne und Brüder gefallen?“ Geflissentlich wird auch hier übersehen, dass im II. Weltkriege die Soldaten der Roten Armee längst nicht alles Russen waren, sondern sich aus dem Vielvölkerstaat unter Stalins Knute rekrutierten. Auch viele Ukrainer, Balten, Georgier oder Kasachen entrichteten einen hohen Blutzoll gegen das faschistische deutsche Hitler-Regime. Der ‚Lohn‘ war die Versklavung durch und in der stalinistischen Diktatur. Leicht ist hier zu erkennen, dass wir es mit einer typischen Rationalisierung zu tun haben: Es kann nicht zugegeben werden, dass es um nichts anderes geht als um Landraub, um die Schwerindustrie des Donez-Beckens unter eigene Kontrolle zu bekommen. Also muss das Narrativ herhalten von den Neonazis in Kiew oder das Märchen von ‚Neurussland‘. Und außerhalb Russlands – besonders auch in Deutschland – wird die Hilfe für das angegriffene souveräne Land – damit es sich wenigstens verteidigen kann –  verunglimpft als Verschwendung von Steuermitteln, gar als Kriegstreiberei und Gefährdung des Weltfriedens.

Man kann sich des ‚Glaubens‘ vieler gewiss sein – im In – und Ausland. Und natürlich kann ein Kriegsherr nicht mit ‚leeren Händen‘ vor sein Volk treten. Darum – auch mit Hilfe der russischen Kirche – wird von der ‚historischen Mission Russlands‘ gegen den ‚degenerierten Westen‘ gesprochen. Russland sei in der – ihm von der Geschichte zugewiesenen Rolle – die wahren Werte zu verteidigen – und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln! Das sei seine Mission, dafür ist kein Blutzoll zu hoch. 

Die Frage stellt sich, warum diese Narrative verfangen. Gerade auch in der russisch – orthodoxen Kirche. Weil Menschen tatsächlich einen Halt, eine Sicherheit, ein Ziel, eine verlässliche Orientierung brauchen. Weil sie immer wieder zurückgestoßen werden in Zweifel und Unsicherheit, weil die Frage: Wem oder was glaubst du? eine Frage ist, die für den Menschen wesentlich ist, der sich der Brüchigkeit seiner Existenz bewusst wird.  

„Der Glaubende wird immer wieder jenes Dunkel erleben, in dem der Widerspruch des Unglaubens ihn wie ein düsteres, unentrinnbares Gefängnis umgibt und die Gleichmütigkeit der Welt, die unverändert weitergeht, als ob nichts geschehen wäre, nur Hohn auf seine Hoffnung zu sein scheint. Bist du es wirklich – diese Frage müssen wir nicht nur stellen aus der Redlichkeit des Denkens heraus und wegen der Verantwortung der Vernunft, sondern auch aus dem inneren Gesetz der Liebe, die den mehr und mehr erkennen möchte, dem sie ihr Ja gegeben, um ihn mehr lieben zu können.“

(Joseph Ratzinger „Einführung in das Christentum“, München 1968, 53, Neuausgabe München 2000, 72 f)

Redlichkeit des Denkens

Aus dem großartigen Werk „Einführung in das Christentum“, das Joseph Ratzinger (1927-2022) der spätere Papst Benedikt XVI., zur Jahrtausendwende – mit einer Hinführung – unverändert auflegen ließ, stammt das Zitat, in dem auch die „Redlichkeit des Denkens“ angesprochen wird. Für unseren Zusammenhang bedeutet dieser Hinweis die Option, zu prüfen. Zu prüfen, was an jenen Narrativen wahr ist oder wahr sein kann und was nicht. Was vielleicht dazu dient, die wirklichen Absichten zu verschleiern. 

Wir können vielleicht an dieser Stelle sagen: Die Tatsachen des Terrors ungeahnten Ausmaßes gegen die Zivilbevölkerung des so genannten ‚Brudervolkes‘, das Beharren auf Landgewinn, um Bodenschätze, Industriezentren und Atomanlagen in die eigenen Hände zu bekommen sowie die Leugnung und Verdrängung eigener eingegangener völkerrechtlicher Verpflichtungen als Gegenleistung für einseitige atomare  Abrüstung der Ukraine, sind durch keinerlei Narrative, Lügen und Verdrehungen aus der Welt zu schaffen. Es war und ist wie immer in „Strukturen des Bösen“: Die Macht setzt sich gegenüber dem Recht durch. Das ist völlig unabhängig von der Himmelsrichtung oder von einer Zeitepoche. Immer, wenn Menschen in solchen Strukturen, die wesentlich von Angst beherrscht werden leben u n d – das ist das Entscheidende – MACHT erhalten, werden sie sie nutzen – indem sie sie missbrauchen!  Krieg, auch nicht der russische Angriffskrieg gegen die souveräne Ukraine (man kann dies nicht oft genug betonen, denn Russland hat das Land völkerrechtlich anerkannt und ihm die territoriale Integrität zugesichert!) macht davon eine Ausnahme. Immer sind es die Machthaber, die die ihnen zur Verfügung stehenden Machtmittel nutzen – nicht für, sondern in erster Linie gegen andere. 

Warum das so ist, dürfte hinlänglich deutlich geworden sein: Die Angst, ein Niemand zu sein, ist so übermächtig, dass man alles tun wird, um auf sich aufmerksam zu machen. Man will ja schließlich in die Geschichte eingehen, der eigene Name soll in späteren Geschichtsbüchern zu finden sein. Dann gibt es zumeist auch keinen gesichtslosen Rückzug mehr. Das Resultat ist  die sattsam bekannte ‚Taktik der verbrannten Erde‘, die rücksichtslos alles vernichtet, was sich dem egozentrischen Machthaber in den Weg stellt. Man muss ja als Sieger vom Platz gehen oder vor sein Volk treten – auch, um die vielen Opfer zu rechtfertigen. 

Es ist also alles andere als ein willenloses, absichtsloses Tun, mit dem wir es hier zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall: Diesem ungezügelten Kriegstreiben liegt eine Entscheidung zugrunde. Sie wurde und wird getroffen um des eigenen Machterhalts willen. Wenn Macht die einzige Option ist, muss sie zur Allmacht werden, um der abgrundtiefen Angst des Menschen Beruhigung zu verschaffen. Darum bedient sich auch der russische Machthaber der Kirche in seinem Land. Seine gottgleiche Position will er sich gleichsam absegnen lassen. Nur, um zu verschleiern, dass er sich selbst – wie alle Tyrannen – selbstherrlich auf einen Thron gesetzt hat, der – weil er endlich ist und bleibt – niemals von einer endlichen Wirklichkeit besetzt werden darf! Götzendienst hat ganz konkrete Auswirkungen, oft schlimmsten Ausmaßes. Und ihm liegt eine Entscheidung und eine Haltung zugrunde, die Karl Rahner (1904-1984) schon sehr früh prägnant zum Ausdruck gebracht hat: 

„Aller Götzendienst ist nichts als der konkrete Ausdruck für die existentielle Haltung des Menschen, die aufbaut auf dem Entschluss, Gott nichts sein zu lassen als nur die ursprüngliche Einheit der Mächte, die diese Welt und die Schicksale des Menschen durchwalten…“ (Passion und Aszese, SW 7, 342)

Aufgabe der Christen heute ist es vor allem auch, dies zu erkennen und jene Haltung einzuüben – täglich neu – GOTT MEHR SEIN ZU LASSEN als jene „Mächte, die diese Welt und die Schicksale des Menschen durchwalten.“

Bild von Enrique auf Pixabay

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