„Wochenimpuls 2026-38“
Im Jahr 1961 erschien ein Buch mit einem merkwürdigen Titel: „Häresien der Zeit“. Der Untertitel mutet eigenartig an: „Ein Buch zur Unterscheidung der Geister“. In ihm versuchten vor vielen Jahrzehnten namhafte Denkerinnen und Denker unsere Zeit zu erkunden, die Stimmung aufzunehmen, die vorherrschte. Gut, man kann meinen, dass diese Zeit vergangen ist und dass unsere Epoche ganz andere Möglichkeiten und Chancen hat. Doch warum ich gerade auf dieses Buch zu sprechen komme, hat einen ganz einfachen Grund: Es scheint, als sei die Zeit angehalten worden, stehengeblieben. Denn wenn ich den allseits bekannten „Mann auf der Straße“ frage nach den Zukunftsaussichten, dann kommt alles andere aus seinem Mund, nur keine optimistische Vision einer guten und glücklichen Zukunft.
„Das Kommen des unheimlichsten aller Gäste, des Nihilismus, haben Nietzsche und Dostojewski in prophetischer Weise erfahren. Beide sind vor ihm nicht zurückgewichen, obwohl sie wussten, dass er zunächst einmal alles zertrümmert, an was die Menschen je geglaubt haben…Beide spürten…, dasszur Daseinsbegründung der Mensch so oder so transzendiert werden muss.“ 1
Man darf ohne Übertreibung jenen Großen der Geisteswelt, Nietzsche und Dostojewski zunächst dankbar dafür sein, dass sie wie ein Seismograf die Stimmung einer Zeit erfassten, die längst noch nicht zu Ende ist. Es ist die Mentalität einer ganzen Epoche, an der auch wir selbst teilhaben. Und wenn der Mensch transzendiert, überschritten werden muss, wenn seinem Dasein nur so Sinn und Erfüllung zuteilwerden kann, dann kommt unser Glaube in den Blick. Und gerne lassen wir uns von Karl Rahner einen ‚Fingerzeig‘ geben über eine Zukunftsaussicht, die den Menschen ganz ernst nimmt:
„Man kann auch in Zukunft von Gott sprechen, wenn man wirklich versteht, was mit diesem Wort gemeint ist… Die Menschen werden immer angeleitet werden können, die endlichen Götzenbilder, die an ihren Wegen stehen, zu stürzen oder gelassen an ihnen vorbeizugehen, nichts absolut zu setzen, was ihnen als Mächte und Gewalten, als Ideologien, Ziele und Zukünfte einzelner und bestimmter Art begegnet.“ 2
- „Häresien der Zeit, herausgegeben von Anton Böhm, Freiburg-Basel-Wien 1961, S. 171 ↩︎
- Karl Rahner „Das Alte neu sagen – Rede des Ignatius von Loyola an einen Jesuiten von heute“ – Freiburg-Heidelberg 1982, S. 78 ff ↩︎