„Die zur sozialen Aktion organisierte Massenverzweiflung“

Leserbrief zu „Nicht so gespalten, wie wir glauben“ (SVZ vom 17. September 2026, Seite 3)

Der Beitrag im „Blickpunkt“ in der heutigen Ausgabe der SVZ „Nicht so gespalten, wie wir glauben“, spricht mich sehr an. Die allermeisten Analysen und Aussagen des Autors Steffen Mau teile ich. Vor allem jene differenzierten Hintergründe, die zu der Aussage führen: 

„Kein westliches Bundesland zeigt annähernd solche Werte. Das hat mit der DDR-Geschichte, autoritären Prägungen und Transformationsschäden zu tun.“ 

Drei Punkte würde ich allerdings gerne hinzufügen, die ich in diesem lesenswerten Beitrag vermisse: 

  • Erstens die stärkere Betonung des Totalitarismus und dessen Nachwirkungen.
  • Zweitens das enge Zusammenwirken von ‚ganz links‘ und ‚ganz rechts‘. Da braucht man nicht erst Lenins „Strategie und Taktik“ zu bemühen, denn das Zusammenwirken ist evident: Ganz links sagt: „Das Kapital ist omnipotent.“ Ganz rechts sagt: „Stimmt, und wir nennen euch die Namen jener, die dahinterstehen.“ Spätestens beim „Klassenfeind“ und bei den „Eliten“ gehen alle Verschwörungsmythen ineinander über. 
  • Der dritte Aspekt ist allerdings für mich der wichtigste. Vor beinahe 70 Jahren formulierte ein großer Denker folgenden Satz, der heute ‚mit Händen zu greifen ist‘:

 „Der Totalitarismus lässt sich am ehesten begreifen als die zur sozialen Aktion organisierte Massenverzweiflung einer Menschheit, der man das Mysterium unserer Existenz unterschlagen hat.“ 

(Karl Pfleger, „Kundschafter der Existenztiefe“, 1959, 234)

Wenn es nicht gelingt, das „Mysterium unserer Existenz“ wieder in Dankbarkeit und Aufrichtigkeit, im Wohlwollen und in Nächsten- und Fernstenliebe deutlich(er) zu machen, werden wir der „Massenverzweiflung“, die sich in Gier, Hass und Rücksichtslosigkeit einen bleibenden Ausdruck verschafft, kaum mehr Herr werden. 

Bild von Andrys Stienstra auf Pixabay

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