„Wochenimpuls 2026-30“
Wagnis des Glaubens – wie geht das konkret? Ich schaue mir die Wirklichkeit und denke: Gott, wo bist du? Gibt es dich überhaupt? Kann man an dich als ‚Vater‘ oder ‚Mutter‘ (noch) glauben? In eindringlichen Worten hat Reinhold Schneider (1903-1958) in seinem letzten Werk „Winter in Wien“ seine Zeit analysiert. Und es scheint, als seien diese Worte nicht vor bald 70 Jahren geschrieben worden. Sie scheinen direkt in‘ s Heute gesprochen worden zu sein:
„Der sowjetische 1 Nihilismus stellt in Verpflichtung; der amerikanische ist das Nichts für das Nichts; der Schlag ins Wasser. Sofort trägt solche Feststellung Verdächtigungen ein. Ach, wäre es doch anders! Wenn aber Macht in dieser Leere kulminiert: Was ist dann zu erwarten?“ 2
„Nichts ist langweiliger als die Romantik der Maschinenpistole.“ 3
Was bewahrt uns angesichts dieses ‚Befundes‘ vor Fatalismus und Resignation? Was ermutigt uns, das Wagnis des Glaubens einzugehen? Eugen Drewermann hat sich diesen Fragen in schonungsloser Ehrlichkeit gestellt und kommt zu einem Antwortversuch, der für mich überzeugend ist:
„Ich glaube, der Fehler liegt darin, dass wir strategisch denken. Sobald wir das tun, müssen wir uns Mehrheiten beschaffen. Wir müssen Geld auftreiben, um die Mehrheiten zu beschaffen…Wir kommen immer weniger zu uns selber… Geradeaus! Das ist das, was ich glaube, und das ist das, was ich sage. Und beides sollte eine Einheit bilden. Die Treue zu sich selber ist viel wichtiger, als dass man sich abhängig macht von der Idee, man müsste draußen etwas verändern.“ 4
„Ich denke religiös. Und deshalb bin ich als Politiker im Grunde ungeeignet. Ich erlaube mir, absolute Werte zu formulieren. Ich weiß, dass sie politisch so nicht unbedingt mehrheitsfähig sind und dass sie sich relativieren werden auf dem Weg ihrer Verwirklichung. Aber es muss Orte geben, wo einmal in Klarheit gesagt wird, was Geltung hat vor Gott und den Menschen…Mir ist Jesus ein Vorbild. Nicht irgendein Revolutionär – Spartakus oder wer. Auch zwischen diesen Modellen muss sich entscheiden, was man will…das, was man für richtig erkennt, muss man tun. Was dann daraus wird, muss der liebe Gott wissen.“ 5
„Es muss Orte geben, wo einmal in Klarheit gesagt wird, was Geltung hat.“ Diese Maxime hat mich überzeugt. Sie macht das Wagnis des Glaubens zum Wagnis des Lebens – Gott sei Dank! Weil dies nie allein, rein privat, geht, sondern immer nur in Gemeinschaft, darum wird die Einheit von reflektierender Theologie und kirchlich-christlicher Praxis in allen ihren Grundvollzügen immer eine Zukunft haben.
- Heute müsste man vom russischen Nihilismus reden. ↩︎
- Reinhold Scheider „Winter in Wien“, Freiburg-Basel-Wien 1963, S. 184 ↩︎
- Reinhold Scheider „Winter in Wien“, Freiburg-Basel-Wien 1963, S. 183 ↩︎
- Eugen Drewermann-Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“, Ostfildern 2014, S. 99 ↩︎
- Eugen Drewermann-Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“, Ostfildern 2014, S.105 f ↩︎