Der „Urentscheid“ – Vertrauen … was?

„Wochenimpuls 2026-10“

Lieber N., ich komme auf meinen letzten Brief zurรผck, in dem ich Dir von einem groรŸen Theologen, Joseph Ratzinger schrieb, der durchaus realistisch viele Prozesse im gesellschaftlichen Kontext einschรคtzte. Seine Sicht wirkt tatsรคchlich resignativ, wie Du es ja auch anmerkst. Ja, diese โ€šresignative Anwallungโ€˜ wird noch verstรคrkt durch seine weiterfรผhrende Aussage: 

โ€žIn einem solchen โ€šrelativistischen Kontextโ€˜ wird โ€ฆEthik letztlich nihilistisch, auch wenn sie es nicht wahrnimmt. Und was man in solcher Weltsicht โ€šGewissenโ€˜ nennt, ist โ€“ tiefer betrachtet โ€“ die Umschreibung dafรผr, dass es ein eigentliches Gewissen, nรคmlich ein Mitwissen mit der Wahrheit nicht gibt. 1

Und weiter: 

โ€žJeder bestimmt sich selbst seine MaรŸstรคbe, und in der allgemeinen Relativitรคt kann auch niemand dem anderen dabei behilflich seinโ€ฆin dem โ€ฆUrentscheidโ€ฆdem Vertrauen auf die Wahrheitsfรคhigkeit des Menschen einerseits und einer Weltsicht andererseits, in der nur der Mensch sich selbst seine MaรŸstรคbe schafft.โ€œ 2

Ich bin diesem Theologen fรผr seine Ehrlichkeit dankbar. Denn nur diese Ehrlichkeit und Nรผchternheit kann uns den Blick schรคrfen auf unsere Mรถglichkeiten, die eben auch unsere Verantwortung beinhalten. Sie kann uns โ€“ wenn wir uns nicht selbst aufgeben und davonlaufen โ€“ von niemandem abgenommen werden. Ratzinger sprach von einem โ€žUrentscheidโ€œ, um den niemand herumkommt.  โ€žVertrauen auf die Wahrheitsfรคhigkeitโ€œ โ€“ entweder ich investiere in dieses fundamentale Grundvertrauen. Oder ich verweigere mich. Dazwischen gibt es kein โ€šNiemandslandโ€˜. Wenn jeder nur fรผr sich bleibt, wenn er nur seine โ€šWahrheitโ€˜ fรผr unumstรถรŸlich hรคlt, ist kein Dialog mรถglich. Mir ist der Glaube schon deshalb wichtig, weil er mein Alleinsein aufhebt, weil er vom Gewissen spricht als โ€šStimme Gottes in meinem Herzenโ€˜. 

Lieber N! Ich kann Dir GOTT nicht auf den Tisch legen. Aber ich kann Dir von einer Einladung erzรคhlen, von einem groรŸen Miteinander und von einer umfassenden Hoffnung, die mich bisher getragen hat und von der ich hoffe, dass sie auch weiterhin mich begleitet.ย 


  1. Joseph Kardinal Ratzinger โ€žWahrheit, Werte, Macht โ€“ Pluralistische Gesellschaft im Kreuzverhรถrโ€œ, Frankfurt a. Main 1999, S. 46 f โ†ฉ๏ธŽ
  2. Joseph Kardinal Ratzinger โ€žWahrheit, Werte, Macht โ€“ Pluralistische Gesellschaft im Kreuzverhรถrโ€œ, Frankfurt a. Main 1999, S. 46 f โ†ฉ๏ธŽ
Foto von Sirius Harrison auf Unsplash

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