Denken und Danken – Gedanken zur Landtagswahl in MV 

„Wir sind stolz, Deutsche zu sein.“

Ein Morgen im August 2026. Ein schöner, warmer Sommertag. Es ist noch ruhig, die Luft ist rein, der See liegt spiegelblank vor mir.  Um 7 Uhr öffnet die Filiale einer bekannten Supermarktkette. Wir haben Besuch, der Tisch wird gedeckt und mir fällt die Aufgabe des Brötchenholens zu. Ich bin Renter, freue mich, dass es so früh schon frische Brötchen gibt. Sorgen mache ich mir nicht, ob mein Geld für die Brötchen reicht. Es reicht, auch für morgen und übermorgen, auch für Marmelade, Honig und Butter. Ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit durchströmt mich, denn nichts ist selbstverständlich. Auch nicht, dass mich um diese Zeit schon eine junge Frau an der Kasse bedient oder dass sehr früh schon die Müllcontainer geleert werden. Freundlich winke ich dem Fahrer des Unternehmens zu, das sich um die Müllentsorgung zuverlässig und regelmäßig kümmert. 

Szenenwechsel

Ein Deutschlandtag der AfD-Jugend in der Landeshauptstadt Schwerin. Es ist der erste dieser Art. Schwerin eignet sich dafür, denn hier wird bald gewählt. Es wird marschiert, es werden laut Parolen gerufen und geschrien, dass wir „uns unser Land zurückholen“. Wer sind ‚wir‘? Junge Menschen zumeist, es ist ja ihr Deutschlandtag, die unüberhörbar und unübersehbar jedem klar machen, der es hören und sehen will: „Wir sind stolz, Deutsche zu sein.“ Die die Nationalflagge schwenken und „Deutschland – aber normal“ auf den Transparenten vor sich hertragen und es laut in der Gegend herum schreien. Was ist ‚normal‘? An ein Gespräch ist an diesem Tag nicht zu denken, die Stimmung ist aufgeheizt bei jenen, die mit einer Stimme, die sich fast überschlägt, durch die Straßen brüllen: RE-MI-GRA-TION! Und dann: Marschieren macht durstig. Also geht‘ s in den Supermarkt, erst einmal Getränke ordern. Nicht alle sind nur zum Durstlöschen geeignet. Ich schaue zur Kasse hin: Eine Frau mit Migrationshintergrund bedient freundlich und ohne Aufregung die vielen jungen Leute. Ob bei Ihnen Nachdenklichkeit einsetzt ob ihrer verletzenden und ausgrenzenden Parolen? Ich habe meine Zweifel. 

Aber vielleicht doch. Denn nichts, gar nichts ist ja selbstverständlich. Dass alles so gut funktioniert, im Bereich Dienstleistungen, im Bereich Service, all das gibt es in sehr vielen Ländern entweder gar nicht oder in viel schlechterer Qualität. Die Rente kommt pünktlich. Ist sie tatsächlich so gering? Welches sind unsere realen Bedürfnisse? Wenn ich nur einen kleinen Blick werfe auf andere Länder und Kontinente, werde ich still, dankbar, ruhig und gelassen. Denn wir sind in Deutschland, in Europa, in vielfacher Hinsicht bevorzugt. Ein Blick auf die Landkarte könnte uns überzeugen, welches Glück wir haben, hier geboren zu sein und auch hier zu leben. Oder müsste es besser heißen, hier leben zu dürfen? Wir können das Leben als Geschenk erfahren, weil vieles, was für uns völlig selbstverständlich ist, woanders weder existent noch denkbar ist. 

„Erkenntnisleitendes Interesse“ 

Ist uns unsere Sonderstellung bewusst? Ich glaube nicht hinreichend. Stattdessen lese, höre und sehe ich in den Medien, wie schlecht es uns geht. So geht es Tag für Tag, Woche für Woche: Die Rente ist nicht sicher, zu niedrig ist sie sowieso. Die Pflegekosten sind viel zu hoch, ebenso die Mieten, die Gesundheitskosten, die Preise. Die Löhne sind zu niedrig, die Vermögen sind ungerecht verteilt usw. Endlos zieht sich diese ‚Litanei‘ durch einen Großteil unserer Medienlandschaft. Tag für Tag.  Jürgen Habermas hat das Wort vom erkenntnisleitenden Interesse geprägt. Und es ist unübersehbar, dass es vitale Interessen gibt, unser Gemeinwesen schlecht zu reden. Um nicht missverstanden zu werden: Auch ich sehe Fehler, Defizite und Möglichkeiten der Veränderung und Verbesserung zuhauf. Ich sehe vor allem auch den ‚Eigenanteil‘, die mangelnden Integrationsbemühungen, die fehlende Empathie und die geringen Integrationsleistungen. Ich sehe die Identitätsschwäche bei der Frage, was uns wirklich wichtig ist, was uns angeht, grundsätzlich? Ich sehe einen Traditionsabbruch, der kaum überschätzt werden kann, ich sehe Netzwerke, die immer löchriger werden, ich sehe belastete Beziehungen, die zu reißen drohen auf allen Ebenen, ich erkenne eine Identitätskrise in einem Ausmaß, das ich mir vor Jahren noch nicht vorstellen konnte. 

Das alles darf doch aber nicht dazu führen, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“, alles schlecht zu machen und schlecht zu reden. Denn rasch ist man dann bei den ‚Sündenböcken‘, denn einer muss ja Schuld daran tragen, ‚dass es uns so schlecht geht‘. Und unversehens sind wir bei ‚den‘ Politikern, die eh ‚alles in die eigene Tasche wirtschaften‘. Wir sind bei ‚den‘ Ausländern, die ‚in unsere Sozialsysteme hineinwandern‘. Und wenn die es nicht sind, dann werden es die ‚faulen Jungen‘ oder die ‚gierigen Alten‘ sein. ‚Sündenböcke‘ gibt es immer. Und wenn nicht, dann müssen wir einen (er)finden. 

Wer hat Interesse an dieser um sich greifenden Hass- und Neiddebatte, an dieser Spaltung der Gesellschaft, an dieser Polarisierung innerhalb unseres Gemeinwesens? Diese Frage sollte sich jeder Einzelne selbst vorlegen, um Position zu beziehen. Denn die wichtigsten Fragen, die nach der Klimaveränderung, die nach Chancengerechtigkeit und Teilhabe am Leben in der Gesellschaft – und zwar im internationalen Maßstab – werden oft genug tunlichst ‚außen vorgelassen‘. Dabei würden sie den Kontext abgeben, um jene kritischen Fragen zu Rente, Löhne oder Preise in eine Perspektive zu bringen, die angemessene und sachbegründete Antwortversuche erlauben. 

Denken und Danken

Mir fällt zunächst bei einem ersten kleinen Antwortversuch ein Wort von Thomas Mann (1875-1955ein, dass ich auf einem Kalenderblatt fand. Der Literaturnobelpreisträger, der ‚sein‘ Volk gut kannte – immerhin war er einer der großen Mahner und Warner in allerdunkelster Zeit deutscher Geschichte – machte sich Gedanken über den Zusammenhang von Denken und Danken. Was dabei herauskam, liest sich in einigen wenigen Worten so: 

Denken und danken
sind verwandte Wörter;
wir danken dem Leben,
indem wir es bedenken.

Vielleicht ist dies ein erster Fingerzeig, was sich womöglich als Muster hinter all den vielen Nörgeleien und dem ‚Marathon des Schlechtredens‘ unserer Situation verbirgt. Dem Leben danken, indem wir es bedenken, könnte ja auch dazu führen, dass es – zumindest tendenziell – einfache, fast instinkthafte Gefühle sind, um die es geht. Ich könnte zunächst drei nennen: 

Ich möchte alles.
Ich möchte alles hier und jetzt und sofort.
Ich möchte (endlich) in Ruhe gelassen werden von all dem ‚Weltschmerz‘, der mich ohnehin überfordert (Was geht mich das ‚Weltelend‘ an?) 

In der Politik spricht man häufig vom ‚Sich-Ehrlich-Machen‘. Dazu gehört vor allem auch, dass man ehrlich gegenüber sich selbst ist. Und kann es nicht sein, dass hinter dem großen Aufschrei oder dem permanenten Nörgeln und Schlechtreden, einfachste Gefühle stehen. Gefühle der Angst, der Minderwertigkeit, der Sorge, ‚zu kurz im Leben zu kommen‘ oder gekommen zu sein, nicht genügend beachtet zu werden. Die Erfahrung, eben nicht ‚der Größte zu sein‘, der man doch so gerne wäre! Das alles ist doch zunächst nur allzu verständlich, denn wer möchte nicht gekannt sein? Wer möchte nicht beachtet sein, wer möchte nicht sich zu Haus fühlen und auf sein Zuhause stolz sein. Und wenn das nicht gegeben ist und erfahren wird, dann braucht es Kompensation – und oft genug! – ‚Schuldige‘. 

Ich bin mir sicher: Eine Partei oder Gruppierung, die Schuldige für die subjektiven Defizite und Mangelerlebnisse und Mangelerfahrungen benennen kann – sie hat es kinderleicht im politischen Geschäft! 

Denn es gibt einen heimlichen Verbündeten all der – realen oder vermeintlichen – Defizite: Die offensichtlichzunehmende Unfähigkeit der gegenseitigen Wertschätzung und Wahrnehmung des Guten und Schönen, des Wertvollen. Die z. T. sehr ausgeprägte Unfähigkeit zu danken und sich an den Kleinen Dingen des Lebens zu freuen. Der Weltbestseller von Alexander und Margarete Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu trauern“ liefert Bausteine und Erklärungen für eine Mentalität, die wesentlich mit uns selbst zu tun hat, die uns betrifft und die ich mit großer Sorge in unserem Land beobachte.  

Ausweg (e) aus dem Niemandsland – Die Menschheit ist keine Herde

Wie kommt man aus diesem Strudel von Hass und Neid und Missgunst heraus? Wie kann man es wieder lernen, das Gute und Schöne mehr wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen, anstatt die Welt nur dunkel und grau zu sehen, zu erleben und zu deuten? Eine Antwort kann und wird nicht leicht zu finden sein. Sie wird in jedem Fall einer Dimension bedürfen, die uns übersteigt, die eine andere Grundlage besitzt als unser eigenes Tun und Machen, unser Wissen und unsere Möglichkeiten.   Warum das so ist, hat Hans Urs von Baltbasar (1905-1988) in sehr nachvollziehbarer und präziser Art und Weise herausgestellt, denn: 

„Es findet wie ein Wettlauf statt, wer wirksamer und tiefer diese Freiheit verstehen und durchsetzen kann. Der Atheismus ist ganz mit diesem Thema beschäftigt: Befreiung der Vernunft von den Fesseln des Glaubens (Aufklärung), Befreiung des wirtschaftlich versklavten Menschen zu menschenwürdiger Arbeit (Marx), Befreiung des Individuums von den Ketten seiner unbewältigten Vergangenheit (Freud), Befreiung der gesamten Menschheit vom Alpdruck eines nicht mehr geglaubten als Leiche in der Weltgeschichte mitgeschleppten Begriffes Gott (Nietzsche)“. (Hans Urs von Balthasar „In Gottes Einsatz leben“, 14)

Immer geht es um die Vision von Freiheit. Dabei gerät die Frage nicht selten aus dem Blick: Freiheit wozu und wovon? Man kann den Menschen tatsächlich zu sich als Menschen oder von sich als Menschen ‚befreien‘. An dieser Stelle wird Religion (über)lebensnotwendig, denn: 

„Wie nötig wäre Religion! Wer, wenn nicht sie, könnte den Menschen sagen, dass sie mehr sind als Übergangsgebilde im Stoffwechselhaushalt der Natur, dass sie zu schade sind, um sich als Konsumenten und als Produzenten im Wirtschaftskreislauf dubioser Kapitalverwerter zu verschleißen… Auf dass Menschen eine absolute Geltung haben, bedarf es eines absoluten Gegenübers ihrer Anerkennung. Ein solches Gegenüber kann und darf nicht die Natur, nicht die Gesellschaft, nicht ein Zweckverband aus Industrie und Militär und Banken sein. Wie aber glauben an ein Absolutes, auf dass Menschen nicht länger mehr als Mittel für die Zielsetzungen anderer versklavbar sind? (Eugen Drewermann „Wendepunkte oder Was eigentlich besagt das Christentum?“, 2014, 9)

Und wenn doch letztlich alles eine Chimäre, ein Trugbild ist? Am tiefsten hat nach meinem Empfinden – wie so oft – auch an dieser Stelle KarlRahner (1904-1984) geschürft. 

„Da ich bin und mir und meiner Freiheit so schon ein Ja vorgegeben ist, scheint mir einerseits mein Ja so selbstverständlich vom Grund der Wirklichkeit her zu sein, dass alle Proteste gegen die eigene Existenz in ihrer ganzen Konkretheit doch nur vorläufige Begleitphänomene eines im Grunde universalen Ja zu sich und dem Ganzen der eigenen Existenz sind.“ (Karl Rahner „Praxis des Glaubens“,1982, 21)

Ein religiöser Mensch ist ein dankbarer Mensch. 

Ein Priester aus meiner Jugendzeit, der auch ein begnadeter Redner war, prägte vor vielen Jahren den Satz, der mich seitdem begleitet: 

Ein religiöser Mensch ist ein dankbarer Mensch. 

Vielleicht ist dies die wichtigste Frage, um echt und unecht bei all den vielen Angeboten, die heute sich als parteipolitisches ‚Heil‘ anbieten, herauszufiltern: 

Wofür bin ich dankbar?

Ich glaube, dass – wenn man ehrlich ist – rasch herausfinden kann, dass das Allermeiste Geschenkcharakter hat. Selbst die ‚eigenen‘ Möglichkeiten – wir nennen sie oft Begabungen – sind uns geschenkt worden. Wir haben sie nicht uns selbst gegeben. Sie wurden uns verliehen. Darin steckt das Wort ‚leihen‘. Sie gehören uns nicht. Wir können und dürfen sie nutzen. Nutzen – für wen und für was? Das ist die zweite große Frage: 

Wofür setze ich mich ein? Wo bringe ich mich ein? Was tue ich und für wen?

Dankbarkeit und Nutzen der eigenen Möglichkeiten im Dienst für Andere, zum Wohl für Andere – mir scheinen dies gute Anhaltspunkte zu sein, zu prüfen, ob und inwieweit die ‚Heilsversprechen‘ mancher selbsternannter ‚Propheten‘ heute tragfähig sind oder ob sie nur Blendwerk sind, um Hass und Ausgrenzung zu übertünchen. 

Dennoch bin ich optimistisch. Auch und gerade in wilden und turbulenten (Wahlkampf)Zeiten mit den vielen Versprechungen und Schuldzuweisungen, den Ausgrenzungen und Lieblosigkeiten. Auch dies hat seinen Grund in der Religion, in der Rückbindung an das uns liebende Geheimnis, das uns – jeden von uns – anspricht und auf das wir zugehen. Darum gilt auch das Nachfolgende nicht nur für Einzelne oder einzelne Gruppierungen. Auch nicht für einzelne Nationalitäten! Es gilt für jeden Menschen, denn 

„Die Menschheit ist keine Herde, sondern eine heilige Familie, wenn Gott selbst darunter als Bruder ist…Es ist mehr mit uns anzufangen, als wir ahnen. Wenn Christus in uns eingebildet ist, bilden wir uns nie zu viel ein.“ 

(Karl Rahner, „Das große Kirchenjahr“, 99) 

Bild von Michael Reichelt auf Pixabay

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