Befreit die Erde

1. 

Das kleine Büchlein mit diesem Titel von Leonardo Boff aus dem Jahr 2014 begeistert mich noch immer. Sein Untertitel lautet: Eine Theologie für die Schöpfung. Schon der Eingangstext ist hochaktuell: 

>> Die Befreiungstheologie, zu deren Vertretern ich gehöre, ist in den Sechzigerjahren mit dem Ziel entstanden, den Schreien der Ärmsten…Gehör zu verschaffen. Seit den Achtzigerjahren ist uns bewusst geworden, dass auch die Wälder, die Tiere und die gesamte Erde schreien, weil sie unter der ganzen Zerstörungsgewalt der Industriekultur zu leiden haben. Folglich muss die Option für die Armen und gegen die Armut…auch die Ärmste überhaupt miteinschließen: die Erde<< 

Immer, wenn ich diese Zeilen von Boff lese, bin ich tief betroffen. Es drängt sich mir die Frage auf: Haben wir Menschen im 21. Jahrhunderts, im Jahr 2026, diese Botschaft überhaupt gehört? Und wenn ja, haben wir sie verstanden? Das kleine Büchlein hat nicht einmal 80 Seiten, doch seine einzelnen Kapitel sind – je für sich genommen – geistiges Dynamit: 

  • Lassen wir uns in Erstaunen versetzen
  • Hören wir wieder auf die Propheten
  • Der Mensch als Peiniger und mithin Opfer der Umwelt
  • Der künftige Weg des Lebens
  • Impulse für die Rückkehr auf einen richtigen Weg
  • Sechs Veränderungen für das Morgen
  • Das Heilige wieder ins Zentrum stellen
  • Neue Zeiten und eine neue (globalisierte) Ethik
  • Eine andere Welt ist nötig
  • Was Teilhard de Chardin uns lehrt- Der Traum von einer globalen Zivilisation

Es sind zwei Kapitelüberschriften, die wie ein Menetekel über unsere Zeit stehen. Sie sind zugleich Warnung und Mahnung als auch Hoffnung und Chance. 

2. 

Hören wir wieder auf die Propheten

Bereits 1997 schrieb Marion Gräfin von Dönhoff „Zivilisiert den Kapitalismus! Grenzen der Freiheit“. Der Text ist von einer Eindrücklichkeit und Treffsicherheit, dass man glauben möchte, er ist jetzt, heute geschrieben worden. Dabei ist er bereits fast 30 Jahre alt. Doch aktueller geht‘ s nimmer. Es wäre verwegen, diese eindringlichen Worte zu kommentieren. Sie sprechen für sich: 

Gier nach Beute, Thesen gegen die Maßlosigkeit von Marion Gräfin von Dönhoff

These 1: Ohne Selbstbeschränkung und Selbstdisziplin kann kein Gemeinwesen leben. Jede Gemeinschaftbraucht Spielregeln, braucht Normen, nach denen der Einzelne sich richten kann, auch bestimmte Bindungen und Traditionen sind unentbehrlich.

Unlimitierte Liberalisierung, Freiheit ohne Selbstbeschränkung, führt ins Chaos und schließlich zu ihrer Antithese: dem autoritären Zwang. Jede Gesellschaft braucht einen ethischen Minimalkonsens, ohne ihn zerbröselt sie. (…)

These 2: Das ungebremste Streben nach immer neuem Fortschritt, nach immer mehr Freiheit, nach Befriedigung ständig steigender Erwartungen zerstört jede Gemeinschaft und führt schließlich zu anarchischen Zuständen. Harmonie und Stabilität kann es unter solchen Umständen nicht geben.

These 3:  Die wichtigste Forderung an den Einzelnen und an die Gesellschaft heißt Maßhalten, heute aber lautet die Losung: Maximierung – alles muss immer größer werden, es muss immer mehr Freiheit, Wachstum, Profit geben.

Das Wesen der Marktwirtschaft ist der Wettbewerb, und der Motor des Wettbewerbs ist der Eigennutz. Wenn jeder so viel wie möglich produziert und konsumiert, dann ist angeblich für die Gemeinschaft das Optimum erreicht. Aber der Zwang zur Gewinnmaximierung zerstört jede Solidarität und lässt ein Verantwortungsbewusstsein gar nicht erst aufkommen. 

Wenn jeder sich nur auf seine Leistung konzentriert und auf seinen Lustgewinn und die Verantwortung für das Gemeinwohl dem Staat überlässt, dann geht die Gemeinschaft vor die Hunde. 

These 4: Die Überbetonung von Leistung, Geldverdienen und Karriere – die das Wirtschaftliche in den Mittelpunkt des Lebens stellt – führt dazu, dass alles Geistige, Humane, Künstlerische an den Rand gedrängt wird. 

Unsere Zeit ist charakterisiert durch totalen Positivismus. Eine ausschließliche Diesseitigkeit schneidet aber den Menschen von seinen metaphysischen Quellen ab, denaturiert ihn zur Maschine und liefert ihn ohne Korrektur seinem eigenen Dünkel und Machtstreben aus. 

Ein solches System als einzige Sinngebung kann den Menschen auf Dauer nicht befriedigen, weil es jede Tiefendimension vermissen lässt. Max Weber hat von der ‚entzauberten Gesellschaft‘ gesprochen, ‚in die der aus der Heilsgewissheit Herausgelöste entlassen worden ist.‘

These 5: Gerade in der heutigen Welt mit ihren vielfältigen Versuchungen und Reizangeboten wächst das Verlangen nach moralischer Grundorientierung und einem verbindlichen Wertesystem. 

Vieles von dem, worunter wir leiden: zunehmende Kriminalität, Brutalisierung des Alltags, Korruption bis in die höchsten staatlichen Stellen, hängt damit zusammen, dass es keine ethischen Normen und keine moralischen Barrieren mehr gibt. (…)

These 6: Es ist verständlich, dass nach der langen Periode autoritären Missbrauchs staatlicher Macht der Drang nach Freiheit besonders groß war, aber Freiheit ohne Grenzen mündet eben am Ende automatisch in ein autoritäres Reglement. Vor allem im Zeitalter der Marktwirtschaft, wo die Leute ihren Ehrgeiz darauf richten, möglichst viel Geld zu verdienen – egal wie -, hat sich die Bereicherungsmentalität über alle Gebiete verbreitet. Darum gibt es jetzt so viele Filme und Videos, die Gewalt, Sex and Crime zum Thema haben, weil sie die höchsten Einschaltquoten und damit den höchsten Verdienst garantieren. (…)

These 7: Vor allem im Bereich der Wirtschaft herrscht bedenkenlose Maßlosigkeit. Immer wieder heißt es, Wachstum sei notwendig als Antwort auf Armut und Unterentwicklung. Nicht bedacht wird, dass Wachstum im Gegenteil ärmer macht, weil die ökologischen Kosten (noch mehr abgeholzte Wälder, noch mehr Kohlendioxid, noch mehr Giftstoffe für die Landwirtschaft) den Nutzen aus dem Wachstum übersteigen.

Wir verbrauchen das Kapital kommender Generationen durch wachsende Verschuldung und verringern dadurch die Möglichkeit zukünftigen Konsums. Wir haben ferner, ohne genügend darüber nachzudenken, den Grad sozialer Wohlfahrt so weit gesteigert, dass manche Länder und viele Gemeinden kurz vor dem Zusammenbruch stehen.

These 8: Niemand hat heute eine Vision. Niemand sagt, was werden soll und wo es langgeht. Das geistige Leben ist durch Ratlosigkeit und beklemmende Leere charakterisiert. (…) 

These 9: Heute sind die Politiker frustriert und die Bürger verdrossen, die großen klassischen Parteien ziehen immer weniger Wähler an, die Wahlbeteiligung geht zurück, und das Misstrauen gegenüber den demokratisch-legitimierten Institutionen des Staates nimmt zu. Die Demokratie ist bei uns nicht durch rechtsradikale Gruppen gefährdet, sondern allein durch sich selbst; durch Übertreibung ihrer eigenen Prinzipien, also durch ausufernde Marktwirtschaft und unbegrenzte Freiheit. 

Wenn diese Entwicklung weitergeht, dann kann ich mir vorstellen, dass in zehn Jahren der Kapitalismus ebenso zugrunde geht wie der Marxismus.

These 10: Was kann, was muss geschehen? Leider gibt es in der Politik keine Rezepte wie in der Küche: Man nehme ein Pfund Zucker und 6 Eier…Notwendig ist, dass die Maßstäbe, das Klima, ja die Menschen selbst sich ändern. Das aber kann nicht durch Gesetze oder Anordnung veranlasst werden; das kann nur aufgrund von Sensibilisierung des Rechtsbewusstseins geschehen. Denkbar ist auch, dass eines Tages die Bürger die Nase voll haben und sich etwas ganz anderes – wahrscheinlich dann das Gegenteil – wünschen; auf das dialektische Gesetz ist immer noch Verlass.

These 11. Die Frage hieß: Haben wir uns zu Tode liberalisiert? Die Antwort lautet: Die ungebremste Liberalität hat zu übergroßer Laxheit geführt. (…) 

These 12: Der Rechtsstaat, also Gewaltenteilung, Pluralismus, the rule of law, das sind nur die Voraussetzungen und der Rahmen für eine zivile Gesellschaft. Entscheidend ist, was die Bürger daraus machen, also die Gesinnung der Menschen und ihr Verhalten. Es sollte erreicht werden, dass diejenigen, die Verantwortung zu tragen haben, wieder so viel Ehrgefühl entwickeln, dass sie nicht ihren Eigennutz über das Gemeinwohl stellen.

Es kann doch nicht sein, dass eine säkularisierte Welt notwendigerweise bar aller ethischen Grundsätze ist. Es kann auch nicht sein, dass man über Reformierung der Marktwirtschaft nicht nachdenken darf, aus Sorge, dann automatisch in den Bann eines zentralgelenkten Wirtschaftssystems zu geraten. Mit anderen Worten:  Es muss doch möglich sein, die marktwirtschaftlichen Strukturen so zu ergänzen, dass die Menschen veranlasst werden, sich menschlich zu verhalten und nicht wie Raubtiere nach Beute zu gieren. 

Resümee dieser Betrachtungen: Alles hängt von den Menschen ab – von jedem Einzelnen von uns. (Aus Friedrich Schorlemmer „Was protestantisch ist“ – Große Texte aus 500 Jahren, Freiburg 2008, 186 ff)

3. 

Eine andere Welt ist nötig

Sie ist die zweite Kapitelüberschrift aus dem Büchlein von Leonardo Boff, die mich tief beeindruckt. Am 30. April 1989 war der Abschluss der 3. Vollversammlung der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der DDR. Sie war ein Meilenstein in der Ökumene der damaligen DDR und markierte zugleich ein neues Selbstverständnis der Kirchen und ihrer Verantwortung für Mit – und Umwelt. Mich fasziniert heute, wo ich selbst Kinder und Enkel habe, mit welchem Optimismus, mit welcher Vision und Zuversicht die Delegierten dieser Versammlung in die Zukunft blickten. Vor allem ist ihr Realismus beeindruckend, der besonders im „Brief an unsere Kinder“ deutlich wird. „Wenn wir müde geworden sind, sollt Ihr an unsere Stelle treten.“ Welch eine Vision, welch ein Glaube, welch eine Hoffnung. Eine Hoffnung für alle, eine Hoffnung für unsere Erde. 

Brief an unsere Kinder

Ökumenische Versammlung Dresden

Liebe Kinder, 

die Erde, auf der wir leben, ist sehr bedroht. Schuld daran sind wir, die Erwachsenen. Aber einige haben es doch noch gemerkt. Deswegen haben sich zum dritten Mal viele Menschen getroffen, um darüber nachzudenken, was zur Rettung der Erde geschehen muss. Das ganz Besondere an diesem Treffen war, dass es Leute sind, die alle an den einen Gott glauben, das aber auf verschiedene Weise tun. Man kann auch Ökumenische Versammlung dazu sagen, und die Leute nennen sich Delegierte. Aber eigentlich sind sie Mütter und Väter, Großväter und Großmütter, Geschwister oder Paten; kurz: es sind Leute, die auch in Eurem Haus wohnen könnten. 

Was haben wir gemacht?

Wir haben nachgedacht und gebetet und wieder nachgedacht, was zu tun ist mit einer Welt, die wir Euch ziemlich kaputt übergeben müssen. Dann haben wir die Ergebnisse aufgeschrieben:

Hier sind die wichtigsten: 

Wir alle müssen aufpassen, dass es noch lange Zeit Bäume gibt, die in einen blauen Himmel wachsen können.

Wir alle müssen uns dafür einsetzen, dass niemand mehr einen anderen Menschen in einem Krieg erschießt.

Wir alle müssen teilen lernen, dass niemand mehr verhungert.

Wir alle müssen uns darum bemühen, dass jeder kleine und große Mensch sicher und geschützt in einer heilen Natur leben kann. 

Wenn wir müde geworden sind, sollt Ihr an unsere Stelle treten. Das ist eine schwere Aufgabe, auf die man vorbereitet sein muss. Deswegen haben wir Euch ein wenig von der Ökumenischen Versammlung erzählt.

Glaubt nicht, dass wir alles wissen, aber glaubt, dass wir alles tun wollen. 

Wir grüßen Euch und danken, dass Ihr uns zugehört habt. 

Friede sei mit Euch.

Schalom – 

Die Delegierten der Ökumenischen Versammlung 

Dresden April 1989 (Aus Friedrich Schorlemmer „Was protestantisch ist“ – Große Texte aus 500 Jahren, Freiburg 2008,190 f)

Wenn angesichts mancher politischen Ausfälle und Entwicklungen in unserem Land mich Resignation und Müdigkeit überfallen, dann greife ich zu diesen Texten. Sie sind wie ‚Vollkornbrot‘ für die Seele.  Es gibt in jedem Leben auch Stunden, die an Elija erinnern, jenen Propheten, der voller Tatendrang sich für Gott einsetzte und dann – nach seinem Tun – am liebsten nur noch schlafen wollte. Bis ein Engel ihn stärkte, ihn weckte mit Speis‘ und Trank, damit er seinen Weg zum Gottesberg weitergehen konnte. Wo sind heute die Engel? Wo sind heute die Speisen, die uns kräftigen, damit wir unseren Weg fortsetzen können? Ich glaube, die Texte von Boff, von Marion Gräfin von Dönhoff oder der „Brief an unsere Kinder“ sind solche Engelsspeise, die uns Kraft geben auf unserem Lebensweg. 

Bild von WikiImages auf Pixabay

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