Gedanken zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und zum Caritas-Sonntag am 20. September 2026
So begann die Hymne der DDR. Sie war ein Land, das für die eigene Bevölkerung nicht mehr zu ertragen war. Darum kam es in einer friedlichen Revolution zur Vereinigung beider deutscher Staaten. Das ist bereits fast 40 Jahre her, doch warum fällt mir dieser Text aus der DDR-Hymne gerade jetzt ein?
Wir holen uns unser Land zurück!
Es ist der 19.September 2026, genau ein Tag vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, in der Landeshauptstadt Schwerin. Jene Partei hatte zur Abschlusskundgebung auf dem Schweriner Markt eingeladen, die im Namen dafür wirbt, gegenüber den sogenannten ‚Altparteien‘ eine ‚Alternative‘ zu bieten. Ich möchte gar nicht weiter auf inhaltliche Details eingehen, z.B. auf die ‚Alternative‘ zum Schengen-Raum, zur EU oder zum Euro. Auch nicht auf die Frage der ‚alternativen‘ Beziehung zur russischen Vollinvasion in die souveräne Ukraine im Jahr 2022. Ich erspare mir Ausführungen zur Frage ‚alternativer‘ Lösungsvorschläge zur Integration, überhaupt zu Fragen der Migration, der Rechte von Minderheiten, zu Fragen des Mieterschutzes u.a.m. Was mich beeindruckt, ja tief betroffen gemacht hat, war etwas anderes. Es war die Form, der Ton der Auseinandersetzung, der mich an dunkelste Zeiten der deutschen Geschichte erinnerte. „Deutschland erwache!“ hieß einst die Parole, unter der insbesondere Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens die Würde, sämtliche Rechte und schlussendlich das Leben genommen wurden.
RE-MI-GRA-TION
„Wir holen uns unser Land zurück“ – so donnerte es gestern von der Bühne herunter. Und tosender Beifall des überfüllten Schweriner Marktplatzes war das Echo auf diese provokante Äußerung, die ja unterstellt, dass ‚uns‘ das Land genommen wurde. Unterschwellig wird damit der Boden bereitet, dass jene, die ‚uns‘ beraubt haben, das zu spüren bekommen werden.
„Wir werden sie jagen“ – so eine weitere provokative These aus den Reihen der ‚Alternative‘ zu demokratischen Meinungsbildungsprozessen. Gejagt werden sollen all jene politischen Mitbewerber um das bessere gesellschaftliche Konzept. Doch kann man noch von Wettbewerb reden, wenn von Jäger und Gejagten die Rede ist? Wer sind jene, denen das Land geraubt wurde und wer soll gejagt werden? Der Beifall, das Johlen und Gegröle der Masse scheinen deutlich zu signalisieren, dass ‚die Schuldigen‘ längst ausgemacht worden sind. Darum lautet die nächste Parole, die lauthals angekündigt wird mit den Worten: „Zum Mitschreiben: RE-MI-GRA-TION.“ Die Parteivorsitzende dieser ‚Alternative‘ zur Demokratie ist sich nicht zu schade, zu betonen: ALLE werden gehen müssen. Sie will die Grenzen „dicht machen.“
Angst greift um sich – Hat man all das schon vergessen???
Mir wird angst und bange. Denn hatten wir das alles nicht schon einmal in unserem Land? Die effizienteste Tötungsmaschinerie von Menschen– ein einmaliges, geschichtliches Verbrechen, das in seiner Grausamkeit und in seinem Zynismus tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal in der Geschichte trägt – sie wurde umgesetzt und praktiziert in diesem Land. In jenem Land der Dichter und Denker, dass zum Land der Mörder und Henker degenerierte. Jenes Land, das zerrissen war, 40 Jahre lang, dessen so genannte innerdeutsche Grenze die schrecklichste und perfektestezugleich war, die auf diesem Erdball existierte. In dem einen Teil dieses geteilten Landes, in der „Diktatur des Proletariats“, konnte sich diese Diktatur nur halten durch einen ausgeklügelten Spitzel – und Denunzianten- Apparat, durch gnadenlose Verfolgung Andersdenkender und durch Erschießen von Menschen, die von Deutschland nach Deutschland wollten. Hat man all das schon vergessen???
Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich das Geschrei am gestrigen Nachmittag vernahm. Es war tatsächlich nur ein einziges Geschrei und Gejohle, so als ginge es darum, einen grandiosen Sieg zu feiern und die Niederlage der anderen mit Triumphgeschrei zu quittieren. Was am weitesten entfernt war an diesem Nachmittag, daswaren faire, wertschätzende und sachliche Argumente mit all jenen, mit denen um die besseren politischen Ansätze transparent und mit Anstand gestritten werden sollte im Wahlkampf um die besten Lösungsvorschläge für das gesellschaftliche Miteinander in unserem Land.
„Wir holen uns unser Land zurück.“ Heinrich Heines berühmtes Gedicht „Nachtgedanken“ mit dem Vers „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“, entstand 1843 im Pariser Exil und war Ausdruck einer großen Sorge des Dichters um die in Deutschland zurückgelassene Mutter. Man kann nur im übertragenen Sinn dieses Wort auf gesellschaftliche Prozesse und Erscheinungen anwenden. Dennoch scheinen mir Heines Worte geeignet zu sein, meinen Gefühlen Ausdruck zu geben, wenn ich auf jene Wahlen schaue in den beiden ostdeutschen Flächenbundesländern Sachsen – Anhalt und Mecklenburg – Vorpommern. Heines Vers müsste allerdings ergänzt werden: „Denk ich an Deutschland Tag und Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Denn ruhig bleiben kann man in diesen Zeiten nicht, weder in der Nacht noch am Tag.
„Das Zepter der Welt ist schon vom Abendland gewichen.“
Gibt es Wege, Auswege aus diesem dunklen Tal? Bevor wir uns fragen, woher Hoffnung und Trost kommen (können),müssen wir die Analyse noch ein wenig tiefer ansetzen bzw. weitertreiben. In Fastenpredigten 1946, in der zerbombten Stadt München, in unmittelbarer Nachkriegszeit, in jener Stadt bzw. Gegend, in der die ‚braune Pest‘ ihren unheilvollenAnfang nahm, sagte Karl Rahner (1904 – 1984) mahnend und warnend:
„Das Zepter der Welt ist schon vom Abendland gewichen. Das Abendland, dem die Verheißungen Gottes galten, weil es den Namen Christi vor die Könige und Völker der ganzen Welt tragen sollte, und das darum die Herrin der Welt geworden war, hat in der Zerreißung der Einheit der Christenheit, in der Anbetung des Goldenenen Kalbes, in dem Hochmut der glaubenslosen Vernunft, in der selbstsüchtigen Tyrannei, mit der es die Welt an sich reißen wollte, und zuletzt noch in der Verbiegung des Kreuzes Christi zum Hakenkreuz als Ganzes den Auftrag Gottes verraten.”
(„Beten mit Karl Rahner“, Band 1 „Von der Not und dem Segen des Gebetes“, 182)
„Die jüdische Weltgeschichte… besteht weitgehend aus…Verfolgungen, Vertreibungen und Dezimierungen.“
Der Auftrag Gottes? Die Botschaft von Glauben, Hoffnung und Liebe in der Welt durch Wort und Tat zu verbreiten – er wurde nicht nur verraten. Schlimmer noch: Man vergriff sich an dem Volk, mit dem Gott zuerst – und unwiderruflich – einen Bund geschlossen hat. Einen Bund, der ein Zeichen und eine Verheißung der Hoffnung sein sollte und sein sollfür alle Völker. Der Genozid am jüdischen Volk im 20. Jahrhundert, er ‚fiel nicht vom Himmel‘. Dieser Völkermord wurde vorbereitet durch Hass und Hetze, durch Lüge und Verleumdung, durch Ausgrenzung und Stigmatisierung. Ist das alles schon vergessen? Wie gehen unsere jüdischen Geschwister im Glauben mit all den Gräueln und dem Fürchterlichen und Grausamen um? Dem jüdischen Theologen Pinchas Lapide (1922 – 1977) verdanke ich jene Einsicht und Weisheit, die mich auch als Christ trägt und hoffen lässt:
„Die jüdische Weltgeschichte, viertausend Jahre lang und fünf Erdteile breit, besteht weitgehend aus einer endlosen Reihe von Verfolgungen, Vertreibungen und Dezimierungen. Was daraus entstand, ist ein pausenloser Lernprozess aus den vielfältigen Niederlagen und ein Erlernen der Hoffnung…Diese jüdische Fähigkeit…aus dem Abgrund des Unterganges immer wieder Funken frischer Hoffnungskraft zum Neuanfang zu bergen – hierin mag der Schlüssel zum Geheimnis der jüdischen Überlebenskunst zu finden sein.“
(Lapide-Rahner „Heil von den Juden“, 27 f)
„…immer wieder Funken frischer Hoffnungskraft zum Neuanfang“
Sein christlicher Gesprächspartner Karl Rahner hatte schon 20 Jahre zuvor zum Verhältnis Juden – Christen und zu ihrem gemeinsamen ‚Weltauftrag‘ gesagt:
„Wer vor dem Ende der Geschichte mit einer letzten und radikalen Hoffnung und Verpflichtetheit um die Besserung dieser Welt sich müht, der bekennt, ob er es weiß und will oder nicht, dass die Wurzel aller Geschichte schon heil ist; wer nicht naiv optimistisch und rationalistisch denkt, kann dieses Bekenntnis nicht als Wissen von einem Selbstverständlichen und Notwendigen, sondern nur als Glauben an ein Nichtselbstverständliches, also ein ereignishaftes Heilgewordensein dieser Wurzel verstehen. Wir Christen glauben, dass dieses Ereignis Jesus Christus genannt wird.“
(Karl Rahner „Bekenntnis zu Jesus Christus“, 2014, 32 f)
Es ist also der unverbesserliche, ja unerschütterliche Optimismus jüdischer Gotteserfahrung und jüdischen Gottglaubens, der auch der Jesu war. Er verstand sich als Jude, nie wollte er etwas anderes sein. Sein Gottesverhältnis war das seines jüdischen Volkes. Und darum ist die Frage, woher Zuversicht, Hoffnung und Trost sich bei Jesus speisen, nicht ohne den Glauben seines Volkes zu verstehen.
Die Hauptentdeckung Jesu als Grund der Hoffnung und Orientierung
Dann allerdings gibt es Hoffnung, denn es gibt tatsächlich eine Hauptentdeckung Jesu:
„Ich glaube, eine Hauptentdeckung Jesu ist, dass uns buchstäblich gar nichts gehört, dass alles, was wir sind, ein Geschenk ist, das wir als Leihgabe zum Weitergeben bekommen.
Vielleicht musste ich wirklich erst 60 Jahre und älter werden, um zu begreifen, dass dieser ganz einfache Grundsatz derjenige ist, der alles verständlich macht, was Jesus im Neuen Testament sagt.“
(Eugen Drewermann „Wir glauben, weil wir lieben“, 57)
Ich bin Eugen Drewermann (geb. 1940) für diese wichtige „Entdeckung“ sehr dankbar. Innere Einkehr tut not! Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Unsere Eltern, erst recht unsere Großmütter und Großväter, konnten nur träumen von all dem, was uns heute ganz selbstverständlich zur Verfügung steht. Und wenn wir – gerade bei den vielen Urlaubsreisen – uns klar machen, wie privilegiert wird in Europa sind gegenüber vielen anderen Ländern in Asien, Lateinamerika oder Afrika, dann sollte uns die „Entdeckung Jesu“ nicht nur einleuchten, sondern nachdenklich und demütig machen: Nur weil wir hier geboren wurden, haben wir viele Möglichkeiten und Chancen, die viele Menschen in anderen Ländern nicht haben, nie haben werden. Unsere Möglichkeiten – wir haben sie uns nicht selbst gegeben. Sie wurden uns geschenkt. Alles, was wir an Talenten, an Gaben, an Fähigkeiten haben – sie sind allesamt GESCHENKE. Sie können die Frage nach DEM aufwerfen, DER SCHENKT. Sie können und sollten aber gleichzeitig eine Haltung bestärken, die mit DANKBARKEIT gut umschrieben wird. Und dann ist die „Hauptentdeckung Jesu“ keine im ‚luftleeren Raum‘: Diese „Geschenke“ sind „Leihgaben“. Wir haben sie bekommen zum „Weitergeben“. Nur im Miteinander und Füreinander kann menschliches Leben gelingen. Nur so kann auch ein gesellschaftlicher Konsensgelingen.
Meine Hoffnung gründet sich auf der „Hauptentdeckung Jesu“. Wenn uns existentiell bewusstwird, „dass uns buchstäblich gar nichts gehört, dass alles, was wir sind, ein Geschenk ist, das wir als Leihgabe zum Weitergeben bekommen“, dann haben wir eine Orientierung, die tragfähig ist.
„Ein religiöser Mensch ist ein dankbarer Mensch“. Und vielleicht gilt auch der Umkehrschluss: „Ein dankbarer Mensch ist ein religiöser Mensch.“ Eine Überlegung, die auch zum Caritas-Sonntag 2026 passt, dessen Motto lautet: „Zusammen geht was!“