Antwort auf „Kampagnen statt Frohbotschaft: Ist die Kirche zu politisch?“

Schweriner Volkszeitung vom 11. April 2026, S. 2.

Da gibt es den Rat, die Kirchen sollten sich doch auf ihre ‚Kernaufgabe‘ zurückziehen. Was das genau ist, bleibt unbestimmt. Eindeutig hingegen ist die Aufforderung, die Kirche müsse sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs heraushalten. Nun wird man gewiss sagen müssen, dass die Botschaft der Kirche nicht eine politische Meinung unter anderen ist. Doch die Forderung an die Kirchen auf einen Rückzug in einen eigenen, den ‚sakralen‘ Bereich, ist nicht nur aus ‚klassenkämpferischer Zeit‘ hinlänglich bekannt. Sie ist eine Verkürzung dessen, worum es in Kirche und Glauben geht. Oder, um es mit Joseph Ratzinger/Papst Benedikt zu formulieren: 

„Der Staat ist nicht selbst Quelle von Wahrheit und Moral.“ 

„Hoffnung auf den Himmel steht nicht gegen die Treue zur Erde, sie ist die Hoffnung auch für die Erde.“ (Ratzinger „Wahrheit, Werte, Macht“, 87/92)

Mir scheint, dieser Option würde selbst Gregor Gysi, der eines großen Glaubenseifers unverdächtig ist, uneingeschränkt zustimmen. Gysi, der auf die Aussage, dass Leben ein Entgrenzungsangebot ist, gegen das die Religion Begrenzungsgebote setzt, sagt: 

„Ja, und deshalb denke ich, dass eine gottlose Gesellschaft verhängnisvoll wäre.“ („Was bleiben wird“, 261)

 Spöttelnd geht‘ s dann allerdings auf dieser Zeitungsseite weiter:

„Aber gut. Gott ist queer. Da kann man die Irrungen seines Sohnes Jesus Christus nicht so ernst nehmen. Vielleicht hat er während seiner Bergpredigt Marihuana geraucht oder war in der Midlife-Crisis.“ (SVZ, 11. April 2026, S.2)

Dass Gläubige verlacht und verspottet werden, ist nichts Neues. Solch einer Aussage kann man mit Eugen Drewermann nur entgegenhalten: 

„Man kann sich gegen alles das entscheiden, wovon sich Jesus überzeugt gab: dass unser Dasein in den Händen eines <<väterlichen>> Gottes ruhe, der möchte, dass wir sind, und der uns selbst im Tode nicht verlassen werde; – dann aber muss man sich für eine Welt entscheiden ohne Gnade, und man muss dann auch wissen, was man damit auf sich nimmt.“  (Eugen Drewermann, „Wendepunkte“ 2014, 229)

Wie solch eine Welt ohne Gnade aussieht, kann man leicht erfahren aus den Nachrichten, wenn völlig enthemmte Machthaber jeglicher Himmelsrichtung meinen, tun und lassen zu können, was sie wollen. Bleibt nur die Frage, woher dieses Aggressionspotential kommt, das zu blinder Wut und auch zu Spott und Hohn führt. Die Friedlosigkeit in den Herzen der Friedlosen ist kein blindes Schicksal. Sie hat erkennbare Ursachen, denn: 

„Die alles entscheidende Frage lautet: Existieren wir aus Angst oder aus Vertrauen? Dazwischen gestaltet sich alles, – ob wir angstgetrieben durch die Welt laufen oder ob wir die Brüchigkeit dieser Welt durch Vertrauen zu überwinden vermögen…“ (Eugen Drewermann – „Die großen Fragen“, 2012, 22)

Ob es nicht (längst) an der Zeit ist, sich ernsthafter mit Selbstverständnis, Rolle und Auftrag von Kirche und Religion zu befassen, als es auf dieser Zeitungsseite geschieht?

Bild von Andrys Stienstra auf Pixabay

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