Anonymes Christsein

„Wochenimpuls 2026-02“

Es gab im 20.Jahrhundert einen großen Streit unter Theologen um einen Begriff. Ins Gespräch brachte ihn Karl Rahner, als er vom „anonymen Christen“ sprach. Er fand begeisterten Zuspruch und massive Ablehnung. Hans Küng oder Hans Urs von Balthasar – zwei große Denker des Glaubens im 20. Jahrhundert – meldeten erheblichen Widerspruch an. Wie kann jemand Christ sein, ohne den Namen dessen zu kennen und sich zu ihm zu bekennen, auf den sich das Christentum bezieht? So der vielfach geäußerte Vorwurf. Dabei ist gerade dieser Begriff geeignet, über jede Enge und Engstirnigkeit hinaus, Hoffnung zu vermitteln. Denn überall, wo Gutes geschieht – so die Voraussetzung des ‚anonymen Christen‘ – ist immer schon – oft auch ‚anonym‘ – eine Beziehung zum Hoffnungsträger Jesus von Nazareth gegeben. Ob wir uns auch in diesem Jahr von ihm inspirieren und leiten lassen? 

„Überall dort, wo wir glaubend, hoffend und liebend uns loslassen und über die kreatürliche, innerweltliche, endliche Wirklichkeit in wahrhaftem Verlangen und in wahrhaftem Mut hinausgreifen, überall dort, wo wir die Indifferenz üben, und zwar nicht nur theoretisch, sondern in der Entscheidung unseres eigenen innersten Wesens, überall dort, wo wir die an das Licht in der Finsternis dieser Welt Glaubenden bleiben…“

Karl Rahner „Einübung priesterlicher Existenz“, Freiburg-Basel-Wien 1970, S. 273 f

Überall dort, so der Inhalt des ‚anonymen Christen‘, sind Menschen der Hoffnung. Hoffnung, die man nicht einfach ‚hat‘, sondern die täglich neu erworben, ‚eingeübt‘ werden muss.

Rudolf Hubert

Foto von Sirius Harrison auf Unsplash

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