Von Passau nach Wien
Es war eine wunderbare Zeit, die wir erleben durften. Unsere gemeinsame Fahrradtour von Passau nach Wien, anschließend noch einige Tage in Wien, bei schönstem Wetter. Es war so recht die Erfahrung: Das Leben ist ein einziges Geschenk. Die altehrwürdige Stadt Wien nimmt jeden Gast gefangen – besonders im Frühling und im Sommer – mit ihren repräsentativen Bauten, mit ihren Denkmälern, ihren Kostbarkeiten. Dazu die imposante Kultur der Kaffeehäuser, das wuselige Treiben in den Straßen und Gassen, der imposante Dom St. Stephan und der Tagesausklang beim Heurigen mit einem herrlichen Blick auf die Stadt Wien. Man spürte in sich eine große Freude und Dankbarkeit, so als möchte man die ganze Welt umarmen.
Reinhold Schneiders „Winter in Wien“ als Zeugnis eines „inneren Unfalls“
Mir fällt im Zusammenhang mit Wien, mit der geopolitischen Weltlage und auch der Lage im eigenen Land, der Schriftsteller Reinhold Schneider ein. Für Reinhold Schneider war Wien ein einziges sprechendes Symbol. Er wurde am 13. Mai 1903 in Baden – Baden geboren wurde und verstarb mit nicht einmal 55 Jahren, am 6. April 1958, in Freiburg im Breisgau. Reinhold Schneiders letztes, vielleicht auch sein bedeutendstes Buch – ein Tagebuch, indem er seine gesamte Lebenssituation und Lebensproblematik verarbeitete – hieß „Winter in Wien“.
Reinhold Schneider war nicht in warmer und heller Jahreszeit in Wien. Er verspürte nicht die Lebenslust des jungen und aufstrebenden Wiens im Frühling und Sommer. Reinhold Schneider weilte im Herbst und Winter – vom Oktober 1957 – März 1958- in dieser geschichtsträchtigen Stadt. Für ihn überwogen die schmerzlichen Erfahrungen; jene Erfahrungen des Verfalls, der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, die er mit unnachahmlicher Sensibilität und Präzision wahrnahm. Deshalb gingen seine Fragen auch überall in die Tiefe.
Erschütterungen des Glaubens
Welches Symbol für eine Zeit der Resignation und des Verfalls des Glaubens könnte plastischer sein als das kalte, nasse und ungemütliche Wien, in dem Vergänglichkeit und Vergeblichkeit – jetzt, in dunkler, nasser und windiger Zeit – überall ‚mit Händen zu greifen war‘? Die Bilder Reinhold Schneiders sind von einer Eindrücklichkeit und Konsequenz, der man sich kaum zu entziehen vermag.
„Ich kann mir einen Gott nicht denken, der so unbarmherzig wäre, einen todmüden Schläfer unter seinen Füßen, einen Kranken, der endlich eingeschlafen ist, aufzuwecken. “
„Wer will dieses Phänomen, dieses Herausgleiten aus jeglichem Horizont, widerlegen?“
(Reinhold Schneider „Winter in Wien“, 1963, 76, 71 – künftig WW)
Eugen Biser charakterisiert in „Widerruf oder Vollendung“ Schneiders Situation als die eines Glaubensentzugs.
„Diese Glaubensgeschichte ist die Geschichte eines Entzugs. Denn dies – und nichts anderes – ist mit dem eher beiläufig hingeworfenen Wort von dem ‚inneren Unfall‘ gemeint.“
(„Widerruf oder Vollendung“, 1981, 139)
„Wollte ich, was sich in mir während dieses Winters ereignet, im Gespräch mit dem Phänomen Wien pathetisch ausdrücken, so müsste ich von einem inneren Unfall sprechen, vom Einbruch der dunklen Wasser in einen leer gewordenen Raum, einem Einbruch also von unten her.“
„Wie viele Fesseln nahm er nicht ab?“
Reinhold Schneider, der große Glaubenströster in dunkelster Zeit der Verwirrung und des Grauens, nahm Vorgänge wahr, die viele seiner Zeitgenossen eher verdrängten und ignorierten. Er formulierte Fragen in einer radikalen Hellsichtigkeit, die für einige seiner Freunde und Verehrer verstörend wirkten. Für andere waren es Glaubenszeugnisse aus tiefstem Problembewusstsein:
„In aller Religion ist die Sehnsucht nach dem leidenden Gott, nach dem göttlichen Bruder in der Schmerzensgefangenschaft: Wie viele Fesseln nahm er nicht ab; wie viele schauerliche Verliese schloss er nicht auf!!“
(WW,57)
„Des Vaters Antlitz hat sich ganz verdunkelt; es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Keltertreters; ich kann eigentlich nicht ‚Vater‘ sagen.“
(WW, 110)
„Ich sehe Jugend, die sich nicht die geringste Mühe gibt, etwas beizutragen.“
Schneider beschrieb in einer fast bestürzenden Weise eine Mentalität des Habens, der Gier und der Empathielosigkeit, deren Realismus und tiefe Sonde nicht nur staunen lässt, sondern Angst, Sorge und Ratlosigkeit auslöst:
„Ich sehe Jugend, die sich nicht die geringste Mühe gibt, etwas beizutragen. Sie glaubt der Welt ein Geschenk zu machen durch ihr Vorhandensein. Dass eine jede Existenz sich keineswegs von selbst versteht, dass sie sich ausweisen muss, ehe sie fordert, wird nicht mehr zur Kenntnis genommen.“
(WW,184)
„Wie steht es aber mit denen, die nicht geladen wurden?“
Wie steht es mit dem Glauben, mit der Kirche? Sind sie noch zeitgemäß? Haben Sie den Menschen von heute und morgen (noch) etwas zu sagen? Reinhold Schneiders Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ließ es nicht zu, dass er diese Frage verdrängte oder schönredete.
„‘Sie haben keinen Wein mehr‘: damit beginnt das Evangelium. Wie steht es aber mit denen, die nicht geladen wurden zur Hochzeit? Immer schmaler wird die Tafel des Bräutigams, immer breiter werden die Tische, an denen niemand nach Wundern verlangt.“
(WW,71)
Barmherzigkeit, die sich entzieht?
Und doch: In der letzten Zeile seines Buches fällt jenes deutende Wort Schneiders vom „Geheimnis der Barmherzigkeit“.
„Und es muss sein, es ist ganz unabdingbar, was sich verhüllt in mir, was sich mir unter dem Geheimnis der Barmherzigkeit sachte entzieht.“
(WW, 102 f, 253)
Kann man mit Gott ‚fertigwerden‘?
Reinhold Schneider konnte seinen „Glaubensentzug“ (Biser) nicht verschweigen. Genau hierin – in seiner Ehrlichkeit, Authentizität und in seinem Zeugnischarakter – liegt die tiefste Dimension jenes Glaubens, dessen sozialer Aspekt Ausdruck seiner Kirchlichkeit ist.
Die Frage bleibt: Gibt es jenseits all dieser Aussagen, die Reinhold Schneider beschrieb – beschreiben musste, um ehrlich zu bleiben – noch ein Wort des Trostes und der Hoffnung? Es muss eines geben, wenn der Glaube nicht an der Wirklichkeit zerschellen soll. Mir fällt Karl Rahner ein, der uns auch heute zuruft:
„Der Glaubende wird aber aus eigener Erfahrung alles Verständnis für einen ‚bekümmerten Atheisten‘ haben, für einen, der verstummt vor dem finsteren Rätsel des Daseins. Man kann ruhig mit Simone Weil sagen, dass von zwei Menschen, die beide keine echte Erfahrung Gottes gemacht haben (und das mag auch von schrecklich vielen gelten, die sich Christen nennen), derjenige, der ihn leugnet, vielleicht Gott näher ist als der, der von ihm nur in gesellschaftlichen Klischees daherredet. Ein solcher ist Gott deshalb näher, weil die unerfüllte metaphysische Sehnsucht (sofern diese wirklich da ist und man sich ihr aussetzt, sie bekümmert ausgelitten wird und nicht nochmals narzisstisch genossen wird) insgeheim mehr von Gott weiß als der sogenannte ‚Gläubige‘, der meint, Gott sei eine Frage, mit der er schon längst fertig geworden sei.“
(Karl Rahner Lesebuch „Rechenschaft des Glaubens“,1979,143)
Mir scheint, dass dieses Wort auch heute gültig ist, in einer Zeit, in der fast sämtliche Gewissheiten und Plausibilitäten zu zerbrechen drohen angesichts von Gräueln, die noch vor einiger Zeit unvorstellbar waren und von Fake News, die Wahrheit, Würde und Anstand Hohn sprechen. Karl Pfleger schreibt in seinem Buch „Kundschafter der Existenztiefe“ aus dem Jahr 1959 (!) ein Wort, das man gut und gern über als große Überschrift über das Hier und Heute im Jahr 2026 setzen kann:
„Der Totalitarismus lässt sich am ehesten begreifen als die zur sozialen Aktion organisierte Massenverzweiflung einer Menschheit, der man das Mysterium unserer Existenz unterschlagen hat.“
(Karl Pfleger, „Kundschafter der Existenztiefe“, 1959, 234)
Das Mysterium unserer Existenz
Doch mit diesem ‚Ausblick‘ dürfen unsere Überlegungen nicht enden! Denn sie verschweigen die tiefste Dimension des Menschen. Erst Hoffnung – Hoffnung, die uns geschenkt wird – macht uns zu Menschen. Sie macht unsere Würde, unser Leben aus, das von IHM kommt und zu IHM hinführt. Hoffnung von IHM her begleitet unser Leben vom Anfang bis zum Ende. Erst von dieser Hoffnung her lässt sich eine umfassende Option für das Leben ausmachen und formulieren:
„Man kann auch in Zukunft von Gott sprechen, wenn man wirklich versteht, was mit diesem Wort gemeint ist… Die Menschen werden immer angeleitet werden können, die endlichen Götzenbilder, die an ihren Wegen stehen, zu stürzen oder gelassen an ihnen vorbeizugehen, nichts absolut zu setzen, was ihnen als Mächte und Gewalten, als Ideologien, Ziele und Zukünfte einzelner und bestimmter Art begegnet.“
(Karl Rahner „Das Alte neu sagen – Rede des Ignatius von Loyola an einen Jesuiten von heute“,1982, S. 78 ff)