„Wochenimpuls 2026-40“
Kommen wir noch einmal zu den beiden Große, zu Nietzsche und Dostojewski zu sprechen. Ihnen verdanken wir die Einsicht, „dass zur Daseinsbegründung der Mensch so oder so transzendiert werden muss.“ 1 Die entscheidende Frage ist, wer oder was dieses ‚Überschreiten‘, dieses Transzendieren trägt. Und wohin? Daran entscheidet sich alles.
„Nietzsche entwarf die Lehre vom Übermenschen, in Dostojewskij brannte dieselbe Versuchung, aber er durchschaute sie als den höchsten Selbstbetrug und schlug sich durch das Feuer ungeheurer Verneinungen zu Christus durch.“ 2
Das zwingt uns geradezu, nochmals die Frage zu stellen, was es mit dem Glauben denn auf sich hat. Wenn der Glaube, wenn Religion keine sinnlose Projektion ist, wenn große Geister durch Christus zu IHM gefunden haben und finden können, was ist es dann mit dem G L A U- B E N? Eugen Drewermann gibt eine Antwort, die in ihrer Einfachheit ebenso bestechend ist wie in ihrer Klarheit:
„An Gott zu glauben, das heißt: an die Liebe selber zu glauben. Es ist aber schon deutlich, dass wir damit nicht einfach an uns selber glauben oder einen projektiv veräußerlichten Teil unserer selbst anbeten – so gerade nicht; wir glauben vielmehr inmitten aller Zerbrechlichkeit, Armut und Fragwürdigkeit daran, trotz allem aller Liebe wert zu sein und – zumindest grundsätzlich – alle Lebewesen neben uns in diesen Kreis der Liebe hineinholen zu können.“ 3
Dies hat enorme praktische Konsequenzen für unsere konkrete Lebensgestaltung, die Bemühung, „alle Lebewesen neben uns in diesen Kreis der Liebe hineinholen zu können.“ Karl Rahner formuliert diese Folgerung für unser Leben treffend:
„Wir gehören uns selbst nicht…Wir spüren, dass wir erst dort, wo wir von uns abspringen, Stand gewinnen; dass wir erst dort, wo wir uns loslassen, uns besitzen und anders nicht.“ 4
- „Häresien der Zeit, herausgegeben von Anton Böhm, Freiburg-Basel-Wien 1961, S. 171 ↩︎
- Häresien der Zeit, herausgegeben von Anton Böhm, Freiburg-Basel-Wien 1961, S. 171 ↩︎
- Eugen Drewermann „Das Wichtigste im Leben“, Ostfildern 2015, S. 58 – ursprünglich aus „Der sechste Tag“, 359 ↩︎
- Karl Rahner „Einübung priesterlicher Existenz“, Freiburg-Basel-Wien 1979, S. 42-46 ↩︎