Glaube verdunstet wie Morgennebel in der Sonne
Viele sind heute verunsichert, weil die Botschaft des Glaubens, wie Karl Rahner einmal sinngemäß formulierte, verdunstet wie Morgennebel in der Sonne. Er hinterlässt oft nicht einmal eine ‚Leerstelle‘, so dass man noch erkennen könnte, dass da einmal etwas gewesen ist. Mir scheint dies unsere heutige (Un-)Glaubenssituation recht gut zu charakterisieren. Woran liegt es? Es ist immer viel (zu) einfach, die Gründe für den Glaubensschwund oder den ‚Glaubensabfall‘ nur beim ‚Anderen‘ zu suchen oder monokausal eine einzige bestimmte Ursache dafür auszumachen.
Es gibt sicherlich viele unterschiedliche Gründe für diese Situation, die wir durchaus mit Recht bedauernd zur Kenntnis nehmen müssen. Sinnvoller und hilfreicher scheint mir jedoch die eigene ‚Gewissenserforschung‘ zu sein. Also die Frage: Haben wir uns redlich bemüht um unseren Glauben? Haben wir uns bemüht, ihn glaubhaft zu leben und zu verkünden? Und ist unsere Glaubensvermittlung vielleicht oft derart, dass sie nicht oder nur ungenügend wahrgenommen wird, so dass sie kaum ‚ankommen‘ kann? Vielfach ist der Theologie und der kirchlichen Verkündigung vorgeworfen worden, dass sie auf Fragen antwortet, die nicht gestellt werden und auf wirkliche Fragen keine Antworten (mehr) hat.
Ein ernst zu nehmender Einwand
Dass die Kirchen in unserem Land mit dem Leben nicht mehr viel zu tun haben, weil sie sich oft weigern, Fragen der Sozialwissenschaften an- und ernst zu nehmen und stattdessen in unverständlichen ‚Sprachspielen‘ verharren, ist schon häufig als Grund der leerer werdenden Kirchen angesprochen worden. Wir sollten angesichts dieser Einwände und Erklärungsversuche uns nicht auf das sprichwörtliche ‚Hohe Ross‘ setzen und uns ernsthaft fragen, welche Berechtigung diese (An -) Fragen haben. Ist es vielleicht so, dass die Botschaft Gottes oft gar nicht ankommen kann, nicht gutvermittelbar ist ohne genügend Kenntnisse der Psychologie, der Soziologie, der Gruppendynamik, der Gesprächsführungoder anderer anthropologischer Erkenntnisse und Erfahrungen?
Dieser Einwand scheint sehr bedenkenswert, denn sämtliche anthropologischen Wissenschaften helfen mit – je mehr, desto besser – das ‚Wesen Mensch‘ zu erhellen, es verständlich(er) zu machen. In diesem Sinn sind sie hilfreich und – ja – unverzichtbar. Auch für Theologie, Pastoral, Caritas und Verkündigung.
Glaube ist Geschenk.
Darum muss hier, an dieser Stelle, aber auch sehr genau differenziert, unterschieden werden. So sehr Anthropologie Erhellendes über den Menschen beizutragen vermag, den Glauben ‚erzeugen‘ kann sie nicht! Glaube ist wesentlich Geschenk. Glaube kann man nicht ‚machen‘, sondern nur empfangen. Empfangen und weitergeben. Es ist diese Unterscheidung, die sowohl vor Hybris als auch vor Überforderung bewahrt. Hybris ist es, zu glauben, weil Gott uns alle liebt, können wir gewissermaßen „die Hände in den Schoß legen.“ Und Überforderung ist die Behauptung, nur ein Versierter in allen anthropologischen Einzelwissenschaften kann den Glauben vermitteln. Das kann niemand, das braucht auch niemand!1 Denn der Glaube „kommt vom Hören“. Er ist ein unverdientes Geschenk, das man sich nicht erarbeitenkann, geschweige muss, an dem man aber mitwirken darf. Eine größere und schönere Berufung kann ich mir kaum vorstellen.
„Das Verhältnis zwischen Gott und der Kreatur ist gerade im Unterschied zu jeder sonstigen innerweltlichen kausalen Abhängigkeit dadurch gekennzeichnet, dass Eigenstand (Eigensein) und Abhängigkeit im selben Maße, nicht im umgekehrten, wachsen.“2
Wurzeln des Glaubens
In dem kleinen Büchlein der beiden Theologen Raffelt und Verweyen „Karl Rahner“ setzen diese beiden Theologen sich mit den Ursprüngen der Theologie Karl Rahners auseinander. Manch einer hat gemeint, die Philosophie Kants und Heideggers sei für die Ursprünge von Rahners Denken maßgeblich. Nach der Interpretation des ersten Buches Karl Rahners, einem Gebetbuch mit dem Titel „Worte ins Schweigen“ schreiben beide übereinstimmend:
„Von daher fällt – im Sinne einiger neuerer Arbeiten zu Rahner – ein anderes Licht auf seine Werke aus der Zeit, die wir hier als ‚philosophische‘ bezeichnet haben. Macht sich nicht immer wieder – so kann man fragen – auch bereits in dieser frühen Zeit, seine ‚ignatianische Grunderfahrung“ geltend, eine Erfahrung, die wirklich existentiell vollzogen, es vielleicht gar nicht mehr erlaubt, Philosophie als eine methodisch selbständige Disziplin durchzuführen?“3
Wer sich mit der Glaubensvermittlung anhand der Theologie Karl Rahners näher beschäftigt, wird konstatieren müssen: Hier geht es immer um „ganz normale, katholische Schultheologie“ (Karl Rahner). Hier haben weder anthropologische Wissenschaften noch philosophische Denkrichtungen Priorität, sondern die Gnade Gottes. SEINE personelle Zuwendung ist Anfang und Ende auch all unserer menschlichen Bemühungen.
„Rahner denkt die Gnade Gottes selbst als Grund christlicher Intelligibilität (Verständlichkeit, RH) für die Glaubenslehren. Sie ist angebotshaft und in der existentiellen Zweideutigkeit des Menschen zwischen Sünde, Heil und konkupiszenter4 Zerstreutheit in jedem Menschen anwesend…Gott selber gibt sich als die Mitte der Glaubenslehren, als das Geheimnis in allen Glaubensgeheimnissen, …dem Menschen in der Mitte seiner Geistigkeit als der Freiheit zu liebender Annahme aufgegeben. Damit aber wird er in dem Maße erkannt, in dem der Mensch die ihm so angebotene heilsschaffende Relation akthaft annimmt und vollzieht.“ (82)
Heilsgefährdungen
Wenn die Frage eindeutig in dem Sinne beantwortet ist, dass GOTTES Zuwendung – und sie allein – den Glauben begründet und ermöglicht, darf, ja muss die Frage nach Glaubenshemmnissen und Glaubenshindernissen gestellt werden. Aber erst dann! Ein maßgeblicher Rahner-Interpret befasst sich in seiner Arbeit über Karl Rahner5 insbesondere auch mit diesem Themenkomplex:
„Rahner sieht die alle subjekthaften Vollzüge begründende Möglichkeitsbedingung menschlicher Subjekthaftigkeit in der Geistigkeit des Menschen als Oboedientialpotenz (Möglichkeit des Empfangens, RH) …die sich vollendet in der gnadengetragenen Annahme der göttlichen Selbstmitteilung. Dieser Subjektbegriff ist so abstrakt, wie es die transzendentale Reflexion notwendiger- und sinnvollerweise fordert. Für die konkrete Frage danach, wie Menschen Subjekte ihres Lebens werden können, ist jedoch der Schritt von einer letzten Möglichkeitsbedingung zur Frage nach den konkreten Möglichkeitsbedingungen notwendig, oder anders gesagt: ist es notwendig, die konkreten Gefährdungen von Subjekthaftigkeit zu realisieren, um von dort her nach konkreten Hilfen zu fragen, deren Menschen bedürfen, um Subjekt werden zu können.“ (71 f)
Der Ort der CARITAS
Man wird also unterscheiden müssen zwischen einer „letzten Möglichkeitsbedingung“ und der Frage nach konkretenMöglichkeitsbedingungen, die mit Gefährdungen der Subjektentwicklung in Zusammenhang stehen. Hier scheint mir auch der originäre Ort CARITATIVER PASTORAL zu liegen:
„Wenn es eine Annahme der Gnade Gottes nur im Streben nach der größeren Ehre Gottes gibt, dann gibt es Heil nur in der Arbeit für das Subjektseinkönnen aller, die im praktischen Interesse aufruht auf jedweder Erkenntnis, die dem Ziele dient, …Rahners Konzeption …setzt akthaft handlungsfähige Subjekte voraus.“ (72 ff)
Noch einmal anders gewendet:
„Natürlich ist die dabei vorauszusetzende Freiheit des Menschen faktisch durch die kontingenten Faktoren, die ein Menschenleben unabhängig von seiner subjekthaften Verantwortlichkeit bestimmen, eingeschränkt, so dass das Optimum entwickelter intellektueller und praktischer Leistungsfähigkeit bei den einzelnen sehr verschieden ausfallen wird. Die von Rahner angenommene theoretische Unlösbarkeit der Freiheit… bedeutet für diesen Zusammenhang die Notwendigkeit, alle menschlichen Dispositionen an sich selbst und an anderen für bildbar und optimierbar zu halten.“ (237)
Herausforderungen der Zeit annehmen
Das erlaubt Rahner auch eine Zeitdiagnose, die Gegenwart und Zukunft nicht nur ernst nimmt. Die Herausforderungen der Zeit werden von Rahner in vollem Umfang angenommen, ohne sich in Fatalismus oder Skeptizismus zu ergeben. Rahner denkt die ‚Bedrängnisse‘ und Chancen allerdings gleichermaßen zu Ende, indem er jene letzte Alternative aufzeigt, vor der es kein Ausweichen gibt. Einfach deshalb, weil man dem Leben nicht ausweichen kann:
„Je mehr die Wissenschaften von der Natur und vom Menschen wachsen und immer mehr Material der Erkenntnis als Voraussetzung unserer Entscheidungen anschleppen, umso undurchsichtiger wird unsere Entscheidungssituation…Die Frage ist nur, ob sie von uns verstanden wird als das Zu-sich-Kommen der letzten Absurdität des Daseins oder als das konkrete Ankommen des Geheimnisses, das wir als unsere rettende, vergebende und vollendende, absolute Zukunft annehmen. Letztlich gibt es nur diese Alternative, die einzige, vor der wir gewiss nicht ausweichen können.“6
Hoffnung
Dabei ist Hoffnung für Karl Rahner kein Verliebtsein in irgendein ‚Wolkenkuckucksheim‘, sondern hat immer mit der Wirklichkeit zu tun. Mit der konkreten Wirklichkeit, die wir erleben, erfahren und – oft genug auch – erleiden. Allerdings lehrt uns die Frömmigkeit des Hl. Ignatius, die auch die von Karl Rahner ist, alle Wirklichkeit einerseits gelten zu lassen. Andererseits ihr nicht zu verfallen, ihr keinen absoluten Stellenwert zubilligen. Weil der ‚Thron Gottes‘ nur von GOTT besetzt wird! Und darum gibt es auch immer wieder ein ‚Lassen‘ all der Schönheiten und Großartigkeiten dieser Welt, ohne dass wir sie verdrängen oder ignorieren.
„Hoffnung geht immer weiter und nimmt in einer geheimnisvoll verwandelnden Weise immer das mit, an dem sie scheinbar nur gelassen vorbeigeht.“
(52)
Weil Gott das Maß des Menschen ist, weil ER uns aus allen (selbstgemachten und selbstgedachten) Gemütlichkeiten herauslockt und herausruft, darum ist SEIN Ruf immer ein Ruf ins Weite, ins Offene, ins Geheimnisvolle, „das sich keine Grenze endgültig befehlen lässt“ (Karl Rahner).
„Der Mensch hat nicht das Recht, mit einer Erfüllung seines Wesens sich zufriedenzugeben, die geringer als derabsolute Gott in sich selber wäre. Er hat nicht das Recht, in seiner eigenen Endlichkeit, die ihm vertraut bliebe und die er letztlich selber beherrschen könnte, zu verbleiben. Er muss Gott selbst zu seiner Hoffnung, zu seiner absoluten Hoffnung machen.“7
Anonyme Christen – Christ – Sein
Hier ist auch der Ort, vom ‚anonymen Christen‘ zu sprechen. Rahner hat zwar immer betont, dass es ihm nicht um die Begrifflichkeit an sich geht. Und er lud seine Kritiker ein, bessere Begriffe für jenen Sachverhalt zu finden, der ihm sehr am Herzen lag. Eine schöne Bestätigung für die Theologie des ‚anonymen Christen‘ findet sich auch bei Eugen Drewermann.
„Die Frage bleibt, wie subjektiv reflex und ausdrücklich dieses Bekenntnis sich darbieten muss, um wahr zu sein. So wie es Leute gibt, die sich den Worten nach als Christen zu erkennen geben, obwohl in Wirklichkeit ihr Leben einem skandalösen Götzendienst gleichkommt, so wird es andere geben, die den Worten nach nicht sagen würden, dass sie Christen seien und die es doch entsprechend dem <<empirischen>> Kriterium in vollem Sinne sind. Wie viele gibt es, die wie selbstverständlich aushalten unter schwierigsten Bedingungen – an der Seite eines schwererkrankten Mannes, eines dement gewordenen Vaters, eines drogen-abhängigen Sohnes? Sie fragen nicht lange nach Begründungen und Prinzipien, doch die Treue, die sie leben, hat etwas von Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter…“8
Die Bedeutung des Mannes aus Nazareth ist unbestritten. Doch es gab, gibt und wird wohl immer Menschen geben, die Jesus nie kennenlernen oder ihn nur unzureichend oder gar verzerrt kennenlernen bzw. kennengelernt haben, die aber in ihrem Tun verwirklichen, um was es Jesus in seinem Leben, in seinem Tod und seiner Auferstehung ging – um die glaubhafte Vermittlung bedingungsloser Liebe aus der Erfahrung des unbedingten Angenommenseins durch jenes absolut liebende Geheimnis, das Jesus VATER nannte. Er lud uns ein, diesem SEINEM VATER unbedingt zu vertrauen als SEINE KINDER. Jesus begründet eine legitime Liebe zu allen und zu allem, damit die Mütterlichkeit und Väterlichkeit Gottes in einer alles umfassenden Geschwisterliebe in SEINER SCHÖPFUNG erfahrbar wird. Er legitimiert Vertrauen und Hoffnung in das Leben trotz aller Absurditäten und Schrecklichkeiten. Diese Vermittlung von Vertrauen, Hoffnung und Liebe war, ist und wird in aller Zukunft Aufgabe von Kirche sein – und bleiben!
- An dieser Stelle muss in aller Kürze ein Wort zur ‚Zirkelstruktur des Glaubens gesagt werden.„Das Problem ist Rahner bewusst (vgl. I, 91 ff), wird von ihm jedoch als das hingenommen, was es wirklich ist: als unvermeidlich, nämlich, wenn es überhaupt ein für den Selbstvollzug des Subjektes relevantes Verstehen der Texte geben soll.“ (Miggelbrink, Ekstatische Gottesliebe, 248) ↩︎
- Ralf Miggelbrink „Ekstatische Gottesliebe im tätigen Weltbezug“,149 ↩︎
- Raffelt/Verweyen, Karl Rahner 1997, 53 ↩︎
- Zur Begriffserklärung: „Zerstreutheit des menschlichen Strebevermögens an das Viele…Der Mensch, der sich Gott nicht ganz geben will, kann nicht ganz über sich verfügen.“ (Ralf Miggelbrink, Ekstatische Gottesliebe im tätigen Weltbezug, 49 f) ↩︎
- Ralf Miggelbrink „Ekstatische Gottesliebe im tätigen Weltbezug“1989 (Die in Klammern gesetzten Ziffern hinter den Zitaten geben die Seitenzahl im Buch an.) ↩︎
- Karl Rahner „Schriften zur Theologie“, Bd. XVI, 53 f ↩︎
- Karl Rahner „Schriften zur Theologie“, Bd. XVI, 51 ↩︎
- Eugen Drewermann „Wendepunkte“, Ostfildern 2014, S. 223 – 230 ↩︎