Das haben wir nicht gewusst und nicht gewollt?!

Zum Beitrag in der SVZ vom 24. August, S. 5: Weidel: Raus aus dem Euro und alle Syrer abschieben.

Sonntagabend, 23.August 2026. 

In der ARD und im ZDF gibt es zwei längere Interviews mit den beiden Parteivorsitzenden der AfD. Ich habe mir den ‚Spaß‘ gemacht – gegen den Willen meiner Frau – beiden von Anfang bis Ende zu zuhören. Doch der ‚Spaß‘ fand ein jähes Ende, denn ich habe in beiden Interviews nicht einen einzigen konstruktiven Lösungsvorschlag vernommen zu Fragen der Beschäftigung in Deutschland, der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Wirtschaft, zurRentenpolitik, zu den Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe oder in sozialen Einrichtungen. Um jede konkrete Frage wurde sich nicht nur herumgedrückt. Stattdessen kamen- z. T. süffisant vorgetragen – sattsam bekannte Hasskommentare und Hetze. Und das mit einem Lächeln im Gesicht und einer Form der Argumentation, die demNamen Demagogie alle Ehre macht. Ein Kurzausschnitt von Originalzitaten von Frau Weidel, nachzulesen in der SVZ: 

Deutschland ging es deutlich besser vor der Euro-Einführung. Wir sehen eine breite Verarmung breiter arbeitender Bevölkerungsschichten.“ Und: Dass wir keine Starkwährung mehr sind, sondern dass der Euro weich gemacht wird, und dass mit allen Vermögensverlusten für die normale Bevölkerung.“ Zu den Grenzen: „Wir werden sie zumachen, wir werden aus Schengen aussteigen…und die Syrer werden alle zurückgeführt in ihre Heimat.“ Doch es geht noch ‚liebevoller‘: Ich will nicht mehr angelogen werden von irgendwelchen Flachzangen, die da oben sitzen und irgendwas versprechen und genau das Gegenteil von dem tun.“ 

Der Kollege von Frau Weidel, der offensichtlich genaue Kenntnis von der „normalen Bevölkerung“ hat, war zumindest(noch) nicht bereit „alle Syrer zurückzuführen“. Ein Lichtblick? Keine Spur, denn kein Wort von den unsäglichen Kriegen in der Ukraine, im Nahen und im Fernen Osten und wer Solidarität verdient, wer Opfer und wer Aggressor ist. Kein Wort zum demografischen Wandel einer alternden Gesellschaft in Deutschland und Europa, kein Wort zum Fachkräftemangel, zu den Schwierigkeiten bei der Ausbildung, in der Pflege – und im Dienstleistungsbereich. Erst recht kein Wort zu Solidarität im globalen Rahmen (nur dort sind wirkliche Lösungen zu erreichen!), zum Teilen, kein Wort des Dankes, der Wertschätzung, kein Wort zur notwendigen Zuwanderung von Fachkräften, kein Wort zum erforderlichen Dialog, zu Integrationsleistungen und eigenen Defiziten, zum Ehrenamt, zu Transparenz, zu Aushandlungsprozessen, die eine demokratische Gesellschaft prägen. Kein Wort zum Gewaltmonopol des Staates oder zur Dezentralisierung der Macht. Stattdessen ein Plädoyer für Bürgerwehren, eine Schimpfkanonade auf die ‚Altparteien‘ und die Herabsetzung von Justiz, Parlament, Regierung. Es ist so billig: Die einfachsten Instinkte werden von der AfD bedient. Und sie haben schon jetzt etwas erreicht: Was früher nicht öffentlich sagbar war – jetzt ist es das! Wir brauchen weder einen Gottesstaat noch eine „Diktatur des Proletariats“ noch einen Führerstaat. Schon einmal hat eine demokratische Mehrheit in diesem Land die Mittel der Macht in die Hände derer gelegt, die VORHER ankündigten, die Macht weder demokratisch zu verwalten noch sie wieder abzugeben. 

Heute kann niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, was die AfD ‚im Schilde führt‘. Das jedenfalls haben diese beiden Interviews gestern Abend wenigsten erbracht. Noch ist Zeit! Aufwachen! Jetzt! 

Bild von Andrys Stienstra auf Pixabay

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