„Auferstanden aus Ruinen“?
Die Überschrift entnehme ich einem Interviewband, in dem Eugen Drewermann (geb. 1940) befragt wird nach Wegen aus dem Niemandsland. Bezeichnenderweise lautet die Unterüberschrift über jene Wege: „Wo unsere Seele ein Zuhause findet.“ (Eugen Drewermann/Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“ 2014) Mir kommt dieses Wort Drewermanns in den Sinn, das Wort vom „Niemandsland“ als auch von der Heimat der Seele (die offensichtlich so oft schmerzhaft vermisst wird!), wenn ich die Tageszeitung aufschlage oder die neuesten Nachrichten höre bzw. lese. Ich lese beispielsweise, dass unser Land kein reiches Land sei, weil es in reichen Ländern keine Altersarmut, keine Kinderarmut, keinen Pflegenotstand, keine maroden Schulen gibt. Ich erfahre, dass es Millionen gibt, die nichts in die Krankenkassen einzahlen, aber die volle Versorgung genössen; ich lese, dass „Cannabis freigegeben worden sei, „damit die Leute nicht viel nachdenken und diese unfähigen Politiker wählen“. So geht es munter weiter; schlussendlich singt man voller Begeisterung die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen.“
Schuld sind immer die anderen!
Welche ‚Ruinen‘ meint man, meint man wirklich? Womit haben wir es hier, in dieser nebulösen Gemengelage,überhaupt zu tun? Ich glaube, die abgegriffenen Vokabeln von der ‚Politikverdrossenheit‘ greifen zu kurz. Ebenso die Begründungen, dass Wahlen in‘ s Haus stehen, dass Ängste vor Extremismus zunehmen, dass die ‚Parteien der Mitte‘ nicht gut, nicht ausreichend kommunizieren, dass Neid – und Hassdebatten geführt werden, dass Ausländerhass und Antisemitismus ebenso um sich greifen wie die Wut auf ‚jene da oben, die sich immer mehr die Taschen voll machen‘ zu Lasten von ‚jenen da unten, die die sprichwörtliche Suppe auszulöffeln haben.‘ Das alles sind Prozesse, Erscheinungen, Aspekte der Wirklichkeit, die es gibt. Es wäre unredlich, sie zu leugnen. Doch spiegeln sie die ganze Wirklichkeit wider?
Allein die Tatsache, dass offensichtlich bei einem Großteil der Menschen in unseren Land Argumente nicht mehrdurchdringen, dass man gerne in seiner ‚Blase‘ bleibt, weil man ja längst ‚weiß, was eh‘ gespielt wird‘, lässt mich frösteln. Denn die Frage steht im Raum: Wie erreichen wir überhaupt noch Menschen, die gar nicht erreicht werden wollen, es sei denn, wir bestätigen sie in all ihren (Vor)Urteilen. Die sich auf nichts weiter (mehr) einlassen als auf Propaganda-Videos. Ja, die genau wissen, dass hinter den von ihnen gewählten Informationen Algorithmen stecken, die ihre Vorlieben kennen und bedienen. (Die sie oft mehr und besser kennen als sie sich selbst!) Und die sich darüber freuen: Es ist ja so bequem, so gut, angeblich ‚alles‘ zu können und zu wissen. Auch und vor allem, wer für diese empfundene ‚Misere‘ verantwortlich, wer ‚schuldig‘ ist, wer – endlich! – an den Pranger zu stellen ist. Denn eines ist klar: Schuld sind immer die anderen! „Ich doch nicht!!!“ Wer nicht an die Auferstehung Jesu glauben kann, kommt an der des biblischen „Sündenbockes“ allerdings kaum vorbei!
Die Wahrheit wird man nie besitzen (können)!
Nun könnte man aus der Geschichte der Spiritualität einiges anbieten, um hier für Verständnis zu sorgen und um Abhilfe zu schaffen. Doch das setzt zunächst und fundamental die Bereitschaft voraus, dass man überhaupt ein Problem sieht bzw. sehen will. Wer von vornherein sich und nur sich im Recht sieht, wird schwerlich einem Dialog zustimmen, der seine Lebensgrundlage in Frage stellt. Denn mir scheint, dass dies tatsächlich der von Goethe so gepriesene „Pudels Kern“ ist: Der Mensch braucht einen archimedischen Punkt, von dem aus er sein Leben ordnet und einordnet, um mit den vielen Unwägbarkeiten und unüberschaubaren, schnelllebigen Entwicklungen mit- und klar zukommen, sich in ihnen zurecht zu finden.
Ohnmachtsgefühle und Ängste befeuern die Sehnsucht nach Klarheit und Ruhe, nach Ordnung und Sicherheit. Die Frage ist und bleibt entscheidend: Woran halten sich Menschen, wenn ihnen der schwankende Boden gänzlich einzubrechen droht? Wenn die Orientierung auf Grund der Fülle an Informationen und der Schnelligkeit von Entwicklungen verlorenzugehen droht? Wenn der Kontrollverlust zu Depression und Aggression verleitet, weil man nicht mehr ‚selbstherrlich‘ sein Leben selbstbestimmt ‚in der Hand hat‘?
Man könnte in einem ersten Versuch darauf aufmerksam machen, einfach für eine Weile sich von der eigenen Informationsblase fernzuhalten. In allen Religionen ist Verzicht ein wesentlicher Bestandteil der Voraussetzungen für jene Erfahrungen, die als Gotteserfahrungen bezeichnet wurden und werden. Es ist kein Zufall, dass Propheten und Religionsstifter oft vor ihrem Wirken in die ‚Wüste‘ gegangen sind, in die Einsamkeit. Und auch während ihres Wirkens sind sie oft abgesondert von den anderen zu finden, um sich zu sammeln, bei sich zu bleiben und zu verharren. Letztlich, um Erfahrungen zu machen, die nur in der Stille gemacht werden können.
Man könnte in einem zweiten Versuch aufmerksam darauf machen, dass man selbst kein ‚Eingeweihter‘ ist, der die ‚Weltformel‘ kennt. Dieses Eingeständnis eröffnet einen Raum des Dialogs. Es ermöglicht, eine Wegstrecke gemeinsam zurückzulegen, um im Hören, Sprechen, Zeigen und Wahrnehmen sich der Wahrheit zu nähern. Und auch hier greift wieder die Erkenntnis und Erfahrung des Verzichts: Die Wahrheit wird man nie besitzen(können)! Wir können uns nur gegenseitig helfen und unterstützen im Suchprozess nach ihr. Wir können uns ihr gemeinsam annähernund uns gemeinsam an ihr erfreuen- besitzen können wir sie nicht! Wir sind und wir bleiben immer auf dem – hoffentlich gemeinsamen – Weg des Suchens.
„Sind wir dann nicht unheilbar religiös?“
Doch man wird hier nicht stehenbleiben können. Deshalb nicht, weil – das ist meine grundlegende These – der Menschohne Religion nicht leben kann. Viele Phänomene, die wir bemerken und beschreiben, sind ohne diese Dimension nicht zu verstehen. Auf die Frage, was denn Religion letztlich sei, antwortet Eugen Drewermann:
„Dass weder die Gesellschaft, noch die Umwelt, noch die Nachwelt, noch der Staat, noch die herrschende Macht von Wirtschaft, Militär und Finanzwelt das Recht haben zu bestimmen, wer wir sind. Der Freiraum, der dann entsteht, ist der, den wir Gott nennen.“ (Eugen Drewermann/Michael Albus „Wege aus dem Niemandsland“, 38 f)
Alleine dieser eine Satz kann uns ein Leben lang beschäftigen: „Der Freiraum, der dann entsteht, ist der, den wir Gott nennen.“ Doch Drewermann lässt uns nicht vage und ungewiss zurück. Um das, was er unter Religion versteht, näher zu erläutern, sagt er weiter:
„Ich verstehe darunter eine Haltung, jenseits aller empirischen Gründe zu vertrauen, eine Hoffnung, die sich nicht festmacht in dem, was an erfolgsorientierten Erwartungen realisierbar ist, den Glauben an Vergebung für eine Schuld, die begangen wurde, ohne dass sie von den Menschen, die betroffen wurden, selbst vergeben werden könnte, eine geduldige Zuversicht der Liebe und das sich Hinstrecken auf ein Leben, das im Tod nicht zerbrochen wird. Das alles ist in meinen Augen Religion.“ (Ebenda, 39)
Es konnte nach dieser ‚Auskunft‘ nicht ausbleiben, dass der Interviewpartner dann konsequent schlussfolgerte:
„Sind wir dann nicht unheilbar religiös?“ (ebd. 39)
Die Antwort Drewermanns ist an dieser Stelle aufschlussreich und differenziert gleichermaßen. Denn er bejaht diese Frage nicht nur. Er deutet an, dass es auch anders sein könnte. Und er lässt einen weiten Raum all jenen Fragen, die entstehen, wenn dieser religiöse Hintergrund fehlt, verdrängt wird oder verschüttet ist. Hier also die Antwort auf die Frage, ob wir als Menschen nicht alle „unheilbar religiös sind“:
„Ja! Zumindest sollten wir es sein. Therapie jedenfalls ist eine Form, daran zu erinnern. Ich möchte es mit Sören Kierkegaard sagen, den ich über alles schätze. Er meinte, Religion sei eine Synthese zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit. Das wäre dann vorweggenommen die von uns gesuchte Synthese in all den Niemandsländern, die dazwischen liegen.“ (ebd. 40)
Sind wir tatsächlich alle „unheilbar religiös“? Wenn ja, was geschieht dann in jenen Lebenssituationen, in denen dieses ‚Wesensmerkmal‘ geleugnet, verdrängt, bestritten oder (weg)rationalisiert wird? Mir scheint, die ‚Diagnose‘ Drewermanns ist eine ausgezeichnete Sonde, die so tief reicht, dass sie all die vielen Phänomene, die wir heute erleben, erklären, verständlich machen kann.
„Wer aber achtet auf diese Erkenntnis, auf diese Unruhe und dieses ungestillte Verlangen der Seele?“
Mich erinnert diese Aussage Eugen Drewermanns zudem an einen der schönsten und einfühlsamsten Gedanken von Karl Rahner (1904-1984), den er in seinem Long – und Bestseller „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ bereits 1949 (!) geäußert hat – mitten in den Wirren und Aufbauarbeiten nach dem verheerenden II. Weltkrieg. Inmitten dieses Chaos‘ schreibt Karl Rahner jene Gedanken nieder, die mich heute wie gestern (und sicher auch morgen) betroffen machen. Betroffen, weil sie mir jene Orientierung geben, nach der ich Ausschau halte. Man muss diesen langen Text Karl Rahners Wort für Wort meditieren, einmal, zweimal, dreimal. Immer wieder. Man wird immer auf‘ s Neue beschenkt:
„Die tausend Geschäfte unseres Lebens machen uns müde und verdrießlich, selbst die Freuden werden schal; wir spüren, wie selbst unsere Freunde uns noch fern sind, wie selbst die Liebesworte der vertrautesten Menschen nur wie von fern, matt und kühl an das Ohr der Seele dringen. Alles, was die Welt anpreist, empfinden wir immer mehr als leere Geschäftigkeit ohne wahren Wert. Das Neue wird alt, die Tag vergehen, bloßes Wissen ist kalt und leer, das Leben geht hin, Reichtum entflieht, Volksgunst ist Laune, Sinne altern, Welt ist Wandel, Freunde sterben. Und all das ist schon Los des gewöhnlichen Lebens, ist noch das, was die Menschen fast noch nicht zu Leid und Schmerz rechnen. Dazu kommen noch aller Schmerz und alle Bitterkeit, die einen Menschen erfüllen können, alle Tränen, alle Not des Leibes und der Seele. Und siehe nun – Gnade ist es, wenn diese Erkenntnis der Endlichkeit und Vergänglichkeit aller Dinge den Menschen lebendig erfasst. Die Menschen weichen dieser Erkenntnis aus; hat ein irdisches Gut das Sehnen des Herzens nicht gestillt, dann hofft man es dennoch vom nächsten.
Wer aber achtet auf diese Erkenntnis, auf diese Unruhe und dieses ungestillte Verlangen der Seele, wer versteht, was diese scheinbar so unglückliche Veranlagung des Menschen, überall zu seiner Enttäuschung Grenzen und Enden zu entdecken, bedeutet, der schafft Raum in seinem Herzen für die Liebe Gottes. Der sieht, dass nur einer das ganze Herz mit all seinem Denken und Fühlen bannen kann, dass nur einer allein beständig ist, einer allein getreu, einer allein uns alles sein, einer allein uns ganz besitzen kann. Und wenn wir aus dieser Enttäuschung an der Welt, die jeder Christ besitzen muss, empfinden, dass nur einer unser ganzes Leben, das wir im unwiderstehlichen Drang der Liebe verschenken wollen, anzunehmen und befähigt ist, wenn wir dieser Enttäuschung standhalten, ohne zu verzweifeln und ohne uns zu betrügen, dann fangen wir schon an Gott zu lieben. Wir verlangen nach etwas und wissen nicht was; aber wir sind sicher, es ist etwas, das die Welt nicht geben kann. Und wir müssen diesem unbekannten, ersehnten und geliebten Wesen nur den wahren Namen geben: Gott. So erwacht wie von selbst die Liebe zu Gott in unserer Seele, wie von selbst verlangt der Mensch nach dem Gott seines Herzens und nach seinem Anteil in Ewigkeit. Wie von selbst fängt er an, den zu suchen, der allein noch bleibt, wenn alles versinkt, den Einzigen, der ihn immer umgibt und liebt, den Gott der Sehnsucht unseres armen Herzens.
Ein andermal ist es nicht die Enttäuschung an dieser kleinen Welt, die in uns die Liebe Gottes weckt, sondern dankbare, stille Freude. Ein guter Mensch ist uns begegnet, man hat uns Gutes getan, wir sind von schwerer Furcht oder von hartem Leid befreit, oder sonst eine große, stille Freude ist in uns eingezogen. Wie von selbst spüren wir, wie hinter diesem Ereignis noch unsichtbar ein anderer, Größerer waltet, wie dieser Schimmer der Freude nur ein Abglanz ist eines ewigen Lichtes. Wir fühlen dankbar, wie leise Gott an uns vorbeizog und uns gesegnet hat. Da erfüllt uns wie von selbst neues, lebendiges Wissen, dass Er gut ist und groß und voller Erbarmen. Seine Nähe erfasst uns, und sein Segen weckt in uns die Liebe.
Wenn Gott uns heimsucht mit Leid oder Freude, wenn so seine Liebe erwacht in unserer Seele, dann müssen wir einstimmen in dieses Drängen des Grundes unserer Seele, wir dürfen nicht durch neuen Lärm der Welt, durch Zerstreuung und andere Geschäftigkeit Gottes Stimme in uns übertönen, die Stimme, die aus dem leisen Verlangen nach Gott uns von seiner Liebe spricht“. (Karl Rahner „Von der Not und dem Segen des Gebetes“, 2004, 92 ff)
Hier ist kein Wort zu viel. Jedes steht an seinem Platz. Der ganze christliche Glaube ist darin enthalten – aber auch alle ‚Weltdiagnose‘ und ‚Weltprovokation‘, der niemand ausweichen kann, weil er nicht vor sich selbst fliehen kann! Rahner schaut sehr genau hin; er benennt klar die vielen Verdrängungsversuche, die Ausweichmanöver dieses tiefsten Drängens in uns. Jenes Drängens, das nirgends halt machen kann, das sich allerdings oft verirrt und verstört zeigt, in den Supermärkten, auf den Laufstegen dieser Welt, beim Glitzer und Glamour der ‚Schönen, Reichen und Mächtigen,bei den ‚Fußballgöttern‘, bei jenen ‚Heilsbringern‘, die fast immer ‚nach vergeblicher Liebesmüh‘ so tief stürzen, dass man kaum ahnen mag, wie sie den Sturz verkraften. Die soeben zu Ende gegangene Fußballweltmeisterschaft kann von diesen Vorgängen Bilder und Geschichten in Fülle vorweisen.
Ja, Rahner scheut sich nicht, zu sagen, dass die vielfältige Enttäuschung an der Welt etwas ist, was „jeder Christ besitzen muss“!!! BESITZEN MUSS, man lese sehr genau! Und warum? „Wenn wir dieser Enttäuschung standhalten, ohne zu verzweifeln und ohne uns zu betrügen, dann fangen wir schon an Gott zu lieben. Dann schaffen wir den Raum, in dem wir Gott begegnen.“ Wie von selbst fängt er an, den zu suchen, der allein noch bleibt, wenn alles versinkt, den Einzigen, der ihn immer umgibt und liebt, den Gott der Sehnsucht unseres armen Herzens.“
Dabei ist unsere Sehnsucht nur wie ein Echo, denn was ist unsere Liebe zu Gott? Sie ist „die Stimme, die aus dem leisen Verlangen nach Gott uns von seiner Liebe spricht“. Das Verlangen nach Gott spricht in Wirklichkeit uns von SEINER Liebe. Weil ER uns sucht, dürfen, ja können wir erst IHN suchen! DAS steckt hinter all dem – oft unerlösten – Suchen und Treiben in dieser Welt, die sich oft so unglücklich aufführt. Und eigentlich zu Recht. Wenn sie denn – endlich – beherzigt, „dass nur einer das ganze Herz mit all seinem Denken und Fühlen bannen kann, dass nur einer beständig ist, einer allein getreu, einer allein uns alles sein, einer allein uns ganz besitzen kann.“
Man sehe aber zu, dass nichts ausgeklammert wird!
Man kann das alles ignorieren. Man kann lachen und es als albern hinstellen. Man kann die Religion als ‚Hinterwelt‘ als „Opium für das Volk“(Lenin) oder als „Opium des Volkes“ (Karl Marx) lächerlich machen bzw. bekämpfen. Man kann sie als die „Rache der Schwachen, der Zukurzgekommenen“ (Nietzsche) verunglimpfen oder auch sagen: Dort, wo es um alles geht, sollte man aufhören mit Fragen und Denken. Denn das sei sinnlos und vergeblich angesichts des allumfassenden Horizontes.
All diese Einwände gibt es. Sie sind zunächst ernst zu nehmen. Auch schon deshalb, weil sie nicht einfach ‚vom Tisch zu wischen‘ sind mit den üblichen Anpassungs- und Abwehrmechanismen der Verdrängung und Rationalisierung oder mit regressiven Verhaltensmustern, die eine Fluchtmöglichkeit vorgeben zu besitzen, um aus der Wirklichkeit in ein infantiles Stadium zu flüchten. All das gibt es. Doch letztlich können wir der Wirklichkeit nicht in eine Scheinwelt entfliehen. Der Rückweg in ‚Platons Höhle‘ ist uns ein – für allemal versperrt. Darum bedarf es auch der Auseinandersetzung ‚in intellektueller Redlichkeit“. Hans Urs von Balthasar (1905-1988) hat die (Schein) ‚Alternative‘ zu Glaube und Religion einprägsam formuliert:
„Es sei denn, der Mensch ziehe es vor, auf einen solchen Frieden jenseits des Irdischen zu verzichten und aus eigener heroischer Kraft sich mitten in der zerreißenden Existenz aufzuschwingen, wie Nietzsche, zur Bejahung der Welt, wie sie ist: Ja und Amen in alle Ewigkeit zu diesem widerkäuenden Ungeheuer, diesem Willen zur Macht. Er sehe aber zu, dass er keines der Konzentrationslager aus dieser Bejahung ausklammere. Er mag es versuchen und zusehn, ob er dabei seine heilen Sinne behalten kann.“ (Hans Urs von Balthasar „Klarstellungen“, 1971, 37)
Mir scheint, die Aufgabe von Kirche, Glaube und Religion – gerade im Hier und Heute – könnte kaum größer sein. Werden wir als Christen die „Zeichen der Zeit erkennen“? Werden wir Gottes Anruf heute wahrnehmen? Und wielautet sein Ruf heute an uns? Jeder wird sich diese Frage stellen (müssen). Und wenn wir sie GEMEINSAM zu lösen versuchen, scheint es ein „Erwachen der Kirche in den Seelen“ (Romano Guardini) vielleicht doch wieder zu geben.
Bild von Nicky auf Pixabay