„Wochenimpuls 2026-35“
Der Realismus über unser Sein, das in allererster Linie ein Angewiesen-Sein ist, die Weisheit, unsere ‚Armut‘ weder zu leugnen noch zu verdrängen oder zu übertünchen, ist Voraussetzung für das Ausschauhalten nach einer Erfüllung, die diesen Namen – auch heute – verdient. Balthasar konnte diese Zusammenhänge, teilweise mit drastischem Ausdruck, aber immer unmissverständlich benennen. Wir bleiben nicht stehen bei dem, was oft genug wir selbst und unsereZeitgenossinnen und Zeitgenossen klar erkennen, weil wir und weil sie es erfahren (haben): Es gibt eine gewisse Unfähigkeit. Denn wir können oft kaum noch glauben an Sinn, an Freiheit, an Wahrheit, an Gerechtigkeit. Und doch: Wer zwingt uns, diese ‚eindimensionale‘ Weltsicht beizubehalten?
„Wir sind es unserer Mitwelt nicht schuldig, mit ihr unfähig zu sein…“1
Was ist im Leben wichtig? Vielleicht sind Vertrauen, Hoffnung (die oft genug auch die Gestalt der ‚Hoffnung wider alle Hoffnung‘ annimmt), Wahrheit und Liebe viel tragender, viel zukunftsträchtiger, als wir es selbst vermuten oder wahrhaben wollen. Warum? Weil wir immer wieder ausschließlich auf die eigenen Kräfte bauen. Anstatt zu realisieren, dass wir s i n d. Dass unserem SEIN schon ein JA vorgegeben ist, das nicht von uns stammt. Das wir nicht ‚gemacht‘ haben! Dass verfügt wurde – über uns, für uns und mit uns! Dass erst unseren Eigenstand begründet und ermöglicht. Ist diese existentielle Wahrheit nicht viel lebensfähiger? Aber sie muss eingeübt werden. Täglich.
„Vielleicht ist es dann weniger wichtig, was unsere Zeit noch an Kunst hervorzubringen vermag, weil eines verbürgt ist, dass der Sicht Gewährende Macht genug hat, seine Gestalt in denen, die ihm nachfolgen wollen, auszuprägen – ob die Welt dieses Bild zu erkennen beliebt oder nicht -, und dadurch den Geprägten auch das Vermögen gibt, selber Prägende zu werden.“2
- Hans Urs von Balthasar in „Mut zur Tugend- Von der Fähigkeit menschlicher zu leben“, Freiburg -Basel-Wien 1979, S. 224f ↩︎
- Hans Urs von Balthasar in „Mut zur Tugend- Von der Fähigkeit menschlicher zu leben“, Freiburg -Basel-Wien 1979, S. 225f ↩︎