Weder Gott noch Wesen leerer Beliebigkeit

„Wochenimpuls 2026-34“

Karl Rahner spricht in seinem Beitrag, „menschlicher zu werden“, von Mut. Er nennt diesen Mut eine Tugend. Er ist deshalb eine Tugend, weil man etwas wagen muss. Genauer: Weil man sich selbst wagen, sich einsetzen muss in die Entscheidung. Weil es eine Lebensentscheidung ist, der man nicht ausweichen kann. Denn auch das Ausweichen ist – wenn es bewusst geschieht – eine Entscheidung. Rahner beschreibt in gewohnt akribischer Art, wie wir uns heute vorfinden, welche Extreme es gibt in der Befindlichkeit, im Selbstverständnis. Es gibt das Extrem des Alles- Wissens und des Alles- Könnens ebenso wie das Extrem des Nichts- Wissens und Nichts- Könnens. Allmacht in Konkurrenz zu Ohnmacht. Alles klar und eindeutig zu wissen, steht dem Bewusstsein und der Angst gegenüber, der Fülle nicht mehr Herr zu werden, nichts mehr wirklich für klar und verlässlich zu halten. 

„Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine Mitte; sie ist eine Tugend und diese Tugend scheint mir namenlos zu sein. Diese Mitte, in der die vorausgehende Reflexion auf die Legitimität einer Entscheidung ernst genommen wird, und in der dennoch von dieser Reflexion nicht mehr verlangt wird, als sie leisten kann, deren Problematik ehrlich eingestanden wird und die trotzdem nicht den Mut einer ruhigen und tapferen Entscheidung verhindert, markiert das richtige Selbstverständnis des Menschen, der weder der Gott einer schlechthinnigen und allseitigen Sicherheit und Klarheit ist, noch das Wesen einer leeren Beliebigkeit, in der alles gleich richtig und gleich falsch ist, der Konturen hat, die zu respektieren sind, obwohl sie den Glanz des Göttlichen und Selbstverständlichen nicht haben…Sie ist die Tugend des tätigen Respekts vor der gegenseitigen Bezogenheit und gleichzeitigen Unzurückführbarkeit von Theorie und Praxis, von Erkenntnis und Freiheit. Sie ist die Tugend der Einheit und Verschiedenheit der beiden Größen, ohne die eine oder die andere zugunsten der andern zu opfern.“1

Ich bin Karl Rahner sehr dankbar für diese Richtungsanzeige, dass wir als Menschen „weder der Gott einer schlechthinnigen und allseitigen Sicherheit und Klarheit“ sind. Wir sind auch nicht jenes „Wesen einer leeren Beliebigkeit“. Die Frage bleibt: Wer oder was sind wir?


  1. Karl Rahner „Plädoyer für eine namenlose Tugend“, in „Mut zur Tugend“, Freiburg-Basel-Wien 1979, S. 16-18 – SW 29, 79-83 ↩︎
Foto von Sirius Harrison auf Unsplash

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