Von der Gnade des Alltags

… oder der โ€šunheimlichen Schwebeโ€˜ des Glaubens

Es gibt Passagen in dem mittlerweile unรผberschaubaren Riesenwerk von Eugen Drewermann (geb. 1940) denen es gelingt, einen โ€šDurchblickโ€˜ durch sein Werk zu geben. Das ist umso erfreulicher als seine Kenntnis und Wahrnehmung im Gesprรคch mit Atheisten, Agnostikern, Suchenden und Fragenden โ€“ gerade heute โ€“ dringend erforderlich zu sein scheint. 1 Beginnen wir mit einem โ€“ zugegeben langen – Zitat aus einem Grundlagentext Eugen Drewermanns: 

โ€žMenschen zu <<Christen>>machen, ist โ€ฆnicht anders mรถglich, als dass man ihnen hilft, in Menschlichkeit zu reifenโ€ฆUnd dennoch ist und bleibt die Person Jesu einzigartigโ€ฆWasโ€ฆdie ganze Geistigkeit der <<Aufklรคrung>>, nicht sehen wollte, ist die Bedรผrftigkeit des Menschen nach Erlรถsung aus der Umklammerung der Angst und der Verzweiflung…Der ethische Optimismusโ€ฆbenรถtigt wirklich nicht viel mehr als Redlichkeit und Rechtlichkeit, – auf dieser Ebene ist Jesusโ€ฆersetzbar durch beliebig viele andereโ€ฆErst wem das Weltbild der Gesetzesreligion nicht minder als des Moralismus ein fรผr allemal zerbrochen ist, der braucht die Botschaft Jesu, erst der beginnt zu ahnen, wofรผr der Mann aus Nazareth sein Leben einsetzte; fรผr den gibt es nirgends entfernt auch nur etwas Vergleichbares zu der Person des Christus. Er kann nur leben aus dem gleichen Glauben, den Jesus uns zu bringen kam: Gnade statt Gesetz, Vergebung statt Verurteilung, ein รœberlieben der Gewalt in Gรผteโ€ฆdie Tragรถdien des Daseins offenbaren immer wieder, dass es nicht mรถglich ist, das Leben eines Menschen in Ordnung zu bringen, ohne seine Angst im Untergrund zu รผberwinden durch Vertrauen. Der BUDDHA lehrte das Loslassen von den verkehrten Weisen des Anhaftens an die Welt, doch stellt sich ihm nicht das Problem der Angst im Erleben des Einzelnen; seine Lehre befreit asketisch von den Fesseln der Gier, doch rettet sie nicht aus dem Abgrund der Kontingenz des Daseins noch der Nichtfestgelegtheit der Freiheitโ€ฆMan kann sie alle durchgehen. Fรผr die Art Jesu gibt es keinen Vergleich; sie ist absolut gรผltig, sie betrifft einen jedenโ€ฆ

Man kann sich gegen alles das entscheiden, wovon sich Jesus รผberzeugt gab: dass unser Dasein in den Hรคnden eines <<vรคterlichen>> Gottes ruhe, der mรถchte, dass wir sind, und der uns selbst im Tode nicht verlassen werde; – dann aber muss man sich fรผr eine Welt entscheiden ohne Gnade, und man muss dann auch wissen, was man damit auf sich nimmt; oder man wรคhlt fรผr sich den Standpunkt Jesu, dann wird der Mann aus Nazareth zum Grund fรผr eine Menschlichkeit, wie sie sonst nicht zu leben wรคre, er wird zum letztgรผltigen Sprachrohr Gottes, er wird absolut. An Jesus glauben als den Christus, den <<Sohn Gottes>>, ist deshalb eine Aussage รผber den Glaubendenโ€ฆ

Die Frage bleibt, wie subjektiv reflex und ausdrรผcklich dieses Bekenntnis sich darbieten muss, um wahr zu sein. So wie es Leute gibt, die sich den Worten nach als Christen zu erkennen geben, obwohl in Wirklichkeit ihr Leben einem skandalรถsen Gรถtzendienst gleichkommt, so wird es andere geben, die den Worten nach nicht sagen wรผrden, dass sie Christen seien und die es doch entsprechend dem <<empirischen>> Kriterium in vollem Sinne sind. Wie viele gibt es, die wie selbstverstรคndlich aushalten unter schwierigsten Bedingungen โ€“ an der Seite eines schwererkrankten Mannes, eines dement gewordenen Vaters, eines drogenabhรคngigen Sohnes? Sie fragen nicht lange nach Begrรผndungen und Prinzipien, doch die Treue, die sie leben, hat etwas von Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariterโ€ฆโ€œ 2

Gerade der Schlussteil dieses (รผber)langen Zitates zeigt, dass Drewermann sich im Laufe seines โ€šDenkwegesโ€˜ Karl Rahners (1904-1984) รœberlegungen zur โ€štranszendentalen Erfahrungโ€˜ und zur โ€žErfahrung des Geistesโ€œ immer mehr angenรคhert hat. 3 Christlicher Glaube darf nie nur satzhaft oder nur รคuรŸerlich verstanden werden. Theologische Reflexion ist immer sekundรคr dem Lebensvollzug gegenรผber. Dabei sind alle anthropologischen und soziologischen Erkenntnisse zu bedenken und zu berรผcksichtigen โ€“ auch in ihrer Ambivalenz! Wichtiger jedoch ist immer das existentielle Wissen darum, dass SEIN Geist immer schon bei uns ist โ€“ immer als Angebot, sich auf IHN im โ€žWagnis des Christenโ€œ 4 einzulassen. Ein besonders schรถnes Beispiel findet sich dazu in Karl Rahners Long- und Bestseller โ€žVon der Not und dem Segen des Gebetesโ€œ, in dem es im zweiten Kapitel heiรŸt: 

โ€žEs ist noch etwas ganz anderes in der Seele, als was Alltagserfahrung, Existentialphilosophie oder Tiefenpsychologie oder Mystik der Natur, der Kunst oder der Liebe, kurz aller menschliche Versuch einer Eroberung des Absoluten aus diesen Abgrรผnden ans Tageslicht gebracht hat. Wenn alle Versuche, das einzig Wichtige, das Allumfassende, das Bleibende, das Gรถttliche aus dem Grund des Herzens auszugraben gescheitert sind und es immer wieder am Ende sich herausstellt, dass das Gefundene-der Mensch ist, der sich auf die Dauer nicht anbeten kann, weil dieser Gott doch zu armselig ist, dann sagt das Wort Gottesโ€ฆzutiefst in den Abgrรผnden des Menschen lebt dennoch Gott, der lebendige Gott, wirklich Er selbst, nicht ein Gรถtze, nicht bloรŸ ein Bild von uns selbst, sondern Er selbst, der lebendige Gott, der unendliche Gott, der heilige Gott, Er, der nicht bloรŸ in sich selbst die Unendlichkeit ist, sondern uns seine eigene unendliche Weite schenken will, jene Unendlichkeit, die uns sowohl befreit von der versklavenden Gewalt der menschlichen Seelenmรคchteโ€ฆals auch erhebt รผber die im letzten doch kรผmmerlichen MaรŸe eines harmonischen Humanismus, in dem alles so geformt wird, dass es enge wirdโ€ฆEr istโ€ฆdรผrfen wir es zu sagen wagen, ohne dass uns der Schwindel der Gottgleichheit ergreiftโ€ฆdass Er nicht bloรŸ als das befreiende Du in uns ist, sondern auch als jener, ohne den wir selbst unsโ€ฆnicht bis zum Grunde begreifen kรถnnen.โ€œ 5

Mir scheint bei all dem, dass wir nicht die mรผhsame Schwebe des Glaubens รผberspringen kรถnnen, auf die es im Allerletzten ankommt. Was damit gemeint ist, hat Karl Rahner in seinem letzten รถffentlichen Vortrag seiner Kirche als Vermรคchtnis anvertraut, das lรคngst noch nicht eingelรถst worden ist: 

โ€žWir reden von Gott, von seiner Existenz, von seiner Persรถnlichkeit, von drei Personen in Gott, von seiner Freiheit, seinem uns verpflichtenden Willen und so fort; wir mรผssen dies selbstverstรคndlich, wir kรถnnen nicht bloรŸ von Gott schweigen, weil man dies nur kann, wirklich kann, wenn man zuerst geredet hat. Aber bei diesem Reden vergessen wir dann meistens, dass eine solche Zusage immer nur dann einigermaรŸen legitim von Gott ausgesagt werden kann, wenn wir sie gleichzeitig auch immer wieder zurรผcknehmen, die unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzigen festen Punkt unseres Erkennens aushalten und so unsere Aussagen immer auch hineinfallen lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes, wenn auch unsere theoretischen Aussagen noch einmal mit uns selber zusammen unser existentielles Schicksal teilen einer liebend vertrauenden Hingabe unserer selbst an die undurchschaute Verfรผgung Gottes, an sein Gnadengericht, an seine heilige Unbegreiflichkeit.โ€œ 6


  1. D. h.ย gerade nicht, dass man mit allem, was Drewermann schreibt, einverstanden ist.ย Seine Abwertung โ€šderโ€˜ Theologen oder die vernichtenden Pauschalurteile gegen โ€šdieโ€˜ Kirche oder โ€šdenโ€˜ Westenย  machen mich ebenso betroffen, sprach- und ratlos wie seinย geringerFokus auf das um seine Freiheit ringende ukrainische Volk, das sich einer beispiellosen russischen Aggression erwehren muss.ย  โ†ฉ๏ธŽ
  2. Eugen Drewermann โ€žWendepunkteโ€œ, Ostfildern 2014, S. 223 – 230 โ†ฉ๏ธŽ
  3. Gleichzeitig hat Drewermann die anfรคngliche schroffe Gegenรผberstellung รผberwunden, die noch in โ€žStrukturen des Bรถsenโ€œ vorherrscht und die voraussetzt, dass Gnade und Freiheit โ€“ fast wรผrde ich sagen โ€“ gรคnzlich unverbunden sich gegenรผberstehen. Bei Rahner ist die zuvorkommende Gnade (Zuwendung Gottes) โ€“ รคhnlich wie in der hypostatischen Union nach Chalzedon โ€“ mit dem menschlichen Freiheitsvollzugย ungetrennt und unvermischtverbunden.ย ย  โ†ฉ๏ธŽ
  4. Buchtitel von Karl Rahner, Freiburg-Basel-Wien 1974 โ†ฉ๏ธŽ
  5. Beten mit Karl Rahner 2004, Freiburg-Basel โ€“ Wien, Band 1 โ€žVon der Not und dem Segen des Gebetesโ€œ, eingefรผhrt von Rudolf Hubert und Roman Anton Siebenrock, S. 71 fย ย  โ†ฉ๏ธŽ
  6. Karl Rahner โ€žVon der Unbegreiflichkeit Gottes- Erfahrungen eines katholischen Theologenโ€œ, Freiburg-Basel-Wien 2004, S. 27 โ†ฉ๏ธŽ
Bild (Ausschnitt) von StockSnap auf Pixabay

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