Kirche in der Zeitenwende

Die große Pastoralkonstitution des II. Vatikanums über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ harrt in vielerlei Hinsicht noch ihrer Umsetzung. Das mag verschiedene Gründe haben, die uns allerdings nicht dazu verleiten dürfen, zu übersehen, was der Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit, also in Gegenwart und Zukunft, geschenkt worden ist. Es sind großartige Glaubenszeugen, deren Vermächtnis heute mitunter zu verblassen oder zu vergessen droht. 

Wenn wir uns in unserer heutigen Situation im Erzbistum Hamburg mit Sendung und Sammlung auf neue Wege des Glaubens begeben, sollten wir nicht den Fehler begehen, die entscheidenden Fingerzeige großer Glaubenszeugnisse zu übersehen. Im ausgehenden 20. Jahrhundert waren es weit- und umsichtige, einfühlsame Theologen, die aus ihrem reichen spirituellen Schatz der Kirche gewisse Meilensteine mit auf den Weg gaben. 

Hans Urs von Balthasar (1905-1988) gab in einem großen Interview mit Angelo Scola am Ende seines Lebens auf die Frage, wie denn der wesentliche Kern des Christentums heutigen Menschen nahegebracht werden kann, jene Antwort, die an Gültigkeit und Aktualität nichts eingebüßt hat: 

„Ich denke doch vor allem dadurch, dass man die Leute mit dem unverkürzten Evangelium konfrontiert… Eine andere Antwort auf die wesentlichen Fragen der Menschen als die christliche gibt es nicht. Wir finden immer wieder zum gleichen Punkt zurück: die Menschen müssen die Unvergleichlichkeit des Evangeliums mit allem, was ihnen sonst noch in der Welt begegnen mag, erkennen. In der ganzen Weltgeschichte gibt es nichts mit Jesus Christus Analoges, und es wird auch nie etwas derartiges geben: einen Menschen, der ohne Überheblichkeit mit der Autorität Gottes redet und handelt. >> Man hat euch gesagt, Ich aber sage euch. <<Dieses Ich hat das Gewicht der Stimme Jahwes. Und es geht nicht um bloße Reden; Jesu ganze Existenz, sein Arbeiterleben, seine Verkündigung, sein Tod, seine Auferstehung: alles an ihm ist Auslegung Gottes.“ (Hans Urs von Balthasar „Prüfet alles, das Gute behaltet“ 1986, 42)

Wir können diese Antwort, die vielleicht einer gewissen ‚irritationsfesten Identität‘, entspricht, und die besonders dann hilfreich ist, wenn ‚alles zu schwimmen und zu schwanken scheint‘, die Aussage von Karl Rahner (1904-1984) an die Seite stellen, um anschaulich zu machen, wie -ergänzend – eine ‚dialogische Identität“ aussehen kann, die heute zwingend erforderlich ist, um „missionarisch Kirche zu sein.“ Karl Rahner stellt sich im großen Interview des ZDF bei „Zeugen des Jahrhunderts“ der Frage nach der Kirche der Zukunft: 

„…wie stelle ich mir die Kirche in der Zukunft vor, dann würde ich sagen, ich möchte und wünsche und erwarte eine Kirche von einer – möchte ich sagen – außerordentlich starken Spiritualität, einer stärkeren Frömmigkeit, eine Kirche des Gebetes, eine Kirche, die Gott die Ehre gibt und die nicht meint, Gott ist für uns da, sondern davon überzeugt auch in Theorie und Praxis ist, dass wir Gott anzubeten haben, dass wir ihn um seiner selbst und nicht nur um unseretwillen zu lieben haben. (122)

„Ich würde sagen, über alle möglichen materiellen, biologischen auch geistigen Evolutionen hinaus…habe ich die Hoffnung des ewigen Lebens… Aber dass der absolute, unendlich heilige, unendlich gute Gott sich selber mir als meine Zukunft verheißen hat, das weiß ich durch die Botschaft des Christentums, das nehme ich Jesus ab.“ (125) (Karl Rahner „Erinnerungen“, 1984 – Die eingeklammerten Zahlen geben die Seitenzahlen an.)

Es sind diese einfachen, eindringlichen Worte des Glaubens, die davon sprechen, dass buchstäblich alles davon abhängt, ob und wie wir „Gott die Ehre geben“. Es sind diese ‚spirituellen Testamente‘ die von großen Menschen der Kirche ihr als Vermächtnis hinterlassen wurden. Nach einem Leben in Wissenschaft und Seelsorge fanden die beiden Großen der Katholischen Theologie des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar einprägsame „Kurzformeln“ des Glaubens, die – ohne zu vereinfachen – den Kern des Glaubens offenlegen. Die die „Fülle des Glaubens“ ebenso vermitteln wie sie eine „Rechenschaft des Glaubens ermöglichen.  Die den Kern des Glaubens deshalb offenlegen, um ihn weiterzugeben. An die nächsten Generationen und „bis an die Enden der Erde“. Auch im Zeitalter von KI, Digitalisierung und Automatisierung, bleibt die Botschaft höchst aktuell, dass Gott selbst – ER SELBST – sich als unsere Zukunft, ja als Zukunft der ganzen Schöpfung uns zugesagt hat in dem Mann aus Nazareth. „Das nehme ich Jesus ab“ – darum geht es im Allerletzten, wenn es um CHRISTSEIN geht – in Wort und Tat!

Und wie erfolgt diese Weitergabe jenes Schatzes, den wir nur „in irdenen Gefäßen tragen“? Heute, wo fast alles in Frage zu stehen scheint, im Zeitalter von Verschwörungsmythen und Fake News, in dem die Wahrheit und auch die Suche nach der Wahrheit Gefahr laufen, ‚unter die Räder zu kommen“, gibt Eugen Drewermann (geb. 1940) einen ebenso verblüffend einfachen wie hilfreichen Hinweis, der einer ‚soziologischen Kurzformel‘ von Kirche-Sein gleichkommt. Nach vielen kritischen Aussagen zur Institution Kirche, die ja nach eigenem Bekunden immer eine Ecclesia semper reformanda ist, kommt Drewermann zu einem erstaunlich simplen und einprägsamen ‚Rezept‘ für die Kirche von heute und morgen: 

„Es ist mehr denn dringend notwendig, den Glauben in kleinen Gemeinschaften zu leben… Wo jedoch Menschen einander begegnen in ihrer Brüchigkeit, in ihrer Bereitschaft, zu verstehen und zu begleiten, da wird konkret, was Jesus gemeint hat.“ (Eugen Drewermann „Die Stunde des Jeremia“, 2020, 181)

Vom Glauben inmitten der Welt – Sendung und Sammlung

Das veranlasst mich nicht nur an ein noch heute bedeutsames Taschenbuch von Karl Rahner aus dem Jahre 1961 (!) zu erinnern, indem – so scheint es mir – viele Fragen von heute schon intensiv bedacht wurden. Sondern auch und vor allem auf Impulse des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße aufmerksam zu machen, die in dieselbe Richtung weisen. In seinen Hirtenworten zum Fest des Hl. Ansgar gab und gibt der Erzbischof seiner Ortskirche in den vergangenen Jahren wichtige Impulse mit auf den Weg. Impulse, die längst noch nicht hinreichend eingelöst worden sind. Ich erinnere nur an folgende ‚Meilensteine‘: 

„Ich begreife unsere Kirche als dienende Gemeinschaft…Eine karitative Haltung ist für mich wesentlich und zukunftsweisend. In der Pastoral unseres Erzbistums und unserer Pfarreien muss Caritas an Bedeutung gewinnen.“  

„Längst ist die Kirche kein großer und stolzer Luxusdampfer mehr. Im Gegenteil, das Schiff der Kirche hat viele Lecks und kräftig Schlagseite…“  

„In diesem Bild der kleinen Schiffe deutet sich für mich etwas Neues an, eine neue Gestalt von Kirche…Wenn unsere Kirche immer mehr den Barkassen ähnelt, so wirkt dies nur auf den ersten Blick wie ein Abstieg. Diese Boote sind aber viel näher an dem kleinen Boot dran, in dem Jesus mit seinen Jüngern auf dem See Genezareth gesessen hat. Kleine Boote sind…wendiger und schneller zu manövrieren. Kleine Boote bedeuten, dass mehr Menschen Verantwortung übernehmen und sich zuständig fühlen…Kleine Boote bedeuten auch eine größere Nähe im Miteinander, wenn auch im kleineren Kreis.“ 

„Wenn es in ihrer Nähe kein Angebot gibt, seien Sie mutig und machen den ersten Schritt, indem Sie z.B. eine Gebetszeit in der Pfarrkirche anbieten, einen Lesekreis zu theologischer oder geistlicher Literatur ins Leben rufen oder woanders aufsuchen. Es wäre ein großes Hoffnungszeichen, wenn wir…die Stärke unserer Hoffnung … zur Entfaltung bringen, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen, sie ins Wort zu bringen, sie auszudrücken.“ 

„Kleine Boote bedeuten auch eine größere Nähe im Miteinander, wenn auch im kleineren Kreis.“ 

Für mich sind diese Worte nicht nur Vermächtnis, nicht nur Aufforderung, sondern vor allem auch Ermutigung für den Weg der Kirche in die Zukunft.  Ich möchte darum diese Impulse ergänzen durch ein kleines ‚Schlaglicht‘, dem ich einen Vorschlag hinzufüge. 

Einmal im Monat, immer am ersten Sonntag, gestalte ich – abwechselnd mit einer Kollegin – auf einem Dorf nahe bei Schwerin, eine Wortgottesfeier mit Kommunionausteilung. Wir sind am Abend vorher in der Eucharistiefeier der Propstei zum Kommuniondienst eingeteilt und nehmen von dort die Kommunion mit in die Wortgottesfeier. Früher hätte man gesagt, wir fahren auf die ‚Außenstation‘. Mittlerweile versammelt sich dort – übrigens im evangelischen Gemeindehaus – ein fester Kern von ca. 13-15 Personen. Sicherlich könnten einige von ihnen auch am Sonntag zur Eucharistiefeier in die Propsteikirche fahren. Doch um jenen, die wegen ihres Alters oder aus anderen Gründen verhindert sind, an der sonntäglichen Eucharistiefeier teilzunehmen, die Wirklichkeit einer lebendigen Gemeinde zu ermöglichen, bleiben sie an diesem Sonntag der Eucharistiefeier fern, um an der Wortgottesfeier teilzunehmen. 

Es hat sich zudem als Brauch ‚eingebürgert‘, dass im Anschluss an die Wortgottesfeier immer im Haus eines Gemeindemitglieds ein opulentes Frühstück eingenommen wird. Frau und Herr S. sind wunderbare Gastgeberinnen und Gastgeber. Jede und jeder Einzelne bringt etwas mit, meistens Gebackenes, Gebratenes oder selbstgemachte Marmelade. In diesem gastlichen Haus wird ausgiebig miteinander gesprochen und sich ausgetauscht; die neuesten Erlebnisse und Begebenheiten werden sich gegenseitig mitgeteilt, die nächsten Tage und Wochen besprochen. 

Es ist ein Geschenk und eine beglückende Erfahrung zugleich, wie AGAPE realistisch erlebt und gestaltet wird. Jede und jeder ist herzlich willkommen; zumeist werden auch die Texte des Sonntags und die Ansprache im Nachgang erörtert, so dass im Anschluss an den Gottesdienst – neben all dem Gemütlichen und Herzhaften – auch eine ‚dialogische Glaubensvermittlung‘ und – im besten Sinn des Wortes – Ermutigung und Stärkung im Glauben stattfindet. 

Das veranlasst mich zu folgendem Vorschlag, der sicherlich auch Auswirkungen haben kann auf die Umsetzung konkreter Vollzüge im Rahmen des Pastoralkonzeptes „Sendung und Sammlung. Auch und besonders in den regionalen Weiten und den oft personell ‚ausgedünnten‘ Gemeinden und Pfarreien unseres Erzbistums Hamburg.

Ich plädiere dafür, dass in einem der nächsten Hirtenworte das Bild der „kleinen Boote“ weiter konkretisiert wird. Vielleicht mit dieser oder einer ähnlichen Formulierung, die Bezug nimmt auf kirchliches Leben in kleinen Gemeinschaften vor Ort: 

Die Teilnahme an einer sonntäglichen Wortgottesfeier ist grundsätzlich als Teilhabe an der Eucharistie der Kirche zu verstehen. Besonders dann, wenn dadurch Älteren, Kranken oder behinderten Menschen die Erfahrung von Gemeinde vor Ort ermöglicht wird, die sich zum sonntäglichen Gottesdienst versammelt, um Gott zu loben, zu bitten und IHM die Ehre zu erweisen. 

„Geheime Spiritualität“

„Kirche in der Welt von heute“ (II. Vatikanum) wird sich nicht allein in der Sammlung bewähren. So wichtig sie ist für die Selbstvergewisserung und Stärkung im Glauben – bei den Menschen ‚vor Ort‘ zu sein, vor allem auch bei den Fragenden, Suchenden und Ratlosen – das ist Sendung. Und sie ist ‚immer schon‘ getragen von einer „geheimen Spiritualität“ des Heiligen Geistes, dessen machtvolles Wirken – auch, wenn es mitunter nicht so vordergründig wahrgenommen wird – wir am Heiligen Pfingstfest feiern. 

„Wo lassen wir uns darüber belehren, dass alles gesellschaftskritische und gesellschaftspolitische Engagement, das heute als Kampf für mehr Freiheit und Gerechtigkeit heilige Pflicht der Christen und der Kirche ist, eine geheime Spiritualität in sich birgt oder bergen müsste, weil es für den Christen herauswächst aus jener innersten, absoluten Verpflichtung, die den Menschen vor Gott stellt, ob er dies reflektiert oder nicht?“ (Karl Rahner, Strukturwandel, 91)

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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