„Wochenimpuls 2026-23“
Teil 1
Den Menschen in den Kriegsgebieten – ob in der Ukraine, im Sudan, im Jemen – überall auf diesem Globus -, ist nicht nach „Tanz in den Mai“ zumute. Auch wenn uns heute der Sinn nach Feiern und Frohsinn steht, sollten wir diese Welt voller Tragik und Unheil nicht gänzlich aus dem Blick verlieren. Für viele war Reinhold Schneider in den verheerenden Jahren des zweiten Weltkrieges ein aufrichtiger Tröster geworden. Und er litt, wie kaum ein anderer daran, dass er in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts miterleben musste, dass offensichtlich die Lehre des Krieges, dass es keine Lösung von Problemen mit Waffengewalt gibt und geben kann, schlicht ignoriert wurde. In unserer Zeit – ich lese gerade das Buch „Das Versagen“ – scheint es, als werden alle Gewissheiten in Frage gestellt, als werden alle Plausibilitäten irritiert. Nichts scheint mehr zu gelten. Das, was dort zu lesen ist, verschlägt einem die Sprache und lässt uns ratlos mit der Frage zurück: Ist in der Politik alles nur ein Spiel? Ein Spiel um Macht und Geld und Einfluss? Ein Spiel, das mit härtesten Bandagen gespielt zu werden scheint – während man lächelnd in die Kameras schaut und Friedensbeteuerungen in die Mikrofone säuselt? Da werden sämtliche Maßstäbe buchstäblich ‚auf den Kopf gestellt‘: Nicht mehr der Aggressor soll zahlen, sondern der Überfallene. Nur damit die ‚Bundesgenossen‘ weiterhin ihre Geschäfte miteinander machen können. Von ‚Kompromissen‘ ist permanent die Rede. Gemeint sind einseitige Zugeständnisse! Und nicht etwa auf Seiten des Angreifers. Nein, auf Seiten des Opfers! Die Frage stellt sich: Wo bleibt der Aufschrei?! Wo bleiben Protest und Solidarität?
Auf der Banderole des o.g. Buches wird ein bekannter Politiker zitiert mit den Worten: „Wir wollten es nicht sehen.“ Wie wahr!
Teil 2
Der große Tröster und Mahner Reinhold Schneider konnte seinerzeit nicht schweigen. Sein letztes Buch „Winter in Wien“ (1958) ist eine einzige Klage und Anklage. Auch Gott gegenüber. „Ich kann nicht mehr Vater sagen!“ Es ist ein Buch voller Bilder und Diagnosen, die auch heute nichts von ihrer Kraft und Klarheit eingebüßt haben.
„Die Konferenzen auf höchster Ebene – Topkonferenzen – sind ohne jede Gefahr: die Partner reichen einander die Hand unterm Tisch; ein jeder verlangt, was der andere nicht gibt; das bedeutet, dass ein jeder behält, was er hat – das Klima, das die Blitze aushecken wird, ist gesichert -, und die Regierungen können ihre Völker ihrer friedlichen Bestrebungen vertrösten. Es ist einfach: Man sieht durch fehlerloses Glas, keiner spielt die Karte aus, die der andere nicht ausstechen wird. Das ist streng befolgte Konvention im Vorspiel der Katastrophe.“ 1
„Und wie steht es um uns? Ich sehe Jugend, die sich nicht die geringste Mühe gibt, etwas beizutragen. Sie glaubt der Welt ein Geschenk zu machen durch ihr Vorhandensein. Dass eine jede Existenz sich keineswegs von selbst versteht, dass sie sich ausweisen muss, ehe sie fordert, wird nicht mehr zur Kenntnis genommen.“ 2
Das ist weder Pessimismus noch Resignation. Es ist der Realismus und die Stimme eines Propheten. Möge er doch – endlich! – heute mehr Gehör finden!
- Reinhold Scheider „Winter in Wien“, Freiburg-Basel-Wien 1963, S. 233 ↩︎
- Reinhold Scheider „Winter in Wien“, Freiburg-Basel-Wien 1963, S. 184 ↩︎