Das Märchen vom Hasen und Igel
Die Überschrift lehnt sich an einen Buchtitel an aus dem Jahre 1998 an. Er steht über einem Gespräch, das ein hoher Kirchenmann – Carlo Maria Martini, Kardinal und Erzbischof von Mailand – mit einem weltbekannten Autor – u.a. bekannt durch „Der Name der Rose“ – Umberto Eco führte. Dieser Titel ist zugleich eine unbewiesene Behauptung, denn sie setzt stillschweigend voraus, dass derjenige, der sagt, dass er nicht glaubt, in Wirklichkeit doch glaubt. Wenngleich nicht klar ist, was und woran geglaubt wird. Diese stillschweigende Voraussetzung oder Vereinnahmung – es kommt auf das Gleiche heraus – erinnert mich an einen anderen Buchtitel. „Was fehlt, wenn Gott fehlt?“ Der Theologe Jan Heiner Tück fungiert als Herausgeber einer Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Martin Walser und dessen Überlegungen zum theologischen Thema der Rechtfertigung. Demzufolge lautet der Untertitel auch „Martin Walser über Rechtfertigung – theologische Erwiderungen.“ Doch in dem Titel: „Was fehlt, wenn Gott fehlt“ wird ebenfalls stillschweigend vorausgesetzt, dass – wenn Gott fehlt – etwas fehlt, etwas fehlen muss. Sonst hätte diese Frage gar keinen Sinn. Doch wer sagt das, dass etwas fehlt, wenn Gott fehlt?
Warum unterstellt man einem Nichtglaubenden, dass er – entgegen seiner Selbsteinschätzung – doch letztlich ein Glaubender ist? Wird möglicherweise hier ein ‚geistiger Salto mortale‘ vollzogen, um am Ende – ähnlich wie beim Märchen vom Hasen und Igel – immer schon der Sieger zu sein? Denn – um zunächst im Märchen zu bleiben – man ist ja immer schon im Ziel angekommen, weil zwar am Anfang des Wettrennens ein Igel loslief, um sich mit dem schnellen Hasen ein Rennen zu liefern – um sich dann aber ‚in die Büsche zu schlagen‘, wohl wissend, dass Frau Igel im Ziel schon auf den sich abhetzenden Hasen wartete, der gar nicht mitbekam, dass ‚Herr Igel‘ längst aufgegeben hatte, während er nur allein weiterlief, und lief und lief, und sich dabei so verausgabte, dass er am Ziel angekommen, derart erschöpft war, dass er nicht mehr erkennen konnte, dass er von den beiden Igeln getäuscht worden war.
‚Herr Igel‘ konnte sich den Lauf ersparen, weil er wusste, dass ‚Frau Igel‘, die der Hase nicht von ihm unterscheiden konnte – im Ziel schon auf den sich abhetzenden Hasen mit dem Ruf wartete: „Ick bün all hier.“
„Wir erleben heute nur, dass man von Gott sich kein Bild machen kann, das aus dem Holz der Welt geschnitzt ist.“
Ich denke, wir müssen behutsamer sein im Umgang mit ‚Andersdenkenden‘. Schon dieser Terminus ist ja insofern eine pure Behauptung, weil von vornherein unterstellt wird, dass Menschen, die nicht in die Kirche gehen oder sich gegen den Glauben aussprechen, anders oder Anderes glauben als wir. Weiß man das wirklich so genau? Wie sieht denn die Tiefendimension des eigenen Glaubens aus oder auch des bekenntnishaften kirchlichen Glaubens, wenn man die ‚Vorhänge‘ der Bekenntnisse einmal ein wenig hochhebt? Was ist darunter oder dahinter? Ist das wirklich alles so ganz ‚anders‘, als es uns unsere Zeitgenossen vormachen oder was auch in und durch andere Weltreligionen gelebt und gedacht wird? Sehr zu bedenken ist die Aussage eines Geistlichen, der äußerte, dass er – gerade auch zu Ostern – mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen ist, die den Glauben gar nicht (mehr?) in Frage stellten, sondern einfach bekundeten:
„Ich spüre und erlebe nichts. Wo ist ER denn? Ich sehe und erkenne IHN nicht. Und eigentlich fehlt mir auch nichts.“
Es ist diese, unsere Wirklichkeit, die oftmals Erstaunen ebenso auslöst wie stummen oder lauten Protest, Resignation oder Zuspruch. „WO IST ER DENN?“ Vor allem angesichts all der Gräuel und Gewalttaten. Da soll man noch von einem ‚liebenden Gott‘ sprechen?
Wie geht man mit dieser existentiellen Frage um? Tröstend in einem gewissen Sinne ist zunächst die Auskunft, dass diese Frage überhaupt keinen Anspruch auf Originalität und Neuheit erheben kann. Denn bereits vor über 70 (!) Jahren konstatierte Karl Rahner (1904-1984):
„Es hat gegen Ende des 18. und im 19. Jahrhundert einen theoretischen und praktische Atheismus gegeben, der wirklich so sträflich naiv und schuldhaft oberflächlich war, dass er behauptete, er wisse, es gebe keinen Gott… Etwas anderes ist es mit dem ‚bekümmerten Atheismus‘, wenn wir das Phänomen, das wir im Auge haben, einmal so nennen wollen. Das Erschrecken über die Abwesenheit Gottes in der Welt, das Gefühl das Göttliche nicht mehr realisieren zu können, das Bestürztsein über das Schweigen Gottes, über das Sichverschließen Gottes in seine eigene Unnahbarkeit, über das sinnleere Profanwerden der Welt, über die augen- und antlitzlose Sachhaftigkeit der Gesetze der Welt bis dorthin, wo es doch nicht mehr um die Natur, sondern um den Menschen geht – diese Erfahrung, die meint, sie müsse sich selbst als Atheismus interpretieren, ist eine echte Erfahrung tiefster Existenz…mit der das vulgäre Denken und Reden des Christentums noch lange nicht fertig geworden ist…Wir erleben heute nur, dass man von Gott sich kein Bild machen kann, das aus dem Holz der Welt geschnitzt ist.“ (Karl Rahner „Wissenschaft als Konfession“ in „Schriften zur Theologie“, III, 460 -462)
Diese Frage ist nicht nur nicht neu. Auch die Weigerung, sich mit ihr überhaupt abzugeben, weil anscheinend ja nichts fehlt, wenn ER fehlt, bedarf nicht nur der Kenntnisnahme, sondern auch und vor allem einer behutsamen Einordnung. Der bereits 1958 verstorbene Schriftsteller Reinhold Schneider (1903-1958) setzte sich mit diesem ‚Befund‘ in einer Weise auseinander, die ich noch heute für beispielgebend und zukunftsweisend halte:
„Auch dürfen wir die Worte der Menschen in dieser Frage nur selten wörtlich nehmen. Welcher Gottesleugner hat sich bis ins Herz erforscht? Welcher Feind der Religion birgt nicht in der geheimsten Kammer seines Innern eine Art Ehrfurcht oder wenigstens Furcht vor einer Macht – oder gar ein heiliges Bild? Und das wäre denn unser Anliegen an die Feinde der Religion: sich wirklich durch und durch zu prüfen und zu fragen, ob sie dem Nichts festen Blickes entgegensehen und wirklich keine Macht erkennen, als die der Menschen oder die Gewalten der Natur. Wie leicht könnte es sein, dass sie doch von Kräften leben, die sie öffentlich leugnen, dass sie kämpfen, während sie gebunden sind, dass eine geheime Lüge den Grund ihrer Existenz ausmacht…Wo Zweifel ist an Gott, da ist schon die Anerkenntnis seines Daseins; denn der Zweifel kann nur arbeiten an einer Realität, ankämpfen gegen einen Widerstand; wo irgendein Bangen ist, eine Scheu vor einer Macht, da kann von unbedingter Verneinung nicht gesprochen werden… Hass auf Gott, wenn er wirklich möglich ist, erkennt Gott an… “ (Reinhold Schneider „Erfüllte Einsamkeit“, 1963, 180 ff)
Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. (1927-2022) drückt diesen Gedanken von Reinhold Schneider ähnlich aus, indem er die Identifikation des Gewissens mit dem ‚Oberflächenbewusstsein‘ ablehnt und dringend rät, tiefer zu graben, um aus der Gefangenschaft innerhalb der eigenen Subjektivität herauszukommen:
„Die Identifikation des Gewissens mit dem Oberflächenbewusstsein und die Reduktion des Menschen auf seine Subjektivität befreit nicht, sondern versklavt; sie macht uns erst vollends abhängig von den herrschenden Meinungen und erniedrigt das Niveau der herrschenden Meinungen selbst von Tag zu Tag. Wer das Gewissen mit oberflächlicher Überzeugtheit gleichsetzt, identifiziert es mit einer schein – rationalen Sicherheit, die aus Selbstgerechtigkeit, Konformismus und Trägheit gewoben ist. Das Gewissen wird zum Entschuldigungsmechanismus degradiert, während es doch die Transparenz des Subjekts für das Göttliche und so die eigentliche Würde und Größe des Menschen darstellt. Die Reduktion des Gewissens auf subjektive Gewissheit bedeutet zugleich den Entzug der Wahrheit…Gewiss, dem irrenden Gewissen muss man folgen. Aber der Entzug der Wahrheit, der vorausgegangen ist und der sich nun rächt, ist die eigentliche Schuld, die den Menschen in falsche Sicherheit wiegt und ihn am Schluss in der weglosen Wüste allein lässt.“ (Joseph Ratzinger „Wahrheit, Werte, Macht, Frankfurt, 1999, 39)
Hier, an dieser ‚Grenzscheide‘, scheint es einen großen Konsens bei Denkern zu geben, die ansonsten sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen. In seinem Dostojewski – Buch schreibt Eugen Drewermann (geb. 1940) gleich zu Beginn:
„Von nichts anderem wirklich kann ein Mensch leben als von dem Vertrauen, trotz allem umfangen zu sein von etwas, das er nicht kennt noch beweisen kann und das ihn dennoch besser kennt als er sich selbst und das ihn doch als berechtigt erweist inmitten einer Welt sonst unauflösbarer Widersprüche.“ (Eugen Drewermann „Dass auch der Allerniedrigste mein Bruder sei“, S. 7)
Und in seinem Long – und Bestseller „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ kommt Karl Rahner zu einer ganz ähnlichen Aussage wie Eugen Drewermann, wenn er jene Aussage des II. Vatikanums, dass Gott das Heil aller Menschen will und dass sein allgemeiner Heilswille ein wirksamer Heilswille ist und nicht nur ein Gedankenkonstrukt, bis in letzte Tiefen ‚durchbuchstabiert‘:
„Wenn alle Versuche, das einzig Wichtige… aus dem Grund des Herzens auszugraben, gescheitert sind und es immer wieder am Ende sich herausstellt, dass das Gefundene – der Mensch ist, der sich auf die Dauer nicht anbeten kann, weil dieser Gott doch zu armselig ist, dann sagt das Wort Gottes… Zutiefst in den Abgründen des Menschen lebt … Gott… wirklich Er selbst, …jene Unendlichkeit, (diens sowohl befreit von der versklavenden Gewalt der menschlichen Seelenmächte ( die, in sich endlich, uns in ihrer hungernden Unersättlichkeit eine Unendlichkeit nur vorlügen) als auch erhebt über die im letzten doch kümmerlichen Maße eines harmonischen Humanismus, in dem alles so geformt wird, dass es enge wird, erhebt auch über die einzige Unendlichkeit, die ein Mensch mit ein bisschen Schein von Wahrheit für sich in Anspruch nehmen kann: Die Unendlichkeit seiner Ohnmacht und seiner Endlichkeit.“ (Karl Rahner „SW 7, 53 f)
„Welcher Gott ist dir eigentlich in dieser Leere des Herzens fern?“
Es darf und es soll allerdings hier nicht der Anschein erweckt werden, als ob die Aussagen von Menschen, dass sie ganz gut ohne Gott leben (können), nicht so ganz ernstgenommen werden. Das Gegenteil ist der Fall! Allerdings bedürfen diese Stellungnahmen bzw. Aussagen einer Einordnung, einer Perspektive, wie sie Karl Rahner tatsächlich schon vor über 70 Jahren gab und die bis heute an Aktualität nichts verloren hat:
„Es hat den Anschein, dass die abendländische Menschheit von heute mehr als die Menschen früherer Zeiten in dem purgatorio dieser Gottesferne sühnend reifen müsse. Wenn es im Schicksalsgang des einzelnen neben dem seligen Tag des nahen Gottes Nächte der Sinne und des Geistes gibt, in denen die Unendlichkeit des lebendigen Gottes dem Menschen dadurch näher kommt, dass er ferner und unnahbarer erscheint, warum sollten solche Gezeiten nicht auch im Schicksalsgang der Völker und Kontinente erfahren werden, irgendwie und in irgend einem Maße das heilige Los aller werden?…Der erklärte Atheismus der Theorie und der Praxis vieler wäre, von da aus gesehen, dann aus christlicher Sicht nur die falsche, weil ungeduldige und vermessene Reaktion auf einen solchen Vorgang, er wäre reaktionär im eigentlichen Sinn: Er hielt am kindlichen Erlebnis des nahen Gottes als Forderung und Bedingung anbetender Anerkennung fest…Der Atheismus unserer Tage wäre also das eigensinnige Sich-Sperren dagegen, im nächtigen purgatorio eines verschütteten Herzens zu reifen für den Gott, der immer größer ist, als ihn der Tag zuvor gedacht und geliebt…Welcher Gott ist dir eigentlich in dieser Leere des Herzens fern? Nicht der wahre und lebendige Gott; denn dieser ist ja gerade der Unbegreifliche, der Namenlose, damit er wirklich der Gott deines maßlosen Herzens sein kann. Fern ist dir nur geworden ein Gott, den es nicht gibt, ein begreiflicher Gott, ein Gott der kleinen Gedanken und billig anspruchslosen Gefühle… ein sehr ehrwürdiger – Götze…es wird dir in Wahrheit nur das Endliche und Nichtige genommen, und mag es noch so wunderbar und groß gewesen sein, und mag es – Du selber sein.“ (Karl Rahner „Kleines Kirchenjahr“, 1953, 62-64)
Beruhigter Agnostizismus?
Natürlich kann auch diese Frage: „Welcher Gott ist dir eigentlich in dieser Leere des Herzens fern?“ als ein ‚kluger Schachzug‘ verdächtigt werden, dass mit ihm der tatsächliche ‚Tod Gottes‘, der nicht nur im Herzen der Menschen stattfindet, sondern sich Ausdruck schafft in Belanglosigkeit und Wirkungslosigkeit, nur kaschiert werden soll. Doch geht das wirklich? Und geht das immer? Rahner stellt sich diesem Einwand, indem er darauf aufmerksam macht, was in Wirklichkeit oft hinter unterschiedlichsten Phänomenen individuellen und kollektiven Lebens steht:
„Man kann natürlich eine solche Philosophie hier unerfüllbarer Transzendentalität als uninteressante Phantasterei abtun…diese unerfüllte Transzendentalität bleibt doch, auch wenn sie verdrängt wird; sie ist am Werk hinter zahllosen Phänomenen des individuellen und kollektiven Lebens, in der Langeweile, deren Nebel alles bunt Konkrete verschluckt, in der gereizten Aggressivität gegen die Gegenwart, die einem unerträglich unvollkommen vorkommt, so dass man ihr in eine utopische Zukunft geträumter Art zu entfliehen sucht; in Psychotechniken der Flucht aus einer Welt, die einem zu eng und trostlos zu sein scheint ( eigentlich ja mit Recht); in dem Versuch, das endlich Angenehme oder endlich Bedeutsame in raffiniertem Genuss oder einer Ideologie so zu steigern oder zu übersteigern, dass das Phänomen der Endlichkeit all dieser übersteigerten Wirklichkeiten nicht mehr erfahren wird; in dem Versuch, im radikal Bösen einer Unendlichkeit habhaft zu werden, die einem das immer nur endlich verwirklichte Gut nicht gibt; und so fort“ (Karl Rahner – „Rechenschaft des Glaubens“, 26 f)
Mir einer ähnlichen Offenheit und Sensibilität für den Dialog wie Rahner argumentiert auch Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. Er mahnt allerdings Haltungen an in Bezug auf einen „beruhigten Agnostizismus“, den er als Gefahr ausmacht, die Unausweichlichkeit der Gottesfrage aus dem Blick zu verlieren:
„Mit alledem zeigen sich uns nun jene Haltungen, die wir einem in sich beruhigten Agnostizismus entgegensetzen müssen, weil nur sie der Unausweichlichkeit der Gottesfrage gemäß sind: Wachheit für die tieferen Dimensionen des Wirklichen; Fragen nach dem Ganzen unserer menschlichen Existenz und der Wirklichkeit überhaupt; Demut vor der Größe der Wahrheit und Bereitschaft, sich von und für sie reinigen zu lassen.“ (Joseph Ratzinger, „Auf Christus schauen. Einübung in Glauben, Hoffnung und Liebe“, 24f)
Hans Urs von Balthasar (1905-1988) ist hier allerdings weniger empathisch und sensibel als Karl Rahner und Joseph Ratzinger. Allerdings fordert er auch im Gespräch mit den Weltreligionen grundsätzliche Toleranz, weil es zwischen ihnen eine tiefe Gemeinsamkeit gibt.
„Das (westliche) Nicht-mehr-Stellen der Frage nach Gott ist ein Erschlaffungsphänomen, das seine eigene Gültigkeit widerlegt. Der religiöse Sinn in der Natur des Menschen kann eingeschläfert, aber niemals ausgerottet werden. Weil die großen Religionen ihn alle besitzen und lebendig erhalten, alle nach dem göttlichen Sinngrund des Daseins Ausschau halten, besitzen sie eine tiefe Gemeinsamkeit, weshalb unter ihnen grundsätzlich Toleranz zu walten hat… (Hans Urs von Balthasar „Das Christentum und die Weltreligionen – Ein Durchblick, Freiburg 1989, S.14 f)
Karl Rahner, dessen Theologie in seinem geistlichen Schrifttum nicht nur Tiefe und sprachliche Schönheit zu entfalten vermag, sondern vor allem auch einfacher (ohne zu vereinfachen; allerdings ohne die langen Schachtelsätze und das Eingehen auf diverse Einwände) zu verstehen ist, konfrontiert in seinem „Kleinen Kirchenjahr“ aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts einen „beruhigten Agnostizismus“ mit folgender Einsicht:
„Man könnte einmal das ganze Christentum auf die Formel bringen: Es ist der Glaube, in dem Gott den Hochmut des Menschen so übertrumpft, dass die ärgste Einbildung des Menschen von seinem eigenen Wert zu sündhaftem Kleinglauben und fast tierischer Bescheidenheit degradiert wird…Denn was heißt: Menschwerdung, Gnade und Glorie schließlich anders als: Der Mensch kann es (und sich selber nur so) aushalten, mitten in Gott zu sein…“ (Karl Rahner „Kleines Kirchenjahr“, 97)
Die Frage bleibt, ob und wie das Gespräch mit einem „beruhigten Agnostizismus“ gelingen kann, denn, so Hans Urs von Balthasar:
„Ob das Christentum der heutigen…Menschheit sich als die Antwort Gottes auf ihre neuen, noch nie so gehörten Fragen glaubhaft machen kann, wird entscheidend von der Tiefe abhängen, in der die Christen ihre christliche Wahrheit verstehen, leben und lieben.“ (Hans Urs von Balthasar, Gottesfrage, 1956, S. 222)
Gerade hier, im fairen und offenen Gespräch und im solidarischen Miteinander entscheidet sich die „Kirche in der Welt von heute“. Darum gibt es in der Heilsfrage auch
„keinen absoluten Individualismus. Auch hierin sind wir mitgetragen von der Entscheidung der anderen und deren Folgen.“ (Karl Rahner-Herbert Vorgrimler „Kleines Theologisches Wörterbuch“, 1961, 317)
Immer geht es dabei auch um „intellektuelle Redlichkeit“, auch und besonders im Glauben! Darum wird jeder „beruhigte Agnostizismus“, wenn er seine Komfort- Zone der Ruhe verlässt, jener ‚Grenzfrage‘ Rahners nicht ausweichen können, mit der er seine Glaubensentscheidung für sich letztgültig formuliert:
„Wenn das Christentum die mit absolutem Optimismus geschehende Inbesitznahme des Geheimnisses des Menschen ist, welchen Grund sollte ich dann haben, kein Christ zu sein?“ (Karl Rahner, „Schriften“ V, S. 16)
Dabei darf nicht einem engen und rechthaberischen Verhältnis des Christen zu seiner Um – und Mitwelt das Wort geredet werden. Wohl aber sollte mit christlichem (Heils)- Optimismus all jenen begegnet werden, die die Erfahrung machen, ohne Gott und Glauben im Leben auskommen zu können. Nikolaus Schwerdtfeger (geb. 1948) schreibt deshalb auch – unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Karl Rahner:
„So zeichnen sich… die Umrisse eines wahrhaft christlichen Verhältnisses zur Welt ab. Es weist sich weder durch eine utopistische Welttrunkenheit aus, die das Skandalon des Kreuzes ausklammert, noch durch eine resignierende oder verzweifelte Flucht vor der Welt, die ihre schon begonnene Verklärung in mangelnder Glaubenshoffnung leugnet…. Es schadet nichts, wenn der Christ sich scheinbar kaum von einem nüchtern-tapferen Menschen unterscheidet, der das Leben liebt, ohne sich über es Illusionen zu machen. Denn wenn ein solcher diese illusionslose Liebe zur Welt bis zum bitteren Ende durchträgt und bewahrt, dann ist das Gnade Gottes und er selbst in der Gnade Gottes ein „anonymer Christ“. (Nikolaus Schwerdtfeger „Gnade und Welt“,1982, 296)
Wie geht glauben?
Bleibt schlussendlich die Frage, wie das denn geht – glauben. Bei allem Respekt und bei aller Toleranz dürfen Christen sich unter Bezugnahme auf Gottes Heilswillen nicht zu rasch damit trösten, dass SEIN Heil alle erreicht. So richtig dieser Satz dem Grunde nach ist, so wichtig ist zu betonen, dass Gott die Freiheit des Menschen ernst nimmt. Damit ist seine Gabe auch für uns als Gläubige zugleich eine Aufgabe. Ihr gilt die abschließende Überlegung, die letztlich in eine Mystagogie mündet, in die Einweisung in das liebende, absolute Geheimnis, das uns trägt, das uns umgibt, das uns – auch im Tode – nicht verlässt. So sagt es uns unser Glaube, der unsere Hoffnung trägt und die Liebe nährt. Glauben – wie geht das? Das letzte Wort auf diese Frage hat der betende Karl Rahner:
Bild von AiArtista auf Pixabay„Man kann es eigentlich niemandem vormachen. Man kann niemanden zwingen, die Planke loszulassen, an der der Mensch sich krampfhaft festhält, obwohl er weiß, dass sie ihn nicht retten kann, die Planke der verzweifelten Selbstbehauptung und der sich selbstbehauptenden Verzweiflung…Man kann nur immer wieder sagen: Dein angebliches Nichtkönnen…geht gar nicht in Wahrheit als eine bloße Tatsache deinem Wollen voraus…Warum will dein Knie, deine Hand, dein Mund nicht sprechen, was dein Herz vermeintlich nicht kann? Weil es unredlich wäre? Aber ist es unredlich, so zu tun mit dem Leib, wenn das Herz sich sehnt, zu können, was es vermeintlich noch nicht vermag? Sind wir uns aber nicht einig, dass dein Herz ersehnen soll, was es – wie du sagst – nicht kann, glauben an den Sinn, die Freiheit, das Glück, die Weite, die lichte Wahrheit, an – Gott? Wie könntest du, was in dir ist, ausdrücken mit dem bitteren Wort: Ich kann nicht, ohne zugleich einzugestehen, dass es gut wäre, ersehnt und verpflichtend ist, zu können? Ich meine, es bleibt dabei: Gnade kommt in der Gestalt deiner freien Tat; und es ist nie so, dass du nur warten dürftest. Eines kannst du immer: wenigstens auf den Knien und mit dem Mund in die ohnmächtige, grenzenlose Finsternis deiner toten Herzenswüste hineinrufen, dass du nach Gott verlangst…“ (Karl Rahner, SW 7, S. 47 f)