oder „Wie kann man heute glauben?“
Wenn einer eine Reise tut…
Vor einigen Tagen kamen meine Frau und ich zurück von einer sehr schönen Flug- und Schiffsreise nach Fernost. In diesen Tagen ist solch eine Reise ja durchaus kein risikofreies Unternehmen. Doch wir sind gut in Hongkong angekommen, haben Orte wie Nagasaki oder Shanghai besichtigen können und sind auch wohlbehalten – im wörtlichen Sinne – zu Hause ‚gelandet‘. Was mich am meisten beeindruckt hat, waren vor allem die vielen Menschen mit ihrer freundlichen Art. Neben all den vielen, unübersehbaren Wolkenkratzern mit den hohen und höchsten Türmen, neben Autobahnen, die vierstöckig übereinander angeordnet sind, neben der fast vollständigen Digitalisierung und Automatisierung vielfältiger Vorgänge im Handel und Verkehr, hat mich vor allem die Mentalität der Menschen beeindruckt. Es waren insbesondere die Gelassenheit, die Freundlichkeit und die Zuvorkommenheit, die mir so sehr aufgefallen sind. Buddhismus, Konfuzianismus und Shintoismus haben in Asien nach wie vor prägenden Einfluss. Das zeigt sich auch daran, dass die Tempel und die Ahnenverehrung nicht irgendwo abseitsstehen bzw. stattfinden. Nein, sie gehören in die Mitte. Inmitten all des Trubels sind viele, auch und besonders junge Menschen, im Gebet versunken. Ihre Andacht und ihr Gespräch mit ihren Ahnen sind so lebendig, dass ich aus dem Staunen kaum herauskam. Im Gespräch mit der chinesischen Reiseleiterin bemerkte ich, dass wir in Europa Ähnliches auch kennen mit der Heiligenverehrung. Der Kommentar dieser sehr netten und klugen Frau geht mir noch heute nach. Sie sagte:
„Ja, das stimmt wohl, aber ihr in Europa habt doch alles Religiöse irgendwie“- da zögerte sie und suchte nach dem richtigen Wort und fuhr dann fort – „ich glaube, man sagt das so bei euch, ‚weggesperrt‘, an den Rand und in die Außenbezirke gedrängt.“
Der Glaube kommt vom Hören
Über diese Auskunft habe ich noch lange nachdenken müssen. Ja, wie ist das mit unserer Religion, die ja durchaus heute (wieder) als „Gotteswahn“ (Dawkins) verunglimpft oder als sinnlos und irrelevant angesehen wird. Wie ist das mit unseren Kirchen, denen heute schon wieder in Leserbriefen und Kommentaren empfohlen wird, sich doch auf das ‚Kerngeschäft‘, sprich auf den ausschließlich sakralen Bereich zurückzuziehen und sich doch (endlich!) der Einflussnahme auf gesellschaftliche Prozesse zu enthalten? Wie ist das mit unseren Kirchen, die oft genug ein Spiegelbild der Gesellschaft abgeben und wenig einladend wirken – nicht zunächst mit ihrer Botschaft der Hoffnung und der Liebe – wohl aber mit ihrem ‚Bodenpersonal‘?
Und wie ist es mit der Botschaft des Glaubens selbst inmitten einer Welt, in der alle Gewissheiten zu zerbrechen scheinen, in der man Jesu Botschaft als die eines Mannes spöttisch darstellt, der angesichts der realen Welt sich wohl ins Rauchen von ‚Gras‘ geflüchtet hat oder der mit der Midlife-Crisis nicht richtig fertig wurde.
Es sind Fragen über Fragen, die nicht nur an den Glauben gestellt werden. Ihnen muss sich der Glaube auch stellen. Ja, mehr noch: Er muss ihnen standhalten können, wenn er eine Botschaft des Lebens sein will. Wie froh bin ich, dass es die Kirche ist, die mir immer wieder sagt: „Der Glaube kommt vom Hören“. Das heißt doch auch, dass ich mir nicht krampfhaft eine Antwort auf all die Herausforderungen einsam suchen muss. Nein, ich darf in die Tradition, in die Weisheit der kirchlichen Überlieferung hineinschauen und hineinhören, ob mir da nicht eine Antwort entgegenkommt, die mir hilft. Hilft, sowohl im Glauben als auch im Leben. Gott sei Dank ist der Mensch keine Monade (Leibnitz), sondern ein Gemeinschaftswesen. Und Menschen des Glaubens sind deshalb immer auch „kirchliche Existenzen“. Darum bin ich froh, wenn ich meine Glaubensfragen mit Glaubenszeugen besprechen kann, die weiter und tiefer schauen, als ich es vermag.
Mir hilft bei all dem eine grundsätzliche Klärung, die ich Eugen Drewermann (geb. 1940) verdanke:
„Man kann sich gegen alles das entscheiden, wovon sich Jesus überzeugt gab: dass unser Dasein in den Händen eines <<väterlichen>> Gottes ruhe, der möchte, dass wir sind, und der uns selbst im Tode nicht verlassen werde; – dann aber muss man sich für eine Welt entscheiden ohne Gnade, und man muss dann auch wissen, was man damit auf sich nimmt; oder man wählt für sich den Standpunkt Jesu, dann wird der Mann aus Nazareth zum Grund für eine Menschlichkeit, wie sie sonst nicht zu leben wäre, er wird zum letztgültigen Sprachrohr Gottes, er wird absolut. An Jesus glauben als den Christus, den <<Sohn Gottes>>, ist deshalb eine Aussage über den Glaubenden…“ (Eugen Drewermann, „Wendepunkte“ 2014, 229)
Es gibt keinen ‚Glaubenszwang‘. Nein, der Mensch kann sich entscheiden, ob er dem Mann aus Nazareth seine Botschaft der umfassenden Hoffnung und Liebe glaubt – oder nicht. Wenn nicht, muss er allerdings sehen, wie es sich lebt in einer Welt ohne Gnade, d. h. ohne Zukunft, Hoffnung, Vergebung und Sinn, der gilt und der bleibt.
Drewermann treibt die Fragen selbst immer weiter, um auf eine allerletzte Alternative zu stoßen, der niemand ausweichen kann, denn wer versucht, sich nicht zu entscheiden, hat sich eben für diesen Versuch der Enthaltung entschieden.
„Die alles entscheidende Frage lautet: Existieren wir aus Angst oder aus Vertrauen? Dazwischen gestaltet sich alles, – ob wir angstgetrieben durch die Welt laufen oder ob wir die Brüchigkeit dieser Welt durch Vertrauen zu überwinden vermögen…“ (Eugen Drewermann – „Die großen Fragen“, 2012, 22)
Die Brüchigkeit dieser Welt durch Vertrauen überwinden
Was gilt heute noch? Hier kommt Thomas aus dem Evangelium ins Spiel. Thomas, der Zweifler, wie er nicht selten genannt wurde. Wie froh bin ich, dass du, lieber Thomas, es ins Evangelium geschafft hast. Wie sehr bist du für mich ein ‚Bruder im Geiste‘ geworden! Bevor du gesagt hast: „Mein Herr und mein Gott“, wolltest du wissen und berühren. Du wolltest nicht einem Gerede – heute sagen wir dazu einem Narrativ – einfach nachgeben. Du wolltest prüfen, nachprüfen, berühren. „Wenn ich nicht die Wundmale berühre…“ Thomas, dir verdanke ich das Beharren auf Falsifikation und Verifikation dessen, was wir glauben. Unser Glaube muss sich im Leben bewahrheiten. Auch und gerade, wenn er uns im Leben ahnen lässt, dass wir mitten in einem Geheimnis leben, das uns umgibt, das uns meint, das uns persönlich anspricht, dass alle Selbstverständlichkeiten auflöst und uns immer wieder über uns selbst hinausführt. Nur so kann man als Christ zweierlei im Leben realisieren: Ein unbefangenes Verhältnis zu den anderen Weltreligionen und das existentielle Wissen darum, dass zwar nie Gott von uns ‚abgeschafft‘ werden kann. Wohl aber, dass sämtliche Gottesbilder immer wieder – durch die Erfahrung und die Gnade Gottes selbst – zerbrechen und so uns das GRÖSSER – SEIN GOTTES neu erfahren lässt. Karl Rahner (1904-1984) drückt dies so aus:
„Das Christentum und die Kirchen gewinnen langsam ein neues…Verhältnis zu den nichtchristlichen Weltreligionen…Das Christentum kann zwar den Anspruch nicht aufheben, das umfassende und nicht überholbare Wort der Gnade in Jesus …gehört zu haben und zu verkündigen. Aber das Christentum leugnet darum nicht, dass der Geist Gottes inmitten der menschlichen Endlichkeit und schuldigen Verirrung überall in der Geschichte befreiend am Werke ist, der Geist, in dem Jesus sich im Tod an Gott übergab. Von diesem Geist und nicht nur von der menschlichen Begrenztheit geben auch je in ihrer Weise und Art die nichtchristlichen Weltreligionen Zeugnis. Viele von ihren vorläufigen und großen Erfahrungen können auch als Teilantwort in die umfassende Antwort, die Jesus ist, eingetragen werden, weil die Geschichte der christlichen Botschaft ja noch gar nicht zu Ende ist. Der Atheismus …kann vom Christentum nicht allein als Offenbarung des Neins des Menschen verstanden werden…sondern auch als ein Moment in der Geschichte der Erfahrung Gottes, in der Gott immer radikaler als das anzubetende Geheimnis erscheint, dem wir uns in Hoffnung überlassen.“ (Karl Rahner „Praxis des Glaubens“, 37 f – auch „Bilanz des Glaubens“, 91 f)
Dankbar bin ich Karl Rahner auch und vor allem für diese Sicht auf eine Welt der Zusammenbrüche, der Ungewissheiten, des Ungefähren. Rahner bleibt hier nicht stehen, denn unser Glaube verharrt nicht im Nebulösen. Er kennt ein Hier und Jetzt, an das Gott sich bindet bzw. gebunden hat. Gott hat unendlich viele Wege, um zum Menschen zu kommen. Wir allerdings können uns die Wege des Heils nicht nach Belieben ausdenken und aussuchen. Karl Rahner drückt es so aus:
„Er kann alle Wege gehen. Wir, seine Kreatur, nur die, die er uns vorgeschrieben hat.“ (Karl Rahner Großes Kirchenjahr, 46)
Es ist nicht so leicht, nach etwas liebend zu greifen, ohne mit Gott und Jesus Christus …zu tun zu bekommen.
Und darum kann ich auch voller Freude in die Welt der vielfältigen Religionen blicken. Niemals darf man lieblos Menschen vereinnahmen und sie zu bekennenden Christen gegen ihren Willen und ihr eigenes Selbstverständnis machen. Die Zusage an einen anderen „Du bist ein anonymer Christ“ ist schlimmer Unsinn, weil der Begriff „anonymer Christ“ ausschließlich eine „innerkirchliche Verständigungsformel“ (Miggelbrink) ist, um die Würde des anderen zu achten und zu wahren und unbefangen in das Gespräch mit ihm einzutreten.
Bild von nonatickler auf Pixabay„Schon mancher ist Jesus Christus begegnet, der nicht wusste, dass er denjenigen ergriff, in dessen Tod und Leben er hineinstürzte als in sein seliges, erlöstes Geschick…Gott und Christi Gnade sind anwesend als geheime Essenz aller wählbaren Wirklichkeiten, und darum ist es nicht so leicht, nach etwas liebend zu greifen, ohne mit Gott und Jesus Christus …zu tun zu bekommen. Wer…seine Menschheit annimmt, in schweigender Geduld, besser in Glaube, Hoffnung und Liebe… als das Geheimnis, das sich in das Geheimnis ewiger Liebe birgt…der sagt, auch wenn er es nicht weiß, zu Jesus Christus ja…Wer sein Menschsein ganz annimmt…der hat den Menschensohn angenommen, weil in ihm Gott den Menschen angenommen hat.“ (Karl Rahner „Bekenntnis zu Jesus Christus“, 2014, 37-39)