Das Gespräch am Jakobsbrunnen oder die Frage des Glaubens

Gedanken zur Fasten – und Passionszeit

In der Fasten- oder Passionszeit wird ein biblischer Text in den Sonntagsgottesdiensten vorgetragen, der bekannt ist unter der Überschrift: Das Gespräch am Jakobsbrunnen. Der Text bezeichnet die berühmte Begegnung Jesu mit der Frau aus Samarien in Joh. 4,1 – 42. Es ist eines der theologisch reichsten und zugleich menschlichsten Gespräche, die wir im Evangelium finden. Unglaubliches findet sich hier: Jesus spricht in der Öffentlichkeit mit einer Frau, dazu mit einer Frau aus Samarien, also jenem Gebiet, in dem – wie man landläufig sagte und annahm – falsch geglaubt wird. Die Verehrung Gottes entsprach in Samarien nicht den rechtsgläubigen, unverrückbaren jüdischen Vorstellungen. Die Frau war zudem eine Ehebrecherin – fünf Männer hatte sie schon gehabt. Sie wird von Jesus in ein Gespräch verwickelt, dem sie nicht auswich. Und er bittet sie um Wasser aus dem Brunnen und erzählt ihr von sich und seinem Leben. Ihr gegenüber gibt er sich – so der Text – als Messias zu erkennen, der anderes, lebensspendendes Wasser zu bieten hat, das den Durst, und zwar den ‚Durst der Existenz‘ tatsächlich zu stillen in der Lage ist. Und es wird über das Gebet, über das rechte Gebet im Geiste gesprochen. 

Ist das ein Text für heute? Passt er in unsere Zeit? Passt er in eine Zeit hinein, die von Kriegen zerrissen ist, in der reine Machtpolitik mit Brutalität einhergeht, in der sämtliche Gewissheiten und moralischen Maßstäbe zerbrechen? Passt er in eine Zeit, in der Suchende und Fragende immer weniger werden, weil es offensichtlich so ist, dass sich die ‚Pragmatiker‘ durchsetzen, jene, die es ‚immer schon gewusst haben‘, jene, die auf der ‚Seite der stärkeren Bataillone stehen‘, die immer zu ihrem ‚Recht‘ kommen. Und wenn nicht, dann holen sie sich das, was ihnen ja ‚zusteht‘. Sie haben auf Reichtum, Macht und Anerkennung ja schließlich einen Anspruch. Einen, der immer und überall gilt, der zu beachten ist, von jedermann und jeder Frau. Auf das Durchsetzungsvermögen kommt es an, nicht mehr und nicht weniger! 

Passt in solch eine Zeit, die scheinbar sämtliche Gewissheiten zu zerbrechen droht und ad absurdum zu führen scheint, solch eine Botschaft, so ein Gespräch über Glauben und Gebet?   

„Tauschen Sie sich über Ihren Glauben aus“.

Ich glaube, nichts passt mehr in diese unsere Zeit, als solch ein Gespräch. Doch wir wollen behutsam vorgehen, denn diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Darum sei ein kurzer Rückblick erlaubt, der vielleicht einen Fingerzeig geben kann, wo eine Antwort zu finden ist auf diese Frage. Im Jahr 2025 richtete der Hamburger Erzbischof Stefan Heße in seinem Hirtenwort anlässlich des Ansgar-Festes an die Gläubigen folgende Bitte: 

„Ich möchte Sie daher in diesem Jubiläumsjahr des Konzils von Nicäa um etwas bitten: Tauschen Sie sich über Ihren Glauben aus. Teilen Sie mit anderen die wichtigen Fragen: ‚Was trägt mich? Wem vertraue ich?‘ Erzählen Sie einander in Ihrer Beziehung, in der Familie und Gemeinde Ihre Glaubensgeschichten.“ 

Man wird die Situation der Gesellschaft, der Kirche oft sehr unterschiedlich einschätzen. Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, von der gesellschaftlichen Stellung mit den unterschiedlichen Aufgabenbereichen, Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten, der eigenen Biografie mit ihren verschiedenen Erfahrungen, mit den eigenen Fragen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Sehnsüchten. Zur Zukunft der Kirche befragt, antwortet Eugen Drewermann (*1940):

„Wenn der Zusammenbruch käme oder schon da ist, wäre diese andere Bewegung der Entschlossenen, Jesus auch in dieser Situation zu folgen, besonders wichtig. Es ist mehr denn je dringend notwendig, den Glauben in kleinen Gemeinschaften zu leben… Wo …Menschen einander begegnen in ihrer Brüchigkeit, in ihrer Bereitschaft, zu verstehen und zu begleiten, da wird es konkret, was Jesus gemeint hat… das entscheidet über die Nähe Gottes zu den Menschen.“ 1

Fast könnte man meinen, Drewermann hat am Jakobsbrunnen heimlich gelauscht. Ich kenne kaum eine Stelle in der Bibel, in der das Anliegen Jesu so eine eindeutige Kontur erhält: „Wo …Menschen einander begegnen in ihrer Brüchigkeit, in ihrer Bereitschaft, zu verstehen und zu begleiten, da wird es konkret, was Jesus gemeint hat… das entscheidet über die Nähe Gottes zu den Menschen.“ Wenn heute jemand nach einer „Kurzformel des Glaubens“ (Karl Rahner) Ausschau hält – hier ist sie!

Das „unverkürzte Evangelium“

Es müssen solche Erfahrungen sein, wie sie Eugen Drewermann beschreibt und wie sie der Frau am Jakobsbrunnen zuteilwurden, die Hans Urs von Balthasar (1905-1988) am Ende seines Lebens sagen ließ:  

„Eine andere Antwort auf die wesentlichen Fragen der Menschen als die christliche gibt es nicht.“ 2

Und Karl Rahner (1904-1984) buchstabierte diese christliche Antwort aus, indem er schreibt: 

„Es wird immer Menschen geben…die im Blick auf Jesus den Gekreuzigten und Auferstandenen es wagen, sich an allen Götzen dieser Welt vorbei auf die Unbegreiflichkeit Gottes als Liebe und Erbarmen bedingungslos einzulassen. Es wird immer Menschen geben, die in diesem Glauben an Gott und Jesus Christus sich zur Kirche zusammentun, sie bilden, sie tragen und sie – aushalten.“ 3

Ja, es geht auch um Durchhalten und Aushalten. In unserer Weltstunde, in der Verlässlichkeit kaum noch zählt, braucht es zukunftsweisende Auskunft, wohin unsere Lebensreise geht. Auskunft über Sinn und Ziel. Siegfried Hübner (1923-2017) schrieb, dass es vor allem auch darum geht,

„die gegenwärtige Bedrohung des Glaubens als eine Herausforderung anzunehmen, die gebietet, aus einer Mentalität herauszuwachsen, die unbedingt ‚am kindlichen Erlebnis des nahen Gottes‘…als ‚Forderung und Bedingung für den Glauben‘ festhalten will, und im Glauben zu reifen in den Gott hinein, der immer größer ist, als es der Glaubende bisher wusste oder ahnte.“ 4

Er war zudem der Meinung,  

„dass es heute erste und letzte Aufgabe christlicher Theologie und Verkündigung sein müsse, von Gott zu reden, ihn zu verkünden als den, der unausweichlich und unverdrängbar uns in unserem Menschsein trägt und umfasst, der sich uns als das ewige Leben gibt und auf den wir uns im Blick auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen bedingungslos verlassen können…Deshalb wird alles andere, das wir als Menschen erfahren und erleiden, auf diese Wirklichkeit hin…relativiert, nicht nur alles Menschliche und Weltliche, sondern auch alles ‚Religiöses‘ und Kirchliche, insofern dieses nicht mit Gott identisch ist, sondern nur auf ihn verweist…“ 5

Was trägt mich? Wem vertraue ich?

Die Fragen ‚Was trägt mich? Wem vertraue ich? ‘ – sie stehen im Mittelpunkt des Gespräches, das Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen führte. Sie sind so aktuell, dass wir uns nicht nur gut in das Gespräch einfühlen können. Wir können uns direkt einmischen, mitreden, denn diese Fragen sind unsere Fragen. Nichts ist heute mehr sicher, bergend. Die Gesellschaften erleben einen Wahrheitsverlust ungeahnten Ausmaßes. Den Kirchen laufen die Mitglieder scharenweise davon. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung haben globale Dimensionen. Wir dürfen dankbar sein für alles, was wir an Wissenszuwachs und an neuen Möglichkeiten technischen Könnes zur Verfügung haben. Doch alles, was gebraucht werden kann, kann auch missbraucht werden. Nutzen und Segen liegen oft eng beieinander mit Fluch und Abgrund. 

Gebet als „Glauben inmitten der Welt“

Die Fragen der Frau am Jakobsbrunnen sind in allererster Linie – wenn wir ernst nehmen, dass jedes wahre und echte Gebet immer „vom Glauben inmitten der Welt“ 6 handelt- Fragen des Gebetes. Darum dürfen wir uns auch an große Glaubenszeugen, an große Beter in dieser Weltstunde wenden.   

„Vom Ort des Gebetes muss man wissen, dass, wenn man nur recht betet, jeder Ort zum Beten geeignet ist.“ (Origenes, Texte der Kirchenväter III, 201)

Ich verstehe Origenes so, dass Menschen, wenn sie sich ganz aussprechen, wenn sie sich nicht zurückhalten und ihre Ängste, Fragen und Hoffnungen thematisieren und sich darüber austauschen, dass sie dann immer schon mit GOTT zu tun haben. Egal, welchen Namen wir ihm geben, egal, wo wir uns aufhalten, egal, ob wir reich oder arm sind, wissend oder unwissend, Mann oder Frau. Wir sind mit unserer gesamten Existenz, wenn wir uns nicht selbst davonlaufen, immer schon mit GOTT beschäftigt. Oder besser: ER mit uns!

„Wenn die ‚Energie‘ des Vertrauens und der Liebe, die von einer anderen Person ausgeht, uns so ergreift, dass sie uns wie im Rhythmus des eigenen Seins durchfließt und alles in uns verstärkt, anregt und auf ein Niveau hebt, zu dem wir von uns selbst her niemals imstande gewesen wären, so hat man in etwa ein Modell, um zu verstehen, was bei dem Vorgang geschieht, der theologisch als ‚Glauben‘ bezeichnet wird: ein Ergriffenwerden und Einschwingen in die pulsierende Kraft, die das gesamte Weltall durchströmt und die dennoch unendlich mehr ist als nur eine ‚Kraft‘, da nur eine Person auf uns als Personen mit jener unvergleichlichen Energie zu wirken vermag, die wir ‚Liebe‘ nennen.“ (Eugen Drewermann „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, 61 f)

Karl Rahner drückt diese Lebenserfahrung, die zugleich eine Glaubens – und Gebetserfahrung ist, so aus: 

„Es ist die große Tat unseres Lebens: uns selbst anzunehmen als ein unverstandenes, erst langsam sich enthüllendes Geschenk der ewigen Güte Gottes. Denn dass das alles, was wir sind und haben, auch mit dem Bitteren und Unverstandenen, Gottes gütige Gabe ist, über die wir nicht murren, sondern die wir annehmen, wissend, dass, wenn wir es tun, Gott sich selbst mit seiner Gabe mitschenkt, und dass damit alles gegeben ist, was wir nur empfangen können: das ist die Weisheit und die große Tat eines christlichen Lebens.“ (Karl Rahner, biblische Predigten, 29)

Noch prägnanter und eindrücklicher wird Rahner in einem seiner frühesten Gebete: 

„Ich bin der, der sich nicht selbst gehört, sondern dir. Mehr weiß ich nicht von mir, mehr nicht von dir – Du -, Gott meines Lebens, Unendlichkeit meiner Endlichkeit“. (Karl Rahner, Gebete des Lebens, 27)

Ich kann meine Freude kaum verbergen, mich gerade auch in dieser Weltzeit in der Gemeinschaft von Glaubenszeugen zu wissen, die mir den Mut geben, die Hoffnung auf gelingendes Leben nicht aufzugeben. Wenn das Gebet ist, dann bin ich gerne ein Beter. 


  1. Eugen Drewermann im Gespräch mit Michael Albus „Die Stunde des Jeremia – Für eine Kirche, die Jesus nicht verrät“, Ostfildern 2020, S. 181 f  ↩︎
  2. Hans Urs von Balthasar „Prüfet alles, das Gute behaltet“, Ostfildern 1986, S. 42 ↩︎
  3. Karl Rahner „Das Alte neu sagen – Rede des Ignatius von Loyola an einen Jesuiten von heute“ – Freiburg-Heidelberg 1982, S. 77ff-SW 25, 328 f  ↩︎
  4.  Siegfried Hübner in „Karl Rahner „Das große Kirchenjahr“, Leipzig 1990, S. 12 ↩︎
  5. Siegfried Hübner in „Karl Rahner „Das große Kirchenjahr“, Leipzig 1990, S. 12  ↩︎
  6.  Buchtitel Karl Rahners, Freiburg-Basel-Wien 1961 ↩︎

Bild erstellt mit KI (ChatGPT)

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