Wann? – Dann! Oder: Frieden ist möglich

Wann?

In einem überregionalen Wochenblatt in Mecklenburg – Vorpommern findet sich ein Leserbrief unter der Überschrift: „Wann?“ Der Autor beginnt mit einer Frage, die an einen berühmten Song aus der amerikanischen Friedensbewegung aus dem 20. Jahrhundert erinnert: „Wann wird man endlich verstehen?“ Es ist die uralte Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit, die gekoppelt ist an die Kriegsparteien, doch endlich Frieden zu machen. Und dabei kommt – so der Autor – der Diplomatie absolute Priorität zu. Er äußert sich konkret zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine (ohne diesen Krieg so zu benennen!) und fordert, dass Frieden auf diplomatischem Wege in der Ukraine (endlich) zustande kommen soll. Diese Position ist bedenkenswert, denn FRIEDE – wer will ihn denn wohl nicht?!  Am allermeisten wohl das leidgeprüfte Volk der Ukraine!  

Auf das Verstehen kommt es an!

Ja, da ist dem Autor recht zu geben, auf das Verstehen kommt es tatsächlich an. Und nicht auf Wunschträume und Fantasien. Denn unzählige Male hat die Ukraine Waffenstillstandsvereinbarungen vorgeschlagen, kein einziges Mal hat die russische Seite darauf positiv reagiert. Unter der Annahme, dass nicht gemeint ist, Frieden sei mit Unterwerfung identisch, lautet also die erste Antwort auf die berechtigte Frage, wann denn endlich Frieden eintritt: Dann, wenn zur Friedenswilligkeit auch Friedensfähigkeit hinzukommt. Beides ist derzeit in Kiew vorhanden, in Moskau nicht. Ist das so schwer zu verstehen?! 

Warum Krieg?

Ist es schwer zu verstehen, dass der russische Machthaber Putin nur deshalb Krieg führen kann mit ungeheurem Vernichtungswillen dem gesamten ukrainischen Volk gegenüber (das ja kein Volk sein soll mit eigener Identität, so, wie es unter russischer Diktatur jahrhundertelang unterdrückt wurde!)  weil es Mächte gibt, die daran verdienen und die ihre eigenen Interessen verfolgen? Es gibt Zusammenhänge, die man bei allen Friedensbemühungen nicht außeracht lassen darf, denn: 

„Weder Gott noch Mensch, sondern die Logik der Sache, des Kapitals, dirigiert die Geschichte.“ (Hans Urs von Balthasar (1905-1988)  „Herrlichkeit“ – Im Raum der Metaphysik, Einsiedeln, 1965, S. 926f)

Die „Logik der Sache, des Kapitals“ – sie dirigiert! „Weder Gott noch Mensch“. Daran, an diesen ‚Befund‘, sollte man zwingend die Frage anschließen, was Religion, was der Glaube mit und an Jesus dann noch ausrichten kann. Ob er überhaupt noch etwas ausrichten kann angesichts dieser ‚Sachlage‘. 

Und der Glaube? Ist er ohnmächtig?

Eugen Drewermann (geb. 1940) geht auf diese Frage ausführlich ein, nicht zuletzt in seinem dreibändigen Werk „Kapital & Christentum“: 

„Glaube ist nicht eine romantische Illusion weltjenseitiger Zustände, er ist im Gegenteil die Entscheidung, in diesem Leben hier auf Erden, mit dem Blick auf die Wirklichkeit Gottes den Verlockungen der Selbstauslieferung an die verwaltete Welt der Wirtschaft und der organisierten Gewalt des Staates zu entsagen … Die Synthese einer Freiheit in Ungerechtigkeit, wie sie der Kapitalismus gebiert, und einer Unfreiheit in Gerechtigkeit, wie der Sozialismus sie bietet, setzt einen Menschen voraus, der in persönlicher Freiheit zu Selbstbeschränkung und Solidarität imstande und bereit ist. Eine solche Synthese ist das wahre Angebot der Religion, insbesondere des Christentums.“ (Eugen Drewermann „Von Krieg zu Frieden“ – Kapital & Christentum, Band 3, Ostfildern 2017, S. 354-363)

Religion beinhaltet demzufolge eine Haltung der „Solidarität“ angesichts einer „Freiheit in Ungerechtigkeit, wie sie der Kapitalismus gebiert, und einer Unfreiheit in Gerechtigkeit, wie der Sozialismus sie bietet.“ 

Was für den Frieden erforderlich ist

Darum – noch einmal zurück zur Frage einer diplomatischen Friedenslösung – was dafür erforderlich ist. Die Frage bleibt doch: Ist es so schwer zu verstehen, wenn ein Genozid vor aller Weltöffentlichkeit stattfindet – trotz ‚Sicherheitsgarantien‘ im Budapester Memorandum- dass man diese Wahrheit nicht mit allem Nachdruck zu benennen und zu bekennen hat?  Die schwierige Lage im Nahen Osten mobilisierte Tausende, die ihren Protest auf die Straßen trugen bzw. tragen. Ob sie immer ausgewogen oder doch mehr interessegeleitet sich äußerten und äußern, darüber will ich nicht befinden. Wohl aber darüber, dass es absurd ist, einer ‚Unkultur‘ von Einfluss- und Interessensphären Verständnis entgegenzubringen. Das gilt generell, egal wo sich Totalitarismus und Staatsterrorismus breit machen. Kleinere Staaten haben keine andere Chance als das Überleben in – frei gewählten – Bündnissen. Dass das den Autokraten und Despoten – egal, wo sie herrschen – nicht gefällt, sollte jedem einleuchten. Tut es das?! Ihnen das Wort zu reden, Verständnis für deren Position zu zeigen, deren Lügen weiter zu tragen – Stichwort NATO- Osterweiterung oder amerikanischer ‚Hinterhof‘- lässt in der Tat fragen: „Wann wird man endlich verstehen?“ Diese Grundfrage führt auch noch einmal zur Frage nach der Rolle der Religion.

„Was trägt die Botschaft Jesu dazu bei, Frieden zu schaffen?“

„Was trägt die Botschaft Jesu dazu bei, Frieden zu schaffen?…  Das Unheimliche am Krieg ist, dass man die soziale Komponente der Psychologie, die Gruppendynamik, vor Augen sehen muss. Am Ende tun Menschen für ihre Gruppe die ungeheuerlichsten Dinge, aber sie tun sie mit dem Impuls der Kameradschaft, der Treue, der Hingabe, des Pflichtgefühls, mit lauter ethisch hochrangigen Motiven. Diese Missbrauchbarkeit im Ganzen muss deutlich werden, und da ist die Botschaft Jesu sehr wichtig: Es gibt kein Volk, das sich absolut setzen dürfte, keine Gottheit, die Nationalegoismen unterstütze könnte.  Es gibt nicht ‚unseren‘ Gott. Es gibt keinen gruppenspezifischen Gott, es gibt nur einen Gott für alle Menschen. Das ist Religion…Noch einen Schritt weiter…muss man sich um die Wirtschaftsstruktur kümmern. Auch da hat Jesus zum Reichtum und zum Geld kräftigere Worte gefunden als über den Teufel. Wie kann man eine Wirtschaftsform im Sinne Jesu aufbauen, so dass wir nicht die aggressivste Wirtschaftsform in Gestalt des Kapitalismus erhalten müssen im Aberglauben, am Ende Frieden erwarten zu können?  (Eugen Drewermann „Wir glauben, weil wir lieben“, Ostfildern 2010, S. 188 f)

Man wird verstehen, wenn man – endlich – die Dinge beim Namen nennt! Z. B., dass der russische Staatsterrorismus, der von einem staatsmonopolitischen Imperialismus zügellos und mit äußerster Brutalität vor aller Weltöffentlichkeit deshalb geführt wird, um den ‚postsowjetischen Einflussbereich‘ wieder zu beleben. Dass billiges russisches Gas als Waffe geführt wird und große Länder, wie China, Brasilien, Iran und Indien eigene Interessen verfolgen bei ihrer Unterstützung des russischen Aggressors. Dass es andere Mächte als Russland gibt, die auch mit Bodenschätzen Abhängigkeiten errichten, ist ebenso verwerflich. Doch kann man mit dem Unrecht des einen das Unrecht das anderen rechtfertigen?!  Man sollte nicht nur, man muss mit ein- und demselben Maß messen! 

Man wird dann verstehen, wenn – endlich – die Wahrheit gesagt wird, dass es kein Recht gibt, anderer Völker mit Gewalt zu versklaven. Und wenn das der Herr im Weißen Haus ebenfalls so sieht wie der Herr im Kreml, dann muss das entsprechend genauso benannt und verurteilt werden. Das Kapital holt sich, was es kriegen kann – unabhängig von der Himmelsrichtung. 

Man wird dann verstehen, wenn deutlich wird, wie gefährdet die offene Gesellschaft ist, wenn sie – brutal oder subtil – unterdrückt, bekämpft oder unterwandert wird.  

Und man wird dann verstehen, wenn Menschen überall und unabhängig von allen Unterschieden, dafür eintreten, dass ein JA ein JA ist – und bleibt. Ebenso ein NEIN ein NEIN. Wenn die Stärke des Rechts gilt und nicht das Recht des Stärkeren! Dann wird man verstehen. Wer das als wenig realistisch oder als unrealistisch ansieht – der hat immer noch nicht verstanden, was auf dem Spiel steht. Letztlich unser Menschsein, unser (Über)Leben in einer menschlichen Gesellschaft, die diesen Namen auch verdient. 

Glaube entspricht unserem Menschsein

Schlussendlich bleibt die Frage, wie diese Haltung, die sich eng anlehnt an die Botschaft Jesu, wie wir sie in der Bergpredigt Jesu finden, im Leben eingeübt und praktiziert werden kann. Dass dies im Eigentlichen keine Überforderung ist, sondern unseren Interessen, unseren Neigungen und Wünschen entspricht, macht Karl Rahner (1904-1984) deutlich. Zugleich wird dadurch auch erkennbar, dass das eigentlich Christliche das zutiefst Menschliche ist: 

„Man sage nicht, man könne die Lehre des Christentums nur leben, wenn man von ihr schon überzeugt sei…Denn wir sind schon die Verfügten. Und es gibt keinen Menschen, der nicht schon in jener Wirklichkeit, die seiner Freiheit vorausgeht und von dieser endlichen Freiheit nie ganz eingeholt und nie ganz ausgetilgt werden kann, schon irgendwie Christ wäre: Mensch der Sehnsucht, Mensch der noch gebliebenen Liebe, Mensch, dessen Innerstes sich eben an der Wahrheit doch mehr erfreut als an der Lüge, der noch Unterschiede sieht, weil auch der schlimmste Positivist und skeptischste Materialist es nicht fertigbringt, nirgends in seinem Dasein mehr eine Forderung und einen Anruf zu sehen und zu vernehmen.“ (Karl Rahner „Gegenwart des Christentums“ – Freiburg-Basel-Wien 1963, S.51)

Bild von Arek Socha auf Pixabay

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