Das sich selbst absolut setzende Leben vernichtet sich selbst. 

Wochenimpuls Oktober 2025-2

Wir dürfen uns eine ehrliche Analyse nicht ersparen, dieser Satz gilt. Es gilt aber auch der weiterführende Satz, nämlich, dass wir nicht bei der Analyse stehenbleiben dürfen. Denn: Es ist nicht nur die Klage, es ist auch die Chance des Glaubens, die dieser bedeutende Kirchenmann ausmacht, wenn er schreibt:  

„Das ist nicht der frivole Atheismus, sondern da lebt zuerst ein ungeheurer Schmerz. Wir müssen nochmals ganz neu durch diese Dinge hindurchgehen… Dass Gott so tief verborgen sein kann, dass Menschen über lange Zeit überhaupt nicht das Gefühl haben, dass sie in dieser ‚Gottesfinsternis‘ irgendetwas vermissen, dass wir so starke Verdrängungskünstler  sein können im Blick auf Gott- das hat mich damals eigentlich schon geschockt,  als ich nach Jahren des Studiums der Philosophie, der modernen Philosophie, wieder in die Theologie im engeren Sinne kam, und mir sagen musste:  ‚So selbstverständlich von Gott reden, wie die das können, das kann ich nicht.‘“  (85)

Mich erinnert dieser ‚Aufschrei‘ des Kardinals an ein tiefes Wort von Dietrich Bonhoeffer: 

„Das sich selbst absolut, als Selbstzweck setzende Leben vernichtet sich selbst. Vitalismus endet zwangsläufig im Nihilismus, im Zerbrechen alles Natürlichen. Das Leben an sich – im konsequenten Sinne – ist ein Nichts, ein Abgrund, ein Sturz; es ist Bewegung ohne Ende, ohne Ziel, Bewegung ins Nichts hinein. Es ruht nicht, ehe es alles in diese vernichtende Bewegung mit hineingerissen hat. Es gibt diesen Vitalismus im individuellen und im gemeinschaftlichen Leben. Er entsteht durch die falsche Verabsolutierung einer an sich richtigen Einsicht, nämlich, dass das Leben nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch Selbstzweck ist; auch diese Einsicht gilt für das individuelle wie gemeinschaftliche Leben. Gott will das Leben, und er gibt dem Leben eine Gestalt, in der es leben kann, weil es, sich selbst überlassen, sich nur vernichten kann. Diese Gestalt stellt das Leben aber zugleich in den Dienst anderen Lebens und der Welt.“ 1

Bonhoeffer starb kurz vor dem Ende des schrecklichen II. Weltkrieges auf ausdrücklichen Befehl von Adolf Hitler. Seine Worte sind also vor über 80 Jahren geschrieben bzw. gesagt worden. Mir scheint, dass seine ‚Diagnose‘ über das sich absolut setzende Leben nichts an Aktualität eingebüßt hat. Wenn wir Räume und Zeiten der spirituellen Tiefendimension des Lebens in Ruhe und Ehrlichkeit bedenken, mag uns vielleicht aufgehen, dass es an uns liegt,  ob wir diesen Mahn – und Weckruf hören oder überhören. Das ist die Chance des Glaubens – und des Lebens! 

„So unterscheidet sich der Christ dadurch von demjenigen, der wirklich weder reflex noch anonym Christ ist, dass er aus seinem Dasein kein System macht, sondern unbefangen sich geleiten lässt durch die plurale Wirklichkeit, die auch eine finstere, dunkle, unbegreifliche ist.“ 2


  1. Das Buch „Ethik“ ist der 6. Band aus den gesammelten Werken (DBW) Bonhoeffers. Das Zitat steht auf Seite 171. ↩︎
  2. Karl Rahner „Grundkurs des Glaubens“, SW 26, 384 ↩︎
Foto von Andrzej Pokrzywiec auf Unsplash

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